Der Spiegel fordert „Canceln! Canceln! Canceln!“
Im Spiegel wurde eine Kolumne veröffentlicht, die man leicht für Satire halten könnte, aber sie ist ernst gemeint. Der Autor fordert darin vollkommen offen Zensur und das Verbot von Büchern, deren Autoren nicht vollkommen der Linie der Regierung folgen.
Der 10. Mai 1933 ist als schwarzer Tag in die deutsche Geschichte eingegangen. An diesem Tag hat die „Deutsche Studentenschaft“ zusammen mit den Nazis dazu aufgerufen, Bücher zu verbrennen, die ihrer Meinung nach mit dem „deutschen Geist“ in Widerspruch standen. In 18 deutschen Universitätsstädten brannten in dieser Nacht die Scheiterhaufen.
Es muss ein schauriges Ereignis gewesen sein, als die brennenden Bücher die Nacht erhellt haben. Die Organisatoren der Aktion sahen darin wahrscheinlich, wie das „neue Denken“ die Nacht erhellte, während andere geschockt zuschauten, wie die Meinungsfreiheit in dieser Nacht nicht begraben, sondern verbrannt wurde. Es war einer der Meilensteine auf dem Weg in die Nazi-Diktatur, in der die nun herrschenden Eliten den Menschen vorschrieben, was sie denken und sagen durften und was nicht.
Leider wiederholt sich die Geschichte gerade, weshalb ich diesen langen Artikeln geschrieben habe, der mir jedoch sehr wichtig ist, weshalb ich darum bitte, ihn aufmerksam und bis zum Ende zu lesen.
Bücherverbrennung gestern und heute
Natürlich haben die Propagandisten und Herren über die Zensur in den 90 Jahren seit Goebbels dazugelernt. Eine öffentliche Bücherverbrennung würde heute negativ aufgenommen werden, schließlich behauptet der Westen ja ständig, er stehe für Meinungsfreiheit. Das ändert aber nichts daran, dass im Westen auch heute wieder Bücher „verbrannt“ werden.
Allerdings finden diese „Verbrennungen“ heute anders statt. Sie finden online statt, indem Internetseiten, die abweichende Ansichten verbreiten, gesperrt werden, indem Videos und Posts gelöscht oder durch Shadowbanning versteckt werden, indem Verlage unter Druck gesetzt werden, Bücher, die abweichende Ansichten vertreten, aus dem Programm zu nehmen.
Der Effekt ist der gleiche: Eine abweichende Meinung wird zensiert und verboten, darin unterscheidet sich der heutige Westen in nichts mehr von den Nazis.
Und der Witz ist, dass sogar die Begründung fast die gleiche ist, wie bei den Nazis. Die Nazis sahen sich damals als progressiv und modern an. Und das tut auch der heutige Westen, wenn er alle Meinungen, die dem neuen (woken) Denken widersprechen, unterdrückt.
Dabei ist es heute wieder egal, ob ein Buch vollkommen harmlos ist, es reicht, wenn der Autor des Buches mal mit regierungskritischen Thesen aufgefallen ist. Das reicht bereits aus, damit irgendwelche Zensur-Apostel in westlichen Medien von Verlagen fordern, die Bücher von regierungskritischen Autoren aus dem Programm zu nehmen.
Das glauben Sie nicht? Sie meinen, ich würde übertreiben?
Nein, denn genau das hat der Leiter des Spiegel-Büros in Washington nun von einem der größten deutschen Verlage gefordert: Auch Bücher, die nicht zu beanstanden sind, sollen aus dem Programm genommen werden, wenn der Autor politisch nicht genehm ist oder mal die Regierung kritisiert hat.
„Canceln! Canceln! Canceln!“
René Pfister ist seit Sommer 2019 Spiegel-Büroleiter in Washington und er ist mir erst vor kurzem wegen eines absolut absurden Artikels aufgefallen, in dem er die US-Journalisten beschuldigt hat, versagt zu haben, weil sie in den letzten Jahren „über den offensichtlichen geistigen Verfall des Präsidenten nicht berichtet“ haben. In seinem Artikel sagte Pfister offen, dass er seit mindestens drei Jahren von Bidens prekärem Geisteszustand wusste. Aber er selbst hat den Spiegel-Lesern darüber drei Jahre lang nichts berichtet. Aber nun haben nach seiner Meinung die US-Journalisten versagt. Dass er selbst seinen Lesern das jahrelang verheimlicht hat, ignoriert er hingegen.
Ich dachte, dass dieser Artikel von Pfister nicht mehr zu toppen war, aber ich wurde eines Besseren belehrt, denn nun hat Pfister einen Artikel mit der Überschrift „Canceln! Canceln! Canceln! – J. D. Vance kann nur der Anfang sein, lieber Ullstein-Verlag“ veröffentlicht, in dem er offen gefordert hat, deutsche Verlage sollten „umstrittene Autoren“ ab sofort „konsequent“ zensieren.
Zur Vorgeschichte sei gesagt, dass der Ullstein-Verlag, einer der größten Verlage Deutschlands, kürzlich das Buch von Trumps Vizepräsidentenkandidaten J. D. Vance aus dem Programm geworfen hat. Das Buch war ein Bestseller und erzählte die Geschichte, wie Vance sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hat. Aber Vance ist nun der Vizepräsidentenkandidat von Trump und Trump ist für deutsche Medien böse, also ist auch Vance ab sofort böse und daher muss sein Buch ab sofort zensiert werden.
Pfister hat seinen Artikel mit folgender Einleitung begonnen:
„Es war goldrichtig, den Bestseller »Hillbilly Elegy« aus dem Programm zu werfen. Umstrittene Autoren haben in einem renommierten Verlag nichts zu suchen. Dieses Prinzip muss jetzt konsequent durchgesetzt werden. Eine Anleitung.“
„Werk und Autor radikal zusammendenken“
Der Artikel von Pfister wie ein offener Brief an den Ullstein-Verlag formuliert, der mit den Worten „Lieber Ullstein-Verlag“ beginnt. Pfister schreibt danach, sein „Brief“ solle „Glückwunsch und Mahnung zugleich“ sein. Glückwunsch, weil der Verlag das Buch von Vance aus dem Programm genommen hat, Mahnung, weil Pfister dieser Schritt nicht weit genug geht.
Pfister schreibt:
„Gerade für einen renommierten Verlag wie den Ihren ist es wichtig, Werk und Autor radikal zusammenzudenken. Vance mag mit »Hillbilly Elegy« eine anrührende Geschichte über seine Jugend im ländlichen Amerika geschrieben haben, die selbst den Kanzler zu Tränen rührte. Nun aber will Vance mit Donald Trump ins Weiße Haus einziehen, und damit macht er sich natürlich nicht nur selbst, sondern auch sein Buch unmöglich.“
Pfister hat an dem Buch von Vance nichts auszusetzen, nur an dem Autor. Das ist exakt wie bei den Nazis vor 90 Jahren, die auch „Werk und Autor radikal zusammengedacht“ haben und pauschal alle Bücher von Autoren verboten haben, die die Nazis nicht mochten, egal worum es in den einzelnen Büchern ging. Dass jemand im Westen so etwas heute wieder offen sagen und fordern kann, zeigt, in was sich der Westen in den letzten Jahren verwandelt hat.
Damit aber nicht genug, denn Pfister schreibt danach auch:
„Sie haben gezeigt, wie moderne Öffentlichkeitsarbeit funktioniert. Nicht erst den Shitstorm abwarten. Sondern vorbeugend einen Autor vor die Tür setzen, der im Netz für Ärger sorgen könnte. Und Sie haben auch verstanden, dass es töricht gewesen wäre, den Vertrag mit Vance einfach nur still auslaufen zu lassen. Nein, um die eigene Reputation zu schützen, war es unbedingt notwendig, sich mit der maximalen Empörung von dem Autor zu distanzieren, der eben noch einen Bestseller geliefert hat. Wie gesagt: vorbildlich. So geht Krisen-PR.
Man darf in so einem Moment keine falsche Sentimentalität zeigen.“
Der sinngemäße Satz, man dürfe keine falsch Sentimentalität zeigen, wird übrigens Hitler zugeschrieben und ist unter anderem in dem auf Augenzeugenberichten basierenden Film „Der Untergang“ zu sehen, in dem Hitler zu seinem Mitarbeitern sagt, er habe sich die „sogenannte Menschlichkeit“ schon lange selbst untersagt.
Pfister fordert absolute Linientreue
Als Pfister in seinem Artikel zur Mahnung kommt, wird es richtig absurd. So schreibt er beispielsweise:
„Jetzt ist proaktives Handeln gefragt! Wolfgang Bosbach zum Beispiel. Ist ihnen nicht klar, wie umstritten der Mann ist? Bosbach hat Angela Merkels Flüchtlingspolitik kritisiert, damit fängt es an. Es hat einen Grund, warum er unter der Kanzlerin nie etwas geworden ist. Für die Politik wie für die Verlagsbranche gilt die goldene Regel: Wenn Merkel jemanden als »nicht hilfreich« einstuft, macht man besser einen Bogen um ihn.“
Pfister fordert damit ganz offen, Bücher von allen, die die deutsche Regierung kritisieren, aus dem Programm zu nehmen.
Dabei war Wolfgang Bosbach als Politiker absolut linientreu. Er war politisch ein radikaler Transatlantiker, der der US-Politik treu ergeben war und ständig in deutschen Talkshows für die Politik der USA werben durfte. Lediglich die Entscheidung von Merkel, 2015 alle Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen und über eine Million Flüchtlinge nach Deutschland zu lassen, hat er kritisiert.
Schon das ist für Pfister ein Grund, zu fordern, auch die Bücher von Bosbach nicht mehr anzubieten. Nebenbei sei gesagt, dass Bosbach sich 2017 aus der Politik verabschiedet hat und seitdem gegen eine Krebserkrankung kämpft. Das hindert Pfister aber nicht daran, auf den Mann, dessen zentrale politische Positionen ich übrigens in keiner Weise teile, einzudreschen.
Dabei ist Pfister sich für nichts zu schade, wie dieser Absatz aus seinem Artikel zeigt:
„Als Bosbach einmal gefragt wurde, warum er sich in all den Jahren als Bundestagsabgeordneter in Berlin nie eine Wohnung genommen hat, sondern immer nur in Hotels wohnte, soll er gesagt haben: »Sauna, Rührei, Pay-TV«. Sie sagen, das war doch bloß ein Witz. Ich sage, der Satz legt den schlimmen Verdacht nahe, dass Bosbach in seinen Leben schon Filme geguckt hat, die nicht jugendfrei waren.“
Auch Egon Bahr gehört laut Pfister verboten
Historiker sind sich einig, dass die von Bundeskanzler Willy Brandt begonnene neue Ostpolitik den Grundstein für das friedliche Ende des Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung gelegt hat. Der Autor der neuen Ostpolitik war Egon Bahr, ein bis zu seinem Tode international hochgeachteter Geostratege.
Aber für die Propagandisten der heutigen deutschen Politik war auch das böse, weil für sie jedes Verständnis für und jedes Gespräch mit Russland böse ist. Hinzu kommt, dass Bahr in den letzten Jahren vor seinem Tod im Jahre 2015 vor der neuen Politik des Westens gewarnt hat. Er hat davor gewarnt, die russischen roten Linien zu übertreten und dabei auch ganz konkret die westliche Ukraine-Politik kritisiert. Schon vor zehn Jahren sagte er vor Schülern, er sage ihnen als „alter Mann“, dass wir nicht mehr in einer Nachkriegszeit, sondern in einer Vorkriegszeit leben. Egon Bahr hat mit allem Recht behalten, wie wir heute wissen.
Pfister fordert nun, auch die Bücher von Egon Bahr zu verbieten:
„Oder nehmen Sie Egon Bahr. Sie sagen, das war der Erfinder der Formel »Wandel durch Annäherung« und rechte Hand unseres verehrten Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt. Ich sage: Wie kann man nur so blauäugig sein. Wussten Sie nicht, dass Bahr am Ende seines Lebens mit rechten Verschwörungstheoretikern auf einer Bühne saß? Der Historiker Heinrich August Winkler nannte Bahr »die personifizierte Querfront von links bis rechts«. Und sie publizieren das Werk einer so zwielichtigen Figur?“
Egon Bahr, einer der Architekten der Aussöhnung von Ost und Westen und des Endes des Kalten Krieges ist für Pfister nun eine „zwielichtige Figur“, weil er schon vor zehn Jahren vor der Politik des Westens gewarnt (und auch Recht behalten) hat.
Offene Drohungen an Verlage
Durch den Artikel von Pfister zieht sich eine Drohung an deutsche Verlage wie eine rote Linie, denn er droht immer wieder damit, dass die Verlage einen Shitstorm zu fürchten haben, wenn sie Autoren, die sich auch nur geringfügig gegen die Politik der Regierung aussprechen, nicht aus dem Programm werfen. Nachdem er Egon Bahr als „zwielichtige Figur“ bezeichnet hat, fügt er beispielsweise drohend hinzu:
„Viel Spaß im aufziehenden Shitstorm, kann ich nur sagen.“
Das ist eine sehr offene und ernstgemeinte Drohung, wenn sie vom Spiegel kommt, denn wer organisiert denn die Shitstürme? Das sind Medien und „Journalisten“ wie Herr Pfister und der Spiegel. Das macht aus Pfisters eigentlich absurdem Artikel eine waschechte und gefährliche Drohung an alle deutschen Verlage.
Und die spricht Pfister auch sehr offen aus, denn seine Liste mit Autoren, deren Bücher nach Pfisters Meinung verboten werden sollten, ist damit noch lange nicht zu ende. Weiter schreibt er:
„Schließlich Gregor Gysi. Bei dem gibt es den Verdacht, er sei Spitzel der Stasi gewesen. Klar, das konnte nie gerichtsfest bewiesen werden. Und Sie werden sagen: Immerhin ist Gysi ein fortschrittlicher Geist und nicht ein so schrecklich konservativer Knochen wie Bosbach. Aber dann haben sie nicht verstanden, dass es hier nicht um links oder rechts geht. Sondern darum, Ärger zu vermeiden. Halten Sie sich fern von umstrittenen Figuren!“
Der letzte Satz, der auch noch mit einem Ausrufezeichen endet, ist eine vollkommen offene Drohung an alle deutschen Verlage.
Die Unschuldsvermutung ist für Pfister ein „überholtes Konzept“
Damit aber immer noch nicht genug. Ich kritisiere schon lange, dass die Unschuldsvermutung, der zentrale Punkt eines jeden Rechtsstaates, im Westen nicht mehr viel gilt. Vor allem bei den westlichen Medien, denn wenn denen jemand nicht gefällt, dann konstruieren sie aus unbewiesenen Vorwürfen Medienkampagnen, um jemanden gesellschaftlich und wirtschaftlich zu vernichten. Dass sich die Vorwürfe später oft als unbegründet und sogar konstruiert herausgestellt haben, zeigt, dass es dabei nicht um Journalismus, sondern um die mediale Vernichtung Andersdenkender geht.
Pfister bestätigt meinen Vorwurf gegen die deutschen Medien in einer Deutlichkeit und Offenheit, die ich nie erwartet hätte. Er rät dem Ullstein-Verlag (stellvertretend für alle deutschen Verlage) nach seinem Angriff gegen Gregor Gysi allen Ernstes:
„Und seien Sie nicht so dämlich, an überholte Konzepte wie die Unschuldsvermutung zu glauben. Seit wann interessiert sich auf X oder TikTok irgendjemand für Beweise? Es geht hier um Ihren Ruf, nicht um die Wahrheit.“
Pfister sagt offen, dass es nicht um die Wahrheit geht, für die Journalisten doch eigentlich kämpfen sollten. Es geht um Shitstürme, die die Medien mit ihren Berichten selbst auslösen, um den Ruf von Menschen oder in diesem Fall Verlagen zu ruinieren. Es geht „nicht um die Wahrheit“, sagt Pfister. Nach diesem Eingeständnis darf Pfister sich nicht mehr als Journalist bezeichnen, denn dieses Selbstverständnis hat mit Journalismus nichts zu tun.
Die moderne Bücherverbrennung
Wer gegen das, was die westlichen Politiker und Journalisten als „Wahrheit“ festlegen (also beispielsweise den Unsinn, es gäbe mehr als zwei Geschlechter), Widerworte erhebt, der wird aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen, dessen Bücher sollen nicht mehr erscheinen. Die Meinung von Kritikern der Regierungspolitik werden gelöscht und es wird ihnen die Existenzgrundlage genommen. So ist man auch im Mittelalter mit Ketzern umgegangen, wobei wir anscheinend dankbar sein müssen, dass die heutigen „Ketzer“ nicht mehr auf Scheiterhaufen, sondern „nur noch“ medial, gesellschaftlich und wirtschaftlich „verbrannt“ werden.
Apropos Scheiterhaufen: 1933 mussten die Nazis Bücher noch auf Scheiterhaufen verbrennen, um Meinungen und Wissen, die nicht gewollt waren, zu vernichten und als „wider den deutschen Geist“ zu brandmarken.
Da sind wir heute weiter, denn dank der modernen Technik braucht es keine Scheiterhaufen mehr, die die Nacht erhellen. Heute findet die „Verbrennung“ nicht gewollter Meinungen und nicht gewollten Wissens digital statt. Was früher Bücher waren, sind heute zum Beispiel Videos auf YouTube, die nicht verbrannt werden müssen, sondern einfach nur gelöscht werden können. Oder Bücher, die nicht mehr gedruckt und verkauft werden sollen, wobei Pfister anscheinend schon an einer sehr langen Liste von Autoren arbeitet, die dem woken Zeitgeist widersprechen und daher verboten werden müssen.
Der Effekt ist freilich der gleiche: Ihre Meinung wird unterdrückt, ihre Verbreitung wird verhindert.
Die heutigen Scheiterhaufen erhellen nicht mehr die Nacht, sie brennen von den meisten unbemerkt im digitalen Cyberspace oder in den Regalen der Buchhandlungen, wenn bestimmte Bücher dort plötzlich nicht mehr zu finden sind. Zumindest, wenn es nach Herrn Pfister geht.
Die schweigende Mehrheit
Auch 1933 gab es in Deutschland Zeitungen, die dafür getrommelt haben, dass die Verbreitung von Meinungen und Ansichten, die dem „deutschen Geist“ widersprochen haben, endlich dem Feuer übergeben werden. Es gab sie immer schon, die Claqueure, die ein solches Vorgehen gut fanden und gefordert haben. Pfister reiht sich hier in eine sehr unrühmliche deutsche Tradition ein.
Und auch die Menschen haben sich nicht geändert. 1933 gab es eine schweigende Mehrheit, die das achselzuckend hingenommen hat, weil sie es nicht so schlimm fanden und es sie ja nicht persönlich betroffen hat. Und es gab die Jubler, die die „neue Zeit“, in der ihre Standpunkte endlich zur einzigen Wahrheit erhoben wurden, freudig begrüßt haben. Damals waren das die Nazis, heute sind das die Grünen und andere Propagandisten der „woken“ Bewegung.
Aber es gab, so wie auch heute, diejenigen, die davon betroffen waren und die schockiert und entsetzt auf die Teilnahmslosigkeit der schweigenden Mehrheit geblickt haben. Die schweigende Mehrheit hat nicht verstanden, was da vor ihren Augen begonnen hat, es hat sie ja nicht betroffen. So sind die Menschen nun einmal.
Wehret den Anfängen!
Angesichts der Forderungen, die Herr Pfister hier ganz offen im wohl einflussreichsten Printmedium des deutschen medialen Mainstreams erhebt, muss man sich nicht wundern, dass viele Menschen Parallelen zum Beginn der Nazizeit ziehen. In Russland wird angesichts dieser Zustände in Europa bereits seit einiger Zeit offen davon gesprochen, dass der Faschismus nach Europa zurückgekehrt ist. Er trägt heute keine braunen Uniformen mehr, aber er fordert die 100-prozentige Treue zum „neuen Denken“ und bestraft abweichende Meinungen immer härter und demonstrativer.
Das ist Faschismus in Reinkultur, denn die wichtigsten Kennzeichen des Faschismus sind nicht braune Uniformen oder gehobene rechte Arme, sondern der Umgang mit Kritikern und die Methoden!
Martin Niemöller war ein deutscher Pfarrer, der zu Anfang durchaus Sympathien für die Nazis hatte. Aber er merkte schnell, dass die Unterdrückung Andersdenkender zu einem bösen Ende führen würde. Für seinen Widerstand kam Niemöller 1937 ins KZ, wo er bis 1945 blieb. Er beschrieb die Zustände der frühen Nazizeit mit seinen berühmten (und angesichts seiner eigenen Einstellung in den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft wohl auch selbstkritischen) Worten:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.
Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Da sind wir heute in Deutschland wieder. Es begann mit der Kampagne gegen alle, die die Corona-Politik der Regierung kritisiert haben. Vielen wurde die Existenz vernichtet. Heute geht es auch gegen diejenigen, die Frieden mit Russland wollen, sie müssen befürchten, wegen der in Deutschland inzwischen strafbaren „Unterstützung des russischen Angriffskrieges“ ins Gefängnis zu kommen.
Und immer hat es mit ersten, radikalen Medienberichten angefangen, die ein hartes Durchgreifen gegen diese Kritiker der Regierungspolitik gefordert haben.
Daher steht zu befürchten, dass Pfisters Artikel nur der Anfang ist und demnächst alle, die irgendeinen Aspekt der Politik der deutschen Regierung kritisieren, in Gefahr geraten. Die Menschen, die heute schweigen, weil sie je keine „Querdenker“ oder „Putinversteher“ sind, die im heutigen Deutschland bereits verfolgt und vom Verfassungsschutz beobachtet werden, verhalten sich wie die Menschen, die in Deutschland nach 1933 geschwiegen haben. Und wenn es die heute noch schweigenden, letzten Kritiker irgendwelcher Regierungsentscheidungen treffen wird, werden sie Niemöllers letzten Satz endlich verstehen:
„Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Wehret den Anfängen!
Nachtrag: Ich sehe in Kommentaren und an anderen Leser-Reaktionen, dass manche diese Kolumne von Pfister für Satire halten. Leider ist das nicht so, darauf gibt es keinerlei Hinweis. Wäre das so, würde das Machwerk nicht mit „Eine Kolumne von Rene Pfister“ überschrieben sein, sondern beispielsweise mit „Eine satirische Kolumne von Rene Pfister“. Aber das Machwerk ist nicht am 1. April erschienen und es gibt auch nirgendwo einen Hinweis darauf, dass das als Satire gemeint ist. Pfister meint das, was er schreibt, offensichtlich vollkommen ernst.
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