Gasreserven in der EU unter 50 Prozent gefallen, in Deutschland sind es sogar nur 40 Prozent
In Deutschland liegen die Gasreserven bei nur noch 41 Prozent und nur ein milder Winter kann eine Gaskrise noch verhindern. Auf Hilfe von den europäischen Nachbarn braucht niemand zu hoffen, denn dort sieht es nicht wesentlich besser aus.
Ich habe vor knapp einer Woche über die Füllstände der deutschen Gasspeicher berichtet, die so niedrig sind, wie noch nie in der Geschichte. Rein rechnerisch droht in weniger als 40 Tagen eine Gasmangellage, wenn der Winter nicht sehr mild bleibt. In dem Fall kann eine Erhöhung der LNG-Importe eine Gasmangellage noch verhindern. Im Falle eines kalten Winters kann auch eine Erhöhung die LNG-Importe, die durchaus möglich ist, einen Gasmangel nicht mehr verhindern.
Ein russischer Experte hat für die TASS in einem Artikel über die Gasprobleme der EU insgesamt berichtet, denn bei den europäischen Nachbarn sieht es nicht wesentlich besser aus. Ich habe den TASS-Artikel übersetzt, im Anschluss daran erkläre ich noch einmal, warum das Problem beim Gas nichts mit dem Ukraine-Krieg zu tun hat, sondern von der EU vor etwa zehn Jahren selbst geschaffen wurde.
Beginn der Übersetzung:
Überschreiten der „Halbzeitmarke“ beim Gas: Welche Folgen hat der Rückgang der Gasreserven in Europa?
Igor Jushkow, Experte an der Finanzuniversität und beim Nationalen Energiesicherheitsfonds, über die Ursachen der angespannten Gaslage in der EU und die damit einhergehende doppelte Falle.
Die Gasreserven in europäischen Untergrundspeichern sind am 20. Januar unter 50 Prozent gefallen. Der verbleibende Füllstand betrug an diesem Tag 49,84 Prozent bzw. 55,1 Milliarden Kubikmeter, wie Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE), dem Verband der europäischen Gasinfrastrukturbetreiber, zeigen. Zum Vergleich: Am 20. Januar 2025 betrugen die Reserven 61 Prozent. Der aktuelle Füllstand liegt 14,66 Prozent unter dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre für dieses Datum.
Diese Zahlen werden zwangsläufig zu Spannungen auf dem europäischen Gasmarkt führen.
Wer ist der Grund dafür?
Diese Daten in Europa im Januar 2026 haben mehrere Ursachen.
Erstens hat die EU ihren eigenen Standard von 90 Prozent Befüllung der unterirdischen Gasspeicher bis zum Beginn der Heizperiode 2025 verfehlt. Diese dringende Empfehlung (die fast schon als Verpflichtung bezeichnet werden könnte) wurde 2022 angesichts sinkender russischer Gasimporte von der EU-Kommission eingeführt. Anfänglich wurde sie erfüllt, und 2024 ging Europa mit einem beeindruckenden Füllstand von 95 Prozent in den Winter.
2025 blieben die Preise jedoch das ganze Jahr über hoch, der durchschnittliche Börsenkurs lag in Europa bei 422 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter. Daher konnten es sich die Unternehmen nicht leisten, Gas für die Einspeisung in die Speicher zu kaufen. Dabei ist der Verbrauch in der EU in den letzten Jahren deutlich gesunken: um etwa 80 bis 90 Milliarden Kubikmeter, während das Gasvolumen in den unterirdischen Speichern unverändert blieb. Daher kamen die europäischen Unternehmen zu dem Schluss, dass das bisherige Einspeisevolumen mehr als ausreichend war. Hier kommt jedoch ein zweiter Faktor ins Spiel.
Zweitens sanken die Temperaturen in Europa im Januar deutlich. Zuvor waten mehrere Winter sehr mild gewesen, was zu einem geringen Gasverbrauch geführt hatte, das die Europäer hauptsächlich zum Heizen benötigen. Selbst leichter Frost führte daher zu einem erhöhten Gasverbrauch.
Der dritte und wichtigste Grund für die verstärkte Gasentnahme aus unterirdischen Speichern war die Strategie der EU selbst. Mit steigendem Verbrauch war es für die Europäer vorteilhaft, diesen durch das zuvor in unterirdische Speicher eingespeiste Gas zu decken, denn es gab nur eine Alternative: die Erhöhung der Importe von Flüssigerdgas (LNG). Hier ist es wichtig zu erwähnen, dass die EU bereits die maximale Menge Pipelinegas importiert. Die Gaspipelines aus Norwegen, Algerien, Russland (TurkStream ist die letzte verbliebene Pipeline) und Aserbaidschan arbeiten mit voller Kapazität. Eine Erhöhung der Käufe ist daher unmöglich.
Folglich kann eine Steigerung der Gasimporte nur durch erhöhte LNG-Käufe erreicht werden. Das wird jedoch zu höheren Preisen führen: Der globale LNG-Markt ist ein System miteinander kommunizierender Schiffe. Europa und Asien konkurrieren um die Fracht und der Gastanker geht an den Höchstbietenden. Daher lag es im Interesse der EU, die Erhöhung der LNG-Importe so lange wie möglich hinauszuzögern, um einen Preisanstieg auf dem Markt zu vermeiden.
Die Preise sind schleichend gestiegen
Diese Taktik funktionierte eine gewisse Zeit. Allerdings veranlassten die in diesem Winter niedrigeren Preise die Besitzer von Erdgas in unterirdischen Speichern, ihr Gas aus Angst vor weiteren Preisrückgängen zu verkaufen. Sie hatten es im Sommer gekauft und eingelagert, als die Preise über 400 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter lagen. Nun erleben wir einen Bumerang-Effekt. Einerseits ist es kälter geworden, was sie zwingt, die LNG-Importe zu erhöhen, andererseits treibt gerade die Tatsache, dass die Gasreserven in den unterirdischen Speichern niedrig sind, die Gaspreise in die Höhe.
Politico schrieb sogar, die EU befinde sich in einer „Gasfalle“. Ich würde sogar sagen, es ist eine doppelte Falle: eine wirtschaftliche und eine politische.
Die erste Falle besteht darin, dass je weniger Gas in den unterirdischen Speichern verbleibt, desto mehr Gas importiert werden muss. Das bedeutet, dass der Wettbewerb mit Asien (und insbesondere China) um verfügbare LNG-Mengen sich verschärfen und die Preise weiter steigen werden. Darüber hinaus bedeutet der niedrige Gasstand in den unterirdischen Gasspeichern zum Ende der Heizperiode, dass Europa im Rest des Jahres große Gasmengen zukaufen muss, um diese für den kommenden Winter einzuspeisen.
Die zweite Falle sind Probleme mit LNG-Lieferanten. Die EU hat 2025 Sanktionen gegen russisches Flüssigerdgas verhängt, obwohl Moskau der zweitgrößte Lieferant dieses Brennstoffs in die EU ist. Das Embargo soll ab dem 25. April für kurzfristige Verträge gelten und ab dem 1. Januar tritt ein vollständiges Verbot russischer LNG-Importe in Kraft. Dies geschieht unter anderem vor dem Hintergrund der sich verschlechternden Beziehungen zwischen der EU und den USA aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über Grönland und die Ukraine-Krise.
Aber Washington ist der größte LNG-Lieferant Europas, und genau wegen des amerikanischen Gases haben europäische Politiker ihren Markt gesäubert, indem sie Sanktionen gegen russisches LNG verhängten. Ein weiterer bedeutender LNG-Lieferant für Europa, Katar (in der Regel der nach Absatzmenge drittgrößte), drohte der EU kürzlich mit einem Exportstopp, sollte Brüssel seine Klimavorschriften nicht ändern. Doha ist unzufrieden mit dem Plan, der EU Lieferanten bei Verstößen gegen bestimmte Umweltauflagen oder deren Nichteinhaltung mit 5 Prozent ihres weltweiten Umsatzes zu bestrafen.
Keine Illusionen
Damit birgt der wachsende Anteil von LNG an den Gasimporten für die EU Risiken. 2025 erreichte die EU mit 142 Milliarden Kubikmetern einen historischen Rekord bei den LNG-Importen, ein Anstieg von 28 Prozent gegenüber 2024. Das treibt nun die Preise in die Höhe. Europäische Politiker kämpften gegen die Abhängigkeit von russischem Gas, das sie als „Energiewaffe des Kremls“ bezeichneten. Sie erklärten außerdem, unbedingt auf amerikanisches LNG umsteigen zu müssen, das „Moleküle der Freiheit“ enthalte. Nun zeigt sich, dass Russland selbst inmitten des heftigen Konflikts mit dem Westen seine vertraglichen Verpflichtungen zur Gaslieferung an Europa erfüllt, ohne politische Bedingungen zu stellen. Die USA können die Europäer hingehen mit Leichtigkeit mit wirtschaftlichen Instrumenten erpressen.
Man muss zugeben, dass Russland von der aktuellen Situation in Europa profitiert. Die hohen Preise ermöglichen es uns, Geld zu verdienen, obwohl unsere Pipelinegas-Exportmengen gering sind: 2025 wurden 18,8 Milliarden Kubikmeter über TurkStream nach Europa geliefert. Da die europäischen Untergrundgasspeicher zum Ende des Winters leerer werden, bleiben die höheren Preise für den Rest des Jahres bestehen.
Man möchte hoffen, dass die Probleme, die durch den hohen Anteil von LNG an den EU-Gasimporten entstehen, eine künftige Generation europäischer Politiker dazu bewegen werden, die Sinnhaftigkeit der Wiederherstellung der Gaspipelines aus Russland zu prüfen. Über die derzeitigen Politiker der EU macht sich niemand Illusionen.
Ende der Übersetzung
Das Problem ist mal wieder die EU
Selbst deutsche Medien stellen inzwischen die Frage, ob es schlau war, sich beim Gas in eine Abhängigkeit von den USA zu begeben. Sie sind zwar noch nicht so weit, dass sie sich daran erinnern, dass Russland 50 Jahre lang und trotz aller politischen Krisen immer ein zuverlässiger Lieferant war und dass es ein Fehler war, sich vom russischen Gas zu verabschieden, aber immerhin beginnen sie zu verstehen, dass es sehr dumm ist, sich auf die USA zu verlassen, die noch nie Hemmungen hatten, wirtschaftliche oder Währungsfragen als politisches Druckmittel einzusetzen und dabei auch geltende Verträge kurzerhand zu brechen.
Ein erneutes Zusammengehen mit Russland würde zwar den akuten Gasmangel beheben, aber das Problem der hohen Gaspreise in der EU trotzdem nicht lösen.
Die hohen Gaspreise in der EU sind eine Folge der Gasmarktreform der EU-Kommission unter Kommissionschef Juncker, die den Weiterverkauf von Gas an der Börse erlaubt hat, der zuvor verboten war. Das hat dazu geführt, dass die Importeure zu wenig Gas importiert haben, das sie von Gazprom weiterhin zu einem niedrigen Preis von 200 bis 300 Dollar pro tausend Kubikmeter bekommen haben, um den Börsenpreis hochzutreiben und so ihre Gewinne zu erhöhen. Daher lag der Gaspreis an der Börse Anfang Oktober 2021 (also knapp fünf Monate vor der Eskalation in der Ukraine), auf dem Höhepunkt der ersten Gaskrise, plötzlich bereits bei bis zu 2.000 Dollar anstatt 200 bis 300 Dollar, weshalb die Gasspeicher im Herbst 2021, zu Beginn der Heizsaison, mit knapp über 70 Prozent so gering befüllt waren, wie nie zuvor oder auch danach, was dann zu den niedrigen Füllständen im Winter 2021/2022 geführt hat.
Selbst in letzten Herbst waren die deutschen Speicher etwas besser gefüllt, als im Herbst 2021, aber wegen des zeitweise kalten Winters in diesem Jahr wurde mehr Gas verbraucht und die Füllstände sind nun sogar niedriger als im Winter 2021/2022.
Wenn Sie Füllstände selbst beobachten wollen, empfehle ich Ihnen zwei Seiten: Auf dieser Seite des NDR kann man die aktuellen Füllstände mit dem Durchschnitt der Jahre Jahre 2017 bis 2021 vergleichen, auf dieser Seite von t-online kann man die Füllstände der Jahre 2019 bis heute einzeln vergleichen.
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