Die Gedenkfeiern zum 80. Jahrestag in Moskau gleichen einem großen internationalen Gipfeltreffen. Abgesehen von den UN-Generalversammlungen finden sich wohl nur zu den Treffen der G20 so viele Staats- und Regierungschefs ein, wie heute in Moskau. Laut dem außenpolitischen Präsidentenberater Juri Uschakow haben 29 Staats- und Regierungschefs ihre Teilnahme an den Feierlichkeiten anlässlich des 80. Jahrestages des Sieges im Zweiten Weltkrieg zugesagt. Es wären 30 geworden, wenn der indische Premierminister seine Teilnahme nicht kurzfristig wegen des Konfliktes mit Pakistan abgesagt hätte.

Laut Kreml sind am 9. Mai Staats- und Regierungschefs aus folgenden Ländern in Moskau: Aserbaidschan, Armenien, Weißrussland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Abchasien, Südossetien, China, Laos, Mongolei, Myanmar, Vietnam, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Slowakei, Brasilien, Kuba, Venezuela, Ägypten, Äthiopien, Äquatorialguinea, Burkina Faso, Guinea-Bissau, Kongo, Palästina, Simbabwe. Hinzu kommen hochrangige Delegationen aus Indien, Nicaragua und Südafrika.

Die Drohungen der EU

Die EU hat in Person ihrer Außenpolitik-Chefin Kaja Kallas vor knapp einem Monat Drohungen gegen den slowakischen Ministerpräsidenten Fico und den serbischen Präsidenten Vucic ausgesprochen, sollten die zum Gedenken an das Kriegsende nach Moskau reisen. Die unerfahrene, dafür aber um so radikalere Kallas musste ihre Drohungen gegen Fico, ein Moskau-Besuch werde „Folgen“ haben, nach dessen heftigen Protest schnell wieder kassieren, weil die EU-Kommission mitteilen ließ, einem Mitgliedsland der EU könne man nicht drohen.

Aber einem Beitrittskandidaten kann die EU drohen. Und das tat sie auch und drohte Vucic, der EU-Beitritt Serbiens sei vom Tisch, wenn er zum Jahrestag nach Moskau reist. Aber das war Vucic egal. Er erklärte, es gäbe kolossalen Druck aus der EU, nicht nach Moskau zu fliegen, aber werde trotzdem reisen.

Ob die EU die Beitrittsgespräche mit Serbien wirklich platzen lässt, wird sich zeigen, aber die anti-russischen Giftzwerge Estland, Lettland und Litauen waren so sauer darüber, dass Vucic nach Moskau fliegen wollte, dass sie am 6. Mai kurzerhand angekündigt haben, ihre Lufträume für seine Präsidentenmaschine zu sperren. Unbestätigten Berichten zufolge hat auch Polen sich der Maßnahme angeschlossen, was stimmen dürfte, denn schlussendlich musste Vucic südlich über den Kaukasus fliegen und zum Tanken in Aserbaidschan zwischenlanden.

Die baltischen Staaten sind immer gut darin, sich Freunde zu machen, und so beließen es nicht bei Überflugverboten für Vucic, sondern sperrten ihre Lufträume schließlich für alle Regierungsflieger, die auf dem Weg zur den Gedenkfeiern in Moskau waren. Davon waren neben Vucic mindestens der slowakische Ministerpräsident Fico, sowie die Regierungsflieger aus Brasilien und Kuba betroffen, die entsprechende Umwege fliegen mussten. Der estnische Außenminister begründete das wie folgt:

„Die Nutzung des estnischen Luftraums für den Flug nach Moskau zur Parade zu Ehren des 9. Mai ist ausgeschlossen. Estland beabsichtigt nicht, die Durchführung dieser Veranstaltung in irgendeiner Weise zu unterstützen“

Dass ausgerechnet in Estland ein Museum hat, das die Soldaten der Waffen-SS ehrt und dass Estland schon in den letzten Jahren Feierlichkeiten zur Befreiung Estlands von Nazi-Deutschland verboten hat, fügt sich dabei nahtlos ins Bild. Estnische Regierungsmitglieder beklagen zwar ständig, das Land sei von der Sowjetunion besetzt worden, aber das Ende der Besetzung Estlands durch Nazi-Deutschland scheint man in Estland zu betrauern – gefeiert werden darf das jedenfalls nicht.

Russland in Europa ausgeladen

Dass Vertreter Russlands in Deutschland von allen Veranstaltungen zum Kriegsende ausgeladen wurden, ist ein Skandal, über den schon ausreichend berichtet wurde, das muss ich nicht nochmal wiederholen. Selbst die Befreiung von Konzentrationslagern durch die Sowjetunion bedeutet der deutschen Regierung nichts – auch dort wurde der russische Botschafter ausgeladen und es wurde gedroht, ihn notfalls gewaltsam von Sicherheitskräften entfernen zu lassen.

Auch andere europäische Länder stehen dem kaum nach. Frankreich beispielsweise hat russische Diplomaten schon zum wiederholten Male nicht zu den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges eingeladen, erklärte Botschafter Alexei Meschkow RIA Nowosti:

„Die Sowjetunion hat im Kampf gegen den Faschismus einen entscheidenden Schlag erlitten – 27 Millionen Menschen starben im Großen Vaterländischen Krieg. Trotzdem ist es nicht das erste Jahr, in dem russische Vertreter nicht zu offiziellen Gedenkveranstaltungen in Frankreich eingeladen werden, die dem Sieg über den Faschismus gewidmet sind.“

Allerdings fügte er hinzu, dass ihn das nicht allzu sehr schmerze, weil es ihm ohnehin unangenehm sei, mit denen gemeinsam auf einer Bühne zu sitzen, die heute „mit den Enkeln der Nazis flirten“.

Die Drohung von Selensky

Dass der ukrainische Machthaber Selensky recht offen mit einem Angriff auf die Parade in Moskau gedroht hat, ist beispiellos. Immerhin sind bei der Parade neben Präsident Putin all die anderen Staats- und Regierungschefs aus 29 Ländern anwesend. Ob die Clique um Selensky wirklich so verrückt ist, eine Veranstaltung mit 30 Staats- und Regierungschefs anzugreifen, wird sich zeigen, aber die Folgen für die Ukraine dürften katastrophal sein. Und auch die Folgen für den Westen, denn natürlich weiß inzwischen die ganze Welt, dass die Waffen, mit denen Kiew die Parade theoretisch beschießen könnte, nur von westlichen Soldaten abgefeuert werden können.

Trotzdem hat Selensky am 29. April in einer Videoansprache klar gesagt:

„In Russland macht man sich Sorgen, dass seine Parade in Frage steht, und die Sorge ist berechtigt.“

Das wird sich heute zeigen.