Auch in Deutschland gab es Berichte darüber, dass ein einflussreicher russischer Experte den Einsatz von taktischen Atomwaffen gegen Ziele in Europa, namentlich gegen Polen, gefordert hat. Die Kontroverse, die diese Aussage in Russland ausgelöst hat, war am Sonntag das wichtigste Thema im wöchentlichen Nachrichtenrückblick des russischen Fernsehens, zumindest wenn man die Wichtigkeit in Sendezeit bemisst, denn der Beitrag darüber dauerte fast eine halbe Stunde.

Ich habe den Beitrag komplett übersetzt, um aufzuzeigen, wie die Diskussion in Russland läuft. Weil der Beitrag sehr lang ist, verzichte ich, mit einer Ausnahme, auf weitere einleitende Worte. Man muss im Hinterkopf behalten, dass die zentralen Nachrichtensendungen der Großmächte in der Vergangenheit immer wieder dazu genutzt wurden, der Gegenseite Mitteilungen zu machen, die man der anderen Seite nicht offiziell ins Gesicht sagen möchte. Dies dürfte so ein Beitrag sein, denn natürlich verfolgen die Analysten nicht nur der USA diese wöchentliche russische Sendung sehr aufmerksam. Daher empfehle ich, diese Übersetzung aufmerksam zu lesen, auch wenn sie recht lang ist.

Beginn der Übersetzung:

In dieser Woche hat das Thema des möglichen Einsatzes von Atomwaffen für den Fall, dass unser Konflikt mit der NATO ein kritisches Niveau erreicht, eine neue Dringlichkeit erhalten. Das schien sogar Präsident Biden zu spüren. In Kalifornien brachte er es in seinem blumigen Stil auf den Punkt: „Als ich vor etwa zwei Jahren hier war und sagte, ich sei besorgt über die Austrocknung des Colorado River, schauten mich alle an, als sei ich verrückt. Genauso schauten sie mich an, als ich sagte, ich sei besorgt darüber, dass Putin taktische Atomwaffen einsetzt. Das ist real.“

Letzte Woche gab Wladimir Putin bekannt, dass die ersten Atomwaffen bereits an Weißrussland geliefert worden seien. Biden antwortete darauf pflichtgemäß: „Das ist völlig unverantwortlich“.

Wenn es um unverantwortlich geht: Es sind die USA, die unverantwortlich sind, denn sie haben den Krieg mit Russland – bisher in der Ukraine – in den Modus einer unkontrollierten Eskalation versetzt. Er ist insofern unkontrollierbar, als Kiew immer mehr Langstreckenwaffen erhält und das Gebiet der Militäroperationen, wie die Amerikaner meinen, ebenfalls ausgeweitet werden muss, zunächst auf die Krim und Polen und dann schauen wir mal. Niemand hat bisher einen Rahmen festgelegt. Und das bedeutet, dass ohne erklärte Beschränkungen, unter Missachtung aller „roten Linien“, der Moment der existenziellen Bedrohung für Russland früher oder später kommen wird. Das heißt, wenn Russland das Gefühl haben wird, dass es nur noch das letzte Argument gibt.

Das Grundsatzdokument „Über die Grundlagen der staatlichen Politik der Russischen Föderation auf dem Gebiet der nuklearen Abschreckung“ von 2020 beschreibt diesen Moment schwarz auf weiß:

  • Die Russische Föderation behält sich das Recht vor, Kernwaffen als Antwort auf den Einsatz von Kernwaffen und anderen Arten von Massenvernichtungswaffen gegen sie und (oder) ihre Verbündeten sowie im Falle einer Aggression gegen die Russische Föderation mit konventionellen Waffen einzusetzen, wenn die Existenz des Staates selbst bedroht ist;
  • die Entscheidung über den Einsatz von Kernwaffen wird vom Präsidenten der Russischen Föderation getroffen;
  • Bedingungen, die die Möglichkeit des Einsatzes von Kernwaffen durch die Russische Föderation bestimmen, sind: Der Erhalt zuverlässiger Informationen über den Start ballistischer Raketen, die das Hoheitsgebiet der Russischen Föderation und (oder) ihrer Verbündeten angreifen; der Einsatz von Kernwaffen oder anderen Massenvernichtungswaffen auf dem Hoheitsgebiet der Russischen Föderation und (oder) ihrer Verbündeten durch den Feind; ein feindlicher Angriff auf kritische staatliche oder militärische Einrichtungen der Russischen Föderation, deren Abschaltung die Reaktionsmaßnahmen der Nuklearstreitkräfte stören würde; eine Aggression gegen die Russische Föderation mit konventionellen Waffen, wenn die Existenz des Staates in Gefahr gerät.

Und dieser letzte Unterabsatz könnte relevant werden. In diesem Fall würde Russland als erstes Atomwaffen einsetzen, um sich zu verteidigen. Und der Präsident ist sich dessen sehr wohl bewusst, auch wenn er sagt, dass diese Notwendigkeit noch nicht besteht.

„Dieser Einsatz von Atomwaffen ist sicherlich theoretisch möglich. Für Russland ist das möglich, wenn eine Bedrohung unserer territorialen Integrität, Unabhängigkeit und Souveränität sowie der Existenz des russischen Staates vorliegt. Atomwaffen werden hergestellt, um unsere Sicherheit im weitesten Sinne des Wortes und die Existenz des russischen Staates zu gewährleisten. Aber erstens gibt es diese Notwendigkeit nicht und zweitens senken allein schon Überlegungen über dieses Thema die Schwelle für den Einsatz der Waffen. Das ist der erste Teil. Der zweite Teil ist, dass wir mehr solcher Waffen haben als die NATO-Länder. Die wissen das, und sie drängen uns immer wieder, Verhandlungen über eine Reduzierung aufzunehmen. Zum Teufel mit ihnen, verstehen Sie? Denn, um es in wirtschaftlichen Begriffen auszudrücken, das ist unser Wettbewerbsvorteil“, erklärte Wladimir Putin.

Dabei ist Putin sich des Risikos eines ausgewachsenen Atomkriegs sehr wohl bewusst. Von einem ausgewachsenen Krieg ist noch nicht die Rede, aber der Jüngste Tag wird so aussehen. Vor fünf Jahren hat Putin alles im Detail erklärt. Über Vergeltungsmaßnahmen sagte er:

„Wenn wir überzeugt sind – und das geschieht innerhalb von Sekunden -, dass ein Angriff auf russisches Territorium erfolgt, dann führen wir einen Vergeltungsschlag durch. Das ist ein Gegenschlag. Warum ein Gegenanschlag? Weil ihre Raketen zu uns fliegen und und unsere zum Aggressor fliegen. Natürlich ist das eine weltweite Katastrophe, aber ich wiederhole, wir können nicht die Verursacher dieser Katastrophe sein, weil wir keinen Präventivschlag führen können. Ja, in dieser Situation warten wir gewissermaßen darauf, dass jemand Atomwaffen gegen uns einsetzt, wir selbst tun nichts. Aber dann muss der Aggressor immer noch wissen, dass der Vergeltungsschlag unvermeidlich ist, dass er vernichtet werden wird. Und wir sind die Opfer der Aggression, und wir werden als Märtyrer in den Himmel kommen, während sie einfach verrecken, weil sie nicht einmal Zeit haben, zu beichten.“

Interessanterweise scheint Biden das alles zu verstehen, aber wie eine Motte fliegt er immer wieder in die Flammen: „Zum ersten Mal seit der Kuba-Krise stehen wir vor der Gefahr des Einsatzes von Atomwaffen, wenn die Situation so weitergeht wie bisher. Die Aussicht auf ein Armageddon haben wir seit Kennedy nicht mehr erlebt“, sagte Biden.

Er spricht von der Gefahr eines nuklearen Armageddon, wenn sich die Situation so entwickelt, wie sie sich entwickelt. Aber es sind die USA und ihre Verbündeten, die die Situation so entwickeln. Zuerst haben sie der Ukraine Helme, Panzer und nicht-tödliche Waffen geliefert, dann immer mehr: Javelin, Mehrfachraketenwerfer, gepanzerte Fahrzeuge, Patriot-Systeme, dann Panzer, Granaten mit abgereichertem Uran, Langstreckenraketen und jetzt F-16-Flugzeuge, die Atombomben tragen können. Die Eskalation ist offensichtlich. Wo soll das aufhören? Auf diese Frage antwortet die NATO nicht.

Polens ehemaliger Außenminister Rodoslaw Sikoroski fordert bereits, der Ukraine Atomsprengköpfe zu geben. Aber für welche Raketen?

„Aber da Russland gegen das Budapester Memorandum verstoßen hat, glaube ich, dass wir als Westen das Recht hätten, der Ukraine Atomsprengköpfe zu geben. Damit sie ihre Unabhängigkeit verteidigen kann“, so Sikorski.

Von welcher Art von „Unabhängigkeit“ spricht Sikorski? Das Ziel ist doch eigentlich ein ganz anderes: Russland zu treffen. Das hat Putin sehr deutlich gesagt. In seiner diesjährigen Rede zur Lage der Nation sagte er: „Die westlichen Eliten machen keinen Hehl aus ihrem Ziel: Russland eine, wie sie es nennen, ’strategische Niederlage‘ zuzufügen. Was bedeutet das für uns? Es bedeutet, uns ein für alle Mal zu vernichten, das heißt, dass sie beabsichtigen, den lokalen Konflikt in eine Phase der globalen Konfrontation zu verwandeln. So verstehen wir das, und wir werden entsprechend reagieren, denn in diesem Fall geht es bereits um die Existenz unseres Landes.“

Es geht darum, uns ein für alle Mal zu vernichten. Dann sehen wir uns Punkt 17 der Nukleardoktrin der Russischen Föderation an: „Wenn die Existenz des Staates selbst bedroht ist.“ Und die Bedrohung ist spürbar.

Der Philosoph Alexander Dugin, Doktor der politischen und soziologischen Wissenschaften, sagte dazu: „Sie arbeiten natürlich auf unsere totale Vernichtung hin, auf die Zerstörung Russlands als Phänomen, als souveränes Subjekt der Weltgeschichte, als Zivilisation, das ist ihr Ziel. Und wenn wir nicht zulassen, dass dieses Ziel Wirklichkeit wird, haben wir schon gewonnen. Wir kämpfen darum, zu sein, und sie kämpfen darum, mehr Privilegien zu bekommen. Wenn sie die also nicht bekommen, ist das keine große Sache. Aber wenn wir unseren Sieg nicht erreichen, werden wir nicht mehr existieren.“

Insgesamt also nichts Neues.

„Schon im Jahr 1918 sagte ein Berater des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson: ‚Die ganze Welt wäre ruhiger, wenn es anstelle des heutigen riesigen Russlands einen Staat in Sibirien und vier weitere Staaten in Europa gäbe'“, sagte Putin.

Das ist also nichts Neues. Die Idee ist alt. Sie wurde seither viele Male ausprobiert. Jetzt meinen sie, dass es eine neue Chance gibt. Zunächst einmal einen Staatsstreich in der Ukraine zu inszenieren und eine Regierung einzusetzen, die bereit ist, gegen die Russen zu kämpfen. Im Jahr 2014 haben die den Krieg begonnen. Nach dem Beginn der Militäroperation erklärte Putin die Motive des Westens: „Sie wollen kein starkes und souveränes Russland; sie verzeihen uns unseren unabhängigen Kurs oder die Verteidigung unserer nationalen Interessen nicht. Wir erinnern uns, wie sie Separatismus und Terrorismus unterstützt und die Terroristen und Banditen im Nordkaukasus unterstützt haben. Wie schon in den 1990er und frühen 2000er Jahren wollen sie erneut versuchen, uns fertig zu machen, uns zu vernichten, uns zum Teufel zu schicken, uns in ein schwaches, abhängiges Land zu verwandeln, unsere territoriale Integrität zu zerstören und Russland zu zerstückeln, um sich Russland anzueignen. Das hat damals nicht funktioniert, und es wird auch jetzt nicht funktionieren.“

Offensichtlich dreht sich die Eskalationsspirale weiter und wird immer bedrohlicher. Wenn das so ist, ist die Diskussion über den Zeitpunkt des notwendigen Einsatzes von Atomwaffen durch Russland nur natürlich. Indem der Westen den Konflikt anheizt, testet er unsere Bereitschaft. Es scheint, dass sie den Frosch langsam kochen wollen, indem sie die Temperatur im Topf sanft erhöhen. Das funktioniert nicht.

In Russland ist eine Diskussion entbrannt, die von Sergej Karaganow, einem renommierten Politikwissenschaftler, Doktor der Geschichte und Dekan der Abteilung für Weltwirtschaft und Weltpolitik an der Wirtschaftshochschule, in der Zeitschrift Profile angestoßen wurde. Artikel und Bücher von Sergej Karaganov wurden in 50 Ländern veröffentlicht. Mitte der 2000er Jahre wurde er laut den Zeitschriften Foreign Policy aus den USA und The Prospect aus Großbritannien in die Liste der 100 einflussreichsten Intellektuellen der Welt aufgenommen.

„Angesichts des Vektors der Entwicklung des Westens, des Vektors der Entwicklung der westlichen Eliten und des Vektors der Entwicklung der Gesellschaft, zu dem sie von den westlichen Eliten gedrängt wird, hin zu antihumanen und posthumanen Werten, deutet alles eindeutig auf eine Bewegung zu einem großen thermonuklearen Krieg hin, objektiv gesehen, müssen wir diese Bewegung unterbrechen. Dadurch kann die Welt gerettet werden. Auch durch harte Maßnahmen, wenn möglich, natürlich unter Vermeidung superharter Maßnahmen“, meint Karaganow.

Er spricht von nuklearen Schlägen Russlands, um den großen Vernichtungskrieg zu verhindern, auf den der Westen jetzt rücksichtslos zusteuert. Natürlich hat diese These in der Fachwelt für Aufsehen gesorgt. Die erste ausführliche Antwort kam von Professor Dmitri Trenin von der Wirtschaftshochschule. Er ist international sehr bekannt. Seine Bücher wurden in Russland, den USA, China, Deutschland und anderen Ländern veröffentlicht. Derzeit ist er Mitglied des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten und war früher Mitglied der Delegation der UdSSR bei den sowjetisch-amerikanischen Verhandlungen über Atom- und Weltraumwaffen in Genf.

„Die Entwicklung des Konflikts in der Ukraine ist im Moment so, dass er direkt zu einem Zusammenstoß zwischen Russland und der NATO führt. Wenn es zu einem solchen Zusammenstoß kommt, wird er nuklear. Und an irgendeinem Punkt, wahrscheinlich ziemlich bald, wird der Konflikt auf die USA übergreifen“, sagte Trenin.

Er spricht mit der ruhigen Stimme eines Analysten, aber das Szenario, das er beschreibt, ist ein massiver Atomschlag gegen die USA. Ein Vergeltungsschlag für den Angriff auf Russlands Existenz.

„Über diese Szenarien möchte ich nicht einmal sprechen. Aber die Amerikaner haben, wie wir alle wissen, schamlos gelogen, als sie sagten, wir würden Schläge gegen die Ukraine vorbereiten. Das ist monströser Unsinn, böswillig, denn natürlich sind die Ukrainer ein betrogenes Volk, ein unglückliches Volk, sie werden zur Schlachtbank geführt. Aber trotzdem sind sie unsere Leute, wir werden keinen Schlag gegen sie führen. Wenn es, Gott bewahre, zu Nuklearschlägen kommt, dann muss es natürlich um die Reihe von Ländern in Europa gehen, die dem ukrainischen Söldnerregime am meisten geholfen haben. Ich werde diese Länder nicht einmal aufzählen. Sie sind ganz offensichtlich“, sagte Sergej Karaganow.

Wenn es um die offensichtlichen Ländern geht, gehört natürlich Großbritannien, das die Ukraine aktiv provoziert und die Eskalation mit immer mehr Waffen – von Panzern und Granaten mit abgereichertem Uran bis hin zu Storm Shadow-Raketen mit größerer Reichweite – auf die Spitze treibt. Das zweite Offensichtliche ist, dass Polen, das zu einem Verteilerzentrum für westliche Waffenlieferungen an das Kiewer Regime geworden ist und plant, den Luftwaffenstützpunkt Rzeszow für F-16-Kampfjets der Ukraine zu nutzen, und massenhaft Söldner in die Ukraine schickt, wobei man perspektivisch polnische Truppen erwarten kann. Weiter könnte auch von Deutschland die Rede sein, wo Amerika seine Atomwaffen lagert und das die Ukraine mit Leoparden versorgt. Auch das NATO-Hauptquartier in Brüssel könnte ein Ziel sein. Das alles will niemand, aber wenn die Existenz Russlands bedroht ist, wozu brauchen wir dann eine solche Welt? Das wurde schon oft gesagt. Und genau das könnte die Frage werden. Wer kann eine Kuba-Krise 2.0 ausschließen?

„Denn das Äquivalent zu der Krise, die wir heute in der Ukraine erleben, ist die Kuba-Krise, wie die Amerikaner sie nennen, wir nennen sie die Karibik-Krise. Es ging um das gleiche. Eine Supermacht kam den lebenswichtigen Zentren einer anderen Supermacht zu nahe, und die andere war bereit, das maximale Risiko einzugehen, um die Bedrohung zu beseitigen. Jetzt ist etwas Ähnliches passiert. Und das ist meiner Meinung nach das Ergebnis der mangelnden Beschränkung der US-Strategie“, sagt Dmitri Trenin.

Genauso ist es. Bisher hat sich Amerika bei der laufenden Eskalation keine Beschränkungen gesetzt. Weder finanziell noch rüstungstechnisch noch geografisch. Was also soll Russland tun? Man muss den Krieg irgendwie beenden, ohne dass es zur totalen Vernichtung der Menschheit kommt. Als eine Möglichkeit spürt Europa die Vergeltung an sich selbst. Es war ja Amerika, das es auf die Schlachtbank geschickt hat. Das Beispiel Europas kann als Beweis für Russlands Entschlossenheit dienen, einen globalen Konflikt zu verhindern. Wie sowohl Sergej Karaganow als auch Dmitri Trenin andeuten, werden die USA „Boston nicht gegen Posen eintauschen“.

„Ich vermute keinen massiven Atomschlag der USA gegen Russland. Aber etwas, das den Gegner dazu bringen würde, das Tempo der Eskalation zu verlangsamen und darüber nachzudenken, wohin diese Eskalation den Gegner führt. Und ihnen schließlich begreiflich zu machen, dass es für sie keine Win-Win-Situation gibt, sondern dass sie darüber nachdenken müssen, wie sie aus dieser Situation herauskommen können“, sagte Trenin.

Es ist klar, dass der Einsatz von Atomwaffen ein radikaler Schritt ist. Aber man muss ihn angehen, ohne seine Entschlossenheit zu verbergen, diese Eskalation im Namen der Verhinderung der totalen gegenseitigen Vernichtung zu vollziehen. Und es ist an der Zeit, diesen Weg zu beginnen. Ein Schritt besteht darin, die Landsleute im Ausland aufzufordern, die Standorte der angenommenen Ziele zu verlassen. Zu ihrer Sicherheit. Es kann weitere vorbereitende Schritte geben.

„Ich zähle 20 Stufen auf der Eskalationsleiter und hoffe, dass unsere Gegner doch noch zur Vernunft kommen werden. Denn wenn sie nicht zur Vernunft kommen, werden wir eine schreckliche Entscheidung treffen müssen, eine aus moralischer Sicht schreckliche. Ich bete, dass wir sie nicht umsetzen. Aber ich glaube, dass unser Präsident seine Entschlossenheit zum Einsatz von Atomwaffen irgendwann mal zeigen muss. Ich wiederhole jedoch, dass dies eine schwerwiegende und schreckliche moralische Entscheidung ist“, so Karaganow.

Gleichzeitig ist uns klar, dass das Ziel des Westens die strategische Niederlage Russlands ist, und zwar ein für alle Mal. Das heißt, Russland wird einfach nicht mehr existieren. Und was dann?

„Keine Atommacht würde zustimmen, von einer anderen Atommacht strategisch besiegt zu werden, ohne auf die Drohung mit Atomwaffen zurückzugreifen“, betont Trenin.

Und was nun? Ist es bereits an der Zeit zu handeln? Oder doch nicht?

„Wir wissen, dass man von denen alles erwarten kann, auch dass das AKW Saporoschschje seit langem ein Objekt ihrer Begierde und möglicherweise ein Ort für ungeheuerliche Provokationen ist. Daher hoffe ich, dass unsere jeweiligen Dienste die Aktionen des Feindes ständig überwachen und einige präventive Maßnahmen ergreifen, die eine Provokation ihrerseits nicht zulassen dürfen. Das ist sehr gefährlich, denn wir wissen aus den Erfahrungen der letzten 16 Monate, dass die westliche öffentliche Meinung, die sich in den westlichen Medien informiert, jede Auswirkung während des Ukraine-Konflikts zugunsten der Ukraine und gegen Russland interpretiert. Wer auch immer was getan hat, Russland ist immer Schuld, und die Ukraine hat nichts damit zu tun“, so Trenin.

In der Zwischenzeit kämpft Russland in den Schützengräben an einer tausend Kilometer langen Front Verteidigungskämpfe. Unsere Verteidigung ist durchaus erfolgreich. Für den Westen ist das schmerzhaft. Die Zerstörung aller Pläne. Und was liegt vor uns?

„Unsere Strategie basiert darauf, die Ziele der Militäroperation zu erreichen, ohne auf Atomwaffen zurückzugreifen, ich denke, das ist jedem klar. Aber die Situation kann sich während eines Krieges in verschiedene Richtungen entwickeln, auch ganz schnell und unerwartet in ein unkontrollierbares Feld. Darauf müssen wir vorbereitet sein, wir müssen in der Lage sein, den Konfliktverlauf zu stoppen, der zu einem Atomkrieg führt. Die Debatte über die Rolle von Atomwaffen im gegenwärtigen Konflikt ist eine Debatte darüber, wie man das Worst-Case-Szenario verhindern kann“, ist Trenin überzeugt.

Aber man muss sich dazu entscheiden, diesen Weg einzuschlagen.

„Ich habe volles Verständnis für die moralische Verzweiflung der Menschen, die offen sagen, dass das unter keinen Umständen denkbar ist, dass man das nicht tun kann. Darauf antworte ich ihnen: Meine Freunde, ich respektiere Pazifisten, aber Pazifisten existieren und leben in dieser Welt nur, weil Menschen für sie kämpfen und sterben, so wie unsere Soldaten und Offiziere jetzt in der Ukraine kämpfen“, sagte Sergej Karaganow.

Und die Gesellschaft muss sich auch bewusst sein, in welcher Phase wir uns befinden. Die Realität. Nicht nur die Realität in den Gräben, sondern die geostrategische.

„Wir sehen heute eine Konsumgesellschaft, Menschen, die lieben, leben können und wollen, für die die verschiedenen internationalen Krisen Behinderungen ihres schönen Lebens sind. Und das erstreckt sich aus der Sicht der amerikanischen Führer auf einen beträchtlichen Teil des Staatsapparats in der Russischen Föderation, das heißt, sie genießen ihr Leben und wollen nicht wegen der Ukraine oder Donezk gestört werden. Darum haben sie im Westen die Entscheidung getroffen, dass man uns nicht sofort, aber durch wiederholtes Testen unserer Positionen ziemlich stark provozieren kann, ohne eine ernsthafte Antwort zu erwarten. Und daher rührt der Einsatz der vom Westen gelieferten Raketen auf unserem Territorium und die Aussage, dass diese Raketen auch gegen die Krim eingesetzt werden können, weil sie vom Westen als ukrainisches Territorium angesehen wird. Und die Lieferung von immer stärkeren und weiter reichenderen Kriegsmitteln. Hier ist die Grenze erreicht, man traut Russland keine ernsthafte Antwort zu, es fehlt der Mut für eine nukleare Antwort“, argumentiert Trenin.

Der Mut ist heute das Entscheidende. Für Trenin ist die Sache psychologisch: „Wahrscheinlich sollte man davon ausgehen, dass die Frage der Atomwaffen nicht nur eine militärische Frage ist, nicht nur eine militär-technische Frage, sondern eine Frage der Abschreckung selbst, das ist in erster Linie eine psychologische Frage. Nicht nur, was man besitzt, ist von größter Bedeutung, sondern auch, wie man seine Nuklearpolitik präsentiert, wie man sie erklärt, wie man seinem Gesprächspartner verschiedene Signale sendet. Es gibt also wahrscheinlich eine Menge, was man tun könnte, um die Abschreckung zu stärken. Abschreckung nicht nur von direkten Nuklearschlägen der USA gegen Russland, sondern auch Abschreckung von ihrer Eskalationspolitik in der Ukraine.

Genau das hat Putin am Mittwoch bei einem Treffen mit Absolventen von Militärakademien gesagt. Das sind die wichtigsten Akzente. Man muss nur zuhören können.

„Angesichts der neuen Herausforderungen und natürlich der unschätzbaren Erfahrung der Militäroperation werden wir die Streitkräfte weiter umfassend verbessern. Die wichtigste Aufgabe ist dabei der Ausbau der nuklearen Triade, die ein wesentlicher Garant für die militärische Sicherheit Russlands und die globale Stabilität ist. Bereits jetzt ist etwa die Hälfte der Einheiten und Verbände der Strategischen Raketentruppen mit den neuesten Yars-Komplexen ausgerüstet, und die Truppen werden mit den modernen Avangard-Raketensystemen mit Hyperschallsprengköpfen umgerüstet. In naher Zukunft werden die ersten Trägerraketen des Sarmat-Systems mit der neuen schweren Rakete in Dienst gestellt. Die Arsenale der Luft- und Seekomponenten der strategischen Nuklearstreitkräfte werden in strikter Übereinstimmung mit den Plänen aufgestockt. So wird die Marine um ein führendes U-Boot der neuen Bauart Borey-A erweitert. Im Januar 2023 wurde die Fregatte „Admiral der Sowjetflotte Gorschkow“ in Dienst gestellt. Sie ist für maritime und ozeanische Einsätze konzipiert und mit den neuesten Zirkon-Hyperschallraketen ausgestattet. Die Bewaffnung der russischen Nukleartriade ermöglicht eine wirksame und garantierte strategische Abschreckung und die Aufrechterhaltung des globalen Gleichgewichts der Kräfte“, sagte Putin.

All das ist wahr. Dennoch wissen sowohl die USA als auch Russland, dass es in einem Atomkrieg zwischen ihnen keine Gewinner geben wird. Es gibt keinen Grund, das zu versuchen. Dies ist jetzt, wie man sagt, die Zeit von Zar Goroch, aber vor zwei Jahren – aus irgendeinem Grund hat niemand das Datum, den 16. Juni 2021, bemerkt – fand in Genf der russisch-amerikanische Gipfel statt. Putin und Biden unterzeichneten eine gemeinsame Erklärung zur strategischen Stabilität mit folgenden Worten: „Wir bekräftigen unser Bekenntnis zu dem Grundsatz, dass ein Atomkrieg niemals gewonnen werden kann und niemals geführt werden darf.“

Aber es gibt keinen anderen Weg, den globalen nuklearen Zusammenbruch zu verhindern, als eine wirksame nukleare Abschreckung. Er wurde noch nicht erfunden. Deshalb hält Russland, bildlich gesprochen, sein „nukleares Pulver“ trocken und sendet klare Signale an die andere Seite. So wurde vor kurzem über den erfolgreichen Abschluss der Tests von Atomreaktoren der Unterwasserdrohne „Poseidon“ berichtet. Diese zwanzig Meter langen und 100 Tonnen schweren Drohnen sind im Grunde genommen Atomtorpedos, die vor der Ostküste der USA so starke Tsunamis auslösen können, dass sie New York und alle anderen amerikanischen Städte an den Küsten des Atlantiks buchstäblich wegspülen würden.

Die Schiffswerft Sewmasch hat vor drei Wochen den ersten Poseidon-Träger, das Atom-U-Boot Belgorod, an die russische Marine übergeben. Das nächste atomgetriebene U-Boot, das zum Poseidon-Träger werden soll, die Chabarowsk, ist ebenfalls fast fertig. Warum sollten wir es bauen, wenn wir nicht bereit sind, es zu einzusetzen? Wir sind bereit. Man sollte Russland nicht in die Enge treiben.

Ende der Übersetzung