Deutsche Medien haben recht begeistert über den Flug der Polaris-Dawn-Mission berichtet, die einige Rekorde aufgestellt hat, obwohl nicht einmal „echte“ Astronauten an Bord waren, sondern Weltraumtouristen. Aber was der Sinn der Mission war, wurde kaum behandelt. Daher fand ich den Artikel eines russischen Wissenschaftsjournalisten interessant, den die russische Nachrichtenagentur TASS veröffentlicht hat und den ich daher übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Beine drinnen, Arme draußen: Was macht den nicht-professionellen Weltraumspaziergang so bemerkenswert?

Michail Kotow über den ersten privaten Weltraumspaziergang und seine Besonderheiten.

Zwei Besatzungsmitglieder der Polaris-Dawn-Mission haben am 12. September den ersten privaten Weltraumspaziergang der Geschichte unternommen. Der Geschäftsmann Jared Isaacman und die Ingenieurin Sarah Gillis, die Raumanzüge von SpaceX trugen, verließen nacheinander für jeweils mehrere Minuten teilweise das Raumschiff Crew Dragon.

Was bedeutet „teilweise“? Waren das als vollwertige Weltraumspaziergänge oder Weltraumtourismus? Wird dieses Ereignis Auswirkungen auf die weltweite Raumfahrtindustrie haben und wie haben sich die modernisierten Raumanzüge von SpaceX bewährt?

Alles ist schwierig

Im Prinzip lässt sich die Polaris-Dawn-Mission nicht so leicht eindeutig definieren. Einerseits ist das eine Art Weltraumtourismus, den Jared Isaacman, ein amerikanischer Milliardär, selbst bezahlt. Andererseits gehören zu den Zielen der Mission auch medizinische und technische Experimente. So sind beispielsweise die Besatzungsmitglieder Sarah Gillis und Anna Menon die leitenden Ingenieure für Weltraumoperationen bei SpaceX.

Auch Wohltätigkeit hat ihren Platz. Im Rahmen der Polaris-Dawn-Expedition sollen Spenden für das St. Jude Children’s Research Hospital in Memphis gesammelt und die Öffentlichkeit auf dessen Arbeit aufmerksam gemacht werden. Deshalb tragen die Besatzungsmitglieder Jacken mit Zeichnungen von Patienten des Krankenhauses.

Zusammenfassend denke ich, dass die Definition, die die Organisatoren selbst gegeben haben, das Wesentliche am besten wiedergibt: Polaris Dawn ist die erste kommerzielle Forschungsmission.

Ein Ort für Rekorde

Die Polaris-Dawn-Expedition hat bereits einen Weltraumrekord erzielt. Am 11. September, fast unmittelbar nach dem Start, entfernte sich das bemannte Raumschiff Crew Dragon 1.400 Kilometer von der Erde. Das war die höchste Flughöhe für bemannte Raumfahrzeuge seit dem Ende der Apollo-Missionen im Jahr 1972. Das Raumschiff drehte in diesem Orbit nur wenige Runden, um die Zeit zu verkürzen, in der es der kosmischen Strahlung ausgesetzt ist, vor der Astronauten in niedrigeren Höhen durch das Magnetfeld der Erde geschützt sind.

Die Besatzung war ungewollt an der Aufstellung eines weiteren Rekords beteiligt. Nachdem das russische bemannte Raumschiff Sojus MS-26 am 11. September eine dreiköpfige Besatzung, zwei Kosmonauten von Roskosmos und einen NASA-Astronauten für einen Wechsel, zur Internationalen Raumstation gebracht hatte, befanden sich zur gleichen Zeit 19 Menschen im Weltraum. Drei auf der chinesischen Orbitalstation Tiangong, zwölf auf der Internationalen Raumstation (darunter die beiden amerikanische Starliner CST-100-Astronauten, die nicht zur Erde zurückkehren konnten) und die vier Mitglieder der Polaris-Dawn-Mission.

Zu den Rekorden und Innovationen dieser Expedition gehört auch der erste Einsatz der neuen Version des SpaceX-Raumanzugs, der speziell für Weltraumspaziergänge entwickelt wurde.

Weltraumspaziergänge für jedermann?

Bevor man von der Internationalen Raumstation in den freien Weltraum gelangt, muss man spezielle Schleusen passieren. In ihnen legen die Astronauten die Raumanzüge an, werden auf den Druckabbau vorbereitet und (bei amerikanischen Raumanzügen) auf reinen Sauerstoff umgestellt. Nur in diesen Schleusen wird der Druck maximal reduziert, und es entsteht ein Vakuum.

SpaceX hat jedoch auf solche Schleusen verzichtet und sich für die einfachste Lösung entschieden, nämlich das gesamte Schiff luftleer zu machen und direkt von der Andockluke aus über ein speziell für diese Mission installiertes Geländer in den Weltraum zu gelangen. Solche Lösungen wurden bereits zu Beginn des Raumfahrtzeitalters verwendet. So kam zum Beispiel im Juni 1965 die Besatzung von Gemini 4 in den Weltraum.

Dabei entschied sich SpaceX aus Sicherheitsgründen anstelle eines vollständigen Ausstiegs der Besatzungsmitglieder in den Weltraum für den konservativsten Weg, denn die Arbeiten außerhalb des Raumschiffs wurden in Form eines „Stand-up“ durchgeführt. Dieser Begriff bezeichnet einen teilweisen Ausstieg aus dem Raumschiff, bei dem der Astronaut nur aus der Luke herausschaut, wie ein Küken aus dem Nest. Eine normale Außenbordtätigkeit wird EVA (Extravehicular activity) genannt, aber dieser Teilausstieg heißt SEVA (stand-up EVA).

Am 12. September blickten zwei Menschen in den Weltraum hinaus. Zuerst der Kommandant der Besatzung, Jared Isaacman, und dann Sarah Gillis. Jeder bekam acht Minuten Weltraum, in denen sich die Astronauten an den Handläufen festhielten, ähnlich wie Menschen, die sich nicht entscheiden können, von einer Holzbrücke ins kalte Wasser zu springen. Insgesamt dauerten diese Weltraumspaziergänge (zusammen mit den Vorbereitungen) etwas mehr als 100 Minuten.

Werbepause im Weltraum

Interessant ist, dass die SpaceX-Raumanzüge, wenn man die Körperhaltung der Astronauten betrachtet, noch nicht für den freien Weltraum geeignet sind. Der Innendruck und das Fehlen spezieller Scharniere machten sie zu gut aufgeblasenen Bällen und zwangen sie, ihre Arme die ganze Zeit in einer unnatürlichen Haltung zu halten. Besonders deutlich wurde das bei Jared Isaacman, der seinen linken Arm ständig zu sich selbst gedreht hielt.

Ich denke also, dass SpaceX ein wenig gelogen hat, denn es ist unwahrscheinlich, dass man die Raumanzüge schon als vollwertige Geräte für die Arbeit im Weltraum bezeichnen kann. Der russische Orlan-MKS, die amerikanische Extravehicular Mobility Unit (EMU) und der chinesische Feitian sind sehr komplexe technische Geräte, die Millionen von Dollar kosten. Bei den Amerikanern übersteigen die Kosten für einen Raumanzug 100 Millionen Dollar.

Es gibt einen treffenden Ausdruck: Ein Raumanzug für den freien Weltraum ist ein Mini-Raumschiff. Er verfügt über ein eigenes Lebenserhaltungssystem, ein Sauerstoffregenerierungssystem, ein Kühlsystem, ein Kommunikationssystem mit dem Schiff und viele andere Dinge. Und die meisten dieser Systeme sind für den Fall eines Ausfalls sogar gedoppelt. Ja, die Raumanzüge sind groß, wiegen mehr als 100 Kilogramm und kosten so viel wie eine gusseiserne Brücke, aber sie ermöglichen es den Astronauten, bis zu neun Stunden im Weltraum zu arbeiten, ohne einen Schlauch mit Sauerstoffversorgung. Also eben zum Arbeiten, um einfach nur auszusteigen.

All das kann der aktuelle Raumanzug von SpaceX anscheinend nicht. Selbst das interne Kühlsystem ist bei ihm nur durch eine Erhöhung der Sauerstoffzufuhr. Übrigens bietet diese Lösung nach Ansicht von Experten keine ausreichende Kühlung bei einem echten Einsatz. Allerdings fand der Ausstieg am 12. September im Schatten der Erde statt, so dass sich die Frage der Kühlung im praktischen Einsatz nicht stellte.

Wozu wurde das alles gemacht? Ich denke, hauptsächlich, um die Fähigkeiten von SpaceX beim Bau von Raumanzügen zu demonstrieren. Zurzeit setzt die NASA gerade den stark verzögerten Übergang von der alten Art von Raumanzügen für den offenen Weltraum fort, und der Auftrag für die Entwicklung dieses Anzugs liegt bei weit über einer Milliarde Dollar. Trotz der Schwachstellen hat SpaceX ein sehr starkes Argument, sich als Hauptentwickler anzubieten.

Bewegung, aber kein Fortschritt

Welche Auswirkungen wird die Polaris-Dawn-Mission letztendlich auf die globale Raumfahrt haben? Zweifellos ist sie ein Schritt nach vorn und eine sehr gute Präsentation dessen, was die moderne private, kommerzielle, bemannte Raumfahrt leisten kann. Orbitalflüge mit einer Flughöhe von 1.400 Kilometern, sichere Weltraumspaziergänge, wenn auch nach Modellen, die vor einem halben Jahrhundert erprobt wurden. All das ist auf die eine oder andere Weise eine große Leistung.

Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass sie einen großen Einfluss auf den Weltraumtourismus oder die Raumfahrt insgesamt haben werden, zumindest nicht direkt. Wir sollten keine große Schlange von Touristen erwarten, die bereit sind, 50 Millionen Dollar für ein paar Tage im Orbit zu zahlen.

Und das ist auch nicht die Mission von Elon Musk. Für ihn ist Polaris Dawn eine Möglichkeit, die Fähigkeiten von Crew Dragon, neue Raumanzüge, die Nutzung des Starlink-Systems für die Weltraumkommunikation und vieles mehr zu testen. Und wenn es möglich ist, das mit kommerziellen Missionen und Wohltätigkeit zu verbinden, ist das ein zusätzliches Plus, kein Minus.

Es macht keinen Sinn, solche Flüge mit der Arbeit von professionellen Kosmonauten im Orbit zu vergleichen, die jahrelang trainiert haben, neun Stunden im Weltraum arbeiten und ein Jahr lang ohne Unterbrechung im Orbit leben können. Das sind zu unterschiedliche Welten.

Ende der Übersetzung