Desinformation durch Weglassen: Der Spiegel und das Getreideabkommen
Der Spiegel hat dem russischen Außenminister vorgeworfen, mit dem Ende des Getreideabkommens zu drohen. Hier zeige ich, was Spiegel-Leser dabei alles nicht erfahren.
Die Menschen in Russland verstehen nicht, warum die Menschen im Westen nicht gegen die dortige Politik protestieren. Die Antwort ist, dass die Menschen im Westen vieles schlicht nicht wissen, weil die westlichen Medien sie nicht informieren. Das Problem ist, dass die Menschen, wenn ihnen entscheidende Informationen verheimlicht werden, gar nicht merken können, wie Politik und Medien sie betrügen.
Ein Beispiel dafür ist das Getreideabkommen, über das die Medien in Deutschland nie vollständig berichtet haben. Stattdessen haben sie das Thema seit einem Jahr für Propaganda genutzt und offen gelogen.
Der russische Außenminister Lawrow ist derzeit in Kenia und wurde dort von Journalisten zum Getreideabkommen befragt. Das war dem Spiegel einen Artikel wert, der reine Propaganda ist und beispielhaft aufzeigt, wie die deutschen Medien ihre Leser betrügen.
Zum Verständnis erkläre ich kurz noch einmal, worum es bei dem Getreideabkommen geht, anschließend zeige ich, was Lawrow tatsächlich gesagt hat und was der Spiegel berichtet hat .
Das Getreideabkommen
Im Sommer 2022 haben die Medien wochenlang berichtet, Russland blockiere ukrainische Getreideexporte und setze so den weltweiten Hunger als Waffe ein, weil das ukrainische Getreide von den ärmsten Ländern der Welt so dringend gebraucht wird. Das ukrainische Getreide sei für die Dritte Welt bestimmt und die EU setzte sich angeblich ganz ganz doll dafür ein, dass die bösen Russen endlich erlauben, dass das ukrainische Getreide an die ärmsten Länder geliefert werden kann.
In der Folge wurde das Getreideabkommen geschlossen und das ukrainische Getreide konnte über das Schwarze Meer exportiert werden. Die Medien haben dann schnell aufgehört, darüber zu berichten, denn es stellte sich heraus, dass das ukrainische Getreide gar nicht an die ärmsten Länder der Welt ging, sondern vor allem in die EU. Das kann man auf der entsprechenden Seite der UNO nachlesen, aber das mussten die Menschen im Westen ja nicht erfahren.
Was die westlichen Medien ebenfalls nicht berichten, ist, dass in dem Getreideabkommen festgelegt ist, dass die anti-russischen Sanktionen aufgehoben werden sollen, die den Export von russischem Getreide und von russischen Düngemitteln behindern. Das sind Sanktionen gegen russische Banken, denn wie soll jemand russisches Getreide kaufen, wenn er kein Geld überweisen kann? Das sind Sanktionen gegen russische Logistik, also gegen russische Häfen, Transportunternehmen und so weiter.
Darüber wird im Westen nicht berichtet, denn dann müssten westliche Medien ja eingestehen, dass es der Westen ist, der in den ärmsten Ländern der Welt eine Hungersnot provoziert, indem er die russischen Exporte von Lebensmitteln und Düngemitteln behindert.
Das geht sogar so weit, dass EU-Staaten 2022 russische Schiffe mit Düngemitteln festgesetzt haben. Russland hat daraufhin angeboten, diese Düngemittel an afrikanische Staaten zu verschenken, aber die EU hat die Düngemittel trotzdem nicht freigegeben. Um eine Hungersnot möglichst zu verhindern, hat der russische Präsident sogar erklärt, dass Russland – sollte der Westen den Export von russischem Getreide verhindern – sein Getreide notfalls an die notleidenden Länder verschenkt.
Aber auch davon weiß im Westen niemand etwas, weil die westlichen Medien das verschweigen.
Lawrow in Afrika
In Afrika weiß man all das, weshalb die Propaganda des Westens dort nicht funktioniert, was westliche Politiker immer wieder beklagen und dafür die „russische Propaganda“ verantwortlich machen. Dabei ist es die verlogene Politik des Westens, die sich beim Getreideabkommen ein weiteres Mal zeigt, und nicht die „russische Propaganda“, die den Afrikanern im Laufe der Jahre gezeigt hat, was Versprechen des Westens wert sind.
Der russische Außenminister Lawrow ist derzeit in Kenia und ihm wurde dort eine Frage zum Getreideabkommen gestellt. Ich werde die Frage und Lawrows Antwort komplett übersetzen, danach schauen wir uns an, was der Spiegel seinen Lesern darüber berichtet (oder besser gesagt, nicht berichtet) hat.
Frage: Die Ernährungssicherheit ist sehr wichtig für Afrika. Die afrikanischen Länder hatten große Schwierigkeiten, im Rahmen der Schwarzmeer-Initiative Getreide zu bekommen. Auch russische Düngemittel kommen kaum hierher – nur in vereinzelte Länder, man könnte sagen, es ist eine Ausnahme. Ist es sinnvoll, den „Schwarzmeer-Deal“ und das UN-Russland-Memorandum weiterzuführen? Da der „Deal“ zum zweiten Mal um 60 Tage verlängert wurde, bleiben uns am Ende die gleichen 120 Tage wie ursprünglich angegeben. Macht es für uns Sinn, das Abkommen erneut zu verlängern, oder besteht die Chance, dass die westlichen Länder es „reparieren“?
Sergej Lawrow: Wir haben uns bereits mehrfach zur „Schwarzmeer-Initiative“ geäußert, die den Export von Lebensmitteln, Getreide und anderen Waren aus ukrainischen Häfen betrifft. Weniger als drei Prozent der 30 Millionen Tonnen, die exportiert wurden, gingen an die ärmsten Länder. Fünf Länder in Afrika, die auf der Liste des Welternährungsprogramms stehen, benötigen Nahrungsmittel.
Das Russland-UN-Memorandum wird überhaupt nicht umgesetzt. Wir haben die Möglichkeit, Produkte aus unserem agroindustriellen Komplex ohne die Mechanismen dieses Memorandums zu exportieren. Aber wenn UN-Generalsekretär Guterres in der Lage gewesen wäre, all das umzusetzen, was er fordert und was in dem Dokument steht, wären die Auswirkungen auf den Lebensmittel- und Düngemittelmarkt sicherlich viel positiver gewesen.
Jeder kennt die Geschichte mit den Düngemitteln. Im Jahr 2022 beschlagnahmte die EU in ihren Häfen etwa 300.000 Tonnen russischer Düngemittel, die für die landwirtschaftliche Produktion dringend benötigt werden. Kürzlich sagte ein afrikanischer Staatschef, dass Afrika im nächsten Jahr von einer Hungersnot bedroht sein wird, wenn die Beschränkungen für russische Düngemittel nicht aufgehoben werden. Der russische Präsident Wladimir Putin hat erklärt, dass wir bereit schon im August 2022 bereit waren, diese 300.000 Tonnen Düngemittel, die von der EU mit Zustimmung des Eigentümers illegal beschlagnahmt wurden, an die bedürftigen Länder, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent, zu liefern. Es hat fast sechs Monate gedauert, bis die erste kleine Lieferung an das afrikanische Land Malawi verschickt werden konnte. Weitere Sendungen werden Afrika nun ebenfalls erreichen.
Was Kenia betrifft, so trifft in wenigen Tagen eine Ladung von 30.000 Tonnen Düngemitteln im Hafen von Mombasa ein, die nach entsprechender Verarbeitung für die Landwirtschaft dieses afrikanischen Landes von großer Bedeutung sein werden. Mehrere andere Länder werden unsere „verhafteten“ Düngemittel nach dem gleichen Schema erhalten. Aber der Prozess geht sehr langsam voran. Wir können das Vorgehen der EU und ihrer entsprechenden Mitglieder als direkte Sabotage der Ziele der Ernährungssicherheit betrachten.
Was die Zukunft der Schwarzmeer-Initiative betrifft, so haben wir uns bereits geäußert. Wenn alles so bleibt, wie es ist, und allem Anschein nach wird es so sein, dann muss man davon ausgehen, dass sie nicht mehr funktioniert.
Was der Spiegel daraus macht
Der Spiegel hat einen Artikel mit der Überschrift „Krieg in der Ukraine – Lawrow droht mit Ende des Getreideabkommens“ veröffentlicht, der mit folgender Einleitung begann:
„Gerade erst wurden die Weizenlieferungen aus der Schwarzmeerregion bis Juli verlängert, da stellt Russland den Getreidedeal schon wieder infrage. Das Abkommen funktioniere nicht mehr, behauptet Außenminister Lawrow in Kenia.“
Schon hier sieht man ein beliebtes Propaganda-Instrument der westlichen Medien. Wenn Lawrow etwas sagt, wird es als „Behauptung“ bezeichnet, was suggeriert, dass es gelogen ist. Das ist für den Spiegel-Leser logisch, denn der Spiegel und andere westliche Medien verteufeln Russland täglich, weshalb die Leser im Westen einer „Behauptung“ aus Russland nicht glauben.
Dieses Vorgehen ist sehr geschickt und wirksam. Der Spiegel erklärt seinen Lesern nicht, was das Getreideabkommen ist, was vereinbart wurde und wer seine Umsetzung behindert. Stattdessen lässt der Spiegel Lawrow das erzählen, wobei der Spiegel aber durch seine Formulierungen suggeriert, dass Lawrow lügt. Das klingt zum Beispiel so:
„Nun bemängelte Lawrow, dass die Bedingungen des Abkommens »überhaupt nicht« erfüllt würden. (…) Außenminister Lawrow sagte zudem, dass weniger als drei Prozent des im Rahmen des Abkommens exportierten Getreides die ärmsten Länder der Welt erreicht hätten. Tatsächlich waren China, Spanien und die Türkei die größten Empfänger. Gleichzeitig exportierte die Ukraine jedoch einen bedeutenden Teil ihres Getreides an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen.“
Dass „die Ukraine jedoch einen bedeutenden Teil ihres Getreides an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen“ exportiert, ist geschickte Desinformation, denn das suggeriert, dass „ein bedeutender Teil“ des Getreides doch bei den notleidenden Ländern ankommt. Das ist aber nicht so, wie man auf der oben verlinkten Seite des UN-Welternährungsprogramms sehen kann. Es sind China, die EU und die Türkei, die das ukrainische Getreide bekommen, bei den hungernden Ländern kommt fast nichts an.
Übrigens kommt das Wort „Düngemittel“ in dem Spiegel-Artikel nicht einmal vor. Russland und Weißrussland sind die weltweit größten Produzenten von Düngemitteln und die westlichen Sanktionen behindern den Export der lebenswichtigen Düngemittel nach Afrika. Darüber berichten die deutschen Medien jedoch genauso wenig, wie über die Tatsache, dass die EU 300.000 Tonnen russischer Düngemittel festgesetzt hat und nicht nach Afrika lässt, obwohl Russland bereit ist, sie zu verschenken.
Und eine Lüge zum Schluss
Es ärgert die westlichen Politiker und Medien, dass man ihnen in Afrika nicht glaubt und stattdessen Sympathie für Russland hat. Das zeigt der letzte Absatz des Spiegel-Artikels:
„Es ist daher sicher kein Zufall, dass Lawrow den Getreidedeal ausgerechnet in Kenia ansprach – dort hungern laut Welternährungsprogramm 1,2 Millionen Menschen, acht Prozent der Bevölkerung. Zuvor hatte der russische Außenminister das ebenfalls stark betroffene Somalia bereist, wo 1,5 Millionen Menschen zu wenig Nahrung haben.“
Für den Spiegel-Leser klingt das so, als habe Lawrow selbst das Thema angesprochen, um „russische Propaganda“ zu verbreiten. Das ist gelogen, denn Lawrow hat das Thema in seiner Erklärung vor der Presse nicht selbst angesprochen, sondern die Frage wurde von einem Journalisten gestellt.
Der Westen trägt eine erhebliche Mitschuld an dem Hunger in Afrika, weil er das Getreide aus der Ukraine aufkauft, anstatt es – wie versprochen – an die hungernden Länder gehen zu lassen, und weil der Westen die Exporte von russischem Getreide und Düngemitteln verhindert, ja sie in der EU sogar festsetzt.
Aber das wissen die meisten Menschen in Deutschland nicht, weil ihre Medien es ihnen verschweigen.