Aus eigenem Erleben: Die Corona-Lage in Russland
Das letzte Mal habe ich Anfang Juli darüber geschrieben, wie ich die Corona-Lage in Russland wahrnehme. Dass ich danach nicht mehr darüber geschrieben habe, liegt daran, dass sich eigentlich nichts geändert hat. Covid-19 ist in Russland nicht das beherrschende Thema und Gespräche drehen sich nur selten um Corona und Impfungen. Dabei ist es egal, ob […]
Das letzte Mal habe ich Anfang Juli darüber geschrieben, wie ich die Corona-Lage in Russland wahrnehme. Dass ich danach nicht mehr darüber geschrieben habe, liegt daran, dass sich eigentlich nichts geändert hat. Covid-19 ist in Russland nicht das beherrschende Thema und Gespräche drehen sich nur selten um Corona und Impfungen. Dabei ist es egal, ob man mit Freunden zu Hause sitzt, bei Gassigehen mit anderen Hundebesitzern auf dem Hundeplatz plaudert, Smalltalk mit dem Taxifahrer hat und so weiter. Corona ist praktisch kein Thema.
Auch wenn die russische Regierung inzwischen auf teilweise drastische Weise die Zahl der Geimpften erhöhen möchte, indem sie Arbeitgeber dazu drängt, dass mindestens 60 Prozent der Belegschaft geimpft sein müssen, oder indem in Moskau de facto eine Impfpflicht für alle gilt, die eng mit Menschen arbeiten, spielt Corona in den russischen Medien kaum eine Rolle. Anders als in Deutschland ist Covid-19 nicht das beherrschende Thema der Nachrichten, selbst die aktuellen Zahlen werden fast nicht gemeldet und auf Nachrichtenseiten russischer Medien muss man Meldungen über die Pandemie regelrecht suchen.
Russland hat zwar zu Beginn von Corona, also im April 2020, einen Lockdown gehabt, danach aber nicht mehr. Während in Europa ab Anfang November 2020 alle möglichen Einschränkungen bis hin zu echten Ausgangssperren gegolten haben, ging das Leben in Russland seinen normalen Gang, wie ich beispielsweise im März 2021 berichtet habe.
Die im ÖPNV, Ämtern und Geschäften geltende Maskenpflicht nimmt kaum noch jemand ernst. In Behörden zum Beispiel gilt sie offiziell und in einer Behörde, in der ich war, wurde sie streng umgesetzt und sogar die Temperatur wurde am Eingang gemessen, in einer anderen hingegen hat niemand eine Maske getragen. Auch in Supermärkten, wo offiziell Maskenpflicht herrscht, wird sie nicht beachtet. Allenfalls an der Kasse wird man aufgefordert, die Maske aufzusetzen, weil die Kassiererin befürchtet, Ärger mit dem Chef zu bekommen, wenn auf den Aufnahmen der Überwachungskameras zu sehen ist, wie sie Kunden ohne Maske bedient. Im Alltag bemerkt man von der Pandemie in Russland fast nichts.
Hinzu kommt, dass zumindest in meinem Bekanntenkreis praktisch alle schon mal Covid-19 hatten. Bei den meisten verlief es ohne Symptome oder mit leichten Symptomen, nur eine Bekannte hatte eine leichte Lungenentzündung, die sie aber zu Hause auskuriert hat.
Ich hatte Corona offenbar schon zwei Mal. Im Sommer 2020 hatte ich einige Tage eine Störung des Geruchssinns, die wohl eine Infektion war. Da ich dem damals keine Beachtung geschenkt und keinen Test gemacht habe, ist das nur eine Vermutung. Diesen Sommer hatte ich tatsächlich Corona, allerdings habe ich es gar nicht bemerkt. Erst als eine gute Freundin, mit der ich mich öfters getroffen habe, mir sagte, dass sie gerade Covid-19 gehabt hat und mich fragte, wie es mir gehe, habe ich aus Neugier einen Antikörpertest gemacht, der eine kürzlich überstandene Coronainfektion bestätigt hat. Symptome hatte ich aber keine und ich hätte die Infektion ohne den Test gar nicht bemerkt.
Das allgemeine Erleben ist in Russland nach meinem Erleben, dass es Corona zwar gibt und viele haben auch von Fällen gehört, bei denen ältere Menschen daran gestorben sind, aber insgesamt empfinden die Russen, die ich kenne, Covid-19 nicht als Bedrohung.
Entsprechend lasch sind die Corona-Maßnahmen in der Praxis. Da ich im Alltag nichts von ihnen bemerke, habe ich für diesen Artikel nachgeschaut, welche Einschränkungen momentan in Petersburg, wo ich lebe, gelten. Demnach gilt eine nächtliche Sperrstunde für die Gastronomie, von der ich jedoch nichts bemerkt habe, denn zumindest die Bars und Klubs sind nachts geöffnet und kürzlich habe ich mit Freunden in einem Restaurant gegessen, das um Mitternacht geschlossen hat. Ob das wegen Corona war oder ob das deren normale Öffnungszeiten sind, habe ich nicht gefragt.
Ansonsten gelten verschiedene Beschränkungen, nach denen zum Beispiel Kinos nur zu 50 Prozent und Theater nur zu 75 Prozent gefüllt sein dürfen, für Konzerte gilt eine Obergrenze von 1.500 Besuchern. Außerdem sollen Arbeitgeber 30 Prozent ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiter über 65 Jahre ins Homeoffice schicken. Das ist so ziemlich alles, was es hier an Beschränkungen gibt.
Allerdings gilt in Petersburg eine Impfpflicht für Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, des ÖPNV und des Gesundheitssystems. Was ich von einer Impfpflicht halte, habe ich oft und deutlich genug geschrieben, daher werde ich es hier nicht wiederholen. Am Ende dieses Artikels werde ich auf das Thema aber nochmal kurz eingehen.
Die Verschärfung der Gangart gerade beim Thema Impfungen wurde im Juni unter anderem mit dem schnellen Anstieg der Infiziertenzahlen und der hohen Belegung der Krankenhäuser begründet. Damals haben sich in Russland täglich etwa 20.000 Menschen mit Corona infiziert. Jetzt sind es etwa 18.000, aber die Lage erscheint sich entspannt zu haben, denn kurzzeitig eingeführte strenge Beschränkungen sind wieder aufgehoben worden.
Das verwundert auf den ersten Blick, weil sich an den landesweiten Zahlen eigentlich nichts geändert hat. Gleiches gilt für die Todesfälle, die im Juni bei etwa tausend am Tag gelegen haben und heute bei 700 bis 800.
Was sich verändert hat, ist die Verteilung. Im Juni entfielen 50 Prozent der Fälle auf Moskau, wo es daher strenge Einschränkungen gegeben hat, die damals auch im Westen Schlagzeilen gemacht haben. Jetzt entfallen auf Moskau nur noch etwa zehn Prozent der landesweiten Fälle, weshalb die Beschränkungen in Moskau auch wieder weitgehend aufgehoben wurden.
Da sich die Coronafälle nun gleichmäßiger auf das ganze Land verteilen, gibt es keine Hotspots mehr, wo harte Einschränkungen drohen. Daher merkt man im Alltag auch nichts davon, dass wir uns in einer Pandemie befinden, zumal die russischen Medien kaum darüber berichten.
Nun komme ich, wie versprochen, nochmal auf die Impfpflicht, die in Russland für einige Berufsgruppen eingeführt wurde. Dass ich eine Impfpflicht im Falle von Covid-19 für nicht begründet halte, habe ich oft genug geschrieben. Wer sich mit einer Impfung schützen will, der kann das tun, wer das Risiko eingehen will, ungeimpft zu bleiben, soll das ohne Nachteile befürchten zu müssen dürfen, das ist meine Meinung.
Auch Vorschläge (die es in Russland übrigens nicht gibt), Nicht-Geimpften zum Beispiel die Lohnfortzahlung im Fall einer Covid-Infektion oder die Bezahlung einer Covid-Behandlung im Krankenhaus zu verweigern, halte ich für nicht berechtigt. Raucher müssen ihre Krebsbehandlung ja auch nicht selbst bezahlen und Sportler nach einem Sportunfall nicht um die Lohnfortzahlung fürchten, obwohl es sich auch bei diesen Beispielen um selbstverschuldete Kosten handelt.
Das einzig Positive, was ich an der russischen Impfpflicht finden kann, ist die Tatsache, dass das kein Konjunkturprogramm für die Pharmaindustrie ist. Im Gegensatz zum Westen, wo Konzerne mit Corona-Impfstoffen auf Kosten der Steuerzahler gerade das Geschäft ihres Lebens machen, verdienen in Russland keine Konzerne an den Impfungen, denn die Impfstoffe sind von staatlichen Instituten entwickelt worden und sie sind in Russland umsonst. Es verdient in Russland also niemand daran, im Gegenteil.
Hinzu kommt, dass Russland nicht auf die experimentelle mRNA-Technologie setzt. Wenn ich mich schon impfen lassen würde, dann mit einem Vektorimpfstoff, wie ihn die Russen (und auch AstraZeneca) entwickelt haben.
Das ändert aber nichts an meiner grundsätzlichen Ablehnung einer Impfpflicht gegen Covid-19.