Da auch Umfragen manipuliert werden können, müssen wir uns zunächst anschauen, wer die Umfrage, um die hier geht, gemacht hat. Die Umfrage ist vom Levada-Zentrum, das auch westliche Medien gerne zitieren. Das Levada-Zentrum ist vom russischen Staat nicht nur unabhängig, es wurde sogar schon 2016 als ausländischer Agent eingestuft, weil es unbestritten Zahlungen unter anderem von Soros, dem National Endowement for Democracy (NED), der Ford-Foundation und anderen transatlantischen US-Stiftungen bekommen hat. Das Levada-Zentrum steht den USA nahe und steht nicht im Verdacht, russische Propaganda zu verbreiten.

Das Levada-Zentrum führt seit vielen Jahren regelmäßig eine Umfrage durch, in der es die Russen fragt, wie sie leben möchten. Die Ergebnisse werden weder im Westen noch in Russland allzu sehr thematisiert, weil sie weder der russischen noch den westlichen Regierungen gefallen dürften.

Großmacht oder Wohlstand?

Die erste Frage der Umfrage lautet „Möchten Sie, dass Russland in erster Linie… eine Großmacht ist, die von anderen Staaten respektiert und gefürchtet ist, oder ein Land mit einem hohen Lebensstandard ist, das nicht zu den stärksten Ländern der Welt gehört?“

Die Antwort auf diese Frage fällt seit die Frage 2003 zum ersten Mal gestellt wurde, deutlich aus. Aktuell wollen zwei Drittel Russen lieber Wohlstand als Großmacht. Lediglich in dem patriotischen Freudentaumel der Wiedervereinigung mit der Krim in 2014 und 2015 hielten sich die Antworten die Waage. Die Grafik zeigt in rot, wie viele für Großmacht und in blau wie viele für Wohlstand sind.

Die Antworten wurden auch nach Altersgruppen analysiert, wobei sich zeigt, dass den Russen der Wohlstand wichtiger ist, je jünger sie sind.

Wollen die Russen eine westliche Demokratie?

Die nächste Frage lautet „Welches politische System halten Sie für besser? Das sowjetische, wie es vor den 90ern war? Das heutige System? Eine Demokratie nach westlichem Vorbild? Ein anderes?“

Die Antwort auf diese Frage dürfte weder der russischen noch den westlichen Regierungen gefallen, denn die Russen sind seit die Frage 1996 gestellt wird, immer mehrheitlich für ein sowjetisches System. Die einzige Ausnahme war 2008 als der Wohlstand in Russland schnell wuchs. Das Wachstum wurde von der dann folgenden weltweiten Finanzkrise aber wieder abgebremst. In der Grafik sind die Farben folgendermaßen verteilt: Rot für sowjetisches System, gelb für heutiges System, blau für westliche Demokratie und schwarz für ein anderes System.

Der Wunsch nach einem sowjetischen System hat, wie auch die erste Frage zeigt, nichts mit einer etwaigen Sehnsucht der Russen zu tun, eine Großmacht zu sein. Vielmehr verbinden die Menschen mit der Sowjetunion soziale Sicherheit, denn Existenzängste kannte man in der Sowjetunion nicht. Trotz aller Missstände und des Mangels an Vielem hatte jeder doch, was er zum Leben brauchte und der Staat sorgte sogar dafür, dass man mindestens einmal im Jahr in den Urlaub fahren konnte.

Es überrascht nicht, dass vor allem die ältere Generation nostalgisch auf die Sowjetunion blickt, denn für jüngere Russen steht „sowjetisch“ eher für rückständig, verfallen, schwerfällig und bürokratisch. Daher überrascht es mich, obwohl ich in Russland lebe, dass sich selbst die jüngsten Russen zu 30 Prozent für ein sowjetisches System aussprechen.

Welches Wirtschaftssystem wollen die Russen?

Die dritte Frage der Umfrage lautet „Welches Wirtschaftssystem erscheint ihnen richtiger? Eines, das auf staatlicher Planung und Verteilung basiert, oder eines, dass auf privatem Eigentum und dem Markt basiert?“

Die Entwicklung der Antworten über die Jahre zeigt deutlich, wie Russland sich nach dem Zerfall der Sowjetunion entwickelt hat, denn die Frage wird seit 1992 gestellt. Damals war – trotz bitterer Armut – die Euphorie der Wende noch groß und eine Mehrheit wollte ein marktwirtschaftliches System, aber die Entwicklung zeigt, wie schnell die Russen von der Realität der 90er Jahre eingeholt worden sind und sich die Planwirtschaft zurückgewünscht haben. Nachdem Putin im Jahr 2000 Präsident geworden ist, wurde der Trend fast gestoppt und seitdem ist die Verteilung der Antworten weitgehend stabil. In der Grafik steht rot für Planwirtschaft und blau für Marktwirtschaft.

Fazit

Wenn die westliche Presse verbreitet, die Russen wünschten sich ein politisches und wirtschaftliches System nach westlichem Vorbild, dann ist das unwahr, oder wie man heute sagt, dann sind das Fake News. Vielmehr zeigt die Umfrage, dass die Russen insgesamt vor allem einen Wunsch haben: Sie wollen in Stabilität und Wohlstand leben.

Die Erfahrungen mit der westlichen Demokratie und ihrem ungefilterten Kapitalismus in den 90er Jahren wirkt in Russland bis heute nach und seit 2014 sehen die Russen am Beispiel der Ukraine wieder, was ein westlich dominiertes System in einem Land anrichten kann. Viele Russen haben Verwandte und Freunde in der Ukraine und bis zu fünf Millionen Ukrainer sind nach Russland ausgewandert oder sogar geflohen, weil Kiew im Donbass ihre Wohngebiete beschießt. Daher wissen Russen aus erster Hand, wie extrem die Ukraine nach dem Maidan verarmt ist. Sie ist heute das ärmste Land Europas.

Aber auch die Zufriedenheit mit dem heutigen System dominiert in Russland nicht, was der russischen Regierung keine Freude bereiten dürfte.

Wer sich nun fragt, warum die Russen dann nicht mehrheitlich die Kommunisten wählen, die immer so um die 15 Prozent erhalten, der muss wissen, dass die heutigen Kommunisten in Russland eher das sind, was früher mal die Sozialdemokraten in Deutschland waren. Eine Rückkehr zu dem von der Mehrheit der Russen gewünschten System vertreten auch die Kommunisten nicht. Und selbst wenn sie es täten, würde ihnen kaum jemand zutrauen, das auch umzusetzen.

Letztlich unterscheidet sich die russische Demokratie in einem Punkt gar nicht so sehr von der westlichen: Man wählt am Ende das kleiner Übel und das ist in Russland für die meisten Putin, denn da wissen sie, was sie haben. Seine Wähler erwarten von ihm keine Wunder, sondern vor allem, dass er das Land weiterhin stabil hält. Und man kann von Putin halten, was man will, aber das tut er.