Russland und China planen eine gemeinsame Forschungsstation auf dem Mond, worüber westliche Medien aber kaum berichten. Daher habe ich einen Artikel der russischen Nachrichtenagentur TASS zu dem Thema übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Der systemischste Weltraum: Warum Russland eine internationale wissenschaftliche Mondstation mit China braucht

Michail Kotow über die Besonderheiten des „chinesischen Weltraums“ und die Zusammenarbeit zwischen Russland und China

Die russische Regierung hat einen Gesetzentwurf gebilligt, der die Ratifizierung eines Abkommens mit China über die Errichtung einer gemeinsamen internationalen wissenschaftlichen Mondstation (ILRS) vorsieht.

Allein in den letzten Jahren hat China so viele erfolgreiche Missionen im Weltraum durchgeführt, dass sie für mehrere Länder ausreichen würden. Seit den 1990er Jahren hat China seine Fähigkeiten im Weltraum schrittweise ausgebaut. Selbst eine einfache Aufzählung dieser Fähigkeiten sieht sehr beeindruckend aus, ganz zu schweigen von Chinas wachsender Anzahl von Fernerkundungssatelliten. Aber das ist ein Thema für einen eigenen Artikel. Heute wollen wir nur auf das eingehen, was direkt mit einer der wichtigsten Aufgaben des chinesischen Programms zusammenhängt – der bemannten Mondmission.

Bemanntes Programm

Nachdem China die Möglichkeit hatte, die Erfahrungen der UdSSR und der USA zu untersuchen, ist es in drei Jahrzehnten einen eigenen langen Weg gegangen. Die Entwicklung des bemannten Raumschiffs Shenzhou begann 1992, 1999 wurde der erste (Test-)Flug mit Hilfe der Trägerrakete Changzheng-2F durchgeführt, die Entsendung des ersten Taikonauten Yang Liwei erfolgte 2003 mit dem Schiff Shenzhou-5. Bis heute sind bereits 17 bemannte Starts durchgeführt worden.

Im Jahr 2011 wurde Chinas erste Einzelmodulstation Tiangong-1, ein ideologisches Analogon der sowjetischen Saljut, gestartet. Im Jahr 2016 wurde Tiangong-2 in die Umlaufbahn gebracht und seit 2021 ist die multimodulare Tiangong National Station im Weltraum in Betrieb. Im Wesentlichen hat China seit 1992 den gleichen Weg zurückgelegt wie die UdSSR zur Mir-Station (von 1961 bis 1986 seit Beginn des bemannten Programms) und die USA zur ISS als erster multimodularer Station (von 1961 bis 1998).

Verglichen mit dem weltweiten Wettlauf in den ersten Jahren der Raumfahrtentwicklung sieht es natürlich nicht so beeindruckend und einsatzfähig aus. So wurde beispielsweise das sowjetische Raumschiff Sojus in fünf Jahren entwickelt – von der Entwicklung bis zum Beginn der Flüge mit Kosmonauten. Und Wostok war sogar noch schneller – es dauerte etwa drei Jahre. Aber das ist die Besonderheit der chinesischen Entwicklung: planmäßig, leise und ohne ernsthafte Belastung der Wirtschaft.

Zu den aktuellen Plänen Chinas gehören der Bau eines bemannten Raumschiffs der nächsten Generation, das im Februar den Namen Mengzhou erhielt, und der Start weiterer Module für die Orbitalstation, darunter ein Teleskopmodul.

Interplanetarisches Programm

Im Laufe der Jahre hat China praktisch alle Kompetenzen getestet, die für eine bemannte Eroberung des Mondes erforderlich sind. Dabei ragt die einzige Marsmission heraus. Im Jahr 2020 wurde Chinas erster Mars-Rover, Zhuzhong, zum Roten Planeten geschickt. Am 14. Mai 2021 landete er sanft auf der Utopia-Ebene und war damit der erste Rover, der nicht aus den USA stammte und auf der Oberfläche des Planeten operierte. Bis zum 7. Mai 2022 war Zhuzhong 349 Sols lang im Einsatz (ein Marstag dauert etwa 24 Stunden und 39 Minuten), legte dabei 1.921 Meter zurück und übermittelte 940 GB an verschiedenen wissenschaftlichen Daten.

Die meisten der interplanetaren Missionen Chinas konzentrieren sich dagegen auf den Mond. Es handelt sich um ein großes, ernsthaftes, mehrphasiges Programm, dessen Entwicklung 1998 von der Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie für Landesverteidigung Chinas initiiert wurde. Das Programm wurde im Januar 2004 genehmigt und im Februar nach der chinesischen Göttin des Mondes Chang’e benannt.

Bis heute wurden im Rahmen des Programms fünf Missionen durchgeführt, die zu folgenden Ergebnissen führten:

• Der Betrieb in der Mondumlaufbahn wurde getestet;
• Eine sanfte Landung auf der Oberfläche des natürlichen Trabanten der Erde wurde geübt;
• Arbeiten zur Steuerung von Mondrovern wurden durchgeführt;
• Eine dreidimensionale topographische Karte des Mondes wurde erstellt;
• Eine Lieferung von Regolith (Oberflächenschicht aus losem Boden) vom Mond zur Erde wurde durchgeführt;
• Das erste automatische Andocken in der Mondumlaufbahn in der Geschichte der Menschheit wurde durchgeführt (im Rahmen der Mission Chang’e-5).

Im chinesischen Programm gibt es keine „leeren“ oder wiederholten Missionen, sondern jede hat ihre eigenen klaren Gründe und Ziele. Derzeit laufen die Vorbereitungen für Chang’e-6, die in der Nähe des Mondsüdpols landen, Bodenproben nehmen und diese zur Erde bringen soll. Das ist die vierte Phase der Forschung auf dem natürlichen Satelliten unseres Planeten. Dazu gehört auch der Beginn des Baus der automatischen Mondstation, an der sich Russland beteiligen will.

Infrastruktur

Was die Infrastruktur betrifft, so ist China derzeit konkurrenzlos. Das Land verfügt über vier Kosmodrome: Jiuquan, Xichang, Taiyuan (auf dem Festland) und Wenchang (auf der Insel Hainan). Bis 2025-2026 ist der Bau eines weiteren Weltraumbahnhofs im Bezirk Xiangshan der Stadt Ningbo geplant, von dem aus bis zu 100 kommerzielle Starts pro Jahr durchgeführt werden können. Auch die in den Gewässern des Gelben Meeres im „Eastern Aerospace Port“-Komplex betriebenen Seestartplattformen werden aktiv genutzt. Es sind mindestens drei Typen solcher Schiffe bekannt.

Besonders erwähnenswert ist der Bau von sieben Yuan Wang Schiffen für die Raumfahrt und die Verfolgung ballistischer Raketen durch China. Vier Schiffe dieses Projekts sind bereits in Betrieb.

Was die Weltrauminfrastruktur für Mondmissionen betrifft, so wurde der Queqiao, Chinas künstlicher Satellit, der als Kommunikationsrelais dient, am 20. Mai 2018 gestartet und nahm im Dezember seinen Betrieb auf. Am 22. März 2024 schickte China einen weiteren ähnlichen Repeater, Queqiao-2. Er soll die Erdkommunikation für drei künftige Mondmissionen, Chang’e-6 (Lieferung von Erde von der Mondrückseite), Chang’e-7 und Chang’e-8 (Erkundung der Südpolarzone des Mondes), sicherstellen.

Synergie

All diese Einzelerfolge sind nur ein Teil der Vorbereitung der chinesischen Raumfahrt auf die erfolgreiche Erforschung des Mondes in der Zukunft. Jede dieser Komponenten dient dem gemeinsamen Ziel, eine bemannte Mission zum Mond durchzuführen, nicht durch einen plötzlichen und teuren Sprung, sondern als Teil eines bereits bestehenden Systems. Ich denke, wir können sagen, dass die chinesische Weltraumforschung das systematischste aller derzeit existierenden Systeme ist.

Ein weiterer „Baustein“ für künftige Errungenschaften dürfte die Schaffung der Internationalen Wissenschaftlichen Mondstation sein – ein Projekt Russlands und Chinas in Zusammenarbeit mit Aserbaidschan, Weißrussland, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Pakistan und Südafrika. Für unser Land ist das eine Gelegenheit, seine Kompetenzen beim Bau von interplanetaren Raumstationen und -modulen zu stärken; ein Potenzial für die Stärkung der Beziehungen zwischen den Ländern mit der Aussicht auf die Fortsetzung der Arbeit in anderen Raumfahrtprojekten.

Darüber hinaus können die russischen Fachleute im Rahmen dieser engen Zusammenarbeit von ihren chinesischen Kollegen die Erfahrungen mit dem sehr systematischen und überprüften Raumfahrtprogramm lernen, in dem es praktisch keine überflüssigen Elemente gibt und jede Mission im Wesentlichen auf die Unterstützung weiterer Expeditionen und Starts ausgerichtet ist.

Nach der Roadmap des ILRS-Projekts wird der Bau der Basis in fünf Phasen erfolgen. Die erste ist der Bau der Kommandozentrale sowie der Energie- und Kommunikationsinfrastruktur. Hier wird Russland in erster Linie seine Raumfahrtprojekte Luna-26 und Luna-27 starten. Sie werden zusammen mit den chinesischen Expeditionen Chang’e-6 und Chang’e-7 zu einem einzigen Programm verbunden. Die verbleibenden vier Phasen sind hauptsächlich mit wissenschaftlichen Experimenten, der Sammlung von Proben und Untersuchungen vor Ort, direkt auf dem Mond, verbunden. Damit soll das ILRS zu einem wissenschaftlichen Zentrum werden, das die Erkundung, den Abbau, die Verarbeitung und die Untersuchung verschiedener Mondboden- und Meteoritenproben von der Oberfläche des natürlichen Erdtrabanten vereint.

Da es keine analogen Projekte dieser Art gibt, ist es schwierig zu sagen, wie die Länder die Arbeit an dem Projekt unter sich aufteilen werden, aber angesichts des geplanten Umfangs wird niemand untätig bleiben. Weitere Angaben zu den Kompetenzen und Fähigkeiten der Russischen Föderation sowie zur Finanzierung sollten nach der Ratifizierung des Abkommens und der genaueren Ausarbeitung des Programms abgewartet werden.

Meiner Meinung nach könnte die Internationale Mondforschungsstation das wichtigste Weltraumprojekt des 21. Jahrhunderts werden, und wir dürfen auf keinen Fall die Teilnahme daran verpassen.

Ende der Übersetzung