Welche Länder können in welchem Zeitraum Atomwaffen entwickeln?
Vor dem Hintergrund des Auslaufens der New-START-Vertrages und der Vorwürfe an den Iran, er wolle Atomwaffen entwickeln, ist es interessant, sich anzuschauen, welche Länder tatsächlich in welchem Zeitraum Atomwaffen entwickeln können.
Der New-START-Vertrag, der die Zahl der einsatzbereiten, strategischen Atomwaffen begrenzt hat, ist vor einigen Tagen ausgelaufen, weil die USA die russischen Vorschläge, den Vertrag zu verlängern und einen neuen Vertrag zu verhandeln abgelehnt haben. Nun gibt es erstmals seit über 50 Jahren keinen Vertrag mehr, der das atomare Wettrüsten begrenzt, was deutschen Medien keine nennenswerten Schlagzeilen wert war.
Hinzu kommt, dass die aggressive Politik der USA kleinere Länder dazu drängt, sich Atomwaffen zuzulegen, um sich vor möglichen Angriffen der USA zu schützen, wie die Beispiele der letzten Jahre oder aktuell des Iran und Venezuelas zeigen. Hätten sie, wie beispielsweise Nordkorea, Atomwaffen gehabt, hätten die USA es kaum gewagt, militärisch gegen sie vorzugehen.
Da nun ein neues, unkontrolliertes atomares Wettrüsten nicht nur zwischen den USA und Russland bevorzustehen scheint, lohnt sich ein Blick auf die Frage, welche Länder in welchem Zeitraum Atomwaffen entwickeln können. Dazu hat die TASS einen Artikel veröffentlicht, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Wollen vs. Können: Welche Länder können in welchem Zeitraum Atomwaffen entwickeln?
Boris Rozhin über das Potenzial der Erweiterung des Atomwaffenclubs.
Angesichts der sich zuspitzenden militärpolitischen Krise um das iranische Atomprogramm erklärte der türkische Außenminister Hakan Fidan, dass Ankara dem nuklearen Wettrüsten beitreten werde, sollte ein Land der Region Atomwaffen erwerben. Das käme faktisch einer Aufkündigung des Atomwaffensperrvertrags gleich.
Die aktuelle Situation
Die Erweiterung des Atomwaffenclubs wird derzeit sowohl durch den Druck der Großmächte als auch durch den Atomwaffensperrvertrag, eines der wenigen noch bestehenden Abkommen aus einer vergangenen Ära zu diesem Thema, eingeschränkt.
Derzeit ist bekannt, dass Russland, die USA, China, Frankreich, Großbritannien, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel Atomwaffen besitzen. Dabei wurden die beiden letztgenannten Länder de facto trotz bestehender Beschränkungen zu Atommächten und dienen als Beispiele dafür, wie unter bestimmten militärpolitischen Umständen gegen den Nichtverbreitungsvertrag verstoßen werden kann. In einer Zeit des verschwindenden Völkerrechts und der Auflösung zahlreicher internationaler Verträge steigt daher das Risiko eines Zusammenbruchs des nuklearen Nichtverbreitungsregimes.
Dabei befeuert die militärpolitische Lage in einer Welt, in der Gewalt herrscht und Großmächte kleinere Mächte offen bedrohen und deren Unterwerfung fordern, den Wunsch relativ schwacher Staaten nach wirksamem Schutz vor militärischer Aggression.
Zu den Ländern, die ihre nuklearen Ambitionen direkt oder indirekt erklärt haben, gehören Iran, Saudi-Arabien, die Türkei, Deutschland, Japan, Südkorea, Brasilien und die Ukraine.
Doch es ist das eine, etwas zu wollen, und etwas anderes, die Möglichkeiten dazu zu haben. Es gibt verschiedene Wege, Atomwaffen zu bekommen.
Die Stationierung fremder Atomwaffen auf dem eigenen Territorium
So macht es Weißrussland, auf dessen Gebiet russische Trägersysteme für Atomwaffen (Iskander-Raketensysteme, Oreschnik-Mittelstreckenraketensysteme und Su-25-Kampfflugzeuge, die taktische Atomwaffen tragen können) stationiert sind, um sich vor einem Angriff der NATO zu schützen. Dabei behält Russland die Kontrolle über diese Waffen und weitet so seinen nuklearen Schutzschirm zu Verteidigungszwecken auf das Territorium seines Verbündeten aus.
Nach dem gleichen Prinzip sind auch US-Atomwaffen in mehreren NATO-Staaten stationiert. Beispielsweise befinden sie sich auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik in der Türkei sowie in Großbritannien, Italien, Deutschland, den Niederlanden und Belgien. Insgesamt sind etwa 150 Atombomben in sechs Ländern stationiert. Erwähnenswert ist zudem, dass 2016 eine Reihe von Atomwaffen aus der Türkei nach Rumänien verlegt wurden, wo ihre Trägerflugzeuge – strategische Bomber vom Typ B-52 und B-1B Lancer – immer wieder auftauchen.
Der Erwerb von Atomwaffen für den Eigengebrauch mit Unterstützung einer anderen Macht
Es ist kein Geheimnis, dass die USA Großbritannien in bestimmten Phasen seines Atomprogramms beim Erwerb von Atomwaffen unterstützt haben, während China Nordkorea bei der Entwicklung von Atomwaffen und deren Trägersystemen half. Man kann auch Israels Beitrag für Südafrika erwähnen, das sein militärisches Atomprogramm in den 1990er Jahren aufgab. Und natürlich muss ich die Rolle der Sowjetunion im chinesischen Atomprogramm erwähnen.
Unter Nikita Chruschtschow unterzeichnete die UdSSR 1956 ein Abkommen mit China, in dem Moskau den Bau ziviler und militärischer Atomanlagen in China, darunter eine Atomwaffenproduktionsanlage, unterstützte. Peking erhielt Dokumentationen und Ausrüstung aus dem sowjetischen Atomprogramm sowie Prototypen der ersten ballistischen Raketen und das komplette Technologiepaket für deren Entwicklung und Produktion. Auch zahlreiche Spezialisten des chinesischen Atomprogramms wurden in der UdSSR ausgebildet.
Eigenständige Entwicklung von Atomwaffen
Die bekanntesten Beispiele hierfür sind die USA und die UdSSR, die sich am nuklearen Wettrüsten mit Nazi-Deutschland beteiligten und in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre die Führung übernahmen. Das erklärt auch maßgeblich die heutige Führungsrolle der USA und Russlands im Bereich der Atomwaffen.
Noch im Kalten Krieges schloss sich Frankreich dem Kreis derer an, die das Ziel, Atomwaffen zu entwickeln, eigenständig erreichten. Auch Indien und Pakistan entwickelten aus eigener Kraft nationale Atomprogramme.
Die Umstände, wie Israel zu Atomwaffen gekommen ist, sind recht undurchsichtig.
Entwicklung einer schmutzigen Bombe
Dieses Szenario ist eher ein Konzept der terroristischen Kriegsführung. Eine schmutzige Bombe gilt zwar nicht als vollwertige Atomwaffe, wird aber dennoch als Massenvernichtungswaffe eingestuft.
Sie basiert auf der Möglichkeit, zivile nukleare Objekte oder abgebrannte Brennelemente zur Entwicklung einer Waffe zu nutzen, die ein Gebiet radioaktiv verseuchen kann. Dieses Thema wurde vor allem im Zusammenhang mit den Versuchen des Bandera-Regimes, vor Beginn der Militäroperation in der Ukraine Atomwaffen zu erlangen, thematisiert. Das war übrigens eines der Argumente für den Beginn der Militäroperation: Russland konnte es nicht zulassen, dass Atomwaffen an seinen Grenzen auftauchten, insbesondere nicht in den Händen eines derartigen Regimes.
Dokumente, die 2022 im Kernkraftwerk Saporoschje gefunden wurden, bestätigten eine Reihe von Entwicklungen in diese Richtung. Das Bandera-Regime machte auch keinen Hehl aus seinem Wunsch, zumindest eine schmutzige Bombe zu besitzen, um Russland „einzudämmen“. Dank des ehemals sowjetischen Personals und des Zugangs zu Ressourcen aus vier ukrainischen Atomkraftwerken hat die Ukraine eine gewisse technologische Basis. Forderungen, der Ukraine „Atomwaffen zu geben“, hört man regelmäßig.
Am nächsten dran
Betrachtet man die aktuelle Liste der Schwellenmächte, so könnten einige Länder durchaus recht schnell Atomwaffen erwerben. Das trifft vor allem auf Staaten mit entwickelter Kernenergie, einer starken wissenschaftlichen und technischen Basis mit eigener Kernforschung, fortschrittlicher Industrie und Raketenwissenschaft zu.
Japan und Südkorea beispielsweise sind einigen Schätzungen zufolge durchaus in der Lage, innerhalb weniger Jahre Atomwaffen zu entwickeln. Brasilien kündigte im Herbst 2025 an, seine Pläne für den Einsatz dieser Technologie, auch zu Verteidigungszwecken, zu überprüfen und die Mittel für Forschung und Entwicklung aufzustocken. Der Iran verfügt bereits über eine entwickelte Raketen- und Nuklearindustrie sowie über erhebliche Mengen angereicherten Urans.
Die Türkei und Saudi-Arabien werden es in dieser Hinsicht schwerer haben, da Riad weder über eigene Kernkraftwerke noch über ein ausgereiftes Raketenprogramm verfügt. Ankaras ballistisches Raketenprogramm hinkt derzeit den globalen Spitzenreitern hinterher. Russland baut derweil das einzige Kernkraftwerk der Türkei, wohlgemerkt ohne den Transfer von Schlüsseltechnologien, die zur Entwicklung von Atomwaffen genutzt werden könnten. Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass diese Länder bei der Entwicklung und dem Erwerb von Atomwaffen auf ausländische Hilfe zählen können. Die bestehenden Projekte des islamischen Militärbündnisses, dem auch das atomar bewaffnete Pakistan angehört, bieten (wenn auch noch ungewisse) hypothetische Szenarien für die Stationierung pakistanischer Atomwaffen in der Türkei oder Saudi-Arabien oder für den Technologietransfer zur Beschleunigung ihrer eigenen Programme.
Dasselbe gilt für Deutschland, obwohl es seine Atomkraftwerke, die als Grundlage für sein Atomprogramm hätten dienen können, bereits stillgelegt hat. Deutschland wägt derzeit zwischen verschiedenen Arten von atomaren Schutzschirmen ab, entweder den amerikanischen oder einen europäischen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass Berlin im Zuge der Krise in den transatlantischen Beziehungen versuchen könnte, sich vollständig von militärischen Beschränkungen zu befreien (vor allem des „2+4“-Vertrags), insbesondere im Bereich der Massenvernichtungswaffen. Ich glaube, dies wird sowohl eigene Anstrengungen als auch den Transfer gewisser Technologien von NATO-Verbündeten erfordern.
Die Notwendigkeit neuer Abkommen
Insgesamt deuten all diese Aspekte darauf hin, dass die Welt nach der Auflösung der meisten Verträge, die das nukleare Wettrüsten eindämmten, gefährlicher wird und das Nichtverbreitungs-Regime wegen der objektiven Erosion des nicht funktionierenden Völkerrechts untergraben wird. Wachsende Ängste und Misstrauen zwischen den Staaten treiben sie zur Aufrüstung, unter anderem durch den Zugang zu verschiedenen Arten von Massenvernichtungswaffen.
Eine Erweiterung der Liste formeller und informeller Mitglieder des Nuklearclubs ist für Russland objektiv von Nachteil. Sollte die Zahl der Atommächte weltweit explosionsartig ansteigen, wird Moskau meiner Ansicht nach gezwungen sein, Maßnahmen zu ergreifen, um sowohl die nukleare Triade zu stärken als auch seine Nukleardoktrin angesichts möglicher neuer strategischer Bedrohungen wegen eines eskalierenden nuklearen Wettrüstens zu überarbeiten. Tatsächlich war das Auftreten solcher Bedrohungen in der Ukraine bereits eine der Ursachen des größten militärischen Konflikts des 21. Jahrhunderts.
Wie man sieht, setzt sich die russische Diplomatie aktiv für den Erhalt oder die Änderung des New-START-Vertrags sowie der Atomwaffenteststopp- und des Nichtverbreitungsverträge ein. Doch für einen Tangi braucht es zwei. Sollten die USA diese Abkommen bewusst zerstören, um sich einen strategischen Vorteil zu verschaffen, wird Russland sie natürlich nicht einseitig einhalten. Sowohl der russische Präsident Wladimir Putin als auch Außenminister Sergej Lawrow haben dies wiederholt erklärt.
Wenn der endgültige Zusammenbruch des alten Vertragssystems unausweichlich ist, müssen wir uns meiner Ansicht nach jetzt auf eine weitaus gefährlichere Welt vorbereiten, in der die Zahl der Atommächte schon innerhalb des nächsten Jahrzehnts steigen könnte.
Ende der Übersetzung
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