Teil 2: Das russische Bildungssystem
Im Westen wird der Eindruck vermittelt, Russland sei arm und es gäbe keinen Sozialstaat. Ich werde eine Serie von Artikeln veröffentlichen, in denen ich über verschiedene soziale Bereiche wie Gesundheitsversorgung, Renten, Bildung und Kriminalität in Russland berichte.
Vor einer Woche habe ich bei Anti-Spiegel-TV mein Interview mit der Regierungschefin des russischen Gebietes Saporoschje veröffentlicht. In dem Interview hat sie viel über die Sozialprogramme gesprochen, die in Russland und speziell in Saporoschje umgesetzt werden. Dazu gab es sowohl in den Kommentaren zum Artikel als auch per Mail danach einige Fragen.
Daher habe ich beschlossen, in loser Folge einige Artikel über die verschiedenen Aspekte des russischen Sozialstaates zu veröffentlichen, weil anscheinend Interesse besteht, mehr darüber zu erfahren. Ich werde über das russische Gesundheitssystem, das Bildungssystem, Renten und vielleicht noch andere Themen schreiben.
Das russische Bildungswesen ist besser als sein Ruf
Der amerikanische Präsident Kennedy hat einmal eine Rede gehalten, in der er die Überlegenheit der sowjetischen Erziehung gegenüber der amerikanischen anerkannt hat. Und nur Propagandisten würden bestreiten, dass das sowjetische Bildungssystem eines der besten der Welt war, denn in der Sowjetunion wurde in Schulen und Universitäten ein ungeheuer breites Allgemeinwissen vermittelt. Bis heute bin ich fasziniert davon, was die älteren Menschen in Russland, die ihre Bildung in der Sowjetunion bekommen haben, für ein breites Wissen haben.
Diese Tradition ist grundsätzlich geblieben. Ich habe in all den Jahren, die ich Russland nun kenne, viele russische Familien kennengelernt, die mit ihren Kindern in den Westen gegangen sind. Und die haben alle erlebt, dass ihre Kinder in Fächern wie Mathe oder anderen Naturwissenschaften dem Lehrplan im Westen um ein bis zwei Jahre voraus waren. Für viele war das “die Rettung”, weil ihre Kinder in der Schule nichts verpasst haben, während sie im ersten Jahr vor allem damit beschäftigt waren, die Sprache ihres Gastlandes zu erlernen.
Außerdem werden in Russland unglaublich viele Dinge für Kinder angeboten, bei denen sie ihre Talente entfalten können. Das russische Wort dafür ist “Kruschki” und es gibt solche Aktivitäten und Kurse für wirklich jedes denkbare Gebiet, ob Bildung, Sport, Sprachen, Biologie, Musik, Theater und so weiter und so fort.
Zusätzlich erstattet der russische Staat Eltern Geld, wenn sie ihre Kinder in Ferienlager schicken, von denen es in Russland ebenfalls weit mehr gibt als im Westen, aber dazu kommen wir, wenn ich über die russischen Programme zur Familienförderung berichte.
Studieren in Russland
Das russische Bildungssystem ist bis heute sehr gut. In Russland gibt es 741 Universitäten, die mehr als 400 Studienfächer anbieten. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es nur 108 Universitäten. Übrigens wurden drei russische Universitäten in die Liste der 100 besten Universitäten der Welt in Bezug auf die Qualität der Lehre aufgenommen.
In Russland hat daher auch viel mehr Menschen mit Universitätsabschluss. In Russland haben 34,9 Prozent aller Arbeitnehmer einen Universitätsabschluss, in Deutschland liegt die Zahl beispielsweise bei nur 24 Prozent.
Die Schulzeit dauert in Russland elf Jahre. Wer die Schulbildung durchlaufen hat und studieren will, muss staatliche Prüfungen in vier Fächern ablegen. Russisch und Mathematik sind Pflicht, zwei weitere Fächer kann man sich aussuchen.
Die Hochschulbildung erfolgt sowohl in Russland als auch in Europa in Form von Bachelor- (4 Jahre) und Masterstudiengängen (2 Jahre). Der Nachteil des russischen Systems besteht darin, dass man sich nur an einer begrenzten Anzahl von Universitäten (maximal 5) bewerben kann, während in Europa die Anzahl der Universitäten und Studiengänge unbegrenzt ist. Allerdings wird in Russland derzeit darüber nachgedacht, das westliche Bologna-System wieder abzuschaffen, weil es schlechtere Universitätsabsolventen hervorbringt als das alte System.
Jedes Jahr nehmen russische Universitäten mehr als 300.000 Studenten aus verschiedenen Ländern auf, und diese Zahl steigt ständig. Russland ist in vielen Teilen der Welt als Ort für ein Studium sehr gefragt und das ist einer der großen Vorteile Russlands, denn unter anderem weil beispielsweise viele Afrikaner in Russland studiert haben, hat Russland in Afrika einen guten Ruf und mancher afrikanische Politiker spricht Russisch. Das bringt Russland Vorteile gegenüber dem Westen, der in Afrika an Einfluss verliert.
Russland gilt als weltweit führend in der Ausbildung von Fachkräften in Bereichen wie Mathematik, Physik, Chemie, Geologie, Ingenieurwesen, Programmierung und Medizin. Dies wird durch die guten Platzierungen russischer Universitäten in internationalen Rankings wie ARWU, QS World University Rankings und THE World University Rankings bestätigt.
Die Abschlüsse russischer Hochschulen werden in vielen Ländern der Welt anerkannt, was durch zwischenstaatliche Abkommen zwischen Russland und mehr als 60 Ländern erleichtert wird. Viele russische Hochschulen bieten gemeinsame Studiengänge mit ausländischen Hochschulen an, so dass Absolventen zwei Abschlüsse erwerben können.
Viele Universitäten bieten ausländischen Studenten Russischunterricht sowie verschiedene Sprachkurse, Winter- und Sommerschulen und einjährige Vorbereitungsprogramme an.
Die meisten russischen Universitäten stellen den Studenten Wohnheime zur Verfügung, so dass sie sich keine Wohnung suchen müssen. Die Unterbringung in den Wohnheimen ist entweder kostenlos oder kostet einen symbolischen Betrag. Die Qualität der Renovierung und Ausstattung der russischen Hochschulen entspricht internationalen Standards.
Außerdem führen viele russische Unis kostenlose Kinderkrippen ein, damit auch Studentinnen, die schon Kinder haben, sich auf das Studium konzentrieren können. Das passiert übrigens auch in den neuen russischen Gebieten, die Regierungschefin von Saporoschje hat mir im Interview erzählt, das so eine kostenlose Kinderkrippe an der Uni von Melitopol eröffnet wird.
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