Der Skandal um den ehemaligen ukrainischen SS-Mann Jaroslaw Gunko, der bei Selenskys Besuch in Kanada im Jahre 2023 ins Parlament eingeladen wurde, um dort mit Applaus bedacht zu werden, hat in Kanada hohe Wellen geschlagen und ein Thema in die öffentliche Diskussion gebracht, das schon fast vergessen war: Die Tatsache, dass Kanada nach dem Zweiten Weltkrieg eine beliebte Zuflucht füri Nazi-Kriegsverbrecher gewesen ist.

Während deutsche Medien den Applaus für den ehemaligen ukrainischen SS-Soldaten im kanadischen Parlament verschämt verschwiegen oder bestenfalls in Nebensätzen abgehandelt haben, bleibt das Thema in Kanada aktuell, wo vor allem jüdische Organisationen seit Jahrzehnten dafür kämpfen, dass die Namen der in Kanada untergetauchten Nazis-Kriegsverbrecher endlich öffentlich gemacht werden. Der Druck auf die Trudeau-Regierung wächst, denn eine Liste mit den Namen der Nazis, die in Kanada Zuflucht gefunden haben, wurde von einer Kommission schon vor fast 40 Jahren erstellt, wird aber bis heute geheim gehalten.

Der Kanada-Korrespondent der russischen Nachrichtenagentur TASS hat in einem Artikel erklärt, warum die Trudeau-Regierung bei dem Thema mauert, und ich habe den Artikel übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Wen versteckt Trudeau? Warum sich die kanadische Regierung weigert, die Namen der Nazis zu veröffentlichen

Daniil Studnew, Leiter des TASS-Büros in Kanada, über die Lage der Nazi-Verbrecher, die in dem nordamerikanischen Land Zuflucht gefunden haben, und was das mit dem Konflikt in der Ukraine zu tun hat.

Die Regierung des liberalen kanadischen Premierministers Justin Trudeau hat sich gegen die Veröffentlichung der Namen der Naziverbrecher ausgesprochen, die sich im Land versteckt halten, weil sie befürchtet, dass das der Ukraine in ihrem laufenden Konflikt mit Russland schaden könnte, berichtete „The Globe and Mail“ letzte Woche. Der Zeitung zufolge haben Bundesministerien, darunter das Außen- und das Justizministerium, empfohlen, die Namen von 900 mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrechern nicht zu veröffentlichen, weil sie glauben, dass das „die russische Propaganda verstärken und der Ukraine schaden sowie die Sicherheit der überlebenden SS-Veteranen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Kanada niedergelassen haben, gefährden könnte.“

Die Deschênes-Liste

Dabei handelt es sich um die Veröffentlichung der Archive der Jules-Deschênes-Kommission, die 1986 und 1987 diejenigen untersuchte, die verdächtigt wurden, während des Zweiten Weltkriegs Kriegsverbrechen begangen zu haben und nach Kanada geflüchtet waren. Ein Großteil des Berichts, einschließlich der Listen der Kriegsverbrecher, wurde niemals veröffentlicht, und die Geschichte geriet für fast 40 Jahre in Vergessenheit.

Am 22. September 2023 jedoch, während der Rede des damaligen ukrainischen Präsidenten Wladimir Selensky (seine Amtszeit lief am 20. Mai 2024 ab) im kanadischen Parlament, begrüßten die Zuhörer den 98-jährigen ukrainischen Nationalisten Jaroslaw Gunko, der während des Zweiten Weltkriegs in der SS-Division „Galizien“ gedient hatte. Nach Bekanntwerden des Skandals gab die Regierung bekannt, dass der Nazi von Anthony Rota, dem Sprecher des Unterhauses, eingeladen worden war, ohne jemanden darüber zu informieren. Daraufhin zog der Politiker alle Konsequenzen und trat zurück, während Trudeau sich bei der Öffentlichkeit entschuldigte und versprach, dass die Regierung die Archive von Deschênes hinsichtlich der Veröffentlichung von Namenslisten der Nazis untersuchen würde.

Die Veröffentlichung der Namen der in Kanada ansässigen Nazis wird von kanadischen jüdischen Organisationen, der Regierung Israels, Russlands und Serbiens gefordert. Die Weigerung Ottawas wurde insbesondere vom russischen Botschafter in Kanada Oleg Stepanow verurteilt, der diese Entscheidung der Trudeau-Regierung in einem Gespräch mit mir als Schande bezeichnete.

„Unter dem Deckmantel falscher Argumente versucht das liberale Kabinett von Premierminister Justin Trudeau, in dem die [stellvertretende Premierministerin] Nazi-Banderowine Chrystia Freeland, die zweite Person in der Exekutive, die wichtigste Entscheidungsträgerin ist, diese beschämende Seite der kanadischen Geschichte weiterhin unter Verschluss zu halten“, so Stepanow. „Ich betone: Das ist peinlich für die herrschende Klasse, denn die Mehrheit der einfachen Kanadier verlangt, dass die Wahrheit ans Licht kommt, aber das wird nicht geschehen, weil Trudeau einen politischen Kurs verfolgt, der nach Geld und Hunderttausenden von Stimmen des neonazistischen Kanadisch-Ukrainischen Kongresses riecht“.

Dem russischen Botschafter zufolge fordert die Mehrheit der Kanadier, deren Vorfahren unter anderem „Waffenbrüder [des sowjetischen Volkes] im Kampf gegen den Nationalsozialismus waren“, von der Regierung die Offenlegung der Wahrheit; auch jüdische Organisationen verlangen das, ebenso wie einige Vertreter des antifaschistischen Teils der ukrainischen Gesellschaft. „Aber Trudeau reagiert mit Ablehnung. Diese Position ist schwach und politisch lächerlich, weil jeder die Wahrheit bereits kennt. Die Wahrheit ist, dass seinerzeit Hunderte, wenn nicht Tausende von Nazis und Kollaborateuren in Kanada Zuflucht gefunden haben. Das weiß mittlerweile jeder Kanadier, und das lässt sich nicht auslöschen, unabhängig davon, ob bestimmte Namen veröffentlicht werden oder nicht“, so Stepanow abschließend.

Die Gründe für die Ablehnung

Wie Leon Mitzner, Leiter der russischen Landsleutegruppe „Russisches Kanada“, mir mitteilte, wird die Trudeau-Regierung die Namen der in Kanada ansässigen Nazis mindestens bis zu den Parlamentswahlen 2025 nicht veröffentlichen, da das einen großen Skandal auslösen würde. „Ich glaube nicht, dass die derzeitige Regierung das jetzt tun wird. Die Veröffentlichung der Liste wird viele Menschen betreffen, es wird einen großen Skandal geben, der die kommenden Wahlen beeinflussen wird“, sagte Mitzner.

Mehrere meiner Quellen, die anonym bleiben wollten, brachten die Entscheidung Ottawas ebenfalls mit den bevorstehenden Wahlen und der großen ukrainischen Diaspora in Verbindung, die in den letzten zwei Jahren aufgrund des Konflikts in der Ukraine erheblich gewachsen ist. Deren Stimmen könnten einen erheblichen Einfluss auf den Ausgang der Wahlen haben. „Niemand will vor den Wahlen (die für Oktober 2025 angesetzt sind, Anm. d. Verf.) die Beziehungen zu dieser einflussreichen Gruppe von Kanadiern ruinieren. Außerdem geht es nicht nur um die Wahl, sondern auch um die Tatsache, dass viele der Nazis, die nach Kanada gezogen sind, aus der Ukraine stammen“, sagte einer meiner Gesprächspartner.

Eine andere Quelle ist der Ansicht, dass die Veröffentlichung aller Namen auf der Liste viele einflussreiche Personen in Kanada treffen würde, da ihre Verwandten darunter sein könnten. „Es reicht schon, sich an die stellvertretende Premierministerin Freeland zu erinnern, deren Großvater während des Krieges mit den Nazis kollaborierte“, sagte er.

„The Globe and Mail“ berichtete erstmals 2017 über diese Informationen und wies darauf hin, dass Michail Tschomjak während der deutschen Besatzung Polens die Zeitung Krakivski Visti („Krakauer Nachrichten“) in Krakau und dann in Wien herausgab, die, so „The Globe and Mail“, sowohl antisemitische Artikel als auch Artikel über die ukrainische Kultur veröffentlichte. Freeland selbst sagte öffentlich, dass die Familie ihres Großvaters gezwungen war, ihre Heimat zu verlassen und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Flüchtlinge nach Kanada zu ziehen. In ihrem Kommentar zu dem Zeitungsartikel antwortete sie nicht auf die Frage der Journalisten nach ihrem Verwandten, sondern sagte, dass es Russland sei, das angeblich „falsche Informationen“ über die Vergangenheit ihres Großvaters verbreite.

Auf die schwierigen Namen in den Deschênes-Archiven deutet meines Erachtens auch die Entscheidung der Winnipeg Art Gallery (Provinz Manitoba) vom Januar hin, alle Hinweise auf den ehemaligen Direktor der Galerie, Ferdinand Eckhardt (er hat sie von 1953 bis 1974 geleitet), wegen seiner angeblichen Verbindungen zu den Nazis zu löschen. Die derzeitige Leitung der Galerie ist der Ansicht, dass Eckhardt die Nazis in Deutschland in den 1930er Jahren aktiv unterstützte, er zog er in den 1950ern nach Kanada. Wab Kinew, der Premierminister von Manitoba, beschloss außerdem, den Erlass der regionalen Verwaltung von 1982, Eckhardt die höchste Auszeichnung der Provinz zu verleihen, zu widerrufen.

Es gibt auch diese Episode: Im Oktober 2023 entschuldigte sich das Büro der Generalgouverneurin von Kanada, Mary Simon, dafür, dass ein ehemaliges Mitglied der SS-Division „Galizien“, Peter Savarin, für den Order of Canada, die höchste zivile Auszeichnung des Landes, vorgesehen wurde. Savarin war damals ehemaliger Rektor der Universität von Alberta. Er wurde „für die Förderung des Multikulturalismus“ nominiert, erhielt die Auszeichnung aber nicht, da er 2017 verstarb.

Der Druck hält an

Nach dem Skandal um das Auftauchen des Nazis in den Mauern des kanadischen Parlaments wird das Thema wohl nicht mehr wie in den späten 1980er Jahren „unter den Teppich gekehrt“ werden. Laut Mitzner könnte die Liste auch in den kommenden Jahren noch veröffentlicht werden, da der öffentliche Druck auf die kanadische Regierung unvermindert anhält. „[Kanada] steht unter ständigem Druck sowohl von Seiten Israels als auch von lokalen jüdischen Organisationen. Die Situation könnte sich auch mit dem Amtsantritt von [Donald] Trump in den USA ändern „, meint Mitzner.

Ebenfalls unter dem Druck von Organisationen wie dem Friends of Simon Wiesenthal Center beschloss die kanadische ukrainische Gemeinde Anfang des Jahres, ein Denkmal für die SS-Division „Galizien“ auf einem Privatfriedhof in Oakville, Ontario, abzubauen. Im Oktober berichtete die Zeitung Ottawa Citizen, dass die kanadische Hauptstadt eine Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus einrichten wolle. Später stellte sich jedoch heraus, dass mehr als die Hälfte der 553 Namen auf der Liste der angegebenen Opfer Nazi-Kollaborateure waren. Nun ist die Regierung gezwungen, die Namen derer, die auf dem Denkmal verewigt werden sollen, zu überprüfen, und die Eröffnung des Denkmals wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Ende der Übersetzung