Valdai-Club

Putin im O-Ton über Atomwaffen und die Eskalation des Westens

Wie jedes Jahr hat Putin sich auch in diesem Jahr fast vier Stunden den Fragen der Teilnehmer des Valdai-Forums gestellt. Dabei ging es auch um die Frage des Einsatzes von Atomwaffen als Reaktion auf die Eskalation des Westens.

Wie jedes Jahr übersetze ich die in meinen Augen interessantesten Fragen und Putins Antworten, die ihm auf dem Valdai-Forum gestellt wurden. Der russische Präsident hat auch dieses Jahr wieder an der Podiumsdiskussion teilgenommen und stundenlang die Fragen der internationalen Experten beantwortet. Hier übersetze ich eine Frage über den Einsatz von Atomwaffen als Reaktion auf die Eskalation des Westens.

Ich habe vor einigen Tagen einen Artikel des russischen Experten Karaganow übersetzt, der für den Einsatz von Atomwaffen als Warnung plädiert. Seine Argumentation ist, dass Russland nur so einen Atomkrieg verhindern kann, weil die steigenden Eskalationen des Westens ansonsten zu einem totalen Atomkrieg führen würden. Sollten Sie den Artikel nicht gelesen haben, sollten Sie ihm zum Verständnis lesen (Sie finden ihn hier), bevor Sie diesen Artikel weiterlesen. Der Grund ist, dass Karaganow Putin bei der Diskussion des Valdai-Forums eine Frage gestellt hat, die auf seinem Artikeln beruht.

Beginn der Übersetzung:

Karaganow: Wladimir Wladimirowitsch, ich bin einer der „Veteranen“ und Gründer des Clubs. Am Tag des 20. Jahrestages bin ich fast glücklich, denn… Alte Leute sollten eigentlich sagen, dass „bei uns besser war“. Es war bei uns nicht besser, es ist jetzt besser, lustiger, interessanter, heller, bunter. Also vielen Dank auch für Ihre Teilnahme. Meine Frage lautet wie folgt.

Putin: Was „lustiger“ angeht, so klingt das mutig.

Karaganow: Wenn es interessanter ist, dann ist es auch lustiger.

Putin: Für Sie ist es lustiger, für mich, ehrlich gesagt, nicht. (Gelächter.)

Karaganow: Wladimir Wladimirowitsch, sowohl außerhalb Russlands als auch jetzt im Valdai-Club wird eine einfache Frage ganz akut diskutiert. Ich werde sie wie folgt formulieren, natürlich in meinem Namen, nicht im Namen aller. Ist unsere Doktrin über den Einsatz von Atomwaffen überholt? Ich habe den Eindruck, dass sie auf jeden Fall veraltet ist, ja, dass sie sogar leichtfertig erscheint, dass sie in anderen Zeiten und vielleicht in einem anderen Umfeld entstanden ist und sogar alten Theorien folgt. Die Abschreckung funktioniert nicht mehr. Ist es nicht an der Zeit, die Doktrin des Einsatzes von Atomwaffen in Richtung einer Senkung der nuklearen Schwelle zu ändern und die Leiter der eskalierenden Abschreckung entschlossen, aber doch recht zügig hinaufzusteigen und unsere Partner zu ernüchtern?

Sie haben jede Angst verloren, sie sagen direkt: „Weil Ihr so eine Doktrin habt, werdet ihr niemals Atomwaffen einsetzen“. Und wir erlauben ihnen damit ungewollt, sich auszudehnen und absolut monströse Aggressionen durchzuführen.

Das ist die eine Frage, und darin liegt die andere. Die Welt wird in den kommenden Jahren – auch wenn wir in oder um die Ukraine herum auf die eine oder andere Weise gewonnen haben – noch sehr schwierige Zeiten durchmachen: neue Zentren entstehen, neue Schwierigkeiten werden auftauchen. Wir müssen die Sicherung, die die nukleare Abschreckung war und die die Welt 70 Jahre lang abgeschreckt hat, wieder einbauen. Jetzt versucht der Westen, der die Geschichte und die Angst vergessen hat, diese Sicherung zu liquidieren. Sollten wir unsere Politik in diesem Bereich nicht ändern?

Putin: Ich kenne Ihren Standpunkt, ich habe einige Ihrer Dokumente, Artikel und Notizen gelesen. Und ich verstehe Ihre Gefühle.

Ich erinnere Sie daran, dass es in der russischen Militärdoktrin zwei Gründe für den möglichen Einsatz von Atomwaffen durch Russland gibt. Der erste ist der Einsatz von Atomwaffen gegen uns, das heißt, es handelt sich um einen so genannten Vergeltungsschlag. Aber was bedeutet das in der Praxis? Die Raketen werden abgefeuert, unser System erkennt sie und lässt uns wissen, dass das Ziel das Territorium der Russischen Föderation ist. Damit das jeder versteht: All das geschieht in Sekundenschnelle, und schon verstehen wir, da wir die Information kennen, dass Russland angegriffen wird, und wir reagieren auf diese Aggression.

Ich möchte allen versichern, dass die Antwort heute für jeden potenziellen Aggressor absolut inakzeptabel ist, denn von dem Moment an, in dem der Abschuss von Raketen festgestellt wird, egal von woher er kommt, von irgendeinem der Weltmeere oder von irgendeinem Territorium, dann erscheinen als Antwort auf einen Gegenschlag so viele, viele Hundert, unserer Raketen in der Luft, und zwar in mehrere Richtungen gleichzeitig, dass kein Feind eine Überlebenschance hat.

Der zweite Grund für den Einsatz dieser Waffen ist eine Bedrohung der Existenz des russischen Staates, wenn sogar konventionelle Waffen gegen Russland eingesetzt werden, aber die Existenz Russlands als Staat selbst bedroht ist.

Das sind die zwei möglichen Gründe für den Einsatz der von Ihnen genannten Waffen.

Müssen wir das ändern? Wozu? Man kann alles ändern, ich sehe nur keine Notwendigkeit dafür. Es gibt keine Situation, in der heute etwa die russische Staatlichkeit und die Existenz des russischen Staates bedroht sein würde. Ich denke, dass kein Mensch, der bei klarem Verstand und klarem Gedächtnis ist, auf die Idee käme, Atomwaffen gegen Russland einzusetzen.

Dennoch, der Standpunkt von Ihnen, von anderen Experten, von Menschen, die patriotisch, die sehr besorgt sind über das, was innerhalb des Landes und um uns herum, geschieht, die besorgt über das sind, was an der Kontaktlinie auf der ukrainischen Seite geschieht – ich verstehe das alles, wir beobachten aufmerksam und, glauben Sie mir, wir respektieren Ihren Standpunkt, aber ich sehe keine Notwendigkeit, unser Konzept zu ändern. Der potenzielle Gegner weiß alles, er kennt unsere Fähigkeiten.

Etwas anderes ist, dass ich zum Beispiel den Ruf höre, mit Atomwaffentests zu beginnen. Dazu würde ich Folgendes sagen: Die USA haben den einschlägigen internationalen Rechtsakt, den Vertrag über das Verbot von Kernwaffentests, unterzeichnet, und Russland hat ihn ebenfalls unterzeichnet. Russland hat ihn unterzeichnet und ratifiziert, aber die USA haben ihn zwar unterzeichnet, aber nicht ratifiziert.

Jetzt haben wir die Arbeit an modernen strategischen Waffen, von der ich gesprochen und die ich vor einigen Jahren angekündigt habe, praktisch abgeschlossen.

Der letzte erfolgreiche Test des Burevestnik, eines Marschflugkörpers mit globaler Reichweite und nuklearem Antriebssystem, wurde durchgeführt. Wir haben die Arbeiten an der Sarmat, einer superschweren Rakete, abgeschlossen. Die Frage ist nur, dass wir einige der Verfahren auf rein administrativer und bürokratischer Ebene abschließen müssen, um dann zur Massenproduktion und zur Indienststellung überzugehen. Wir werden das in naher Zukunft tun.

In der Regel sagen Experten, dass es eine neue Waffe ist und wir sicherstellen müssen, dass der spezielle Sprengkopf fehlerfrei funktioniert, und dass wir Tests durchführen müssen. Ich bin jetzt nicht bereit, zu sagen, ob wir wirklich Tests durchführen müssen oder nicht. Aber um sich in den Beziehungen zu den USA spiegelbildlich zu verhalten, und ich wiederhole noch einmal, wenn die USA unterzeichnet, aber nicht ratifiziert haben, und wir unterzeichnet und ratifiziert haben, ist es im Prinzip möglich, sich den USA gegenüber spiegelbildlich zu verhalten. Aber das ist eine Frage für die Mitglieder der Staatsduma. Theoretisch ist es möglich, diese Ratifizierung zurückzuziehen. Wenn wir das tun, ist das völlig ausreichend.

Lukjanow: Einige im Westen äußern jetzt offen den Standpunkt, dass diese aktive Unterstützung für die Ukraine darauf zurückzuführen ist, dass Russland in den letzten anderthalb Jahren nicht überzeugend genug auf die Eskalation von ihrer Seite reagiert hat.

Putin: Ich weiß nicht, ob es überzeugend war oder nicht. Aber jetzt, seit Beginn der so genannten Gegenoffensive, allein seit dem 4. Juni – das sind die neuesten Daten -, haben die ukrainischen Einheiten bereits über 90.000 Mann verloren. Das sind sanitäre und unwiederbringliche Verluste, 557 Panzer, fast 1.900 gepanzerte Fahrzeuge verschiedener Klassen. Ist das überzeugend, oder nicht?

Wir haben unser eigenes Verständnis davon, wie was vorangeht. Wir wissen, wo wir was tun müssen, wo wir was hinzufügen müssen. Wir bewegen uns in aller Ruhe auf unsere Ziele zu und ich bin sicher, dass wir sie erreichen werden, dass wir die Ziele, die wir uns gesetzt haben, verwirklichen werden.

Ende der Übersetzung


Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

7 Antworten

  1. Die Welt kann heilfroh darüber sein, dass Putin Präsident ist. Ruhig und strategisch, genau so einen braucht es in Zeiten wie diesen.

    Ich weiß nicht, wo wir wären, wenn z. B. ein Medwedew Präsident wäre.

        1. Das ist totaler Blödsinn. Die SMO hätte sonst niemals stattgefunden. Wahrscheinlich hat der Herr noch nichts von BRICS Afrikaforum u.s.w. Gehört, all das was den Heinis vom WEF einen ordentlichen Gegenwind zukommen lässt. Der Grund für den Maidan ist an ihm wohl komplett vorbeigerauscht.

      1. Na wenn das irgend ein Typ im Kommentarbereich behauptet dann muss ja was dran sein.
        Er ist uns offenbar geistig und intellektuell einfach überlegen und kennt die Gedankengänge und Abläufe auf höchster Ebene bestens und lückenlos.

  2. Es spricht nicht gerade für die Völker der Atommächte das die dieses Spiel überhaupt zulassen.
    Wenn einer von den Entscheidern durchdreht, und das die größten Spinner auf solche Positionen kommen ist im Westen ja heute üblich, dann sterben ALLE, egal wie sehr sie dafür oder dagegen waren, egal wie jung oder wie alt sie sind.
    „Der Depp, den du nie gewählt hast, den du am liebsten weg haben willst und der dein Land regiert greift uns an? Tja, pech gehabt, jetzt bis du tot. Und alle anderen auch. Weil…das ist dann Gerecht oder so ein scheiß.

    Menschen sind schon ziemlich pervers, auf jeden Fall in Gruppen.

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