Keine zwangsweise Selbstisolierung: Korrespondentenbericht aus Schweden
Schweden geht einen ganz anderen Weg beim Kampf gegen die Corona-Pandemie, als der Rest der Welt. Daher habe ich einen Korrespondentenbericht aus Schweden übersetzt, weil ich denke, dass die Situation in Schweden für viele von Interesse ist. Die russische TASS hat einen Meinungsartikel ihrer Schweden Korrespondentin veröffentlicht, der einen sehr detaillierten Einblick in die Situation […]
Schweden geht einen ganz anderen Weg beim Kampf gegen die Corona-Pandemie, als der Rest der Welt. Daher habe ich einen Korrespondentenbericht aus Schweden übersetzt, weil ich denke, dass die Situation in Schweden für viele von Interesse ist.
Die russische TASS hat einen Meinungsartikel ihrer Schweden Korrespondentin veröffentlicht, der einen sehr detaillierten Einblick in die Situation in dem Land gibt. Da solche Berichte aus dem Land, das ohne zwangsweise Selbstisolation auskommen möchte, selten sind, habe ich den Bericht übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Stockholm, 2. April, Presseraum des Außenministeriums. Die Regierung informiert ausländische Journalisten. Alles ist wie immer: Menschen, die auf Computern mitschreiben, Kameras, Blitzlichter. Nur die Stühle für die Korrespondenten stehen zwei Meter voneinander entfernt und Flaschen mit Desinfektionsmittel stehen am Eingang zu der großen Halle mit der hohen Decke im ehemaligen Gebäude einer Bank. Die Zeiten haben sich geändert.
„Bei unserer Arbeit zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus verlassen wir uns auf den Rat von Experten“, beginnt die stellvertretende Ministerpräsidentin Isabella Levin die Pressekonferenz. „Unsere Gesellschaft hält sich an die Empfehlungen der Regierung…“
Heute, während der COVID-19-Pandemie, präsentiert Schweden der Welt ein Solo des berühmten Liedes „My Way“ und wählt seinen eigenen Weg, um mit dem tödlichen Virus umzugehen und versucht so weit wie möglich, das normale Leben zu bewahren.
Es sind weniger Menschen auf den Straßen, aber die Straßen sind nicht völlig leer. Es gibt immer noch viele Menschen in den Geschäften, der Unterricht in den Schulen geht weiter und Kindergartengruppen spielen in den Parks. Auf den Baustellen hört man die Arbeit von Maschinen, Cafés und Bars sind nicht geschlossen, sondern nur auf Bedienung am Tisch umgestiegen, um Gedränge beim Bestellen an der Kasse zu vermeiden. Wenn die Sonne herausguckt, erscheinen Restauranttische auf den Straßen, wie die ersten Frühlingsblumen, und Menschen kommen, um zu Mittag zu essen oder eine Tasse Kaffee zu trinken.
Seit Beginn der Epidemie haben die Medien berichtet, dass die Regierung die Taktik der Herdenimmunität gewählt hat.
Wie berichtet wurde, geht dieser Ansatz einerseits auf Empfehlungen der Virologen zurück und ist andererseits von dem Wunsch geleitet, die Wirtschaft so weit wie möglich vor den Folgen von Sparmaßnahmen zu schützen, insbesondere vor Quarante und vorübergehenden Entlassungen. Die Einwohner erhalten Empfehlungen: Es wird zur Selbstisolation und zum verantwortungsvollen Umgang für sich und andere aufgerufen, aber strengere Maßnahmen wurden noch nicht eingeführt.
Zur gleichen Zeit, hat der Professor für mathematische Statistik, Tom Britton, mit nordischer Ruhe dem TV-Sender SVT gesagt, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen bis Ende April mehr als die Hälfte der Bewohner des Königreichs infiziert sein werden, danach werde die Ausbreitung des Virus nicht aufhören, sondern sich nur verlangsamen. Nach seinen Berechnungen werden bis Ende Mai etwa zwei Drittel der Bevölkerung des Landes Träger des Virus sein.
In seiner Prognose geht der Wissenschaftler davon aus, dass bis heute 0,5-1 Millionen Schweden infiziert sind. Und wenn im April jemand auf die Straße geht, dann wird vielleicht jeder Zehnte Träger der Infektion sein. Das bedeutet ein ziemlich hohes Risiko, sich zu infizieren. Ende Mai oder Anfang Juni wird die Gefahr nicht mehr so groß sein.
„Diese Prognose basiert auf Wahrscheinlichkeiten und ich würde dafür nicht mit meinem Haus bürgen. Aber wenn ich sage, dass es heute 250.000 bis 500.000 Infizierte gibt, würde ich mein Haus darauf verwetten“, sagte Britton. „Wenn es einen Monat gibt, in dem man sich und anderen einen Gefallen tut, indem man zu Hause bleibt, dann ist es der April.“
Auf die Frage, ob er glaube, dass das Virus weniger verbreitet wäre, wenn härtere Maßnahmen getroffen worden wären, sagte Tom Britton, ja, das wäre so, aber auf Kosten von mehr Schäden für die Gesellschaft.
Kritik der Nachbarn
In anderen westlichen Ländern, einschließlich der skandinavischen Nachbarländer, ist diese Taktik auf heftige Kritik gestoßen. In Dänemark beispielsweise meint man, die schwedische Regierung sei sich der Schwere des Coronavirus-Problems nicht voll bewusst und dass sie bei der Ergreifung der nötigen Maßnahmen mindestens um eine Woche zurückliegt. Schwedens oberster Epidemiologe Anders Tegnel erklärte daraufhin, er glaube, dass die Entscheidungen der dänischen Regierung, die schon lange Schulen geschlossen und Beamte in bezahlten Urlaub geschickt hat, eher von politischen, als von wissenschaftlichen Erwägungen gelenkt sei.
Norwegen, das strenge und restriktive Maßnahmen verhängt hat, hat Schweden auch für den falschen Weg kritisiert. Eine der Kritiker, Bjorg Marit Andersen, stellte fest, dass es in Skandinavien eine historisch begründete Tradition der Isolation und Quarantäne gibt und es sei sehr seltsam, dass die schwedische Regierung sie vollständig abgelehnt hat.
Bei der Verteidigung der schwedischen Taktik sind die „kulturellen Unterschiede“ zwischen Schweden und anderen Ländern eines der Hauptargumente von Anders Tegnel: Nach seinen Worten, versuchen die Menschen in Schweden freiwillig, den Empfehlungen der Behörden zu folgen, während das in anderen Staaten Zwang durch die Annahme entsprechender Gesetze erfordert.
Empfehlungen und Verbote der Behörden
„My way“ bedeutet jedoch nicht, dass die Behörden nichts tun und keine ernsthaften Maßnahmen ergreifen, um die Ausbreitung der Infektion zu bekämpfen. Heute sind aufgrund der Epidemie viele Unternehmen geschlossen, darunter die Volvo- und Scania-Werke. Unternehmen, deren Mitarbeiter von zu Hause arbeiten können, wird empfohlen, auf diese Arbeitsform umzusteigen. Für die gesamte Gesellschaft wurde eine Liste von Präventivmaßnahmen entwickelt, deren Annahme für jeden Schweden eine verbindliche Regel sein sollte.
Jetzt arbeiten tatsächlich viele Mitarbeiter von zu Hause aus und weil es ohne soziales Leben nicht geht, haben in den letzten Wochen virtuelle Treffen nach der Arbeit an Popularität gewonnen, bei denen Arbeitskollegen sich nach der Arbeit nicht in der Bar treffen, sondern mit einem Glas Bier oder Wein am Computer-Bildschirm.
Am 11. März untersagten die Behörden Veranstaltungen mit mehr als 500 Personen und am 29. März wurde diese Zahl auf 50 reduziert. Deshalb sind Theater und Museen geschlossen. Die Behörden haben empfohlen – nicht angeordnet -, an Gymnasien und Universitäten auf Fernunterricht umzustellen, aber in Kindergärten und Grund- und Mittelschulen läuft der Unterricht wie üblich.
In den letzten Tagen wurde ein Verbot von Besuchen in Pflegeheimen verkündet, in denen die Ausbreitung der Infektion bereits begonnen hat. Skigebiete haben freiwillig geschlossen, nachdem die Regierung darauf gedrängt – es aber nicht angeordnet – hat, in den Osterferien nicht durch das Land zu reisen.
„Unsere Empfehlungen zeigen gute Ergebnisse“, fuhr Isabella Levin bei der Pressekonferenz fort. „Nach den neuesten Daten sind 70 Prozent weniger Menschen auf der Straße und 50 Prozent weniger im ÖPNV. 87 Prozent der über 70-Jährigen sind zu Hause.“
Viele Schweden nehmen die Situation sehr ernst und wünschen sich strengere Maßnahmen von der Regierung. Ein bekannter Unternehmer aus Südschweden hat sich bereits vor einem Monat mit Lebensmitteln und Medikamenten eingedeckt und sich zur Quarante in seinen „Bunker“ – eine 20-Zimmer-Villa – zurückgezogen. „Als ich die Vorräte gekauft habe, haben mich alle wie einen Verrückten angeschaut. Aber ich finde diese ganze Situation verrückt. Die Sache ist, dass wir seit mehr als 200 Jahren keinen Krieg oder keine größeren Katastrophen hatten, also sind die Menschen ein wenig sorglos über das, was passiert“, sagte er am Telefon.
Die richtige Taktik?
Trotz solch signifikanter Unterschiede zum Rest der Welt in der Taktik der Bekämpfung des Coronavirus, zeigt eine Umfrage des soziologischen Zentrums Novus, das 56 Prozent der Schweden glauben, dass die Regierung des Königreichs alles richtig macht.
„Die strikte Linie in verschiedenen Ländern ist nicht nachhaltig“, erklärt Lisa Browers, Leiterin der Analyseabteilung des Gesundheitsministeriums. „Das ist unklug. Wir können die Gesellschaft nicht einschließen, für mehrere Jahre Reisen, Verkehr und soziale Interaktion einstellen. Das ist unmöglich, die Wirtschaft wird lange vorher zusammenbrechen.“
„Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob unsere weniger strengen Maßnahmen und unsere Präventivarbeit, die mehr auf Freiwilligkeit basieren, der bessere Weg sind. Wir werden erst später echte Antworten erhalten. Vielleicht im Sommer oder sogar noch später“, sagt Virologie-Experte Jan Albert.
Wie in anderen Ländern fragen sich viele in Schweden, ob die Krankenhäuser in der Lage sein werden, den Zustrom von Patienten zu bewältigen, weil die Kurven in den Statistiken über Kranke und Verstorbene in den letzten Tagen steil nach oben geschossen sind. Die Behörden bereiten sich darauf vor und das Militär kommt zu Hilfe. In Stockholm beispielsweise, wo die meisten Infizierten sind, hat das Militär zwei Krankenhäuser, auch mit Intensivstationen, eingerichtet.
„Wir sind mit sehr guten öffentlichen Finanzen an diese Situation herangegangen. Wir haben keine Begrenzung, wie viel wir ausgeben können, um mit der Situation fertig zu werden. Der Staat übernimmt alle Kosten im Gesundheitswesen: Personal, Schutzausrüstung usw. Wir arbeiten ständig daran, die Zahl der Intensivbetten zu erhöhen“, sagte Gesundheitsministerin Lena Hallegren der Korrespondentin der TASS. Sie erinnerte auch daran, dass das Gesundheitssystem alle Einwohner des Landes umfasst, alle sind kranken versichert.
Bisher sind die Daten für Schweden wie folgt: 282 Patienten sind nach der Ansteckung mit dem Coronavirus gestorben. Die Zahl der entdeckten Infektionen stieg auf 5.466 (54 pro 100.000 Einwohner). Die Gesamtzahl der Infizierten kann sogar höher sein, da die Behörden Tests nur bei denen durchführen, die ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Die Regierung hat die zuständigen Behörden angewiesen, die Zahl der Tests zu erhöhen.
Ende der Übersetzung
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