Als ich am Sonntag den Kommentar des russischen Moderators Dmitri Kiseljov übersetzt habe, in dem er den Protest eines russischen Schauspielers kommentiert hat, der mit einem Judenstern gegen Corona-Impfungen protestiert hat, war mir klar, dass das zu heftigen Reaktionen und Kommentaren führen würde. Den Artikel finden Sie hier. Ich muss daher erwartungsgemäß ein paar Dinge klarstellen und will hier auch noch berichten, wie ich die Corona-Situation hier in St. Petersburg persönlich erlebe.

Warum ich Berichte der russischen Medien übersetze

Ich übersetze sehr viel aus den russischen Medien, was aber nicht bedeutet, dass ich auch immer in allem der gleichen Meinung bin. Ich wähle die Beiträge, die ich übersetze, nicht danach aus, ob sie mir gefallen. Ich mache die Übersetzungen, um aufzuzeigen, wie in Russland berichtet wird. Ich muss nicht allem zustimmen, was dort gesagt wird, aber ich finde es wichtig, dem Einheitsbrei der deutschen „Qualitätsmedien“ etwas entgegenzusetzen, damit die Menschen in Deutschland sehen, dass es außerhalb der westlichen Medienblase auch völlig andere Sichtweisen auf wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Themen gibt.

Das gilt ganz besonders für den genannten Kommentar, dem ich in vielem auch nicht zustimme.

Warum ich den Kommentar übersetzt habe

Ich habe mich dafür entschieden, den Kommentar zu übersetzen, weil er mehrere Dinge aufzeigt, die in Russland anders laufen als in Deutschland. Das geht damit los, dass der Holocaust-Vergleich in Russland kein Grund ist, den Schauspieler medial und gesellschaftlich zu vernichten. Ja, Kiseljov geht den Schauspieler hart an, aber das ist eben Kiseljovs Meinung. Insgesamt hat der Fall aber in russischen Medien nicht viel Resonanz gefunden und auch Kiseljovs Kommentar ist nur wenige Minuten lang, obwohl seine Sendung zwei Stunden dauert. Wäre eine solche Protestaktion mit einem Judenstern in Deutschland auch so kurz abgehandelt worden?

Natürlich nicht, wir erinnern uns an die YouTube-Aktion einiger deutscher Schauspieler, wonach sogar Berufsverbote gegen sie gefordert wurden. Die Medien haben die Aktion tagelang aufgebauscht und auf die teilnehmenden Schauspieler eingedroschen. Dabei waren ihre Videos einfach nur ironisch und lustig.

Das ist einer der Gründe, warum ich diesen Kommentar übersetzt habe: Ich wollte zeigen, dass der Umgang mit Kritik an der Corona-Politik der russischen Regierung (sogar, wenn die Kritik auf den Holocaust anspielt) in Russland entspannter behandelt wird als in Deutschland.

Was ich vor Ort über die Impfungen höre

Der Druck, sich impfen zu lassen, hat stark zugenommen. Eine Bekannte studiert Medizin und macht derzeit ein Praktikum in einer Abteilung, in der geimpft wird. Sie berichtet davon, dass derzeit ein großer Ansturm stattfindet und sie mit dem Impfen kaum hinterher kommen. Daran hat sicherlich auch die angedrohte Impfpflicht ihren Anteil, denn viele Menschen fürchten um ihren Arbeitsplatz, wenn sie nicht bis zum 15. August eine komplette Impfung nachweisen können. Meine Bekannte berichtet aber auch, was ich immer wieder berichte: Die Impfung mit russischen Impfstoffen hat keine ernsthaften Nebenwirkungen. Im schlimmsten Fall haben die Menschen einige Tage leichtes Fieber, die meisten bemerken jedoch keine Nebenwirkungen.

Da Sputnik-V inzwischen in über 60 Ländern verimpft wird, kann man das vollständige Fehlen von Nebenwirkungen auch nicht auf Manipulationen der russischen Regierung zurückführen, denn andere Länder würden schwere Nebenwirkungen melden. Bis heute ist jedoch kein einziger Fall gemeldet worden.

Übrigens – das war für mich neu – erzählte mir meine Bekannte auch, dass die verschiedenen russischen Impfstoffe sich in ihrer Wirkung unterscheiden, was so gewollt war. Sputnik-V ist der „Standard-Impfstoff“, der gut verträglich ist, dessen Wirkung sehr lange anhält und der zu sehr vielen Antikörpern führt. Die anderen russischen Impfstoffe sind für Menschen mit Vorerkrankungen oder mit geschwächtem Immunsystem gedacht, die Sputnik-V deshalb nicht so gut vertragen könnten. Deren Wirkung hält nicht so lange an, denn sie sorgen nicht für so viele Antikörper, wie Sputnik-V, bieten aber trotzdem einen – wenn auch nicht so lange anhaltenden – über 90-prozentigen Schutz vor schweren Verläufen einer Covid-Erkrankung.

Was ich vor Ort über Covid-Erkrankungen höre

Schon im letzten Jahr sind die meisten meiner Freunde (und ich wohl auch, wenn auch mit leichtem Verlauf) an Corona erkrankt. Die meisten hatten keine oder nur sehr leichte Symptome, nur eine Freundin hatte eine leichte Lungenentzündung, die sie zu Hause auskurieren konnte. Insgesamt ist das Erleben der Russen daher, dass es die Krankheit zwar gibt, dass sie aber nicht so schlimm ist. Aber es hat in meinem entfernten Bekanntenkreis auch einige Todesfälle an (und nicht etwa mit) Corona gegeben. Ich habe von zweien gehört, kannte aber keinen persönlich, beides waren ältere Menschen.

Seit Mitte Juni zieht die russische Regierung die Daumenschrauben an. Einige Regionen führen Corona-Einschränkungen und sogar Impfpflichten ein. Dazu hat Putin sich am Mittwoch in seiner Fragestunde geäußert, was er gesagt hat, finden Sie hier.

Anscheinend ist das nicht ganz unbegründet, denn nächstes Wochenende bin ich zur Hochzeit von Freunden eingeladen und von 120 geladenen Gästen (die Russen feiern Hochzeiten meistens groß), haben knapp 30 abgesagt, weil sie an Corona erkrankt sind. Das ist natürlich ein subjektives Erleben und keinesfalls repräsentativ, aber es zeigt, dass in Russland in Sachen Corona wohl tatsächlich etwas Unangenehmes vor sich geht.

Auch eine Bekannte, mit der wir täglich auf dem Hundeplatz sind, war vor Kurzem an Corona erkrankt, hatte aber kaum Symptome und ging daher in den letzten zwei Wochen immer in einiger Entfernung vorbei und winkte uns nur zu.

Das neue Corona-Narrativ in Russland

Ich habe immer berichtet, dass Corona in Russland entspannter gesehen wird als in Deutschland. Das stimmte auch, zumindest bis Anfang Juni. Aber Mitte Juni hat sich der Wind gedreht. Offiziell sagt Russland, dass die Delta-Variante von Corona so gefährlich ist, dass nun sogar manche Regionen Impfpflichten verhängen.

Als Corona im März 2020 begann, habe ich mich zu Corona nur sehr wenig geäußert und bin dafür kritisiert worden. Ich bin nun einmal kein Freund von Schnellschüssen, daher habe ich mich damals (bis etwa Juli 2020) zurückgehalten. Aber als dann belastbare Zahlen zur Übersterblichkeit vorlagen und man auch vergleichen konnte, wie sich die Zahlen bei Ländern mit und ohne Lockdown unterschieden haben (nämlich fast gar nicht), da habe ich mich darauf festgelegt, dass Corona ein dramatisiertes Konstrukt ist. Der Meinung bin ich aufgrund der bisher vorliegenden Zahlen bis heute.

Ob die Delta-Variante tatsächlich schlimmer ist, wird die Zeit zeigen – auch hier halte ich mich mit Schnellschüssen zurück. Daher nehme ich die offizielle russische Erklärung über die (angebliche?) Gefährlichkeit der Delta-Variante erst einmal hin. Ich habe die Geduld, nun wieder vier oder fünf Monate abzuwarten und zu schauen, ob die tatsächlichen Zahlen dann die Gefährlichkeit bestätigen.

Ich sehe die Maßnahmen, die in Russland nun ergriffen werden, aufgrund meines bisherigen Kenntnisstandes kritisch. Da die russische Regierung – in meinen Augen – bisher aber eine sehr gute Corona-Politik gemacht hat, schließe ich nicht aus, dass sie Delta tatsächlich für gefährlich hält und die harten Maßnahmen in Sachen Impfungen wirklich für nötig hält, um eine Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern. Aber das werden wir in einigen Monaten wissen, wenn belastbare Zahlen vorliegen.

Ich werde auch weiterhin regelmäßig russische Berichte über Corona übersetzen und aufzeigen, wie in Russland berichtet wird.

Ein Zusammenhang mit dem Treffen von Biden und Putin?

Manche behaupten, dass die neue russische Corona-Politik ein Ergebnis des Gipfels von Biden und Putin ist und dass nun Bill Gates der große Gewinner sei. Das ist schon aus einem ganz einfachen Grund Unsinn: Bill Gates hat nichts davon, dass sich die Menschen in Russland impfen lassen, denn in Russland werden keine westlichen Impfstoffe verimpft. Russland hat vier eigene Impfstoffe und alle wurden von staatlichen Laboren entwickelt. Da die Impfungen in Russland umsonst sind, geht es bei den Impfungen in Russland, ganz im Gegensatz zum Westen, nicht um Geld oder die Gewinne der Pharmaindustrie. Im Gegenteil, dem russische Staat entstehen Kosten, denn er hat die Entwicklung der Impfstoffe bezahlt und verschenkt sie quasi im eigenen Land. Geld verdient Russland erst, wenn andere Staaten die russischen Impfstoffe bestellen.

Daher hat auch Bill Gates nichts davon. Gates ist an BionTech, Pfizer und Curevac beteiligt. An deren Impfstoffen verdient Bill Gates kräftig mit, nicht jedoch an den russischen Impfstoffen.

Hinzu kommt, dass es in Russland bereits vor dem Gipfeltreffen von Putin und Biden Meldungen darüber gab, dass die Infiziertenzahlen explodieren und dass die Krankenhäuser an ihre Grenzen stoßen. Inzwischen sind in Russland wieder provisorische Krankenhäuser eröffnet worden, um Corona-Patienten aufzunehmen. Das begann schon vor dem Gipfeltreffen, daher glaube ich nicht an einen Zusammenhang mit dem Gipfeltreffen der beiden Präsidenten.

Fazit

Mir war es wichtig, noch einmal zu erklären, warum ich Beiträge russischer Medien übersetze. Ich erlebe in den Kommentaren immer wieder, dass viele Leser glauben, das wäre alles exakt meine Meinung und am liebsten mit mir darüber diskutieren würden. Aber ich bin dabei nur der Übersetzer, nicht der Verfasser. Mir geht es bei den Übersetzungen in erster Linie darum, zu zeigen, wie außerhalb der westlichen Medienblase über bestimmte Themen berichtet wird. Sicher, dem meisten von dem, was die russischen Medien berichten, stimme ich zu. Aber eben längst nicht allem.

Außerdem war es mir wichtig, aufzuzeigen, dass sich das Corona-Narrativ in Russland gerade verändert hat. Vor kurzem war das Narrativ ungefähr: „Lasst Euch impfen, die Krankheit ist da und sie ist gefährlich, aber insgesamt haben wir die Lage im Griff, kein Grund zur Panik.“

Nun plötzlich wird in Russland gesagt, Delta wäre viel gefährlicher und es werden in einigen Regionen Impfpflichten ausgerufen. Die mögen juristisch nicht unbedingt voll durchsetzbar sein, aber es wird Druck aufgebaut, der seine Wirkung nicht verfehlt. Ich werde weiterhin berichten und ich sage es deutlich: Einer Impfpflicht stehe ich kritisch gegenüber, nicht nur wenn sie im Westen eingeführt wird, sondern auch wenn Russland das tut.

Ich halte eine Impfpflicht bei wirklich gefährlichen Krankheiten für vertretbar, aber bei einer (Über-)Sterblichkeit im Promillebereich der Gesamtbevölkerung ist das in meinen Augen nicht gegeben. Und bisher liegt die Sterblichkeit an Corona in diesem Bereich.

Ob die Delta-Variante wirklich so viel gefährlicher ist und so harte Maßnahmen rechtfertigt, wie Russland sie derzeit durchführt, wird sich erst noch zeigen. Aber solange die nackten Zahlen die Gefahr der Delta-Variante nicht bestätigen, bleibe ich skeptisch.