Wo 2024 überall weitere Kriege drohen
Die Spannungen wachsen überall auf der Welt und auch von Kriegen oder der Eskalation schon laufender Kriege ist die Rede. Hier stelle ich eine Übersicht zusammen.
In diesen Tagen kann man von wachsenden Spannungen überall auf der Welt lesen. Die Kriege in Gaza und der Ukraine beherrschen zwar die Schlagzeilen, aber auch in anderen Regionen können sich die wachsende Spannungen zu Kriegen entwickeln.
Naher Osten
Der brutale Vernichtungskrieg, den Israel gegen die Palästinenser führt, wird im Westen als „Selbstverteidigung“ Israels bezeichnet. Allerdings sieht man das außerhalb des Westens, nicht nur in den islamischen Ländern, anders. Der Jemen greift Handelsschiffe an, die Kurs Israel laufen, weshalb westliche Reedereien inzwischen den langen Weg um Südafrika nehmen müssen, wenn sie von Asien nach Europa wollen. Der US-geführte Westen rasselt deshalb gegenüber dem Jemen mit den Waffen, was die palästinensisch-kanadische Journalistin Yasmine El-Sawabi zu folgendem Tweet inspirierte:
„Die Palästinenser würden wirklich gerne die gleiche Aufmerksamkeit und den gleichen Schutz wie Schiffscontainer erhalten“
https://twitter.com/yasmineelsabawi/status/1742658582724608494
Wenig beachtet von den westlichen Medien geht die israelische Armee nicht nur gegen die Palästinenser in Gaza vor, wo Israel offenbar eine ethnische Säuberung plant, sondern auch im Westjordanland, von wo inzwischen 53 tote und 71 verletzte Palästinenser gemeldet werden. Am 7. Januar wurden von dort wieder Schießereien gemeldet.
Der Krieg kann jederzeit eskalieren. Dass diese Gefahr im Libanon besteht, wo Israel sich bereits Artilleriedualle mit der Hisbollah liefert, ist bekannt. Aber Israel bombardiert auch verstärkt Syrien, was irgendwann zu einer Gegenreaktion führen könnte.
Dass in Gaza inzwischen knapp 30.000 getötete Zivilisten, darunter mindestens 10.000 Kinder und 7.000 Frauen, und weitere 58.166 Verletzte gemeldet werden, was mindestens vier Prozent der Gesamtbevölkerung Gazas entspricht, könnte jederzeit dazu führen, dass islamische Länder sich berufen fühlen, diesen Völkermord der israelischen Armee zu beenden. Der UNO-Nothilfekoordinator Griffiths warnte gerade erst vor einer Hungersnot und bezeichnete Gaza als „unbewohnbar“.
Hinzu kommt, dass die israelische Propaganda immer mehr Risse bekommt. Wir erinnern uns an Berichte über Massenvergewaltigungen, die Hamas-Mitglieder angeblich bei ihrem Angriff vom 7.Oktober veranstaltet haben sollen. US-Präsident Biden bezeichnete die Berichte über sexuelle Gewalt damals als „entsetzlich“ und rief die Welt auf, die „unvorstellbare Brutalität“ zu verurteilen.
Nun hat die israelische Zeitung Haaretz gemeldet, dass die israelische Polizei Schwierigkeiten hat, Opfer sexueller Übergriffe beim Angriff der Hamas am 7. Oktober, oder auch nur Zeugen dafür, ausfindig zu machen. Die israelische Polizei ist deswegen an die Öffentlichkeit gegangen und bittet Menschen, die Informationen darüber haben, sich zu melden. Selbst in den wenigen Fällen, in denen die Polizei Zeugenaussagen über am 7. Oktober angeblich begangene Sexualstraftaten gesammelt hat, gelang es ihr nicht, die Taten mit betroffenen Opfern in Verbindung zu bringen, schreibt Haaretz.
Hinzu kommen auch die sich häufenden Indizien dafür, dass Israel beim Angriff der Hamas mit schweren Geschossen, unter anderem aus Panzern, Kampfhubschraubern und Drohnen, reagiert hat und dabei israelische Zivilisten, Geiseln der Hamas und eigene Soldaten getötet hat.
Die israelische Version der Ereignisse vom 7. Oktober wird immer unglaubwürdiger, was den Aufruhr in der islamischen Welt weiter anheizen dürfte.
Die USA, der Irak und der Iran
Eine weitere Front könnte sich im Irak eröffnen. Am 4. Januar wurde bei einem US-Luftangriff auf das Hauptquartier einer von Iran unterstützten Miliz im Zentrum Bagdads ein hochrangiger Milizkommandeur der Volksmobilmachungskräfte getötet. Das Hauptquartier liegt nur wenige Meter vom irakischen Innenministerium in Bagdad entfernt. Die Volksmobilmachungskräfte sind eine Koalition von Milizen, die nominell unter der Kontrolle des irakischen Militärs steht.
Damit hat das US-Militär formell eine Einheit der irakische Armee bombardiert, wogegen die irakische Regierung heftig protestiert hat. Die irakische Regierung arbeitet daran, die Anwesenheit von Soldaten der US-geführten Koalition im Land zu beenden. Premierminister Mohammed Shia as-Sudani sagte während einer Zeremonie zum vierten Jahrestag der Ermordung eines hohen irakischen Offiziers und des iranischen General Suleimani durch die USA:
„Wir sind dabei, ein Datum für den Beginn des Dialogs durch einen bilateralen Ausschuss festzulegen, der mit dem Ziel gebildet wurde, die Modalitäten für den [Abzug der ausländischen Truppen] festzulegen (…) Wir bekräftigen unser festes und prinzipielles Engagement für die Beendigung der Präsenz der internationalen Koalition, da die Gründe für ihre Existenz nicht mehr gegeben sind“
Apropos Ermordung von Suleimani durch die USA: Bei der Gedenkfeier zum Jahrestag seiner Ermordung gab es im Iran einen großen Terroranschlag mit etwa hundert Toten. Zwar gab es danach ein Bekennerschreiben des IS, das aber als nicht glaubwürdig angesehen wird, da es sich zu sehr von den üblichen Bekennerschreiben des IS unterscheidet. Natürlich gibt es daher Spekulationen, ob die USA oder Israel hinter dem Anschlag stecken.
Da die USA und Israel immer wieder Ziele iranischer Milizen in Syrien und dem Irak bombardieren, die ihrerseits die US-Stützpunkte in diesen Ländern beschießen, und da die USA dem Iran vorwerfen, die jemenitischen Huthis zu unterstützen, die westliche Frachtschiffe mit Kurs Israel zu beschießen, ist auch hier eine Eskalation jederzeit möglich. Die spannende Frage wäre dann, wie sich die arabischen Staaten verhalten würden.
Korea
Die USA haben erklärt, Russland habe in der Ukraine Raketen aus nordkoreanischer Produktion eingesetzt. Das sollen angeblich Trümmerteile bestätigen. Ob diese Angaben der Wahrheit entsprechen, kann nicht überprüft werden, denn wie üblich hat die US-Regierung keine Beweise oder Fotos, sondern nur Grafiken vorgelegt. Der Spiegel zitierte zwar einen Experten, der meinte, „Bilder von Wrackteilen deuten sehr stark auf einen Einsatz der KN-23 hin“, aber die Bilder der angeblichen nordkoreanischen Rakete selbst wurden nicht gezeigt.
Nord- und Südkorea schaukeln sich unterdessen in einer eigenen Konfrontation hoch. Als Reaktion auf Übungen Südkoreas hat Nordkorea ins Seegebiet der Grenzregion gefeuert. Kim Yo-jong, die Schwester von Staatschef Kim Jong-un, sagte am 7. Januar, nachdem Nordkorea den dritten Tag in Folge Artilleriegeschosse in der Nähe seiner Grenze zum Süden abgefeuert hatte, das Land werde auf jede Provokation sofort mit einem Militärschlag reagieren.
Das südkoreanische Militär hatte zuvor erklärt, dass der Norden am Samstag mehr als 60 Artilleriegeschosse in der Nähe der umstrittenen Seegrenze abgefeuert habe. Am Freitag soll Nordkorea eine Salve von mehr als 200 Geschossen abgefeuert haben.
China und Taiwan
Außerdem sei daran erinnert, dass der Konflikt zwischen den USA und China weiter schwelt. Die USA stehen zwar offiziell zur Ein-China-Politik, aber de facto unterlaufen sie diese Politik, indem sie Taiwan bewaffnen und gegen China einsetzen, anstatt der offiziell verkündeten Ein-China-Politik zu folgen und die Vereinigung von China und Taiwan zu fördern. Wenn die USA diese Vereinigung nicht wollen, dann sollten sie konsequent sein und sich von der Ein-China-Politik lossagen. Das jedoch trauen die USA sich (bisher noch?) nicht, weil sie die chinesische Reaktion fürchten.
Jedenfalls sind es US-Schiffe vor der chinesischen Küste, die immer wieder in gefährliche Zwischenfälle mit chinesischen Schiffen verwickelt sind und nicht chinesische Kriegsschiffe vor den Küsten der USA.
Hier wird der 13. Januar ein vielleicht entscheidender Tag, denn an dem Tag finden in Taiwan gleichzeitig Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt, deren Ergebnis schwer zu prognostizieren ist.
Russlands Südgrenze
Die USA sind in den Ländern südlich von Russland ausgesprochen aktiv und schon 2019 hat die RAND-Corporation eine 354-seitige Studie mit dem Titel „Russland überdehnen – aus vorteilhafter Position konkurrieren“ (Extending Russia – competing from advantageous ground) veröffentlicht, in der detailliert aufgelistet wurde, wie die USA Russland in den Bereichen Wirtschaft, Geopolitik, Propaganda und Militär überdehnen oder das zumindest versuchen können. Über diese Studie habe ich oft berichtet.
In der Studie ging es auch darum, wie die USA Russlands Nachbarn auf ihre Seite ziehen und gegen Russland in Stellung bringen können. Bei diesem Thema sind die USA sehr aktiv, wie beispielsweise die Entwicklungen in Armenien oder Moldawien zeigen.
Aber auch in anderen Ländern sind die USA aktiv, man erinnere sich nur an die Putschversuche in Weißrussland und Kasachstan in den letzten Jahren. Von den westlichen Medien kaum beachtet werden auch die Bemühungen der USA in Zentralasien, beispielsweise in Kirgisien, verstärkt.
Sollte das Ukraine-Abenteuer der USA scheitern, gibt es also noch genug andere Länder entlang Russlands Grenzen, in denen die USA versuchen können, Kriege zu provozieren, um Russland zu schwächen und zu „überdehnen“, wie RAND es formuliert.
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