Ungarn ist in der EU eine Ausnahme, denn Ungarn hat im Oktober einen langfristigen Liefervertrag für Gas mit Gazprom geschlossen und wird über die neu gebaute Pipeline Turkish-Stream beliefert. Daher ist Ungarn von der Energie- und Gaskrise, die im Rest der EU gerade die Preise für Strom und Heizung explodieren lässt, nicht betroffen. Darauf hat Ministerpräsident Orban bei seinem Besuch bei Putin auf der gemeinsamen Pressekonferenz hingewiesen.

Und Russland, dem vom Westen vorgeworfen wird, Gas als politische Waffe zu nutzen, ist sogar bereit, seine Gaslieferungen nach Ungarn noch zu erhöhen. Das Beispiel zeigt eindrücklich, wie haltlos die Vorwürfe aus dem Rest der EU (und auch den USA) sind, die Russland vorwerfen, das Gas künstlich zu verknappen. Russland bietet im Gegenteil eine Erhöhung der Gaslieferungen an, um die Preise in der EU zu senken, aber die EU will davon aus politischen Gründen nichts wissen.

Ich habe die entsprechende Journalistenfrage an Orban und Putin und auch deren Antworten auf der Pressekonferenz komplett übersetzt. Im Anschluss finden Sie noch eine Zusammenfassung der Gründe für die derzeitige Energiekrise in Europa.

Beginn der Übersetzung:

Frage: Guten Tag!

Die Frage geht an Sie beide. Können Sie mir bitte sagen, inwieweit Sie nach den heutigen Gesprächen die Sicherheit der Energieversorgung erhöhen und verbessern konnten?

Ich danke Ihnen vielmals.

Putin: Der Herr Ministerpräsident hat eine Reihe von Fragen zum Ausbau unserer Zusammenarbeit gestellt. Das gilt für die Energie und ihre verschiedenen Aspekte, einschließlich der Versorgung mit Kohlenwasserstoffen, also die Menge der Gaslieferungen, der Kernenergie, der Logistik, des Verkehrs, der industriellen Produktion und der Landwirtschaft.

Während der Gespräche mit dem Ministerpräsidenten habe ich auch meine Kollegen in der Regierung und einige der Leiter der größten russischen Unternehmen angerufen. Praktisch alle vom Ministerpräsidenten aufgeworfenen Fragen sind positiv beantwortet worden.

Das gilt auch für die Erhöhung der Gaslieferungen. Wir müssen uns die Bilanz der Russischen Föderation nach der Herbst-Winter-Periode genau ansehen, aber ich glaube nicht, dass wir irgendwelche größeren Probleme haben werden, wenn wir eine Milliarde Kubikmeter mehr Gas liefern.

Wir verstehen die vom Ministerpräsidenten angesprochenen Probleme. Die Gasmengen in den unterirdischen Gasspeichern in Europa sind auf etwa 40 Prozent des physischen Volumens zurückgegangen und im nächsten Jahr werden unsere Partner in Europa wahrscheinlich Probleme bekommen. Ungarn wird keine Probleme haben, denn wir werden uns auf zusätzliche Mengen einigen. Die endgültige Entscheidung wird von den Wirtschaftsakteuren wohl Anfang April getroffen werden. Im Großen und Ganzen ist das gelöst.

Das Gleiche gilt für die, sagen wir, Umgehung von Budapest. (Anm. d. Übers.: Dabei handelt es sich um ein Infrastrukturprojekt in Ungarn) Der Herr Ministerpräsidenten hat das Thema angesprochen. Ich denke, wir werden das Problem lösen. Er weiß es noch nicht, denn während ich hierher gegangen bin, habe ich zusätzliche Informationen von der russischen Eisenbahn erhalten. Es handelt sich um eine zusätzliche Finanzierung aus der Kreditlinie. Zwei Milliarden Dollar sind ein möglicher Betrag für ein solches Projekt und es wäre möglich, Budapest zu umgehen. Es geht um die Arbeit im Kernenergiesektor, die Ausbildung von Fachleuten, die Lösung einiger Probleme bei der Herstellung von Kernbrennstoffen und so weiter.

Ich stimme dem Herrn Ministerpräsident voll und ganz zu, unsere heutige gemeinsame Arbeit, die fast fünf Stunden gedauert hat, war in fast allen Bereichen sehr erfolgreich. Die Landwirtschaft wurde unter verschiedenen Aspekten sehr aktiv diskutiert, darunter auch die Lösung von Energiefragen.

Orban: Ich möchte den russischen Journalisten sagen, dass die Kosten für Gas und Strom in Westeuropa um das Zwei- oder Dreifache gestiegen sind. Das ist ein großes Problem für die Menschen. Wir können Ungarn als Ausnahme erwähnen. In Ungarn setzen wir seit vielen Jahren auf die Senkung der Wohnnebenkosten. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür ist das russische Gas. Wenn russisches Gas verfügbar ist, können wir die ungarischen Haushalte günstig damit versorgen. Wenn es kein russisches Gas gibt, dann können wir das nicht. Deshalb ist es aus ungarischer Sicht sehr wichtig, dass wir kurz vor einer Einigung über die Lieferung von einer Milliarde Kubikmeter mehr pro Jahr durch Russland stehen. Auf diese Weise haben wir die Versorgung in Ungarn endgültig gesichert.

Mit dem Kernkraftwerk Paks wird die Energieversorgung Ungarns im Jahr 2030 zu 90 Prozent abgedeckt sein. Ohne Paks kann es in Ungarn keine entsprechende Umweltpolitik geben. Die heutigen Verhandlungen zu diesem Thema haben ihren Beitrag geleistet.

Ende der Übersetzung

Die Gründe für die Energiekrise in Europa

Über die Gründe für die Energiekrise in Europa habe ich oft berichtet, daher fasse ich sie hier der Vollständigkeit halber nur noch einmal kurz zusammen.

Erstens: Der letzte Winter war kalt, weshalb viel Gas verbraucht wurde. Pipelines und Tanker reichen nicht aus, um im Winter genug Gas nach Europa zu bringen, weshalb die Gasspeicher normalerweise im Sommer aufgefüllt werden. Das ist in diesem Jahr ausgeblieben und während die Gasspeicher normalerweise zu Beginn der Heizsaison zu fast 100 Prozent gefüllt sind, waren es in diesem Jahr nur knapp 75 Prozent.

Zweitens: Die Energiewende hat zu einem zu großen Anteil von Windenergie am Strommix geführt. Da der letzte Sommer aber außergewöhnlich windstill war, fehlte die Windkraft und es wurde unter anderem Gas zur Stromerzeugung genutzt, das eigentlich in die Speicher hätte geleitet werden müssen.

Drittens: Der Wunsch vieler europäischer Politiker, russisches Gas durch vor allem amerikanisches Flüssiggas zu ersetzen, hat dazu geführt, dass in Europa nun Gas fehlt. Der Grund: In Asien sind die Gaspreise noch höher als in Europa und die fest eingeplanten amerikanischen Tanker fahren nach Asien, anstatt nach Europa.

Viertens: Die Reform des Gasmarktes der letzten EU-Kommission hat den Handel mit Gas an den Börsen freigegeben. Dadurch wurde Gas zu einem Spekulationsobjekt. Während Gazprom sein Gas gemäß langfristiger Verträge für 230 bis 300 Dollar nach Europa liefert, ist es für die Importeure ein gutes Geschäft, das Gas an der Börse für 1.000 Euro weiterzuverkaufen und diese Spekulationsgewinne in Höhe von mehreren hundert Prozent in die eigene Tasche zu stecken.

Warum Gazprom trotzdem langfristige Verträge möchte? Die Antwort ist einfach, denn das war auch in Europa so, als in Europa noch Gasfelder erschlossen wurden. Der Produzent von Gas muss Milliardeninvestitionen planen und das geht nur, wenn er weiß, wie viel Gas er langfristig zu welchem Preis verkaufen kann. Daher möchte ein Gasproduzent langfristige Verträge, auch wenn der Preis zeitweise möglicherweise viel niedriger ist als der, den er an der Börse erzielen könnte.

Auch für den Kunden ist es von Vorteil, wenn er die Gaspreise und die Gasmengen im Voraus planen kann, denn was passiert, wenn man sich auf kurzfristige Verträge einlässt, erleben wir gerade in Europa. Dass die EU-Kommission sich trotzdem für kurzfristige Verträge und Börsenhandel von Gas einsetzt, ist entweder Inkompetenz, oder der Wunsch europäischen Konzernen die lukrative Börsenspekulation mit Gas auf Kosten der Verbraucher zu ermöglichen, oder die politische Abhängigkeit von den USA, die auf kurzfristige Verträge setzen, weil ihrer schnelllebigen Frackingindustrie schnelle Gewinne wichtiger sind als langfristige Planungssicherheit.