Wie der Spiegel die Hölle von Gaza verharmlost
Im Gazastreifen findet ein Massaker an der Zivilbevölkerung statt. In knapp zwei Monaten Krieg sind anderthalb Mal so viele Zivilisten getötet worden, wie in 21 Monaten in der Ukraine. Ein Vergleich von Spiegel-Artikeln zeigt, wie die Propaganda des Spiegel funktioniert.
Der Gazastreifen ist ein recht kleines Gebiet von nur 360 Quadratkilometern. Das entspricht etwa der Fläche von Bremen, das 327 Quadratkilometer groß ist. Allerdings ist Gaza mit über zwei Millionen Menschen sehr dicht besiedelt. Die israelische Armee bombardiert das Gebiet hunderte Male pro Tag. Die Menschen dort sind eingeschlossen, sie können nirgendwo hin fliehen, sie sind von Lieferungen von Lebensmitteln, Wasser, Strom und Medikamenten abgeschnitten, denn die wenigen Hilfslieferungen, die es gegeben hat, haben nur wenige Prozent der benötigten Waren gebracht. Auch von der Außenwelt ist Gaza abgeschnitten, denn Telefon und Internet funktionieren fast nicht.
„Brutaler Angriffskrieg“
Bei den Bombardements der israelischen Armee sind in knapp zwei Monaten fast 16.000 Zivilisten gestorben, davon fast die Hälfte Kinder. Zum Vergleich sei an die Ukraine erinnert, in der Russland angeblich einen „brutalen Angriffskrieg“ führt. Dort sind nach offiziellen Angaben in 21 Monaten weniger als 10.000 Zivilisten gestorben, darunter weniger als 600 Kinder. Den israelischen Bomben sind in zwei Monaten anderthalb Mal so viele palästinensische Zivilisten zum Opfer, wie in der Ukraine auf beiden Seiten in 21 Monaten. In Gaza sind in zwei Monaten mehr als zehn Mal so viele Kinder Opfer des Krieges geworden, wie in der Ukraine in 21 Monaten.
Bei diesen Zahlen muss man sich wundern, dass die deutschen Medien bei ihren Berichten nicht von einem „brutalen Angriffskrieg“ Israels sprechen, das ganz offen einen Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung führt. Dass in Gaza schon 73 Journalisten den Angriffen der israelischen Armee zum Opfer gefallen sind, wird von deutschen Mainstream-Medien gar nicht thematisiert. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2022 sind weltweit 53 Journalisten bei ihrer Arbeit zu Tode gekommen.
Nun hat die israelische Armee gemeldet, dass sie ihre Bodenoffensive auch auf den Süden des Gazastreifens ausgedehnt hat, der bisher als sicher erklärt war und wohin die Menschen aus dem Norden des Gazastreifen sich laut Anweisungen der israelischen Armee evakuieren sollten. Sicher war der Süden zwar nicht, denn die israelische Armee hat auch dort Bomben abgeworfen, nun aber wird es dort noch gefährlicher für die Menschen.
Über den Angriff der israelischen Armee auf den Süden des Gazastreifens hat der Spiegel in einem Artikel mit der Überschrift „Krieg im Nahen Osten – Israel weitet Bodeneinsatz offenbar auf kompletten Gazastreifen aus“ berichtet, der mit folgender Einleitung begann:
„Die Angriffe in Gaza gehen weiter – und israelische Einheiten operieren dabei nach eigenen Angaben immer weiter südlich. Doch dorthin sind Hunderttausende Zivilisten geflohen.“
„Die Brutalität der Bombardierungen ist eine bewusste Strategie“
Als ich den Artikel gelesen habe, musste ich an März 2022 denken, als die Stadt Mariupol umkämpft war. Die Lage in Gaza ist ganz objektiv wesentlich schlimmer als sie in Mariupol gewesen ist. Die Zahl der Toten ist um ein Vielfaches höher. Aber als der Spiegel im März 2022 über Mariupol berichtet hat, lautete eine Überschrift beispielsweise „Kein Strom, kein Wasser, von der Außenwelt abgeschnitten – Die Hölle von Mariupol“ und der Spiegel-Artikel begann mit folgender Einleitung:
„Nach wochenlangem Beschuss durch Putins Truppen erlebt die ostukrainische Stadt eine humanitäre Katastrophe. Militärexperten sagen: »Die Brutalität der Bombardierungen ist eine bewusste Strategie.« Wie halten die Menschen das aus?“
Während der Spiegel bei Israels Vorgehen in Gaza schreibt, dass „israelische Einheiten operieren“, sprach der Spiegel beim Vorgehen Russlands in Mariupol davon, die „Brutalität der Bombardierungen“ sei „eine bewusste Strategie“.
Dabei ist ganz objektiv gesehen das Gegenteil der Fall. Ich war mehrmals in Mariupol, auch schon, als dort noch gekämpft wurde. Die Häuser dort waren ausgebrannte Ruinen, aber sie standen noch. Russland hat keine schweren Fliegerbomben eingesetzt, sondern die Stadt im Häuserkampf befreit. Die Menschen, die sich in den Kellern versteckt haben, sind durch die Hölle gegangen, aber sie haben überlebt.
In Gaza hingegen setzt die israelische Armee schwere Fliegerbomben ein und zerstört Schulen, Wohn- und Krankenhäuser, wobei die Menschen in den Kellern keine Überlebenschance haben. Im Falle Israels ist das tatsächlich eine „bewusste Strategie“, denn Israel hat mehrmals gefordert, Ägypten solle die Grenze aufmachen, damit die Palästinenser nach Ägypten gehen können. Israel verbreitet Angst und Terror in Gaza, um die Menschen zu vertreiben. Und wer glaubt ernsthaft, dass Israel die geflohenen Palästinenser nach einer israelischen Besetzung des Gazastreifens wieder zurückkehren lassen wird?
Propaganda im Spiegel
In seinem Artikel über Gaza verschweigt der Spiegel die Brutalität Israels nicht, aber sie wird dem Leser so schonend wie möglich vermittelt. Das klingt beispielsweise so:
„Der Sprecher des Uno-Kinderhilfswerks Unicef, James Elder, kritisierte die israelischen Angriffe während eines Besuchs im Süden des Gazastreifens scharf. Dort finde ein »Blutbad« statt, das »unmoralisch« sei und das mit »mit Sicherheit als illegal verstanden werden wird«, sagte Elder dem Nachrichtensender Al Jazeera. Wer das hinnehme, mache sich selbst schuldig.“
Der Spiegel vermeidet es, das israelische Vorgehen selbst zu bewerten. Stattdessen zitiert er jemanden und setzt die Aussagen in den Konjunktiv der indirekten Rede.
Der Spiegel-Artikel vom März 2022 über Mariupol klang ganz anders, wie dieses Beispiel zeigt:
„Drei Menschen starben in der Klinik, die eigentlich ein Ort ist, an dem Leben beginnt, darunter auch ein Kind. 17 weitere wurden verwundet. Es war ein Angriff, der nicht nur so grausam war, dass er sich ins Gedächtnis einer Generation einbrennen wird. Er lenkte auch den Blick auf eine Stadt, in der sich nach drei Wochen Belagerung eine apokalyptisch anmutende Katastrophe abspielt. (…)
Mariupol ist eine Hölle.
Die Frage ist: Wie lange steht man so was durch? Was hat Putin davon?“
Was der Spiegel im Falle von Gaza vermeidet, tat er im Falle von Mariupol umso deutlicher. Der Konjunktiv, mit der Spiegel die Verbrechen Israels verbal abschwächt, fehlte fast völlig, dafür gab es reichlich eigene Wertungen der Spiegel-Redaktion über die Ereignisse von Mariupol, die der Spiegel bei Gaza vermeidet.
In seinem Artikel über Gaza lässt der Spiegel außerdem die israelische Seite ausführlich zu Wort kommen:
„Der israelische Regierungsberater Mark Regev wies Vorwürfe zurück, sein Land würde zu wenig unternehmen, um die Zivilbevölkerung in Gaza zu schützen. »Wir unternehmen maximale Anstrengungen, vielleicht sogar nie da gewesene in ähnlichen Umständen«, sagte Regev der BBC am Sonntag. Die Schuld für zivile Todesopfer liege zudem bei der Hamas, weil sie militärische Infrastruktur in Wohnvierteln verstecke.“
In den vielen Spiegel-Artikeln über Mariupol durfte die russische Seite ihre Sicht der Dinge nicht erklären. Und wenn der Spiegel russische Erklärungen doch einmal erwähnt hat, dann wurden sie so eingeordnet, dass der Leser sie für Lügen halten musste. Russland sollte als Verbrecher dargestellt werden, Israel hingegen will der Spiegel schützen. Der Spiegel betreibt keine objektive Berichterstattung, sondern setzt die politisch gewollte Linie um, wie diese Vergleiche eindeutig zeigen. Der Fachbegriff für dieses Vorgehen lautet „Propaganda“.
Ein kleines Experiment
Ich werde den erwähnten Spiegel-Artikel über Mariupol jetzt komplett zitieren, allerdings werde ich die russischen und ukrainischen Namen durch palästinensische Namen ersetzen, einige Ortsnamen und die Datumsangaben anpassen. Wo der Spiegel von Putin spricht, werde ich das durch Netanjahu ersetzen. Ich lasse die anderen Dinge (Opferzahlen, etc.) unverändert. Mir geht es darum, aufzuzeigen, wie der Spiegel, wenn er gleiche Maßstäbe an Ereignisse anlegen würde, über Gaza berichten müsste. Es geht um die Formulierungen, mit denen der Spiegel das russische Vorgehen beschrieben hat, die er aber beim israelischen Vorgehen komplett vermeidet.
Was Sie nun lesen werden, wird sehr befremdlich klingen, weil eine so deutliche Kritik an Israels Vorgehen ungewohnt ist. Aber es sei daran erinnert, dass Israel in Gaza wesentlich brutaler vorgeht als Russland in Mariupol, wie sowohl die dem Erdboden gleich gemachten Häuser in Gaza als auch die Zahl der getöteten Zivilisten und vor allem Kinder ganz objektiv zeigen.
Was nun kommt, ist nicht meine Meinung, es ist das, was der Spiegel im März 2022 über Mariupol geschrieben hat, ich habe es nur auf Gaza angewendet. Die Formulierungen sind nicht von mir, sie sind vom Spiegel.
Beginn des veränderten Artikels
Kein Strom, kein Wasser, von der Außenwelt abgeschnitten – Die Hölle von Gaza
Nach wochenlangem Beschuss durch Natanjahus Truppen erlebt Gaza-Stadt eine humanitäre Katastrophe. Militärexperten sagen: »Die Brutalität der Bombardierungen ist eine bewusste Strategie.« Wie halten die Menschen das aus?
Wenn die Kinderärztin Sumaya Barakat an die Klinik Nr. 3 in Gaza-Stadt denkt, dann kommt ihr als erstes die Intensivstation für Neugeborene in den Kopf. Die hellen Räume, die sie erst im Sommer renoviert hatten. All die neuen, modernen Apparate. Die Brutkästen der Frühchen, vor denen junge Mütter mit bangen Blicken wachten. Dieses Haus, das seit 30 Jahren Barakats Leben war, schien wie das Versprechen einer besseren Zeit, bis ein israelischer Luftangriff es am 9. November in Schutt und Asche legte.
»Es bricht mein Herz«, sagt Barakat, als sie am Dienstagmorgen durch ihre große, runde Brille in die Kamera eines Computers blickt.
»Nur Tiere können so was tun.«
Barakat, 53, sitzt in der Pariser Wohnung ihres Sohnes. Am Tag, als das israelische Militär einmarschierte, sagt sie, sei sie zu einer Freundin ins Auto gestiegen. Abtauchen, bis dieser Spuk vorbei ist, dachte Barakat, die in Sorge war, weil sie sich erst im September einer Magen-OP unterzogen hatte. Sie sortierte sich noch in Paris, als auf ihrem Smartphone plötzlich diese Bilder aufleuchteten, die nun eines der Symbole für den Irrsinn dieses Krieges sind.
Sie sah die Gitterbettchen auf der Neugeborenen-Station, die sie in den letzten Jahren leitete, die zerstörten Brutkästen, die blutdurchtränkten Matratzen, auf denen Frauen in den Wehen lagen, als die Bombe über ihnen einschlug. Im Hof stand eine Schwangere zwischen den Trümmern, eingehüllt in eine Decke, und blickte fassungslos in Richtung einer Kamera. Eine andere lag auf einer Trage und streichelte intuitiv das tote Kind in ihrem Bauch.
»Ich habe keine Worte«, sagt Barakat. »Es traf die Wehrlosesten.«
Drei Menschen starben in der Klinik, die eigentlich ein Ort ist, an dem Leben beginnt, darunter auch ein Kind. 17 weitere wurden verwundet. Es war ein Angriff, der nicht nur so grausam war, dass er sich ins Gedächtnis einer Generation einbrennen wird. Er lenkte auch den Blick auf eine Stadt, in der sich nach drei Wochen Belagerung eine apokalyptisch anmutende Katastrophe abspielt.
»Es ist ein Albtraum«
»Die Israelis kämpfen nicht gegen die Hamas«, sagte der stellvertretende Bürgermeister Samer Odeh am Dienstag im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Sie kämpfen gegen unsere Zivilbevölkerung.«
2.358 tote Einwohner hätten sie seit Beginn der Kämpfe gezählt, sagt Odeh, aber die genauen Zahlen kennt niemand. Viele Leichen lägen immer noch zwischen den Trümmern. Weil es keine Feuerpausen gebe, sei ihre Bergung zu gefährlich. Es gibt Aufnahmen, die zeigen, wie Leichen in Massengräber geworfen werden.
»Es ist ein Albtraum«, sagte Peter Maurer, der Präsident des Internationalen Roten Kreuzes, dessen in der Stadt lebende Helfer mittlerweile selbst zu Hilfsbedürftigen geworden sind. Lkw, die dringend benötigte Lebensmittel und Medikamente bringen sollten, finden keinen sicheren Weg durch den Belagerungsring. Sie stecken fest wie auch all jene, die mit zunehmender Verzweiflung auf sichere Fluchtkorridore warten.
Mindestens 300.000 Menschen harren vermutlich noch in Gaza-Stadt aus. Sie haben keinen Strom, kein Gas, kein Wasser. Weil die Telefon- und Internetverbindungen gekappt wurden, haben sie seit Wochen kaum Kontakt zur Außenwelt. Auf Fotos oder Videos, die es aus dem Inneren der Stadt herausschaffen, sind unwirkliche Schuttwüsten zu sehen, Kraterlandschaften. Greise, die ihre Habseligkeiten auf Handkarren verschnürt haben, irren ziellos durch die rauchenden Ruinen.
Bürger, die die Tage in den Kellern ihrer Wohnblöcke verbringen, riskieren den Weg ans Licht, um in ihren Hinterhöfen Gräber auszuheben. Andere schlagen Brennholz. Um nicht zu verdursten, schmelzen sie Schnee oder zapfen Heizungsrohre an. Wenn sich mit Einbruch der Dämmerung eine eisige Kälte über die Stadt legt, sammeln sich Freiwillige zum Teigkneten in Backstuben, deren Maschinen nicht mehr funktionieren. Um sich abzulenken, hätten sie die ganze Nacht gesungen, sagt die Kulturmanagerin Diana Gabra, der Tage später die Flucht gelang.
Gaza ist eine Hölle.
Die Frage ist: Wie lange steht man so was durch? Was hat Netanjahu davon?
Zum Hass kommt ein Gefühl von Ohnmacht
Sumaya Barakat, die Kinderärztin, hat darauf keine Antworten. Sie weiß nur, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben Hass empfindet. Nächstes Jahr, sagt sie, wollten sie eigentlich einen neuen Bereich für Nachsorgeuntersuchungen eröffnen.
»Und jetzt ist alles hin!«
Zum Hass kommt ein Gefühl der Ohnmacht, weil sie in Frankreich zu weit weg ist, um zu helfen. Barakat wirft sich vor, eine Verräterin zu sein, die abgehauen ist, als sie am dringendsten gebraucht wurde. Und dazu kommt die Wut über die Lügen, die die Israelis nach dem Angriff verbreiteten. Die Klinik, sagt sie, sei sicher kein Rückzugsort der Hamas gewesen, wie die Israelis behaupten. Es stimme zwar, dass deren Kämpfer Gaza-Stadt verteidigten. Aber die Klinik liege in einem Wohnviertel, wo es keine militärischen Ziele gebe. Barakat selbst hat dort gelebt. Fünf Minuten brauchte sie zu Fuß zur Arbeit.
Was ist mit ihrer Wohnung?
Barakat weiß es nicht. Sie weiß auch nicht, wie es ihren Kollegen geht. Wie die meisten Flüchtlinge verbringt sie ihre Tage im Netz, sucht nach Bildern, nach Informationen, nach Lebenszeichen von Freunden.
Als Barakat am Dienstag liest, dass israelische Soldaten angeblich ein Krankenhaus überfallen hätten, fährt ihr erneut der Schreck in die Glieder. Ihre Schwester arbeitet als Kardiologin in dem Haus. Seit Wochen wartet Barakat auf ein Lebenszeichen. Sie wartet darauf, dass sich die Häkchen hinter ihren Nachrichten blau färben. Dass sie sie entdeckt auf einer jener Facebook-Seiten, auf denen Bürger, die für einen Augenblick eine Verbindung zum Internet bekommen, Fotos aus den Kellern posten.
Es gibt einen Telegram-Kanal für Gaza-Stadt mit 84.000 Abonnenten, auf dem Menschen nach Vermissten suchen. Alle paar Sekunden poppen in der Gruppe Fotos auf. Man sieht Menschen am Strand, in Museen, glückliche Gesichter aus der Zeit vor dem Krieg. Eine Carmela sucht da ihre Schwester, von der sie zuletzt hörte, als sie auf dem Weg in einen Luftschutzbunker war. Eine Frau namens Carmina war zuletzt am 5. März online. Der letzte Kontakt zum elfjährigen Jassir: am 2. März. Es sind Hilferufe, die im virtuellen Raum verhallen. Es sind einfach zu viele.
Das Problem der Menschen in Gaza-Stadt ist, dass sie auf einem Flecken Erde leben, der für Israel von strategischer Bedeutung ist. Gelänge Netanjahus Truppen die Einnahme der Stadt, dann kontrollierten sie die Küste, vor der ein Gasfeld liegt. Seit dem Wochenende, sagt der stellvertretende Bürgermeister Odeh, rückten israelische Verbände immer tiefer ins Stadtgebiet vor, wo Kämpfer der Hamas bislang ihre Stellungen verteidigten.
»Allein gestern hatten wir 22 Luftangriffe, die ganze Viertel dem Erdboden gleichmachen«, sagt Odeh Anfang der Woche.
Odeh glaubt, dass es zur israelischen Strategie gehört, Zivilisten in Angst und Schrecken zu versetzen. »Sie können den Krieg gegen die Hamas nicht gewinnen. Deshalb suchen sie diesen Weg.«
Seit Beginn des Krieges ist Odeh für die Kommunikation zuständig, ein ernst blickender Mann mit hoher Stirn und schwarzer Windjacke, der immer irgendwo vor einer weißen Wand steht. Aus Angst, wie andere Bürgermeister entführt zu werden, will Odeh seinen Aufenthaltsort nicht kommentieren.
Seit Wochen kein Kontakt zur Familie
Auch Odehhat seit Wochen keinen Kontakt zu seiner Familie. Stattdessen, sagt er, meldeten sich Mütter bei ihm, die befürchten, dass ihre Babys in ihren Armen sterben, weil sie keine Milch mehr für sie haben. »Sie weinen nicht«, sagt Odeh. »Sie berichten nur. Die Menschen haben alle Gefühle eingefroren. Sie versuchen nur noch zu überleben.«
Was sich in der Stadt abspielt, ist in Odehs Augen ein »Genozid«. Wenn sich die Lage nicht bald ändere, könnte es Zehntausende Tote geben. Aber es ist schwierig.
Um die Menschen aus der Stadt zu bringen, bräuchte es eine Waffenruhe entlang der Fluchtrouten. Es bräuchte Vertrauen zwischen den Kriegsparteien, detaillierte Abkommen, die regeln, wer was wann wo bewegen dürfe, sagt einer, der lange Zeit als OSZE-Beobachter in Palästina war. »Sonst kommt es schnell zu Missverständnissen. Schon ein Militärlaster, der Tote rausbringt, kann falsch gedeutet werden und als Anlass dienen, das Feuer wieder zu eröffnen.«
Offenbar fehlt aber der Wille, tatsächlich so ein Abkommen zu schließen. »Die Brutalität der Bombardierungen ist eine bewusste Strategie«, sagt der Militärexperte Justin Bronk vom Londoner Royal United Services Institute for Defence and Security Studies (RUSI). Es gehe darum, die Zivilisten so sehr leiden zu lassen, dass die Hamas den Krieg nicht fortsetzen kann.
Andere sehen in der Zerstörung von Gaza-Stadt ein Zeichen, das anderen als Warnung dienen sollte. Die Analystin Olga Oliker von der International Crisis Group formulierte es kürzlich so: Weil niemand glaube, dass eine Seite diesen Krieg gewinnen könne, kämpfe man in Städten wie Gaza-Stadt um eine bessere Position am Verhandlungstisch.
Als es zum Wochenanfang danach aussieht, als würden sich die Kriegsparteien aufeinander zubewegen, scheint sich die Lage etwas zu entspannen. 6.500 Privatautos, teilte der Bürgermeister in der Nacht zu Donnerstag mit, hätten Gaza-Stadt binnen zwei Tagen verlassen. In der Telegram-Gruppe »Gaza Now« melden sich nun Menschen, die bereit sind, 1.500 Dollar für eine Mitfahrgelegenheit zu zahlen. Ein User warnte vor den Minen auf der Strecke nach Süden. Das Auto seiner Eltern, schrieb er, sei dort kürzlich explodiert.
Die Schülerin Karmen Khalil gehört zu denen, die Gaza-Stadt an diesem Tag entkommen sind. Am Mittwochmorgen sitzt sie frischgeduscht im Warmen einer Tankstelle in Ägypten. Sie habe Glück gehabt, sagt Khalil in die Kamera ihres Laptops. Hätte der Hund nicht rausgemusst, dann hätte ihre Mutter nicht den Mann getroffen, der gerade draußen seinen Wagen packte.
Zehn Stunden waren sie unterwegs. Immer wieder hielten sie an Checkpoints. Am Ersten, gleich hinter der Stadt, sagt Khalil, schenkte ihnen ein auffällig freundlicher Israeli eine Tüte Milch. Im Landesinneren änderte sich dann der Ton. Ein Soldat beschimpfte sie als Terroristin. Ein anderer öffnete das Handy ihres Stiefvaters und fragte, was es mit dem Foto dieses abbrennenden Hauses auf sich habe. Als sie erklärten, dass es ihres sei, löschte er die Aufnahme.
Die Erinnerungen, sagt Khalil, ließen sie nicht los. Wie die Fenster barsten und die Türen unter dem Druck zerbrachen. Dann die Nachbarin, die draußen auf dem Gehsteig schluchzend in einem Schaukelstuhl saß. Der Schutzraum mit den Alten, die nicht glauben wollten, dass Netanjahu das wirklich tut.
»Wenn du solche Angst empfindest«, sagt Khalil, »dann verstehst du diese Leute, die denken, vielleicht wäre es besser für den Ort, wenn die Kämpfer einfach aufgäben. Vielleicht könnten wir dann einfach gehen.«
Khalil lächelt.
»Gaza war mal ne coole Stadt.«
In den nächsten Tagen wird sie erst bei ihrer Schwester unterkommen. Später würde sie dann gerne ihren Abschluss machen, vielleicht in Deutschland, wo sie mal zum Austausch war. »Ich bin erst 17«, sagt sie. »Ich könnte überleben.«
Khalils Worte hallen noch nach, als am Mittwochmittag israelische Bomben auf ein Flüchtlingslager von Gaza fallen. Hunderte wohnungslose Zivilisten, heißt es, hätten dort Schutz gesucht.
Ende des veränderten Artikels
Schlussanmerkung
Es geht mir hier nicht darum, Israel anzuklagen (auch, wenn das sicher berechtigt wäre). Ich habe aus einem propagandistisch verfassten Spiegel-Artikel über Mariupol im März 2022 durch Änderung von Namen einen hypothetischen Artikel über Gaza heute gemacht, weil ich aufzeigen wollte, wie unterschiedlich der Spiegel über absolut vergleichbare Ereignisse berichtet.
Dass der Spiegel Artikel über Gaza nicht so formulieren würde, zeigt, dass der Spiegel keine Berichterstattung betreibt, sondern eine politische Linie verfolgt, die er seinen Lesern eintrichtern will. Die Linie lautet „Russland ist böse“ und sie lautet „Israel sind die Guten“. Und alle Spiegel-Artikel haben den Sinn, diese Linie zu vertreten, es geht um Beeinflussung der Leser, nicht um objektive und kritische Berichterstattung.
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