Teil 1: Das russische Gesundheitswesen
Im Westen wird der Eindruck vermittelt, Russland sei arm und es gäbe keinen Sozialstaat. Ich werde eine Serie von Artikeln veröffentlichen, in denen ich über verschiedene soziale Bereiche, wie Gesundheitsversorgung, Renten, Bildung und Kriminalität in Russland berichte.
Vor einer Woche habe ich bei Anti-Spiegel-TV mein Interview mit der Regierungschefin des russischen Gebietes Saporoschje veröffentlicht. In dem Interview hat sie viel über die Sozialprogramme gesprochen, die in Russland und speziell in Saporoschje umgesetzt werden. Dazu gab es sowohl in den Kommentaren zum Artikel als auch per Mail danach einige Fragen.
Daher habe ich beschlossen, in loser Folge einige Artikel über die verschiedenen Aspekte des russischen Sozialstaates zu veröffentlichen, weil anscheinend Interesse besteht, mehr darüber zu erfahren. Ich werde über das russische Gesundheitssystem, das Bildungssystem, Renten und vielleicht noch andere Themen schreiben.
Im Westen meint man, das Gesundheitssystem in Europa und den USA sei besser als in Russland, Medikamente seien erschwinglicher und Behandlungen besser, während in Russland die medizinische Versorgung schlecht sei. Diese Vorurteile sind weit verbreitet und dazu tragen auch die Geschichten russischer Auswanderer bei, die Russland vor 20 oder 30 Jahren verlassen haben. Damals lag Russland am Boden das Gesundheitssystem war da keine Ausnahme.
Das ist jedoch lange her und in Russland hat sich seitdem so ziemlich alles verändert. Vor allem das Gesundheitssystem in Russland ist in großen Schritten besser geworden und braucht den Vergleich mit Europa heute nicht mehr zu scheuen. Generell gilt, dass im Westen der Sozialstaat in den letzten 20 bis 30 Jahren sukzessive abgebaut wurde, während er in Russland vor allem in den letzten 15 bis 20 Jahren, als Russland nach den Jelzin-Jahren finanziell wieder zu Kräften kam aufgebaut und ständig verbessert wurde.
Kostenlose medizinische Versorgung
In der Sowjetunion wurde das gesamte Gesundheitssystem aus dem Staatshaushalt finanziert und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das System 1993 nach westlichem Vorbild auf ein Versicherungssystem umgestellt. Dieses System entwickelt sich in Russland erst seit etwa 30 Jahren, während es im Westen seit 70 oder mehr Jahren existiert.
Russland hat heute eine obligatorische Krankenversicherung, was bedeutet, dass jeder Mensch in Russland hat das Recht auf kostenlose medizinische Versorgung hat. Das ist sogar in Artikel 41 der russischen Verfassung verankert:
„(1) Jeder hat das Recht auf ärztliche Betreuung und ärztliche Hilfe. Die medizinische Betreuung in den staatlichen und kommunalen Einrichtungen des Gesundheitswesens wird den Bürgern unentgeltlich auf Kosten des jeweiligen Haushalts, der Versicherungsprämien und anderer Einkünfte gewährt.
(2) In der Russischen Föderation werden föderale Programme zum Schutz und zur Förderung der Volksgesundheit finanziert, Maßnahmen zur Entwicklung des staatlichen, kommunalen und privaten Gesundheitswesens ergriffen und Aktivitäten zur Förderung der menschlichen Gesundheit, der körperlichen Ertüchtigung und des Sports sowie des ökologischen und sanitär-epidemiologischen Wohlbefindens unterstützt.“
Die russische Krankenversicherung
In Russland gibt es zwar auch eine staatliche Krankenversicherung, aber im Gegensatz zu Deutschland und anderen westlichen Ländern, ist jeder, der legal in Russland lebt, krankenversichert, auch wenn er nicht in die Krankenversicherung einzahlt. Jeder bekommt kostenlos eine solche Versicherung.
Bekanntlich beträgt der allgemeine Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland 14,6 Prozent des Bruttolohns, der je zur Hälfte vom Arbeitgeber und vom Arbeitnehmer getragen wird. Außerdem gibt es noch den Zusatzbeitragssatz, den jede Krankenkasse selbst festlegt und der derzeit im Schnitt 1,7 Prozent des Bruttolohns beträgt und der ebenfalls je zur Hälfte vom Arbeitgeber und vom Arbeitnehmer getragen wird.
Damit sind wir schon beim ersten Unterschied zwischen Russland und Deutschland, denn in Russland zahlen die Arbeitgeber die Sozialabgaben alleine, den Arbeitnehmern werden keine Sozialabgaben vom Lohn abgezogen. In Russland liegt der Beitrag, den die Arbeitgeber für die Krankenversicherung an den Staat abführen, bei nur 5,1 Prozent.
Ähnlich wie heute auch in Deutschland deckt das staatliche Gesundheitssystem in Russland die Grundversorgung ab. In Deutschland kann man sich über private Zusatzversicherungen oder mit einer privaten Krankenversicherung eine bessere medizinische Behandlung “kaufen”.
Das ist in Russland ähnlich, wobei diese Zusatzversicherungen in der Regel Teil des Sozialpaketes von Arbeitgebern sind, die mit diesen Sozialpaketen für Arbeitnehmer attraktiver werden wollen. Die privaten Versicherungsunternehmen arbeiten dabei in der Regel mit bestimmten privaten Kliniken zusammen, zu denen sie ihre Kunden bei Bedarf schicken
Krankenhäuser statt Arztpraxen
In Russland gibt es, anders als in Deutschland, keine Arztpraxen. In Russland findet die medizinische Versorgung in Polikliniken und Krankenhäuser statt, wobei es sowohl staatliche als auch private Klinken gibt.
Bei Zahnärzten ist es ähnlich wie in Deutschland, es gibt sowohl kleinere Zahnarztpraxen als auch größere Zahnkliniken. Auch die zahnärztliche Grundversorgung ist in Russland von der staatlichen Versicherung abgedeckt. Wer jedoch mehr haben möchte, muss das – wie in Deutschland auch – selbst bezahlen oder eine Zusatzversicherung haben. Allerdings sind Zahnbehandlungen in Russland wesentlich günstiger als in Deutschland, eine Implantat bekommt man in Russland beispielsweise schon für etwa 400 Euro, während in Deutschland dafür 2.000 bis 3.000 Euro fällig werden.
In Notfällen, also wenn jemand in Lebensgefahr ist, wird der Patient ohne Vorlage der Versicherungspolice aufgenommen, um die Frage der Versicherung kümmert man sich dann später.
In Deutschland haben trotz der Krankenversicherungspflicht über 60.000 Menschen keine Krankenversicherung. Außerdem gibt es in Deutschland Menschen – meist sind das Rentner, Obdachlose und Selbständige -, die ihre Krankenversicherungsbeiträge nicht zahlen konnten. Denen kann die Krankenversicherung zwar nicht gekündigt werden, aber die Krankenkassen und Krankenversicherungen können ihnen die medizinischen Leistungen kürzen.
In den USA und Großbritannien ist die Lage noch viel schlimmer. In den USA haben viele Menschen keine Krankenversicherung und wer sich eine medizinische Behandlung nicht leisten kann, bekommt meist auch keine medizinische Hilfe, was in den USA zu zehntausenden Toten pro Jahr führt. In Großbritannien ist das Gesundheitswesen chronisch unterfinanziert und die Wartezeiten für Behandlungen oder Operationen können Monate betragen.
In Russland ist so etwas nicht möglich, weil jeder in Russland lebende Mensch automatisch krankenversichert ist und auch die maximalen Wartezeiten gesetzlich festgeschrieben sind.
Staatliche Programme in Russland
In Russland gibt es eine Reihe von staatlichen Programmen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung, die nicht Teil der staatlichen Krankenversicherung sind. Wer seltene Krankheiten hat, die mit teuren Medikamenten behandelt werden müssen, die das Budget der obligatorischen Krankenversicherung sprengen würden, bekommt bei speziellen staatlichen Fonds Hilfe.
Dabei handelt es sich um spezielle Projekte, die geschaffen wurden, um teure Medikamente für Patienten mit besonderen Bedürfnissen zur Verfügung zu stellen. Zum Beispiel gibt es das Programm für teure Nosologien. Dabei handelt es sich um ein Projekt zur bevorzugten ambulanten Versorgung von Patienten, die an zwölf seltenen und teuren Krankheiten leiden. Das Jahresbudget für dieses Projekt beträgt 670 Millionen Euro.
Ein weiteres Programm ist die medizinische Unterstützung durch den Fonds „Kreis der Güte“. Patienten, deren Behandlung mehrere Millionen Dollar kosten würde, erhalten diese kostenlos. Im vergangenen Jahr wurden beispielsweise allein für Kinder 1,3 Milliarden Euro bereitgestellt.
Ich habe so einen Fall auch in meinem Freundeskreis, wo eine Frau vor 15 Jahren eine sehr seltene Krankheit bekam, deren medikamentöse Behandlung eine Million Rubel (ca. 10.000 Euro) monatlich kosten würde. Ohne die Medikamente würde sie sterben und die Familie hatte sich bereits auf das Schlimmste eingestellt, aber dann kam ein Anruf von so einem staatlichen Fonds und die Frau wird seitdem von diesem Fonds mit den nötigen Medikamenten und Routineuntersuchungen versorgt.
Kurze Wartezeiten und billige Medikamente
In Russland beträgt die Wartezeit für Ultraschall-, Röntgen-, Mammographie- und andere Untersuchungen sowie für Termine bei Fachärzten (Kardiologen, Neurologen, Endokrinologen etc.) nicht mehr als 14 Arbeitstage. Das ist eine gesetzliche Verpflichtung, in der Praxis geht das jedoch schneller. In der Regel ruft man im Krankenhaus an und bekommt einen Termin schon in den nächsten Tagen.
Außerdem sind Medikamente in Russland viel billiger als in Deutschland. Nasivin bekommt man in Russland beispielsweise schon für 2,50 Euro, in Deutschland kostet es etwa 3,50 Euro. Besonders deutlich wird das jedoch bei rezeptpflichtigen Medikamenten. Ein Freund von mir nimmt ein Blutdruckmittel, das er in Russland für sechs Euro kauft. In Deutschland würde es 15 Euro kaufen, aber da es in Deutschland rezeptpflichtig ist, bezahlt man in Deutschland die Rezeptgebühr von fünf Euro. In Russland gibt es übrigens keine Rezeptgebühr, mein Freund ist nur zu faul, jeden Monat zum Arzt zu gehen und sich ein neues Rezept zu holen, weshalb er die sechs Euro monatlich aus eigener Tasche bezahlt.
Generell ist es in Russland leider so, dass man viele Medikamente selbst kaufen muss, aber dazu kommen wir gleich.
Lange Krankenhausaufenthalte
Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass russische Krankenhäuser Menschen wesentlich schneller und länger stationär behandeln, während westliche Krankenhäuser Patienten möglichst schnell entlassen, weil die Belegung der Krankenhausbetten so teuer ist, dass die Versicherungen darauf bestehen, Patienten möglichst schnell wieder nach Hause zu schicken.
In Russland ist das anders. Vor fünf Wochen ist eine über 80-jährige Bekannte von mir gestürzt und hat sich die Hüfte gebrochen. Sie hatte Glück, es war kein komplizierter Bruch. Sie wurde am nächsten Tag minimalinvasiv operiert und schon zwei Tage nach der Operation konnte sie wieder mit einem Rollator durch das Krankenhaus gehen. Trotzdem wurde sie erst jetzt aus dem Krankenhaus entlassen, sie war also über einen Monat dort unter ärztlicher Beobachtung, bis entlassen wurde.
Schwächen des russischen Gesundheitssystems
Tatsächlich liegt Russland bei der Entwicklung innovativer Medikamente oft noch hinter den westlichen Ländern zurück, da nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach dem Prinzip „alles kann aus dem Ausland importiert werden“ gelebt wurde.
Das änderte sich erst nach 2014, als die russische Regierung erkannte, dass der Westen einen Sanktionskrieg gegen Russland begann. Der russische Staat hat viel Geld in die Hand genommen, um eine eigene Pharmaindustrie aufzubauen, die nun auch Medikamente entwickelt. Vor allem aber kann die Pharmaindustrie praktisch den gesamten russischen Bedarf an Medikamenten decken.
Im Zuge der westlichen Sanktionen ab 2022 wurde auch der Verkauf vieler Medikamente an Russland eingestellt, aber die russische Regierung hat ein Gesetz erlassen, das den Patentschutz in solchen Fällen aufhebt und es der russischen Pharmaindustrie erlaubt, solche Medikamente selbst zu produzieren, weshalb es in der Praxis nur wenige Probleme mit Medikamenten gab.
Leider war die Liste der Krankheiten, für die eine preisgünstige oder kostenlose Versorgung mit Arzneimitteln möglich war, in Russland früher sehr eng gefasst, weshalb die Menschen viele Medikamente selbst bezahlen mussten. 2024 hat das Gesundheitsministerium die Liste der Patienten, die Anspruch auf kostenlose Medikamente haben, erweitert. Ebenfalls in diesem Jahr wurde eine Verordnung erlassen, die Mittel für den zusätzlichen Kauf von Medikamenten zur Bekämpfung verschiedener Krankheiten bereitstellt.
Russland ist groß
Während die medizinische Versorgung in den russischen Städten heute sehr gut ist, bleibt das Problem der medizinischen Versorgung in abgelegenen Regionen bestehen. Einerseits ist es nun einmal unmöglich, in Sibirien, wo manchmal hunderte Kilometer zwischen den Städten liegen, flächendeckend Krankenhäuser zu bauen, die die kleinen Dörfer versorgen. Das versucht die russische Regierung mit mobilen Ärzten zu lösen, die diese Dörfer möglichst wöchentlich besuchen.
Aber auch in abgelegenen Kleinstädten fernab der Millionenmetropolen mangelt es an qualifiziertem Personal, weil nicht viele Ärzte dort arbeiten wollen. Russland bemüht sich aber, die medizinische Versorgung zu verbessern. Derzeit werden Polikliniken und Krankenhäuser in kleinen Städten und Dörfern modernisiert. Außerdem wird das Programm „Semsky Doctor“ (Landarzt) umgesetzt, das den Mangel an qualifiziertem Personal in Kleinstädten und Dörfern verringern soll, indem Ärzten und Krankenschwestern hohe Prämien und kostenlose Eigentumswohnungen angeboten werden, wenn sie sich dort niederlassen.
Auch das russische Gesundheitssystem hat Vor- und Nachteile. Unbestreitbar und für jeden in Russland offensichtlich ist jedoch, dass das Niveau von Jahr zu Jahr steigt. Allein in diesem Jahr wurden mehr als 300 Millionen Euro für die Erhöhung der Gehälter des medizinischen Personals bereitgestellt.
Inzwischen kann der Westen sogar viel vom russischen System lernen, denn in Russland werden kreative Programme umgesetzt, um bestehende Probleme beispielsweise im ländlichen Bereich zu lösen, außerdem werden in Russland immer neue Krankenhäuser gebaut und alte modernisiert, während in Deutschland beispielsweise immer mehr Kliniken geschlossen werden, weil sie nicht rentabel sind.
In Russland ist es bei staatlichen Krankenhäusern unwichtig, ob sie rentabel sind, ihre Aufgabe ist es nicht, Gewinne zu machen, sondern den Menschen eine medizinische Versorgung sicherzustellen.
Und auch eine kostenlose Krankenversicherung für alle Menschen im Land ist etwas, wovon viele im Westen nur träumen können.
Trotz aller Probleme, die es in einigen Bereichen noch geben mag, kann man beobachten, wie der russische Staat jedes Jahr mehr alte Probleme löst und die medizinische Versorgung mit großen Schritten immer weiter verbessert.
Kommentare werden geladen...