Vor zwei Wochen habe ich über die neue Strategie der NATO für einen Krieg gegen Russland berichtet, die NATO-Oberbefehlshaber Grynkewich in Warschau unter dem Titel „Theory of Victory“ vorgestellt hat. Diese Strategie sieht vor, dass die NATO im Falle eines militärischen Zusammenstoßes schnell zu Langstreckenangriffen tief in russisches Gebiet übergeht. Mit anderen Worten: Die Strategie setzt auf eine schnelle militärische Eskalation anstatt auf den Versuch, einen verheerenden Krieg irgendwie im letzten Moment abzuwenden.

Die Strategie blendet in ihren veröffentlichten Versionen die Gefahr einer nuklearen Eskalation aus, sie wird nirgends erwähnt. Das ist schon deshalb auffällig, weil die Strategie darauf setzt, Russland durch Langstreckenangriffe auf strategische Ziele entscheidend zu schwächen, was jedoch laut der russischen Nukleardoktrin zu einer nuklearen Antwort führen würde. Das ist allgemein bekannt, weshalb sich die Frage stellt, warum die NATO das in ihrer Strategie nicht berücksichtigt.

Die Antwort ist offensichtlich: Natürlich berücksichtigt die NATO das, und sie bereitet sich darauf auch aktiv vor, nur steht das nicht in der veröffentlichten Version der „Theory of Victory“. Dass das so ist, zeigen die eiligen Vorbereitungen der NATO auf die Stationierung von Atomwaffen in Finnland und den baltischen Staaten, also unmittelbar an der russischen Grenze, auf die ich in meinem Artikel von vor zwei Wochen hingewiesen habe.

Mit anderen Worten: Die NATO bereitet aktiv einen Atomkrieg in Europa vor. Und sie bringt Russland – wie schon Anfang 2022 vor der Eskalation in der Ukraine – in eine Zwickmühle, denn damit Russland steht vor der Wahl, entweder abzuwarten, ob die NATO einen Vorfall unter falscher Flagge organsiert, Russland diesen Vorfall vorwirft und dann schnell zu Angriffen tief im russischen Hinterland übergeht – und dazu die dann im Baltikum stationierten Atomwaffen verwendet -, oder aber im Falle eines Konfliktes selbst sofort atomar zuzuschlagen, um die Atomwaffen der NATO an seiner unmittelbaren Grenze auszuschalten.

Das Wall Street Journal bestätigt meine Befürchtungen nun, denn es berichtet über die neue NATO-Strategie, die eine schnelle Eskalation eines militärischen Konfliktes mit Russland vorsieht, wobei auch in deren Artikel explizit darauf hingewiesen wird, dass „eine Eskalation bis hin zum Einsatz von Atomwaffen in dieser Strategie nicht vorgesehen“ sei, was schlicht unrealistisch ist, denn sollte die Strategie Erfolg haben, wäre Russland zum Einsatz seiner Atomwaffen gezwungen, um eine vernichtende Niederlage abzuwenden.

Ich habe den Artikel des Wall Street Journal übersetzt, damit sich jeder selbst seine Gedanken dazu machen kann.

Beginn der Übersetzung:

Neuer NATO-Verteidigungsplan sieht Schläge tief in russisches Territorium vor

Militärbefehlshaber betonen, dass präzise Langstreckenwaffen entscheidend sind, um Moskau von einem Angriff auf das Bündnis abzuhalten.

Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten zwingen die NATO dazu, ihre Strategie zur Abwehr eines russischen Angriffs zu überdenken, indem sie die Samthandschuhe ausziehen und Ziele weit im russischen Hinterland angreifen.

Im Juni trafen sich hochrangige Offiziere und Vertreter der NATO zum ersten „Deep Strike Symposium“ des Bündnisses. Unter der Leitung von General Alexus Grynkewich von der U.S. Air Force, dem militärischen Oberbefehlshaber der NATO, haben die Diskussionen und Planspiele ein Thema berührt, das bis vor Kurzem nur wenige offen angesprochen hätten.

Über Jahrzehnte hinweg konzentrierte sich der Schutz des europäischen NATO-Gebiets darauf, dem Gegner mit dem Errichten von Straßensperren vergleichbare militärische Hindernisse in den Weg zu legen. Doch nach fast fünf Jahren Krieg Russlands in der Ukraine sagen NATO-Strategen, dass eine russische Invasion nicht allein dadurch gestoppt werden kann, dass man den gegnerischen Vormarsch lediglich behindert.

Um die konventionellen Streitkräfte des Kremls abzuschrecken, bedarf es heute einer aktiveren Form der Abwehr, im militärischen Fachjargon „Denial“ (Verweigerung/Unterbindung) genannt. Das bedeutet, nicht nur die Truppen zu bekämpfen, die über die Grenze drängen, sondern auch Militärbasen, Nachschublager und Industrieanlagen hinter der Front – also auf russischem Staatsgebiet – ins Visier zu nehmen.

Grynkewich erläuterte diesen Ansatz kürzlich in einer Rede über seine „Theory of Victory“ und erklärte, dass NATO-Verteidigungskräfte zunächst die erste Angriffswelle blockieren und anschließend nachfolgende Operationen des Gegners neutralisieren würden. Sollte die Offensive dennoch andauern, so erklärte er vor einem Publikum in Warschau, „werden wir das gegen uns gerichtete Kriegführungssystem zerschlagen“, indem sowohl die vorrückenden Truppen als auch „alles, was diese Streitkräfte unterstützt, aufrechterhält oder steuert“ angegriffen wird. Eine Eskalation bis hin zum Einsatz von Atomwaffen ist in dieser Strategie nicht vorgesehen. (Anm. d. Übers.: Darauf habe ich bereits in meinem oben erwähnten Artikel hingewiesen: So eine Eskalation ist sehr wohl vorgesehen – und wird auch vorbereitet -, die NATO erwähnt es nur nicht, und die westlichen Medien verschweigen es.)

Ein zentraler Bestandteil des Plans sind hochpräzise Waffen für Angriffe in die Tiefe, sowohl technologisch anspruchsvolle als auch kostengünstigere Systeme. Die USA haben in jüngster Zeit ihr Arsenal an präzisen Langstreckenwaffen, darunter Tomahawk-Marschflugkörper und ATACMS-Raketen, modernisiert und erweitert, während gleichzeitig neue Systeme entwickelt werden. Die europäischen Verbündeten, die hier bislang im Rückstand waren, arbeiten nun mit Hochdruck daran, neue Modelle einzuführen und ihre begrenzten Bestände an Marschflugkörpern der Typen Storm Shadow, SCALP und Taurus aufzustocken.

In ganz Europa wurden laut Fabian Hoffmann, einem auf Flugkörper spezialisierten leitenden Forscher am Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien, mindestens 48 neue Projekte für kostengünstige Marschflugkörper angekündigt, an denen 20 Hersteller beteiligt sind. Wann aus diesen Vorhaben tatsächlich einsatzbereite Waffen hervorgehen werden, ist völlig offen. Viele dieser Projekte werden nicht realisiert, und selbst bei denen, die Fortschritte machen, wird es noch Jahre dauern.

Die Definitionen von „tief“ variieren von etwa 100 Meilen bis hin zu Hunderten von Meilen, beziehen sich aber insgesamt auf Ziele weit hinter der Frontlinie.

Im Gefecht würden Langstreckenflugkörper, Raketen und Drohnen eingesetzt, um nicht nur klassische militärische Ziele in großer Entfernung, etwa abgelegene Flugplätze oder Militäranlagen, ins Visier zu nehmen, sondern auch russische Industrieanlagen, kritische Infrastruktur und Ressourcenbasen, die Tausende von Meilen von den NATO-Grenzen entfernt liegen.

Diesen Ansatz – oft so beschrieben, dass man eher den Bogenschützen angreift, anstatt sich nur gegen die Pfeile zu schützen – verfolgt die Ukraine im Konflikt mit Russland. Unter Einsatz immer leistungsfähigerer Waffen, darunter die im Inland entwickelten „Flamingo“-Marschflugkörper, hat Kiew weit entfernte russische militärische und wirtschaftliche Einrichtungen getroffen, etwa Hersteller von Raketentreibstoff, Fabriken für Drohnenbatterien, Ölraffinerien und Rechenzentren. Es ist zudem ein Ansatz, den die USA in diesem Jahr gegenüber dem Iran angewandt haben.

FlamingoRussland hat eine weitaus größere Anzahl von Angriffen mit weitreichenden Waffen gegen die Ukraine geführt, wobei präzise Schläge gegen strategische Ziele mit der großflächigen Zerstörung ziviler Einrichtungen kombiniert wurden. Da der Ukraine die vom Westen gelieferten Abfangraketen zur eigenen Verteidigung ausgehen, setzt sie zunehmend auf eine „proaktive Verteidigung“ in Form von Angriffen tief im russischen Hinterland, so Aljona Getmantschuk, die ukrainische Botschafterin bei der NATO.

„Luftverteidigung ist wie ein Schmerzmittel, sie kann die Symptome lindern, aber man muss die Ursache des Schmerzes bekämpfen“, erklärte Getmantschuk auf einer Konferenz zur ukrainischen Verteidigung.

Eine entscheidende Lehre für die NATO aus dem Ukraine-Konflikt ist, dass „Verteidigung auch bedeutet , zurückzuschlagen“ und präzise Angriffe tief im gegnerischen Hinterland sind dabei ein wesentlicher Bestandteil, so der polnische Generalmajor Ireneusz Nowak in einem Interview. „In einer Auseinandersetzung mit Russland würden wir definitiv die verteidigungsindustrielle Basis angreifen wollen“, sagte er.

„Wir müssen präzise Schläge in die Tiefe als Abschreckung begreifen“, betonte Nowak. Hätte die Ukraine über solche Fähigkeiten bereits zu Beginn des Krieges verfügt, so Nowak, hätte sich der Kampf vermutlich nicht zu einem „Stellungskrieg wie im Ersten Weltkrieg“ entwickelt.

Während Militärführer innerhalb der NATO das Konzept „denial“ (Verweigerung) inzwischen als Doktrin akzeptieren, stellen sich viele Strategen die Frage, ob europäische Politiker bereit wären, im Falle eines russischen Angriffs mit Schlägen tief in russisches Territorium zu reagieren.

„Es gibt eine Diskrepanz zwischen der militärischen Planung, die zur Verteidigung gegen Russland sinnvoll ist – und die definitiv offensive Komponenten umfasst –, und den politischen Entscheidungsträgern, die unter Verteidigung lediglich das Errichten einer Mauer oder den Aufbau eines Drohnenwalls verstehen“, sagte Nico Lange, ehemaliger Leitungsstabschef im deutschen Verteidigungsministerium.

Militärische Pläne, wie der von Grynkewich, haben das Ziel, Angriffe auf Ziele im gegnerischen Hinterland („Deep-Strike“-Angriffe) nach einem russischen Militärschlag weitgehend zu automatisieren. Zudem verdeutlichen sie, warum die Bevorratung solcher Waffen notwendig ist.

Die Ukraine hat gezeigt, dass große Bestände an Präzisionswaffen von entscheidend sind, da im Verlauf eines Konflikts ständig neue Ziele auftauchen. Stationäre Anlagen wie Fabriken lassen sich zwar relativ leicht anvisieren, können jedoch, wie die Ukraine es getan hat, an verschiedene, verborgene Orte verlagert werden. Mobile Ziele, etwa Raketenwerfer, sind hingegen noch schwerer zu bekämpfen, da sie klein sind und ständig ihre Position wechseln.

„Was wir gesehen haben, ist, dass man in einem hochintensiven Konflikt keinesfalls in eine Lage geraten möchte, in der der Gegner über umfangreiche Arsenale an weitreichenden Angriffswaffen verfügt, während man selbst keine hat“, so Hoffmann.

Das Konzept von Angriffen auf Ziele im gegnerischen Hinterland reicht bis in den Zweiten Weltkrieg zurück, als beide Seiten auf bemannte Bomber setzten. So griffen US-Bomber beispielsweise von den Nationalsozialisten kontrollierte Ölfelder tief im rumänischen Landesinneren an. Deutschland setzte die weltweit ersten zielgerichteten Langstreckenraketen ein, die V1 und V2, die auf Großbritannien sowie auf Infrastruktureinrichtungen niedergingen, darunter der belgische Hafen Antwerpen, der nach dem D-Day als wichtiger Versorgungsknotenpunkt der Alliierten diente. Keine dieser Methoden war jedoch wirklich präzise.

Während des Kalten Krieges wurden ballistische Raketen zwar treffsicherer, blieben aber groß und in der Handhabung komplex. Präzisionsangriffe auf Ziele im Hinterland erlebten ihren eindrucksvollen Durchbruch während des ersten Golfkriegs 1991, als die USA Hunderte Tomahawks einsetzten. Diese flogen, anders als ballistische Raketen, angetrieben von kleinen Strahltriebwerken horizontal zum Ziel.

Seitdem haben die USA, ihre Verbündeten sowie ihre Gegner ihre Arsenale an Marschflugkörpern ausgebaut, Präzisionsraketen wie die ATACMS, abgefeuert von US-amerikanischen HIMARS-Systemen, entwickelt und in jüngster Zeit die Grenzen zwischen Drohnen und Raketen zunehmend verwischt.

NATO-Befehlshaber sagen, um sich auf einen möglichen Konflikt vorzubereiten – und ihn hoffentlich durch Abschreckung zu verhindern -, muss ein rascher Ausbau der Kapazitäten für Angriffe auf Ziele im gegnerischen Hinterland erfolgen.

„Die Botschaft muss lauten: Begeht keine Dummheiten, denn wir können euch dafür bestrafen“, erklärt der Pole Nowak. „Doch um glaubwürdig zu sein, müssen wir diese Fähigkeiten auch tatsächlich haben.“

Ende der Übersetzung