Gute Proteste, böse Proteste: Wie der Spiegel über aktuelle Demonstrationen in verschiedenen Ländern berichtet

Dass der Spiegel zu einer Propaganda-Schleuder verkommen ist, ist nicht neu. Aber am Sonntag wurde es wieder besonders deutlich, als es große Proteste in Dänemark, Frankreich, Belgien und Österreich gab. Berichtet hat der Spiegel aber fast nur über Proteste in Russland.

Es ist faszinierend zu sehen, was der Spiegel für berichtenswert hält. Wenn in deutschen Nachbarländern große Proteste stattfinden, ist das für den Spiegel nicht wirklich berichtenswert. Entweder berichtet er gar nicht, oder nur sehr kurz und oberflächlich. Aber selbst kleine Demos in Russland sind dem Spiegel gleich sechs Artikel an einem Tag wert.

Zehntausende protestieren in Frankreich

In Frankreich gab es am Sonntag wieder große Proteste gegen das neue Sicherheitsgesetz, über das ich bereits berichtet habe. Der Hintergrund ist die exzessive Polizeigewalt in Frankreich, bei den Protesten der Gelbwesten haben weit mehr als hundert Menschen durch Gummigeschosse und Granaten der Polizei Gliedmaßen verloren. Anstatt aber gegen diese Polizeigewalt vorzugehen, hat die französische Regierung ein Gesetz eingebracht, dass es unter Strafe stellt, Polizisten im Einsatz so zu filmen, dass sie identifiziert werden können. Damit würde es praktisch unmöglich werden, Polizeigewalt aufzuklären und zu bestrafen.

Die Proteste dauern seit Monaten an und auch am Sonntag waren wieder zehntausende auf den Straßen, selbst der Spiegel spricht von über 30.000 Demonstranten. Der Spiegel kritisiert das Gesetz sogar, der Grund dürfte sein, dass auch der Presse das Gesetz nicht gefällt, denn auch Journalisten könnten sich strafbar machen, wenn sie nach der Annahme des Gesetzes auf Demos in Frankreich Polizisten filmen. Aber anstatt das Thema ausführlich zu behandeln (oder gar offen Sturm gegen das Gesetz zu laufen), waren die großen Proteste vom Sonntag dem Spiegel nur einen kurzen Artikel wert, der mit folgendem Absatz endete:

„In Paris kritisierten die Demonstranten am Wochenende nicht nur das umstrittene Sicherheitsgesetz, sondern setzten sich auch für die Kultur ein. Videos zeigten zu Technomusik tanzende Menschen, auch Kunst-Performances waren Teil des Protests. Kultureinrichtungen wie Kinos, Theater und Museen sind in Frankreich wegen der Corona-Pandemie seit Monaten geschlossen.“

Das klingt nach einem entspannten Happening, Videos auf YouTube zeigen jedoch andere Bilder. Dort sind massive Zusammenstöße mit der Polizei zu sehen und man hört das Knallen von Granaten und abgeschossenen Gummigeschossen. Aber das braucht der Spiegel-Leser ja nicht zu wissen, wenn es in Frankreich passiert.

Wie würde der Spiegel wohl berichten, wenn die Polizei in Russland auf Demonstranten schießen würde?

Tausende protestieren in Österreich

Auch in Wien gab es am Sonntag Proteste, allerdings klingt der Spiegel-Artikel darüber schon anders. Während der Spiegel das französisches Sicherheitsgesetz kritisiert und daher recht neutral (aber trotzdem verharmlosend) über die Proteste in Frankreich berichtet, hat der Spiegel kein Verständnis für die Proteste in Wien. Dort haben tausende gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Die Polizei spricht von 5.000 Teilnehmern, die Organisatoren von mindestens 10.000. Das allerdings waren für den Spiegel Rechtsextreme:

„Unter den Teilnehmern waren bekannte Vertreter der rechten Szene, darunter Identitäre rund um Martin Sellner sowie der verurteilte Neonazi Gottfried Küssel, wie die österreichische Nachrichtenagentur APA berichtete.“

Der Spiegel-Leser bekommt also vorgesagt, was er über die Proteste denken soll und Verständnis für die Demonstranten ist nicht gewollt. Und darüber, dass die Demo mit dem Verweis auf Corona verboten wurde, findet der Spiegel in Wien vollkommen in Ordnung.

Aber in Russland ist das Corona bedingte Verbot von Demos für den Spiegel ganz böse. Anscheinend ist Corona für den Spiegel nur im Westen ein berechtigter Grund, Demos zu verbieten, nicht aber in Russland.

Tausende protestieren in Belgien

Die Proteste in Brüssel waren dem Spiegel nicht einmal einen eigenen Artikel wert, die wurden am Ende des schon zitierten Artikels über die Demo in Wien in zwei Absätzen abgehandelt. Der Spiegel sprach von „mindestens 200“ Festnahmen, RT-Deutsch hat am Montag 300 Festnahmen gemeldet. Die Zahl von RT dürfte stimmen, denn der Spiegel-Artikel ist am Sonntagabend erschienen und vermutlich hat die Polizei ihre Zahlen im Laufe der Nacht noch nach oben korrigiert.

Auch in Brüssel waren die Corona-Maßnahmen der Grund für die Proteste. Die Polizei berichtete, dass unter den Festgenommenen viele Fußballfans gewesen seien. Solche Meldungen sind auch nicht dazu angetan, Sympathie für die Demonstranten zu wecken. Die Polizei war offenbar gut vorbereitet, wie der Artikel von RT-Deutsch zeigt, denn sie hat die aus dem ganzen Land nach Brüssel anreisenden Protestler schon am Bahnhof in Empfang und viele von präventiv ihnen festgenommen.

Man stelle sich mal vor, die russische Polizei würde Navalny-Unterstützer schon am Bahnhof aus dem Zug verhaften, was wäre da wohl im Spiegel zu lesen…?

Proteste auch in Dänemark

Dass Gegner der Corona-Maßnahmen am Wochenende auch in Dänemark auf der Straße waren, erfährt der Spiegel-Leser gar nicht. RT-Deutsch hat darüber berichtet und dazu auf YouTube und Twitter hochgeladene Videos verlinkt. Über die Zahl der Demonstranten geht daraus allerdings nichts hervor, es können nach den Bildern zu urteilen einige hundert oder auch tausende Demonstranten gewesen sein.

Die Demonstranten haben in Aarhus, einer Stadt mit 280.000 Einwohnern, einen Fackelmarsch veranstaltet. Selbst wenn wir annehmen, dass es dabei zum Beispiel nur 300 Teilnehmer gegeben hätte, müsste das dem Spiegel doch einen Bericht wert sein, denn in Prozent gemessen wäre das so, als wenn in der 12-Millionen-Metropole Moskau ca. 20.000 Menschen demonstriert hätten. In Moskau waren am Sonntag aber kaum 4.000 Menschen auf der Straße, was dem Spiegel aber sechs Artikel wert war.

Proteste in Russland

Über die Teilnehmerzahlen der Proteste in Russland schweigt sich der Spiegel aus, denn die Zahlen wären peinlich. Nach verschiedenen Angaben waren in Moskau zwischen 2.000 und 4.000 Menschen auf der Straße, im ganzen Land mit seinen elf Zeitzonen waren es kaum 20.000. Im Spiegel kann man über die Teilnehmerzahlen daher nur Sätze wie diesen lesen:

„Wie viele Menschen am Sonntag unterwegs waren, war schwer abzuschätzen. Am Wochenende zuvor demonstrierten zwischen 20.000 bis 30.000 Menschen in der Hauptstadt, diesmal waren es weniger, aber sie zogen in getrennten Kolonnen herum, waren verstreut.“

Dass es vor einer Woche so viele Demonstranten in gewesen sein sollen, scheint stark übertrieben, der Spiegel bezieht sich bei den Zahlen, die er letzte Woche gemeldet hatte, auf Angaben von Reuters. Die Bilder der Proteste zeigten nur wenige tausend Menschen, aber nicht 10.000 oder mehr.

Trotzdem waren die Proteste im weit entfernten Moskau dem Spiegel sechs ausführliche Artikel an einem Tag wert, während die – vor allem im Vergleich zur Bevölkerung – wesentlich größeren Demos in den deutschen Nachbarländern dem Spiegel nur kurze oder gar keine Artikel wert waren.

Ob dem Spiegel-Leser eine Demonstration gemeldet wird, entscheidet der Spiegel nach Sympathie. Für diese Art der „Berichterstattung“ gibt es einen Fachbegriff. Er lautet: Propaganda.

Über die Proteste in Russland selbst habe ich in einem weiteren Artikel ausführlich berichtet.


Wenn Sie sich für mehr Beispiele für freche Verfälschungen der Wahrheit in den „Qualitätsmedien“ interessieren, sollten Sie Beschreibung meines neuen „Spiegleins“ lesen. Das Buch ist eine Sammlung der dreistesten „Ausrutscher“ der „Qualitätsmedien“ im Jahre 2020 und zeigt in komprimierter Form, wie und mit welchen Mitteln die Medien die Öffentlichkeit in Deutschland beeinflussen wollen. Von „Berichterstattung“ kann man da nur schwer sprechen. Über den Link kommen Sie zur Buchbeschreibung.

https://anti-spiegel.com/2021/das-neue-anti-spiegel-jahrbuch-ist-da/
Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Antworten

  1. Keine Kommentare. Schade eigentlich.

    Sind es doch gerade diese Artikel, welche eben den Sinn eines solchen Anti-Spiegel am besten wiederspiegeln. Dem Grunde nach gibt es ja auch nichts mehr darüber zu diskutieren bei denen, die den ANTI-spiegel kennen. Das „Propaganda-Blatt spiegel“ hat nun mal seinen Namen weg bei denen, welche schon den ANTI-spiegel lesen, wie das Titelbild auch sichtbar – auch in meinem Namen – zeigt. Sagt ALLES aus, was von „ANTI-spiegel Leser“ über das „Propaganda-Blatt Spiegel“ noch zu sagen ist.

    Der ANTI-spiegel gewinnt, nimmt man die in letzter Zeit desöfter wegen Serverüberlastung diskutierten, aufkommenden Störungen zum Maßstab, wohl erheblich an Leserzuspruch zu. Dementsprechend sind nun mal auch viele NEUE Leser darunter.

    Denen sei gesagt: Es ist wichtig zu wissen, was Medienkritik bedeutet. Immer – und immer wieder, den Finger in die Wunde zu legen. Und das tut er, der Thomas Röper. Auch wenn ich selbst so ehrlich bin zugeben zu müssen, es fällt immer schwerer, solche Artikel konzentriert zu lesen. Man kommt automatisch immer wieder an den Punkt beim Denken zurück, bis wann denn die Saat der „Spiegel-Propaganda“ bei einem selbst auf fruchtbaren Boden gefallen war.

    Zumindest muss ich mir nicht das „PropagandaBlatt spiegel“ nicht mehr kaufen oder die Webadresse anklicken…

  2. Reine Propaganda im Spiegel. Da ist der Spiegel doch selbst Schuld, dass er seine Führungsrolle in der Medienlandschaft eingebüßt hat. Vor 30 Jahren noch war der Spiegel richtungsweisend, kritisch und informativ. Heute sind die Artikel auf Bildzeitungsniveau und in der Aussagekraft nur reine Propaganda.

  3. Absolute eigennützige Propaganda. Der Verlust der Medienpräsenz von Spiegel ist ganz und gar seine eigene Schuld. Der Spiegel war vor 30 Jahren der Zeit voraus, aufschlussreich und von der Kritik gefeiert. Heutzutage haben die Geschichten die Bedeutung einer Bildzeitung und sind kaum mehr als Propaganda. https://geometry-dash.io/

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