Wie unterschiedlich russische und westliche Journalisten arbeiten und berichten, ist im Westen kaum bekannt. Daher will ich das hier an einem Beispiel aufzeigen.

Normalerweise finden sich hier am Montagmorgen viele Übersetzungen aus der russischen Sendung „Nachrichten der Woche.“ Die Sendung kommt immer am Sonntagabend und daher bedeutet die Nacht von Sonntag auf Montag für mich in der Regel Arbeit bis um drei Uhr morgens. Gut, dass ich sowieso eine „Nachteule“ bin.

Manchmal gibt es in der Sendung so viele interessante Berichte, dass ich nicht alle übersetzen kann. An diesem Sonntag war es andersrum: Es gab nichts, was sich wirklich gelohnt hätte, übersetzt zu werden. Die Berichte aus den USA sind nicht mehr allzu interessant, seit der Machtkampf zwischen Trump und Biden vorbei ist, aus Europa gab es keinen wirklich interessanten Bericht, das einzige in meinen Augen interessante war der Bericht über den Prozess gegen Navalny, aber der war eine Wiederholung des Berichts von Freitag, den ich schon übersetzt habe.

Daher nutze ich die Ruhe für einen Artikel, den ich schon lange mal schreiben wollte und für den es jetzt auch einen aktuellen Anlass gibt. Es geht um die unterschiedliche Arbeitsweise von russischen und westlichen Journalisten.

Der aktuelle Anlass ist folgender: Die Korrespondentin des russischen Fernsehens in Europa ist eine junge Frau von 33 Jahren mit dem Namen Anastasia Popova. Ich habe schon einige Berichte von ihr übersetzt, der letzte war ihr Bericht über Navalnys Zeit im Schwarzwald, als der den Film über Putins angeblichen Palast gedreht hat.

Natürlich hat ihr das viel Ärger und einen Shitstorm von Seiten der Unterstützer Navalnys eingebracht. Der Shitstorm war in Russland so heftig, dass es am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ einen ausführlichen Bericht darüber gab. Darin ging es um den Shitstorm einerseits und um die Karriere von Popova andererseits. Und ihre Karriere zeigt anschaulich auf, wie unterschiedlich russische und westliche Journalisten und vor allem Korrespondenten arbeiten.

Wie westliche Korrespondenten heute arbeiten

Die deutschen Staatsmedien (sorry, es muss natürlich „öffentlich-rechtliche Medien“ heißen) haben inzwischen zum Beispiel für den Nahen Osten nur noch einen Korrespondenten, der zum Beispiel in seinem Büro in Kairo sitzt. Und bei Bedarf wird er in den Nachrichten zugeschaltet und darf mit wichtigem Gesichtsausdruck etwas über die Lage zum Beispiel in Syrien vortragen. Aber er war nie in Syrien, Syrien ist weit weg. Er könnte seine Erkenntnisse genauso gut auch aus dem Studio in Berlin in die Kamera sprechen. Aber für die Zuschauer ist ein Korrespondent „vor Ort“ glaubwürdiger. Dass er gar nicht vor Ort ist, sondern seine Texte hunderte oder tausende Kilometer entfernt in einem anderen Land in die Kamera spricht, fällt kaum jemandem auf.

Früher, die älteren werden sich noch erinnern, war das anders. Aus Vietnam haben deutsche Journalisten damals unter Einsatz ihres Lebens direkt von der Front berichtet. Man erinnere sich nur an den großartigen Peter Scholl-Latour. Geben Sie mal „scholl latour vietnam“ bei YouTube ein, wenn Sie wissen möchten, wie anders und besser deutsche Korrespondenten früher berichtet haben und vergleichen Sie das mit den Sprechpuppen, die heute weit weg von Krieg und Unruhen in ihren warmen Büros sitzen und Berichte von „vor Ort“ vorlesen.

Wenn westliche Journalisten heute aus einem Krieg berichten, sind sie „embedded“. Das bedeutet, dass sie vom Krieg führenden westlichen Land die Erlaubnis haben, eine Armeeeinheit zu begleiten und auf diese Weise entscheidet nicht mehr der Journalist, wo er hingeht, was er sich anschaut und was er berichtet, sondern der Krieg führende westliche Staat. Entsprechend sind deren Berichte so objektiv, wie die Berichte der Kriegsberichterstatter der Wehrmacht, die den Deutschen im Zweiten Weltkrieg in der Wochenschau gezeigt wurden.

Wie russische Korrespondenten arbeiten

Auch Russland (oder besser die Sowjetunion) hatte eine Art „kleinen Scholl-Latour.“ Der Mann hieß Andrej Popov und hat zuerst für die Sowjetunion und dann für Russland aus den arabischen Ländern berichtet. Dort hat er fast sein ganzes Leben verbracht und war ein anerkannter und respektierter Gesprächspartner, der Arabisch gesprochen hat und von allen Parteien in der Region als Gesprächspartner und Reporter respektiert wurde.

Anastasia Popova ist seine Tochter, die in seine Fußstapfen getreten ist. Sie spricht neben Russisch auch fließend Spanisch, Französisch, Englisch und Arabisch. Ihre Karriere hat sie als Kriegsberichterstatterin der „alten Schule“ begonnen und sie hat schon 2011, lange vor dem Eingreifen der russischen Streitkräfte, monatelang direkt von der Front in Syrien berichtet. Sie war damals gerade 23 Jahre und wurde gegen ihren Willen von dort abgezogen, nachdem sie beinahe verwundet worden ist. Ihre Kollegen warnten, sie verliere die Angst vor der Gefahr, in die sie sich begeben hat.

Trotzdem war sie auch die Journalistin, die als Teil des ersten russischen Kamerateams direkt von der Front im Jemenkrieg berichtet hat. Frage: War eigentlich überhaupt schon mal ein Kamerateam von ARD oder ZDF im Jemenkireg? Oder im Syrienkrieg?

Popova und ihr Team sollten nur ein paar Tage aus dem Jemen berichten, aber die Kämpfe wurden zu dem Zeitpunkt so heftig, dass eine Ausreise unmöglich wurde und sie einen Monat von der Front berichtet hat. Für ihre Berichte aus Kriegsgebieten hat sie einen russischen Tapferkeitsorden bekommen.

Übrigens gibt es noch so einen russischen Kriegsberichterstatter, der heute aus Syrien aus der ersten Reihe berichtet, sein Name ist Jewgenyi Podubni und die meisten von mir übersetzten Berichte aus dem syrischen Kriegsgebiet oder aus Syrien insgesamt waren von ihm.

Nach ihrer Zeit als Kriegsberichterstatterin wurde Anastasia Popova Europa-Korrespondentin des russischen Fernsehens und ich habe viele ihrer Berichte übersetzt. Aus ihrer Haut kann sie bis heute nicht. Als zum Beispiel die Gelbwesten in Frankreich demonstriert haben und von der Polizei mit Gummigeschossen zusammengeschossen wurden, war sie wieder in der ersten Reihe und hat mit Schutzweste, Helm und bei Bedarf Gasmaske direkt aus dem Zentrum des Geschehens berichtet.

Wann hat ein Korrespondent von ARD oder ZDF das letzte Mal solche Berichte geliefert? Die sitzen stattdessen in ihren warmen Büros, bekommen Videomaterial zugeschickt und berichten dann mit wichtigem Gesichtsausdruck vom „Ort des Geschehens.“

Darin liegt der Unterschied zwischen russischen und westlichen Korrespondenten. Über die Ereignisse des Maidan zum Beispiel haben die Russland-Korrespondenten von ARD und ZDF aus Moskau berichtet und die Bilder vom Maidan haben ihnen die Internet-TV-Sender der ukrainischen Opposition (espreso und hromadskoe) geliefert.

Was das bedeutet

Natürlich berichten die russischen Kriegsberichterstatter aus russischer Sicht. Das hat auch Scholl-Latour damals getan, er hat aus westlicher Sicht berichtet. Aber nichts desto trotz kamen die echten Bilder der Kriege in die Wohnzimmer der Menschen und ein Korrespondent vor Ort kann nicht umhin, auch über die Folgen der Bomben seines Landes zu berichten. Er ist auch nur ein Mensch, den solche Erlebnisse natürlich nicht unberührt lassen.

Die Grausamkeit der Kriege war während des Vietnamkrieges jeden Abend zur besten Sendezeit in den deutschen Nachrichten zu bestaunen. Heute hingegen berichten westliche Korrespondenten aus einem warmen und weit entfernten Studio und haben von Krieg oder Unruhen selbst nichts gesehen. Die Bilder bekommen sie von pro-westlichen Kräften (siehe das Beispiel Maidan) zugespielt. Die Bilder sind also schon durch eine Vorauswahl gegangen, bevor die westlichen Korrespondenten sie zu sehen bekommen haben. So konnte beim Maidan die Gewalt, die von den „Maidanisten“ ausging, im Westen komplett verschwiegen werden, denn die haben selbst entschieden, welche Bilder sie in den Westen weitergeben.

So können die westlichen Medien dank solcher „Korrespondenten“ den Eindruck erwecken, die Kriege fänden mit „chirurgischer Präzision“ statt, zivile Opfer können verschwiegen werden, die Bilder von Kriegsschäden durch westliche Bomben kommen nicht mehr ins Fernsehen.

Ganz anders in Russland. Als in Syrien der Kampf um Aleppo getobt hat, war Podubni in der ersten Reihe und er war auch dabei, als Aleppo befreit wurde und er hat auch die Schäden gezeigt, die durch russische und syrische Bomben entstanden sind. In Russland herrscht daher eine klare Anti-Kriegsstimmung, während im Westen viele Leute die „humanitären Einsätze“ der westlichen Armeen gutheißen, schließlich zeigt ihnen niemand die Folgen dieser Einsätze. Und die embedded Journalisten aus dem Westen bekommen diese Bilder gar nicht zu sehen, denn sie werden gar nicht erst zu solchen Orten gebracht. Ihre „Kriegsberichte“ verbreiten daher das Gefühl, als wäre Krieg eine Art spannender Abenteuerurlaub.

So kann die Bevölkerung im Westen immer wieder dazu gebracht werden, die Einsätze westlicher Armeen zu unterstützen oder zumindest hinzunehmen: Die Folgen und die schockierenden Bilder dieser Einsätze werden ihnen ja nicht gezeigt.

Das ist in Russland anders.