Update: Prigoschins Coup war lange vorbereitet, derzeit laufen Verhandlungen
Aus eigenen Quellen habe ich weitere Informationen über die aktuellen Ereignisse bekommen, über die ich hier berichten werde.
Die Wagner-Truppen sind in der Nacht aus dem Donbass Richtung Rostow aufgebrochen, wobei es sich aber anscheinend um nicht allzu viele Soldaten gehandelt hat. Eine vertrauenswürdige Quelle sprach von etwa 1.500 Wagner-Kämpfern.
Am Morgen haben sie die Stadt Rostow kampflos übernommen, wobei sie zielgerichtet die strategisch wichtigen Gebäude von Polizei, Geheimdienst und so weiter umstellt, aber nicht gestürmt haben. Auf diese Weise konnten sie Widerstand von Seiten der Behörden unterdrücken. Danach sind Wagner-Kolonnen weitergefahren, in Rostow haben sie angeblich nur wenige hundert Kämpfer an den strategisch wichtigen Punkten zurückgelassen.
Die Wagner-Einheiten versuchen offenbar auch in anderen Regionen um Rostow herum ähnlich vorzugehen. Außerdem bewegt sich eine Wagner-Kolonne Richtung Moskau, wo sie – nach verschiedenen Prognosen – gegen 19.00 Uhr deutscher Zeit eintreffen sollte, wenn sie das Tempo beibehält.
Bisher sind keine Forderungen von Wagner bekannt geworden, weshalb gerätselt wird, was Prigoschin eigentlich erreichen will.
Was Wagner-Leute in Rostow erzählen
Meine Freundin und Kollegin Alina Lipp ist Rostow und hat mir am Telefon eine Zusammenfassung dessen gegeben, was sie vor Ort erlebt hat. Sie hat sehr lange mit Wagner-Soldaten gesprochen, die eines der genannten Gebäude umstellt haben. Die Soldaten haben ihr klar gesagt, dass sie nicht gegen Putin sind.
Sie sind aber davon überzeugt, dass das Verteidigungsministerium vorgehabt habe, ihre Basis anzugreifen, weshalb – so deren Überzeugung – Prigoschin sich zum Handeln entschlossen hat. Ich bin überzeugt davon, dass die Soldaten diese Geschichte glauben, allerdings spricht die fast schon generalstabsmäßige Planung des Vormarsches von Wagner gegen eine spontane Aktion. Es kann also sein, dass die Führung von Wagner ihren Soldaten eine unwahre Geschichte erzählt hat, um sie in Marsch zu setzen.
Eine weitere Frage ist, warum die Kolonnen bisher ungehindert auf der Autobahn Richtung Norden vorankommen und warum sie auch beim Vormarsch auf andere Städte nicht aus der Luft angegriffen werden.
Laufen Verhandlungen?
Auch darauf haben die Soldaten Alina eine Antwort gegeben. Nachdem, was sie Alina erzählt haben, ist Prigoschin im Stab der russischen Armee in Rostow und führt von dort aus Verhandlungen mit Moskau. Ob das stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Auch worüber dort angeblich verhandelt wird, ist nichts bekannt.
Außerdem heißt es, dass die tschetschenischen Achmat-Einheiten, die gegen Wagner marschieren, bereits vor Rostow angekommen sind, die Stadt jedoch bisher nicht betreten. Laut Alina stehen Kämpfe bevor, wobei beide Seiten offenbar zivile Verluste vermeiden wollen. Gerüchteweise wollen die Wagner-Soldaten Rostow verlassen, um „die Sache vor der Stadt zu regeln“, wie sie es ausgedrückt haben.
Bei all dem handelt es sich um Informationen, die Alina von einfachen Soldaten bekommen hat. Es muss also nicht alles der Wahrheit entsprechen, aber das ist es, was man sich unter den Wagner-Leuten in Rostow erzählt.
Die spannende Frage ist nun, ob und worauf Prigoschin und Moskau sich einigen, denn sollte es keine Einigung geben, könnte es am Abend vor Moskau zu Kämpfen kommen.
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