Leben in Russland

Flüge zwischen Moskau und St. Petersburg gehen im S-Bahn-Takt

Wer von Petersburg nach Moskau oder umgekehrt will, findet im Schnitt alle 15 Minuten einen Flug.

Ich fliege fast wöchentlich von Petersburg nach Moskau und natürlich weiß ich, dass es jede Stunde mehrere Flüge gibt. Aber dass die Flüge so häufig gehen, wie S-Bahnen in deutschen Großstädten, war mir nicht bewusst. Darauf bin ich erst durch einen Artikel bei RT-DE gekommen, der berichtet hat, dass die Zahl der Flüge in diesem Sommer um 38 Prozent auf durchschnittlich 83 Verbindungen pro Tag oder insgesamt auf mehr als 20.000 von Juni bis Ende September steigen soll.

Wenn man von Petersburg fliegt, dann bemerkt man, dass es auch so schon mehrere Flüge pro Stunde nach Moskau gibt, denn im Gegensatz zu Moskau, wo es drei große Flughäfen gibt, auf die sich die Flüge verteilen, hat Petersburg nur einen Flughafen. Man muss auf dem Weg nach Moskau also immer genau auf die Hinweistafeln schauen, damit man seinen eigenen Flug nicht mit einem anderen verwechselt und zum falschen Gate geht.

Da die Russen ein unglaublich reisefreudiges Volk sind, wird die Zahl der Flüge von Moskau nach Petersburg in diesem Sommer stark erhöht, weil Europa als Reiseziel weitgehend ausfällt und die Russen begonnen haben, ihr eigenes Land zu erkunden. Der Tourismus in Russland profitiert von den Sanktionen enorm und Petersburg ist eine unglaublich sehenswerte Stadt, die in den Sommermonaten ohnehin von vielen Russen besucht wird. Die Zahl der Touristen dürfte diesen Sommer noch einmal stark steigen.

Um von Petersburg nach Moskau zu kommen, hat man mehrere Möglichkeiten, denn außer dem Flugzeug gibt es auch den ICE. Ja, Sie haben richtig gelesen, Russland hat vor Jahren den ICE gekauft, der in Russland unter dem Namen „Sapsan“ unterwegs ist. Wegen der Sanktionen, die auch die Wartung des ICE betreffen, wird Russland aber demnächst seinen eigenen Schnellzug auf den Markt bringen und die deutschen Züge dann von der Strecke nehmen.

Die Reisezeit von Flugzeug und ICE ist übrigens fast identisch, wenn man „von Haustür zu Haustür“ rechnet. Mit dem Flugzeug ist man zwar nur anderthalb Stunden unterwegs, aber man muss die Fahrt zum Flughafen, wo man auch noch mindestens eine Stunde vor Abflug ankommen sollte, mit einrechnen. Der ICE braucht dreieinhalb Stunden, was damit am Ende „von Haustür zu Haustür“ ungefähr auf das gleiche herauskommt.

Oder man gönnt sich „Zugromantik“ und nimmt einen Nachtzug, der auf dem Weg an jeder Gießkanne hält und daher die ganze Nacht unterwegs ist, womit man einen Vorgeschmack auf eine Tour mit der transsibirischen Eisenbahn bekommen kann, weil die Züge die gleichen sind.

Man kann auch mit dem Auto fahren, denn vor einigen Jahren wurde eine komplett neue Autobahn zwischen Moskau und Petersburg eröffnet, auf der man die knapp 700 Kilometer in sechs Stunden schaffen kann, wenn man auf Pausen verzichtet.


Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

11 Antworten

  1. Also aus meiner Sicht ist der Vergleich mit dem S-Bahn Takt in Deutschland, eine Beleidigung für die russische Fluglogistik.
    Ich habe in Berlin ein paar Jahre gelebt, wohne derzeit in Köln, und bin öfters in Stuttgart. Überall kommt es andauernd zu Verspätungen, Ausfällen…diese Woche sind drei S- Bahnen nacheinander auf meiner Strecke innerhalb von Köln ausgefallen…
    Die häufigsten Begründungen/Ursachen: Streik, „Es befinden sich Personen in den Gleisen“, technischer Defekt, Weichenstörung etc.
    Alles in allem ist das ÖPNV als auch das IC-System alles andere als zuverlässig.

  2. Siemens und Alsthom haben schon die Sowjetischen Eisenbahnen geliefert und wurden nach Ende der SU zu Hoflieferanten der Russischen Eisenbahnen. Das letzte große Geschäft war die Lieferung tausender neuer Metrowagen für Moskau, das dann aber den Maidan-Sanktionen zum Opfer fiel. Die Russen haben statt dessen selber einen neuen Metrozug entwickelt, den Typ Moskva.

    Siemens hat also ICE-3 an Rußland verkauft und wartet sie nun nicht, trotz Wartungsvertrag, was bei so modernen, komplizierten Zügen (die sich dazu als von minderer Qualität und störanfällig erwiesen haben) ein Problem ist.

    Auch den chinesischen Markt hat Siemens weitgehend verloren, wegen der Problematik mit den Lizenzbedingungen und Sanktionen. Die Lokomotiven „Harmonie“ und die Züge „Erneuerung“ für 420 km/h sind die Folge, Neuentwicklungen mit eigener, chinesischer Technik.

    Nicht zuletzt dank der EU-Sanktionen baut CRRC, China, heute die Hälfte aller Schienenfahrzeuge weltweit, und Transmasch, Rußland, deckt inzwischen nicht nur den Eigenbedarf, sondern ist auch zu einem bedeutenden Exporteur geworden.

    Bei jeder EU-Sanktionsrunde knallen irgendwo die Krimsektkorken.

    1. Der Siemens CEO hat stolz verkündet, daß Siemens sich nach über 100 Jahren komplett aus Russland zurückziehen wird. Ich denke wenn sie so weiter machen, wird Siemens wird sich bald aus allen Ländern dieser Welt zurückziehen bzw. zurückgezogen werden. Globalist befiehl, wir folgen dir!

      1. Siemens Mobility, die Schienensparte, will Siemens inzwischen loswerden, da unrentabel geworden. Siemens hat zwar noch den Firmensitz in München, gehört aber überwiegend internationalen Anlegern, darunter BlackRock. Denen gehört irgendwie alles, was früher „die Deutschland-AG“ genannt wurde. Und Siemens schafft es, mit immer weniger Sortiment, Umsatz und Mitarbeitern immer höhere Gewinne zu machen. Schön für Siemens, aber so etwas ist der Grund dafür, daß das „System EU“ immer weniger funktioniert.

    2. Für die Russen waren die Sanktionen ein Segen. Sie entschlossen sich ihr riesiges Potenzial auszuschöpfen und Autarkie zu erreichen. Alles produzieren sie selber, Energie günstig und verfügbar

  3. „Flüge im 15-Minuten-Takt! Russland ist ganz alleine für den natürlich nur durch menschengemachtes CO2 verursachten Klimawandel verantwortlich! Das ist ein unprovozierter, brutaler Akt des Krieges gegen die NATO! Wenn wir nicht sofort Russland vernichten, werden wir alle verbrennen!“
    — NATO-Propaganda

  4. Die Nachtzüge halten nicht an jeder Milchkanne, die fahren einfach langsam und deren Halte dauern bis zu 30min, damit die Leute Zeit haben ihr Bett zu machen. Es gibt für jeden Wagon einen eigenen Zugbegleiter! Und die Züge sind trotzdem überpünktlich, so das sie in der Peripherie von Petersburg auf die Einfahrt warten müssen.

    Das ist das ursprüngliche Reisen in Russland, muss man mal erlebt haben. Aber bitte im 2er oder 4er Abteil…

    Interessant wäre noch ein Preisvergleich. Der Nachtzug lag vor 3 Jahren bei unter 100€ für ein Bett im 4er-Abteil. Hin- und Rückfahrt.

    Der Sapsan war deutlich teurer, aber halt auch deutlich schneller.

    Die Autobahn ist keine Autobahn, sowas gibt es in Russland nicht. Das sind mehr oder weniger gut ausgebaute Landstraßen.
    Und die neue ‚Autobahn‘ kostet ganz ordentlich.

    Der ganze Vergleich hinkt auch ein wenig, die Strecke Moskwa-Peter ist die absolute Vorzeigestrecke.
    Einfach mal Moskau Richtung Süden oder Osten verlassen, da sieht die (russische) Welt ganz anders aus.
    Wenn auch definitiv auf dem aufsteigenden Ast…

    1. Du warst offenbar schon einige Jahre nicht mehr in Russland unterwegs. Es sind Autobahnen, teilweise fünfspurig in jede Richtung. Und nicht nur die „Vorzeigestrecke“. Wann bist Du das letzte Mal aus Moskau Richtung Süden oder Osten gefahren? Muss lange her sein.
      Nach Süden fahre ich oft, die Autobahn ist fast bis zur Krim (also weit über 1.000 Kilometer) komplett ausgebaut und fertig. Ein letztes Teilstück zur Krimbrücke fehlt noch, auf der Krim ist dann auch wieder Autobahn.

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