Prigoschin hat sich verrechnet
Prigoschin hat anscheinend darauf gebaut, dass sein „Marsch der Gerechtigkeit“ Unterstützung beim russischen Volk und bei Teilen der russischen Eliten findet. Damit lag er falsch.
Prigoschin ist anscheinend derartig in seiner Blase gefangen, dass er der Meinung war, mit seinem „Marsch der Gerechtigkeit“ eine Welle der Sympathie und Unterstützung beim russischen Volk und zumindest bei Teilen der russischen Eliten auszulösen. Dass er damit falsch lag, ist nun – keine 24 Stunden nach Beginn seines Putschversuches – offensichtlich. Alle einflussreichen Personen in Russland, die sich bisher geäußert haben (und das sind sehr viele) verurteilen Prigoschins Handeln scharf und fordern eine harte Strafe für ihn, weil er mit seiner Aktion nur den Gegnern Russlands in die Hände spielt, wie die erfreuten Kommentare aus Kiew zeigen. Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, hat auf Telegram wahrscheinlich den meisten Russen aus dem Herzen gesprochen:
„Jedes Problem in Russland entspricht unseren Interessen, sagte der ukrainische Außenminister Kuleba.
Jeder sollte sich an diesen Satz erinnern. Besser kann man es nicht sagen, darum konnte man schlechteres nicht tun.“
„Prigoschin in der Sackgasse“
Im Schweizer SRF ist unter der Überschrift „Aufstand in Russland – Prigoschin in der Sackgasse“ eine gute Einschätzung der Lage veröffentlicht worden, die ich so ähnlich selbst gerade schreiben wollte. Um zu zeigen, dass das nicht nur meine Meinung ist, werde ich hier ausführlich daraus zitieren. Die Autorin schreibt:
„Die Worte von Wladimir Putin hätten deutlicher nicht sein können. In seiner Ansprache im Staatsfernsehen sprach er von Verrat und einem Dolchstoss in den Rücken der Armee. Den Namen des Putsch-Initiators, Jewgeni Prigoschin, nannte er nicht. Dies alleine spricht Bände, wie Wladimir Putin zu Prigoschin, seinem ehemaligen Koch und verurteilten Kriminellen, nun steht. Denn der russische Präsident pflegt die Namen seiner Gegner nicht zu nennen. In der Nacht auf heute ist Prigoschin zu einem der grössten Feinde Putins geworden.“
Das ist offensichtlich richtig, denn wer sich mit Putin beschäftigt hat, der weiß, dass er kein Problem damit hat, wenn jemand anderer Meinung ist oder ihm widerspricht, im Gegenteil, denn Putin hat gezeigt, dass man gute Lösungen nur finden kann, wenn man vorher kontrovers diskutiert und alle Meinungen hört. Was Putin aber bekanntlich gar nicht verzeihen kann, ist Verrat. Und Prigoschin hat Putin verraten, das ist eine offensichtliche Tatsache, auch wenn Prigoschin selbst das vielleicht anders sieht und gar nicht verstanden hat.
Weiter schreibt SRF:
„Zwischen dem Anführer der Söldner-Gruppe Wagner und der russischen Militärführung tobt seit Monaten ein Machtkampf. Putin hat dem lange zugesehen, doch nun ist Prigoschin zu weit gegangen. Sein Putschversuch ist kein Zeichen von Stärke, sondern der Schritt eines Getriebenen, dem sein Einfluss bei Putin entglitten ist.“
Genau so sehe ich das auch. Das Ziel von Prigoschin ist wahrscheinlich nicht Putins Sturz, sondern die Ablösung von Verteidigungsminister Schoigu. In der Tat hat Putin in dem offen ausgetragenen Streit der beiden nie ein öffentliches Machtwort gesprochen, allerdings wissen wir nicht, was hinter verschlossenen Türen gesagt wurde.
Dass Prigoschins Putschversuch eine Verzweiflungstat ist, denke ich auch. Sei es, weil er tatsächlich seine schwindende Macht retten wollte, oder warum auch immer. Allerdings hat Prigoschin in seiner Zeit im Donbass offensichtlich jeden Bezug zu den Realitäten in Russland verloren, denn auch wenn das Verteidigungsministerium unter Schoigu von vielen kritisiert wurde, sehen selbst Schoigus Gegner die Aktion von Prigoschin als Verrat an Russland und dem russischen Volk an. Prigoschin, dessen Wagner-Truppe in Russland sehr populär ist (oder war?), steht plötzlich ganz alleine da.
Das sieht auch die Autorin des SRF-Artikels so:
„Wenn Prigoschin hofft, mit seinem «Marsch der Gerechtigkeit» gegen die Führung der Armee eine Mehrheit der Russen hinter sich zu versammeln, hat er sich verrechnet. (…) Prigoschins Chancen stehen schlecht. Zu gross ist der Sicherheitsapparat, der hinter dem Präsidenten steht. Ein Rückhalt für Prigoschin innerhalb der Eliten zeichnet sich nicht ab. Prigoschin dürfte scheitern“
Wie schlimm wird es?
Ich bin auch der Meinung, dass Prigoschin keinen Erfolg haben wird. Die Frage ist allerdings, wie weit er gehen will. Es ist klar, dass ihn eine harte Bestrafung erwartet, weshalb er nicht mehr allzu viel zu verlieren hat.
Daher ist es möglich, dass er seine Wagner-Soldaten in einen sinnlosen Kampf gegen die reguläre russische Armee oder gegen die tschetschenischen Einheiten schickt, die schon vor Rostow stehen.
Wenn es wirklich sein Ziel ist, etwas Gutes für Russland zu tun, hat er das exakte Gegenteil erreicht. Die Frage ist nur, ob er so sehr von den Realitäten in Russland abgeschnitten ist, dass er das gar nicht erkennt.
Ohne Propaganda geht es im Westen nicht
Leider wird die (teilweise) gute Analyse bei SRF dadurch getrübt, dass sie nicht ohne Propaganda auskommt. So schreibt die Autorin zum Beispiel:
„Verlässliche Umfragen sind in Zeiten des Krieges nicht verfügbar, doch alleine die Emigrationswelle nach Ausrufung der Teilmobilisierung zeigte, wie es um die Kampfbereitschaft in weiten Teilen der russischen Bevölkerung steht.“
Nach Schätzungen haben einige hunderttausend Russen nach dem Beginn des russischen Eingreifens in den seit 2014 andauernden Krieg im Donbass Russland verlassen. Das sind nicht viele, wenn man bedenkt, dass Russland inzwischen fast 150 Millionen Einwohner hat. Außerdem sind viele, die das Land zunächst verlassen haben, inzwischen wieder zurückgekehrt.
Leider verschweigen die westlichen Medien immer, wie die Lage in der Ukraine ist. Die „Kampfbereitschaft“, wie die Autorin es formuliert, ist in der Ukraine ungleich schlechter, denn dort haben Millionen Menschen das Land verlassen und seit Monaten werden Männer in ukrainischen Städten auf offener Straße gewaltsam von Rekrutierungskommandos abgeführt und in die Kasernen gebracht. Davon aber hört man in westlichen Medien nichts.
Die Autorin beendet ihren Artikel mit zwei Sätzen, die ich zum Teil schon zitiert habe. Komplett lauten sie:
„Prigoschin dürfte scheitern – wie Putin im Krieg gegen die Ukraine auch scheitern dürfte. Es ist nur eine Frage der Zeit.“
Dass Prigoschin scheitern wird, sehe ich auch so. Ob allerdings Putin scheitern wird, das werden wir erst noch sehen, denn die gleichen westlichen Journalisten, die nun Putins Scheitern prophezeien, haben schon 2014 und 2022 aufgrund der westlichen Sanktionen den Zusammenbruch der russischen Wirtschaft prophezeit und uns vor einigen Monaten erzählt, dass die Ukraine mit ihrer Offensive sogar die Krim erobern würde.