Der russische Thinktank „Rat für Außen- und Sicherheitspolitik“ ist eines der wichtigen Expertengremien, die sich in Russland mit Außenpolitik befassen. Der russische Außenminister Lawrow ist regelmäßiger Gast bei deren Veranstaltungen. Auf der letzten Veranstaltung hat Lawrow vor einigen Tagen eine Grundsatzrede über die Ausrichtung der russischen Außenpolitik nach der Wiederwahl von Präsident Putin gehalten.

Ich habe die Rede komplett übersetzt, obwohl sie vielen deutschen Lesern langatmig erscheinen mag. Der Grund dafür ist, dass Lawrow erklärt, mit welchen internationalen Organisationen Russland auf eine engere Zusammenarbeit setzt und viele der Organisationen sind in Deutschland kaum bekannt. Das liegt daran, dass deutsche Medien fast gar nicht über das berichten, was außerhalb der vom Westen kontrollierten internationalen Organisationen wie beispielsweise der G7 oder der OSZE passiert und was diese nicht-westlichen Organisationen eigentlich sind.

Dass die deutschen Medien darüber praktisch nicht berichten, hat einen einfachen Grund: Die nicht-westlichen internationalen Organisationen haben zu den zentralen Themen der internationalen Politik (Ukraine, Naher Osten, etc.) eine komplett andere Meinung als der Westen. Würden die deutschen Medien darüber in der gebotenen Ausführlichkeit berichten, würden sie die von ihnen geschaffene Illusion zerstören, dass die Mehrheit der Welt die Positionen des Westens teilt und unterstützt.

Lawrow beginnt seine Rede mit der Ukraine und den Beziehungen zum Westen, kommt danach aber schnell zu den anderen Themen. Das zeigt, dass Russland längst andere Prioritäten setzt und den Westen zwar keineswegs unterschätzt, aber ihn eben auch nicht mehr als entscheidend für die künftige Entwicklung der Weltordnung ansieht. Russland setzt klar auf die Mehrheit der Welt, also die Mehrheit der Staaten des „Globalen Südens) in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Damit sich die Leser ein eigenes Bild der Ziele der russischen Außenpolitik machen können, kommen wir nun zur Übersetzung von Lawrows Rede.

Beginn der Übersetzung:

Ich freue mich, wieder an der Versammlung des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik teilnehmen zu können. Ich möchte den Präsidenten dieses verehrten Gremiums bitten, nicht überrascht zu sein, dass ich mich bemühe, jedes Jahr zu kommen. Es ist keine Pflicht, sondern ein Vergnügen, „die Uhren zu vergleichen“, über die Ausrichtung unserer Gedanken zu sprechen und die Ideen anzuhören, die in unserer Expertengesellschaft, insbesondere im Rahmen des Rates, ständig entstehen.

Wir stehen am Beginn eines neuen innenpolitischen Kreislaufs, der auf den Ergebnissen der Präsidentschaftswahlen beruht. Unser Volk hat Präsident Wladimir Putin erneut großes Vertrauen in und seinen Kurs, auch in der Außenpolitik, ausgesprochen. Das ist natürlich eine große Verpflichtung für unser Ministerium. Wir arbeiten an den notwendigen Schritten zur weiteren Umsetzung der im März 2023 verabschiedeten Neufassung der Konzeption der russischen Außenpolitik. Dabei möchte ich aber gleich betonen, dass die Kontinuität des außenpolitischen Kurses unseres Landes, einschließlich der wichtigsten Ziele, Aufgaben und Prioritäten, gewährleistet sein wird. Die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, sind schwierig. Das braucht man nicht zu erläutern.

Der US-geführte Westen hält an seinem offiziell verkündeten Ziel fest, Russland auch doktrinär eine „strategische Niederlage“ beizubringen. Damit ist aber nicht nur eine militärische Niederlage gemeint. Die bloße Existenz unseres Landes wird von vielen der aggressivsten Russophoben als Bedrohung für die Weltherrschaft der „goldenen Milliarde“ unter Führung Washingtons empfunden. Wir beobachten natürlich, wie alle hier Anwesenden, was die Think-Tanks im Westen treiben, wie sie verschiedene Varianten ausarbeiten, um uns den größtmöglichen Schaden zuzufügen, wie sie die Lieferung aller neuen Waffentypen an Kiew fordern und bereits offiziell auf der Ebene von Regierungsmitgliedern die Erlaubnis erteilen, jeden Teil des russischen Territoriums anzugreifen. Zumindest heißt es, dass „Kiew darüber selbst entscheiden kann“. Die jüngsten Äußerungen in diesem Zusammenhang, auch die von US-Außenminister Blinken, sind hinlänglich bekannt. Diese Falken fordern natürlich auch ihre Regierungen auf, die Investitionen in den militärisch-industriellen Komplex zu erhöhen, eine Kriegswirtschaft zu schaffen und träumen von der „Dekolonisierung“ Russlands. Wenn man das in normalen Worten formuliert, ist das die Zerschlagung unseres Landes.

Es ist schwer zu verstehen, wer hier wen „antreibt“: die Politologen die Politiker oder umgekehrt. Vor kurzem, am 2. Mai dieses Jahres, fand im Londoner Chatham House eine Konferenz statt, die ausschließlich der Beschlagnahmung der im Westen eingefrorenen russischen Vermögenswerte gewidmet war. Die stellvertretende Premierministerin Kanadas Chrystia Freeland, gab dabei den Takt an. Sie war vorher Außenministerin und in dieser Funktion hatten wir mehrfach Gelegenheit, miteinander zu sprechen. Auf dieser Konferenz vertrat sie die These, dass die Beschlagnahmung des Geldes ein politisch und moralisch gerechtfertigter Schritt sei, der notwendig sei, um die Ukraine zu retten und die „regelbasierende Ordnung“ zu erhalten. Es sei wichtig, „einen Präzedenzfall zu schaffen, bei dem der Aggressor zahlt“.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch die Diskussion in der Jamestown Foundation am 25. April dieses Jahres erwähnen, die dem Thema des „Zerfalls Russlands“ gewidmet war und an der Aktivisten des „Forums der freien Völker Russlands“ teilnahmen, das offen von den USA unterstützt wird. Die Art und Weise, wie diese Diskussionen geführt werden, zeigt, dass die akute Phase der militärpolitischen Konfrontation mit dem Westen anhält und in vollem Gange ist.

Was die antirussische Rhetorik angeht, so stellen wir bei unseren europäischen Nachbarn einen besonderen Eifer fest. Jeder kennt die Äußerungen von Macron, Cameron, Borrell und anderen über einen unvermeidlichen „Krieg mit Russland“. Ich erinnere mich, dass Herr Trenin, der hier anwesend ist, in einem seiner Artikel geschrieben hat, dass Europa für uns für als Partner für eine Generation nicht aktuell ist. Dem muss ich zustimmen. Wir erleben das fast täglich. Für diese Prognose sprechen zugegebenermaßen viele Fakten und nicht nur unser Eindruck. Wir stimmen dieser Prognose zu.

Nach dem Scheitern der berüchtigten Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte begann der Westen eine neue, offensichtlich falsche These zu spinnen: „Putin wird nach der Ukraine nicht aufhören“. Noch vor Beginn der Militäroperation hieß es: Lasst uns die Ukraine so schnell wie möglich in die NATO aufnehmen, und Wladimir Putin wird es nicht wagen, seine Pläne mit dem Land zu verwirklichen. Man ging also davon aus, dass die Mitgliedschaft in der Allianz „heilig“ sei und Russland niemals versuchen würde, diese „heilige Sache“ anzugreifen. Jetzt ist die Rhetorik diametral entgegengesetzt: Sie sagen, dass Putin zuerst die Ukraine besiegen wird und danach die NATO angreifen wird. Deshalb müssten sich alle „bis an die Zähne bewaffnen“.

Es wurde ein Kurs zur Wiederherstellung der Zahl und Kampfbereitschaft der Armeen der europäischen Staaten und zur Umstellung der militärisch-industriellen Komplexe der NATO-Staaten auf den Kriegsmodus aufgenommen. Es wird über die Konturen eines europäischen Militärbündnisses mit nuklearer Komponente nachgedacht.

Vor allem Frankreich arbeitet hart daran. Macron hat kürzlich in einem Interview zugegeben, dass Paris und Berlin Russland immer als „wichtigste Bedrohung“ gesehen haben. Offensichtlich werden hier Anspielungen auf 1812 und 1941 gemacht; diese Hauptstädte haben diese Bedrohung immer gesehen.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte, die Allianz führe seit 2014 einen Krieg gegen unser Land. In die gleiche Richtung geht die im April dieses Jahres verabschiedete Resolution des Europäischen Parlaments zu Russland, in der die europäischen Regierungen aufgefordert werden, „die Legitimität von Wladimir Putin nicht anzuerkennen und alle Kontakte mit ihm abzubrechen, außer in humanitären Fragen und bei der Wiederherstellung des Friedens in der Ukraine“. Übrigens haben 493 Abgeordnete für diesen Beschluss gestimmt, der – bei allen Vorbehalten gegenüber der Rolle des Europäischen Parlaments und seiner tatsächlichen Rolle in der Politik – die politische und rechtliche Wirklichkeit unserer Koexistenz mit der EU darstellt, 18 haben sich enthalten und 11 waren dagegen. Das sind recht aufschlussreiche Zahlen. Selbstverständlich berücksichtigen wir all diese Zahlen und andere Zwischentöne in unserer praktischen Strategie in Richtung Westen.

Wir werden uns natürlich weiterhin den Aufgaben widmen, die der Präsident uns gestellt hat, nicht nur in Bezug auf die Militäroperation, sondern auch in Bezug auf den Platz, den Russland in der Weltpolitik einnehmen sollte und zu Recht einnimmt.

In unserem Fall werden wir weiterhin diplomatische Mittel einsetzen, um die Bedingungen dafür zu schaffen, dass der Westen seine feindselige Politik aufgibt und auch zur Erreichung der erklärten Ziele der Militäroperation beitragen, was die oberste Priorität unserer Diplomatie sein wird.

Aber, wie Präsident Wladimir Putin gesagt hat, bleiben wir offen für den Dialog mit dem Westen, auch in Fragen der Sicherheit und der strategischen Stabilität. Das darf jedoch nicht aus Position der Stärke oder eigener Ausnahmestellung heraus geschehen, sondern nur auf Augenhöhe und unter Berücksichtigung der gegenseitigen Interessen. Der Dialog sollte das gesamte Spektrum der Probleme der strategischen Stabilität und der militärpolitischen Landschaft in der heutigen Welt umfassen.

Der Westen, vor allem die Amerikaner, greifen oft gerne einen Punkt aus der Gesamtheit der strategischen Stabilitätsprobleme heraus und sagen, Russland verweigere sich und deshalb sei unser Land nicht konstruktiv. Dieser Punkt war lange Zeit der Wunsch, unsere Nuklearanlagen wieder besuchen zu können. Gleichzeitig haben sie ihre Feindseligkeit aufrechterhalten, die in völligem Widerspruch zu den Prinzipien steht, auf denen der Vertrag über strategische Offensivwaffen, zu dem auch die gegenseitigen Inspektionen gehören, beruhte.

Bei aller Schärfe und medial erzeugten Öffentlichkeit der Erscheinungsformen der Konfrontation mit dem Westen beschränkt sich Russland in seinen Außenbeziehungen nicht auf eine bestimmte Richtung. Sonst wären wir keine Großmacht. In der aktuellen Situation ist es unausweichlich, dass wir eine Zusammenarbeit mit der weltweiten Mehrheit entwickeln, die ihre auf historischen Erinnerungen beruhenden und für beide Seiten vorteilhaften Beziehungen zu uns nicht den geopolitischen Abenteuern des Westens in der Ukraine opfern will.

Unsere Beziehungen zu den Ländern Asiens, Afrikas, des Nahen Ostens und Lateinamerikas in verschiedenen Formaten bleiben eine außenpolitische Priorität. Vieles verbindet uns mit der weltweiten Mehrheit, insbesondere die gemeinsame Vorstellung von einer künftigen multipolaren Welt und das Bekenntnis zu den Grundprinzipien zwischenstaatlicher Zusammenarbeit, einschließlich des Grundprinzips der souveränen Gleichheit der Staaten.

Vor kurzem besuchte Präsident Wladimir Putin China. Das war sein erster Auslandsbesuch seit seiner Wiederwahl. Die Verhandlungen mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und die Treffen mit anderen Vertretern der chinesischen Führung haben bestätigt, dass unsere Beziehungen der umfassenden Partnerschaft und strategischen Zusammenarbeit die traditionellen zwischenstaatlichen Bündnisse der Vergangenheit qualitativ übertreffen und weiterhin eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung der internationalen Sicherheit und der ausgewogenen Entwicklung der Welt spielen.

Ich habe Beiträge gelesen, die von einigen Mitgliedern des Rates vorbereitet werden, darunter Argumente darüber, was eine „echte Partnerschaft“ heutzutage ist, die im Interesse Russlands wäre. Dieses Thema kann und sollte konkret diskutiert werden. Wir sind bereit, die in den Beiträgen zum Ausdruck gebrachten Ideen über den Aufbau eines echten Bündnisses mit der Volksrepublik China zu diskutieren und zu erörtern.

Nach Einschätzung unserer Staatschefs sind die Beziehungen so eng und freundschaftlich, dass sie die klassischen Bündnisse der Vergangenheit qualitativ übertreffen. Sie spiegelt in vollem Umfang den Charakter der Beziehungen zwischen Russland und der Volksrepublik China wider, die sich in praktisch allen Bereichen verstärken.

Unsere Annäherung an China und andere nicht-westliche Länder erregt den unverhohlenen Zorn des ehemaligen Hegemons und seiner Satelliten. Es genügt zu sehen, wie die USA und ihre Handlanger mit allen Mitteln versuchen, die Länder der globalen Mehrheit von Kontakten mit Russland abzuhalten und sie in antirussische Initiativen zu verwickeln, wie etwa die Durchführung der „Friedenskonferenz zur Ukraine“ in der Schweiz. Auch darüber werden wir noch sprechen. Das Ziel ist ganz einfach: So viele Teilnehmer wie möglich zu versammeln und eine große Inszenierung zu schaffen, auf der verkündet werden kann, dass Selenskys „Friedensformel“ der einzige für alle akzeptable Lösungsplan ist, und Russland den in der nächsten Phase aufzuzwingen. Daraus wird kein Hehl gemacht. Selensky, Jermak und viele Vertreter der G7, die diese Konferenz gemeinsam mit der Ukraine initiiert haben, haben sich genau in diesem Sinne geäußert.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat gestern auf einer Pressekonferenz in Harbin über das Thema gesprochen. Wir beobachten mit Erstaunen, wie sich erwachsene Menschen mit blankem Unsinn beschäftigen. Das hat doch keine Zukunft. Ich glaube nicht, dass sie das nicht wissen. Es geht nicht um Frieden, es geht einzig und allein darum, möglichst viele Länder gegen Russland aufzubringen und darauf aufbauend weitere feindliche Schritte gegen Russland zu unternehmen. Alle unsere Partner im globalen Süden verstehen sehr gut, worum es geht. Über die Nuancen in der Position einzelner Länder der globalen Mehrheit können wir später noch ausführlicher sprechen.

Wenn der Westen an der „Formel“ von Selensky festhält und gleichzeitig die Lieferungen von Langstreckenwaffen an das Kiewer Regime intensiviert, dann ist das für uns ein klares Signal, dass der Westen nicht zu einem ernsthaften Dialog bereit ist. Das heißt, sie haben sich für eine Klärung der Beziehungen auf dem Schlachtfeld entschieden. Dazu sind wir bereit. Und zwar immer.

Aber wie dem auch sei, es besteht kein Zweifel daran, dass Russland seine Interessen in der Ukraine, im Westen und in Europa durchsetzen wird. Und das verstehen im Grunde praktisch alle ausländischen Kollegen, mit denen wir reden müssen. Ich weiß natürlich nicht, was in den Köpfen unserer westlichen „Kollegen“ vorgeht, die uns täglich mit neuen Enthüllungen überraschen. So hat die Ständige Vertreterin der USA bei den Vereinten Nationen, Linda Thomas-Greenfield, nach der Verabschiedung der Resolution des UN-Sicherheitsrates über einen Waffenstillstand im Gazastreifen, zumindest für die Dauer des heiligen Fastenmonats Ramadan, erklärt, dass diese Resolution nicht bindend sei.

Wir werden weiterhin methodisch und konsequent daran arbeiten, neue internationale Gleichgewichte, Mechanismen und Instrumente zu schaffen, die den Interessen Russlands und seiner Partner sowie der Wirklichkeit einer multipolaren Welt entsprechen. Ich habe kürzlich ein Interview mit Sergej Karaganow gelesen, in dem er ausführlich über die Notwendigkeit solcher Bemühungen gesprochen hat. Wir haben dazu einige Gedanken. Wir würden uns freuen, sie mit Ihnen zu teilen und Ihre Meinung zu hören.

Ich glaube, wir alle erkennen das völlige Scheitern des alten transatlantischen Sicherheitsmodells und den Kurs des Westens auf die „doppelte Abschreckung“ Russlands und Chinas. Fjodor Lukjanow bezeichnete die Position der USA und ihrer Verbündeten im Rahmen der indo-pazifischen Strategien als „Wiedergeburt der NATO in Asien“. Die transatlantische Sicherheit, ihr „Modell“ in der transatlantischen Umsetzung, wurde sowohl mit der OSZE als auch mit den Beziehungen zur NATO und zur EU, einschließlich des NATO-Russland-Rates und der Partnerschaft für den Frieden assoziiert.

Es ist klar, dass nichts von dem oben erwähnten – es gab viele Verträge und Abkommen, auch mit der EU über die vier gemeinsamen Bereiche und vieles mehr – auf der heutigen Tagesordnung erhalten geblieben ist. All das hat der Westlern selbst durchgestrichen, zerstört und zerrissen. Gleichzeitig hat der Westen, vertreten durch die NATO, seine Führungsrolle im indopazifischen Raum, wie sie den asiatisch-pazifischen Raum nennen, und vor allem in Südostasien erklärt. Die Allianz hat die Untrennbarkeit der Sicherheit im transatlantischen und im indopazifischen Raum verkündet. Dort werden Blöcke eingeführt, die aber eine Wiedergeburt der NATO sind. Es werden immer mehr Versuche unternommen. Es werden „Trios“, „Quartetts“, „AUKUS“ und andere gebildet. Nach dem Scheitern des transatlantischen Sicherheitsmodells im Westen unseres Kontinents, das einigen Politikern vor dreißig Jahren noch Hoffnung gemacht hatte, beschloss die US-geführte NATO, sich dem Südosten unseres Kontinents zuzuwenden und dort ihre eigene Ordnung zu etablieren.

Unter diese Umständen müssen wir darüber nachdenken, wie wir unsere Arbeit zur Frage der Sicherheit gestalten sollten. Präsident Wladimir Putin hat in seiner Rede vor der Föderalversammlung die Aufgabe gestellt, an der eurasischen Sicherheit zu arbeiten. Es ist klar, dass der Raum der GUS für uns absolute Priorität hat. Dies ist der Kern des nahen Auslands, in dem Russland besondere Interessen hat, ebenso wie unsere Nachbarn, Verbündeten und Partner.

Es liegt auf der Hand, dass unter den neuen geopolitischen Bedingungen zusätzliche Anstrengungen erforderlich sein werden, um das Potenzial der Eurasischen Wirtschaftsunion freizusetzen, sie enger mit Chinas „Seidenstraßen“-Initiative zu verknüpfen, der Arbeit der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit neuen Schwung zu verleihen und die Beziehungen zu den zentralasiatischen Fünf zu stärken, die sich als eigenständiges Integrationsprojekt formieren und denen sich viele führende Staaten, darunter alle wichtigen westlichen Länder, Russland, China, die Türkei und Indien, mit dem Vorschlag zuwenden, einen Dialog im Format „Zentralasien + 1“ zu entwickeln.

Natürlich gibt es auch den ASEAN. Er hat eine reiche, jahrzehntelange Geschichte der Bildung einer Philosophie und der Gewährleistung von Sicherheit auf Basis von Interessenausgleich. Die gesamte Struktur, die sich in diesen langen Jahrzehnten um ASEAN herum entwickelt hat, wird aber heute von den USA, Großbritannien und der EU angegriffen. Sie wollen sie durch Allianzen, durch Blöcke „kleinerer Konfiguration“ ersetzen. Die Arbeit in diesen Bereichen ist jedoch eine Fortsetzung der Bemühungen um den Aufbau einer größeren eurasischen Partnerschaft, wie Präsident Wladimir Putin es auf dem Russland-ASEAN-Gipfel 2015 formuliert hat.

Die eben erwähnte Große Eurasische Partnerschaft und die Beziehungen zwischen den Strukturen, die längst formalisiert sind und sich weiter entwickeln, können die materielle Grundlage für das Konzept der eurasischen Sicherheit werden, über das wir jetzt nachdenken müssen und worüber wir nicht schweigen dürfen. Sowohl die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit als auch die ASEAN haben Programme, die sich auf die eine oder andere Weise mit militärpolitischen Fragen befassen. Die spielen in ihrer Arbeit eine immer größere Rolle. Auch die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit unterhält formalisierte Beziehungen zur Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Auch die GUS hat militärpolitische Komponenten in ihren Aktivitäten, nämlich die Bekämpfung neuer Herausforderungen und Bedrohungen.

Das ist ein Denkanstoß. Natürlich würden wir diese eurasischen „Sprösslinge“ einer neuen Architektur, einer neuen Formation gerne unter einem gemeinsamen Dach vereinen.

In diesem Zusammenhang möchte ich die Initiative Kasachstans erwähnen, die Konferenz für Interaktion und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien in eine ständige Organisation umzuwandeln. In unseren Kontakten mit unseren kasachischen Freunden erläutern wir unsere Einschätzungen, dass die Ausrichtung des Prozesses der Umwandlung der Konferenz für Interaktion und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien in eine Organisation und ihre Fokussierung auf die Entwicklung eines eurasischen Sicherheitsmodells zumindest zu interessanten Gesprächen führen könnte.

Erinnern wir uns daran, dass China durch Xi Jinping ein Konzept für die Gewährleistung globaler Sicherheit vorgelegt hat, das auf der Logik der Unteilbarkeit der Sicherheit beruht, wonach kein Land seine Sicherheit auf Kosten der Sicherheit anderer Länder gewährleisten darf. Im Großen und Ganzen entspricht diese Logik auf globaler Ebene dem, was 1999 auf der OSZE-Konferenz in Istanbul und 2010 in Astana festgehalten wurde, als die Unteilbarkeit der Sicherheit als politische Verpflichtung für uns alle proklamiert wurde.

Sie wissen, was der Westen aus diesen Verpflichtungen gemacht hat. Er hat alles getan, um die von ihm eingegangenen Verpflichtungen zu ignorieren und zu untergraben und die Sicherheit Russlands auf Schritt und Tritt zu verletzen, einschließlich des Versuchs, unsere eigenen Verbündeten gegen uns aufzubringen. Auch das ist bekannte die Linie.

Dennoch wurde die Initiative des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping zur globalen Sicherheit während unseres Besuchs in China bei Treffen sowohl im Rahmen der Delegationen als auch bei kleineren Treffen und Einzelgesprächen zwischen den Staatschefs erörtert. Wir halten es für sehr sinnvoll, dass die praktische Förderung der Idee der Gewährleistung globaler Sicherheit mit der Schaffung der Grundlagen der eurasischen Sicherheit ohne transatlantischen „Anstrich“ beginnt. Natürlich bleibt Europa, aber was hinter dem Atlantik ist, ist nicht mehr unser Kontinent.

Ich weiß, dass das eine komplizierte Frage ist. Wir sind uns der Verbindungen zwischen den USA und ihren europäischen, ostasiatischen und pazifischen Verbündeten bewusst, es ist ein „Netz“ aller möglichen Bündnisse und Koalitionen, das Eurasien praktisch von allen Seiten durchzieht, auch unter Beteiligung europäischer und amerikanischer Vertreter. Aber es wäre falsch, die Sicherheit des eigenen Kontinents nicht selbst zu gewährleisten.

Deshalb wollen wir an diesen Prozesse arbeiten und versuchen, das mit einer Gruppe von Gleichgesinnten in Gang zu bringen. Ich denke dabei in erster Linie an die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und die anderen Strukturen, die ich im eurasischen Raum genannt habe. Gleichzeitig lassen wir die Tür für alle Länder und Strukturen auf unserem Kontinent, die einen Bezug zu Eurasien haben, offen, sich diesem Prozess anzuschließen.

Das ist umso wichtiger, da die Regionalisierung von Prozessen auf globaler Ebene auch in anderen Teilen der Welt zu beobachten ist. Die Länder und ihre Organisationen sind bestrebt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und nicht mehr von den „Launen“ derer abhängig zu sein, die alle Instrumente, Mechanismen, Modelle und Systeme der von den USA geschaffenen Globalisierung kontrollieren.

Wir beobachten solche Prozesse in Afrika, wo die afrikanischen Verbände und subregionalen Strukturen aktiver geworden sind. In Lateinamerika spürt die Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten mit der Rückkehr Brasiliens „neuen Wind“ und arbeitet sehr aktiv daran, die Risiken für ihre Wirtschafts-, Finanz- und Investitionsprojekte zu verringern, die sich aus den im globalen System zu beobachtenden Turbulenzen ergeben.

Wir sollten nicht vergessen, dass die Wiederbelebung des regionalen Lebens davon profitieren wird, wenn die Prozesse auf den verschiedenen Kontinenten in Einklang gebracht werden. Eine wichtige Rolle könnte dabei die BRICS spielen, deren Mitgliederzahl sich bereits verdoppelt hat. Etwa 30 Staaten stehen in der „Warteschlange“, um offizielle Beziehungen zu dieser Vereinigung aufzunehmen. In diesem Jahr konzentriert sich Russland als Vorsitzender der BRICS auf die Vorbereitung des Treffens der Minister in Nizhny Nowgorod im Juni und des Gipfels in Kasan im Oktober. Wir achten sehr darauf, dass die neuen Mitglieder so gut wie möglich in die gemeinsame Arbeit integriert werden. Die zweite Priorität, die sich unsere Staats- und Regierungschefs gesetzt haben, ist die Entwicklung von Kriterien für die Partnerländer der BRICS. Ich hoffe, dass auf dem Gipfeltreffen in Kasan im Herbst darüber gesprochen wird.

Ende der Übersetzung