Eine der wichtigsten geopolitischen Fragen ist es derzeit, ob es dem Westen nach dem Sturz von Assad gelingt, die russischen Militärbasen in Syrien zu verdrängen, denn Russland unterhält dort seine einzige Marinebasis im Mittelmeer und einen Militärflugplatz, über den auch Russlands Aktivitäten in Afrika abgewickelt werden. Der Verlust der Basen wäre für Russland also ein schwerer Schlag und könnte die Karten in einigen geopolitischen Fragen neu mischen.

Russlands Interessen in Syrien

Russland hatte in Syrien vor allem drei Interessen: Es wollte erstens seine Militärstützunkte in Syrien erhalten, zweitens den langjährigen Verbündeten Assad stützen und drittens die Islamisten bekämpfen, weil viele der Radikalen aus moslemischen Regionen Russlands und aus ehemaligen Sowjetrepubliken nach Syrien gekommen sind. Putin sagte nach dem russischen Eingreifen in Syrien sehr offen, dass Russland diese Leute lieber in Syrien vernichtet, als darauf zu warten, dass die in Syrien siegen und dann bewaffnet und kampferfahren in ihre Heimatländer zurückkehren.

Mit dem Überraschungsangriff der Islamisten dürfte Russlands Politik in Syrien gescheitert sein und dieser Rückschlag wird in Russland eingestanden und sehr kritisch diskutiert.

Für Russland ist die Devise der Stunde daher nun Schadensbegrenzung und der Versuch, die Militärbasen zu erhalten. Dazu steht Russland in Kontakt zu den neuen Machthabern in Syrien, die es vor kurzem noch bekämpft hat. Die russische Regierung spricht davon, dass nun die Stunde des Pragmatismus sei.

Russland steht nicht auf verlorenem Posten

Und Russland scheint dabei erste Erfolge zu haben, denn während die siegreichen Islamisten nach ihrem Einmarsch in die syrischen Hauptstadt Damaskus die iranische Botschaft geplündert haben, gaben die neuen Machthaber den russischen Diplomaten Sicherheitsgarantien und bisher ist auch nichts über Exzesse gegen die vielen russischen Staatsbürger bekannt, die als Folge der syrisch-sowjetischen und dann syrisch-russischen Zusammenarbeit seit Jahrzehnten in Syrien leben.

Am 9. Dezember berichtete eine Quelle der russischen Nachrichtenagentur TASS, dass bewaffnete Formationen der Gegner von Assad am Tag zuvor die vollständige Kontrolle über die syrischen Provinzen Latakia und Tartus erlangt hätten, in denen sich die russischen Militärstützpunkte befinden. Sie sind aber nicht in die russischen Stützpunkte eingedrungen. Stattdessen wurde dann gemeldet, dass sich die Sicherheitsgarantien der neuen Machthaber auch auf die russischen Militärstützpunkte erstrecken und dass der Betrieb dort daher normal laufe.

Am 13. Dezember hat einer mit dem Fortgang der Verhandlungen vertraute Quelle der TASS mitgeteilt, Russland verhandle mit der neuen syrischen Regierung über den Erhalt seiner Militärstützpunkte im Land.

Am 17. Dezember meldete das emiratische Portal The National unter Berufung auf eine Quelle bei der Gruppe HTS, die nun die Macht in Syrien übernommen hat, die Verhandlungen zwischen Russland und der neuen syrischen Regierung über den Erhalt der russischen Militärstützpunkte würden in einer „positiven Atmosphäre“ verlaufen. Laut der Quelle befänden man sich „in der ersten Phase der Verhandlungen“ über die russische Militärpräsenz in Syrien. Ein Vertreter der russischen Streitkräfte sagte dem Portal, deren Journalisten den Luftwaffenstützpunkt Hmeimim besuchten, dass das russische Militär „gute Beziehungen“ zur neuen syrischen Regierung unterhalte. Man habe „Kontakt mit dem neuen Regierungschef und keine Seite provoziert die andere“, zitierte ihn The National.

Außerdem teilte die russische Quelle dem Portal mit, dass die neue syrische Regierung nicht beabsichtige, die Vereinbarung zu brechen, nach der Russland den Hafen von Tartus pachtet. Der Quelle zufolge könne HTS den Pachtvertrag nicht einseitig kündigen.

Ob dieser Optimismus verfrüht ist, wird sich zeigen, denn die EU hat die Gewährung von finanzieller Unterstützung für die neue syrische Regierung bereits an die Bedingung geknüpft, dass die russischen Militärstützpunkte in Syrien geschlossen werden.

Russland und der Islam

Andererseits darf man Russland auch nicht unterschätzen, in dem etwa 25 Prozent der Bevölkerung Moslems sind und das in der islamischen Welt einen weitaus besseren Ruf genießt als der Westen.

Ein Vermittler aus Russland, der auch bei radikaleren Moslems anerkannt ist, ist der tschetschenische Präsident Kadyrow, in dessen russischer Autonomie zwar nicht die Scharia gilt, aber viele Regeln des Islam Gesetzeskraft haben. Kadyrow hat am 16. Dezember auf Telegram ein Bild von sich mit Putin gepostet, auf dem Putin ihm einen luxuriös hergestellten Koran geschenkt hat und dazu vorgeschlagen, ein Verfahren einzuleiten, um die in Syrien an die Macht gekommene Gruppierung Hayat Tahrir asch-Scham (HTS) von der Liste der Terrororganisationen zu streichen. Kadyrow begründete das damit, dass so eine humanitäre Katastrophe in Syrien verhindert werden könne und er schrieb:

„Es ist wichtig, ohne den Beginn oder das Ende dieses Prozesses abzuwarten, sofort die Arbeit einer Kontaktgruppe der beiden Länder zu organisieren, die in der Lage sein wird, die ersten Verbindungen aufzubauen und mit der Lösung von Problemen zu beginnen. Das ist weltweite Praxis, um so schnell wie möglich aus der Krise herauszukommen und der Bevölkerung zu helfen.“

Die Entscheidungen der neuen syrischen Regierung, die Verfolgung von Journalisten und Beamten einzustellen und alle bewaffneten Gruppen zu entwaffnen, würden zu einem „stabilen und ruhigen Leben“ für die Einwohner Syriens beitragen, allerdings sei es „schwierig“, diese Initiative ohne Partner umzusetzen. Kadyrow erklärte weiter, er sei bereit, tschetschenische Polizeibeamte zu Patrouillen nach Syrien zu entsenden und Ausbilder der russischen Universität für Spezialkräfte einzusetzen, um „einzigartige Erfahrungen und Kenntnisse weiterzugeben“. Aufgrund der langen Tradition der russisch-syrischen Zusammenarbeit ist er sicher:

„Jede russische Präsenz in Syrien wird das Ziel der Stabilität und Sicherheit für die Bevölkerung verfolgen. Es gibt wiederholt Erfahrungen mit der Unterstützung der Bevölkerung durch russische Streitkräfte: Dazu gehören die Hilfe bei der Lösung humanitärer Probleme und die Unterstützung von Erdbebenopfern. Diese Erfahrungen sind für den Wiederaufbau der wirtschaftlichen und sozialen Infrastruktur des Landes von großem Nutzen.“

Tschetschenien sei und bleibe „ein treuer Helfer und Freund des leidgeprüften syrischen Volkes“, versicherte Kadyrow abschließend.

So ein pragmatischer Ansatz ist für Russland nicht neu, denn während der Westen mit zweierlei Maß misst und die Taliban weiterhin isoliert und den Islamisten in Syrien gleichzeitig den roten Teppich ausrollt, hat Russland bereits Kontakte zu den Taliban geknüpft und denkt über die Streichung der Taliban von der Terrorliste nach. Eine Delegation der Taliban war im Sommer sogar beim Petersburger Wirtschaftsforum, um den Beginn einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu besprechen.

Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass Russland dank seiner guten Kontakte in die islamische Welt zu einer Einigung mit den neuen Machthabern in Syrien kommt, auch wenn die Chancen dafür derzeit nicht allzu gut ausschauen und der Westen alles tut, um das zu verhindern.