Die Lage in Donezk ist seit zehn Jahren prekär und seit zehn Jahren ist dort Krieg. Das hat den Spiegel jedoch nie interessiert, denn über das Schicksal der Menschen in Donezk, die seit 2014 von der ukrainischen Armee beschossen werden, hat der Spiegel praktisch nicht berichtet. Vor allem hat der Spiegel immer verschwiegen, was die Gründe für die Probleme in Donezk sind.

„Im Donbass protestiert die Bevölkerung“

Nun hat der Spiegel die Probleme in Donezk für sich entdeckt und einen Artikel mit der Überschrift „Gefährlicher Notstand – Im Donbass protestiert die Bevölkerung gegen die russischen Besatzer, wegen Wassermangels“ veröffentlicht. Dass es in Donezk Probleme mit dem Wasser gibt, ist nicht neu, denn in Donezk gibt es seit Anfang 2022 fast kein fließend Wasser, weil die Ukraine damals das Wasserwerk von Donezk zerbombt hat. Das erfährt der Spiegel-Leser aber natürlich nicht.

Der Grund, warum Spiegel-Redaktuerin Ann-Dorit Boy, die seit 2022 eine radikalsten anti-russischen Propagandisten des Spiegel ist, nun darüber berichtet, ist ein anderer. Sie schreibt:

„Ein paar Dutzend Anwohner, darunter viele ältere Frauen, stellten sich am vergangenen Mittwoch auf einen Zebrastreifen und blockierten die breite Kirowstraße. Sie forderten von der russischen Verwaltung sauberes fließendes Wasser, wenigstens für ein paar Stunden am Tag.“

Wie halten fest: Für den Spiegel ist es ein Grund, einen recht langen Artikel zu schreiben, wenn ein „paar Dutzend“ Menschen in einer Stadt mit hunderttausenden Einwohner protestieren. Das gilt aber nur, wenn es gegen Russland geht, denn wenn in Deutschland beispielsweise, wie vor einigen Wochen, viele tausend Menschen gegen den amerikanischen Stützpunkt Ramstein protestieren, dann berichtet der Spiegel darüber kein Wort.

Aber „ein paar Dutzend“ protestierende Anwohner in Donezk sind dem Spiegel einen langen Artikel wert, der in der Überschrift behauptet, im „Donbass protestiert die Bevölkerung gegen die russischen Besatzer“. Ich weiß nicht, was da in Donezk bei dem Protest los war, wie gesagt sind „ein paar Dutzend“ Menschen, die irgendwo protestieren, keine interessante Meldung, aber wer Donezk kennt, kann sich seinen Teil denken, denn die Proteste fanden demnach im Stadtteil Kirow statt.

Übrigens weiß auch Spiegel Redakteurin Boy nicht, was in Donezk wirklich los war, denn sie beruft sich für ihren langen Artikel auf ein 40 Sekunden langes Video, das ein Donezker Telegram-Kanal schon am 24. Juli von dem Protest gepostet hat. Sie hat also keine eigenen Informationen, sondern nur ein Video von Telegram, was ihr aber den langen Artikel wert war. Daran sieht man, wie händeringend die westlichen Propagandisten nach Material für ihre anti-russischen Artikel suchen müssen.

Kirow war einer der am schlimmsten von der Ukraine beschossenen Stadtteile. Wer dort nicht unbedingt hin musste, der vermied es jahrelang, dort hinzufahren. Die Menschen dort haben nach dem jahrelangen Beschuss kein gutes Wort für die Ukraine übrig, dass die dort gegen „die Besatzer“ protestiert haben sollen, ist schlicht Unsinn.

In Donezk gab es seit 2022 fast kein Wasser

Dass sie gegen die prekäre Wasserversorgung protestiert haben, ist möglich, denn nach Jahren, in denen die Menschen ihr Wasser in Kanistern in die Wohnungen schleppen mussten, wollen die Menschen natürlich endlich wieder Wasser aus der Leitung. Der besagte Telegram-Kanal, der anscheinend aus Donezk betrieben wird und den alltäglichen Problemen im Stadtteil Kirow gewidmet ist, berichtet viel über Probleme mit der Wasserversorgung, der Müllabfuhr oder von schweren Verkehrsunfällen. Und er berichtet auch von ukrainischem Beschuss, was Frau Boy aber lieber nicht erwähnt hat.

Solche Telegram-Kanäle gibt es in Donezk für jeden Stadtteil und sie waren vor allem in den Jahren des ukrainischen Beschusses wichtig, weil sie die Menschen schnell vor Artilleriebeschuss, Blindgängern und von der Ukraine abgeworfenen Schmetterlingsminen gewarnt haben. Und diese Kanäle berichten eben auch über die Probleme des Alltags.

Ich habe im Sommer 2022 einen Monat in Donezk gelebt und kenne den Wassermangel aus eigener Erfahrung. In der Wohnung, in der ich gelebt habe, gab es kein Wasser und wir mussten uns mit Wasser waschen, das man in Donezk in großen Kanistern bei Ausgabestellen holen kann. Ich habe damals auch ein Video darüber veröffentlicht, in dem Alina Lipp und ich die Sache mit Humor gezeigt haben, obwohl es kein Spaß ist, so zu leben.

In Donezk gab es sogar T-Shirts zu kaufen, auf denen in einem russischen Wortspiel zu lesen war „Ich habe mich aus Eimern gewaschen“, wobei das Wortspiel darin besteht, dass man es auch als „wir“ anstatt „ich“ lesen kann, womit angedeutet wird, dass das Leben in Donezk eben für alle so ist. Den Humor, das habe ich damals dort erlebt, konnte der Krieg den Menschen trotz allem nicht nehmen.

Der Grund für die Probleme war wie gesagt, dass die Ukraine Anfang 2022 das Donezker Wasserwerk zerbombt hat. Das erfährt der Spiegel-Leser hingegen nicht, stattdessen heißt es in dem Spiegel-Artikel lediglich:

„Nach Informationen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) wurde das zentrale Wassersystem, das die Gemeinden in der gesamten Region Donezk versorgte, Anfang 2022 beschädigt und stellte seinen Betrieb ein.“

Russland hat zwar in aller Eile eine dicke Wasserpipeline von Rostov über die knapp 200 Kilometer nach Donezk verlegt, deren schnell voranschreitende Bauarbeiten ich bei jeder Fahrt nach Donezk beobachten konnte, weil sie nahe der Landstraße verlegt wurde, aber natürlich kann eine Wasserpipeline keine Großstadt versorgen, sondern bestenfalls Linderung bringen.

Mariupol und die westliche Propaganda

Im Westen wird praktisch nicht darüber berichtet, wie schnell Mariupol wieder aufgebaut wird. Die Menschen im Westen glauben, Mariupol wäre noch immer eine Trümmerwüste. Das stimmt nicht, wovon ich mich bei meinem letzten Besuch im Donbass wieder überzeugen konnte, denn auf dem Weg nach Saporoschje sind wir auch durch Mariupol gefahren. Zwar sieht man an vielen Stellen noch Kriegsschäden, aber insgesamt ist die Stadt weitgehend wieder aufgebaut, überall sind hübsche Neubaugebiete und vor allem gute Straßen.

In Donezk, das habe ich vor einem Jahr erlebt, wurden sogar schon Witze darüber gemacht. Wenn das Internet mal wieder schwach war oder wenn man sein Wasser zum Waschen im Hotel mit dem Kanister von der Rezeption holen musste, waren die geflügelten Worte in Donezk schon vor einem Jahr „Donezk ist eben nicht Mariupol“, weil all das in Mariupol schon vor einem Jahr wieder repariert war, während der ukrainische Beschuss in Donezk alle Wiederinstandsetzungsarbeiten gestört hat.

In dem Spiegel-Artikel heißt es:

„Das Wasserproblem ist so gravierend, dass einige Bewohner der einst attraktiven Großstadt Donezk sich Wohnungen in anderen Teilen der Region kaufen, vor allem in Mariupol.“

In den Augen eines westlichen Lesers klingt das absurd, weil der ja glaubt, Mariupol wäre eine Trümmerwüste. Wie muss denn dann erst die Lage in Donezk sein, denkt sich der durchschnittliche Spiegel-Leser, wenn die Donezker nach Mariupol umziehen wollen?

Und Schuld an all dem sind laut Spiegel die „russischen Besatzer“. In dem Artikel kommt das Wort „Besatzer“ fünf Mal vor, damit der deutsche Leser auch wirklich nicht vergisst, was er denken soll. Im letzten Absatz des Artikels zitiert der Spiegel einen ukrainischen „Journalisten“, der seit zehn Jahren nicht mehr in Donezk war, aber für den Spiegel trotzdem eine tolle Quelle für die aktuelle Lage im Donbass ist:

„Der Journalist Ossytschenko bezweifelt, dass die Besatzer überhaupt ein Interesse daran haben, die Wasserversorgung dauerhaft sicherzustellen. Solange die Menschen in Donezk sich um ihr Überleben kümmern müssten, kämen sie nicht auf den Gedanken, andere Dinge an der russischen Herrschaft zu kritisieren, sagt Ossytschenko.“

Ich kann jedem nur empfehlen, mal nach Donezk zu fahren, um sich davon zu überzeugen, wie dreist der Spiegel und sein ukrainischer Propagandist, den der Spiegel als „Journalist“ bezeichnet, lügen. Ja, die Wasserversorgung ist dort ein Problem, aber ansonsten geht das Leben in der Stadt seinen normalen Gang. Restaurants und Cafés sind offen, in den Läden und Einkaufszentren kann man alles kaufen, der öffentliche Nahverkehr funktioniert und so weiter.

Gute Demo, böse Demo

Der Spiegel hat über all diese Probleme, die es in Donezk aufgrund des ukrainischen Beschusses gibt, nie berichtet. Erst recht nicht seit 2022, als die Ukraine die Donezker Wasserversorgung zerbombt hat. Aber nun war dem Spiegel das plötzlich einen Artikel wert, weil ein paar Leute protestiert haben.

Am Donnerstag findet in Berlin übrigens eine große Demo gegen die Politik de Bundesregierung statt. Ob und wie der Spiegel darüber wohl berichten wird, wenn zehntausende Menschen in Berlin gegen die Bundesregierung protestieren?