Egal, ob der Krieg endet oder nicht, die EU wird Kiew unverändert jährlich Milliarden zahlen müssen
Einer der Gründe, warum die EU ausschließlich auf eine Verlängerung des Krieges in der Ukraine setzt, ist die Tatsache, dass bei einem Frieden finanziell nichts zu gewinnen, politisch aber viel zu verlieren hat.
Die EU setzt bekanntlich ausschließlich auf eine Verlängerung des Krieges in der Ukraine durch Waffenlieferungen und finanzielle Unterstützung des korrupten Regimes in Kiew. Das kann nicht überraschen, denn durch einen Frieden haben die politischen Eliten in der EU nichts zu gewinnen, aber dafür sehr viel zu verlieren.
Sollte in der Ukraine Frieden einkehren, wird die EU aus diversen Gründen gezwungen sein, die Ukraine weiterhin in ungefähr der gleichen Höhe zu finanzieren, wie während des Krieges. Das Problem dabei wird für die politischen Eliten der EU sein, dass sie den Menschen in Europa nach Kriegsende nicht mehr Russland als Schuldigen der Misere präsentieren können.
Warum die EU Kiew im Falle eines Friedens in der Ukraine trotzdem weiterhin in unveränderter Höhe finanzieren muss, hat der ehemalige britische Diplomat Ian Proud in einem Artikel erklärt, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Die Ukraine verteidigt sich mit Geld, das Europa nicht hat
Ein Ende des Ukraine-Krieges könnte für Europa ebenso verheerende wirtschaftliche und politische Folgen haben wie seine Fortsetzung.
von Ian Proud | Strategic Culture Foundation
Die eklige Wahrheit ist, dass ein Ende des Ukraine-Krieges für Europa ebenso verheerende wirtschaftliche und politische Folgen haben könnte wie seine Fortsetzung.
Die Ukraine steht bereits vor einer Finanzierungslücke von 63 Milliarden US-US-Dollar für das Jahr 2026, und ich wäre überrascht, wenn diese Zahl nicht noch steigen würde, sollte der Krieg weitergehen. Die massive fiskalische Orgie bei den Ausgaben der Ukraine wird von zwei Faktoren getrieben: Den enormen Kosten für die Aufrechterhaltung einer stehenden Armee von fast einer Million Menschen und den gewaltigen Ausgaben für den Import von Waffen aus dem Westen zur Führung des Krieges.
Waffenkäufe sind keine Quelle produktiver Investitionen, da sie buchstäblich in der Hitze des Gefechts verbrannt werden. Dasselbe gilt natürlich für Russland. Beide Länder verzeichneten 2025 ein sinkendes Wirtschaftswachstum, wobei das der Ukraine bei 2,1 Prozent und das Russlands bei 1,5 Prozent lag. Und westliche Kommentatoren würden darauf verweisen, dass dies ein Beweis dafür sei, dass sich die ukrainische Wirtschaft besser entwickle.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Die russische Wirtschaft ist nominal etwa zwölfmal so groß wie die ukrainische und etwas mehr als zehnmal so groß, wenn man das BIP nach Kaufkraftparität betrachtet.
Das lässt sich an den Verteidigungsausgaben erkennen.
Russland gab 2025 mit 143 Milliarden US-US-Dollar einen Rekordbetrag für Verteidigung aus, verglichen mit etwa 60 Milliarden US-Dollar der Ukraine, also rund 2,3-mal so viel. Dennoch entsprachen die russischen Verteidigungsausgaben nur 6,3 Prozent des BIP, während sie für die Ukraine 31,7 Prozent betrugen. Die massiven Verteidigungsausgaben sind für Russland also in Bezug auf seine wirtschaftliche Lage ein weit weniger zentrales Problem.
Die Verteidigungsausgaben machen einen weitaus geringeren Anteil der gesamten Wirtschaftsleistung aus als in der Ukraine. Und Russland kann seine Verteidigungsbedürfnisse aus eigenen Mitteln finanzieren, während die Ukraine vollständig auf Geld westlicher Geber angewiesen ist, um den Krieg am Laufen zu halten.
Trotz der enormen Kriegskosten verzeichnete Russland 2025 lediglich ein Haushaltsdefizit von 1,7 Prozent des BIP. Das liegt noch deutlich unter der Fiskalregel der EU von 3 Prozent des BIP, wobei einige Länder wie Frankreich und Polen Defizite von sogar mehr als dem Doppelten dieses Wertes aufweisen.
Das Haushaltsdefizit der Ukraine hingegen lag bei rund 20 Prozent des BIP. Diese Lücke musste durch ausländische Finanzierung geschlossen werden, da die Ukraine eine Verschuldung von 107 Prozent des BIP aufweist und vom Zugang zu ausländischen Krediten abgeschnitten ist. Daher springt die EU mit einem Kredit von 90 Milliarden Euro ein, von dem zwei Drittel für Verteidigung vorgesehen sind.
Russland hingegen hat eine Verschuldung von rund 15 Prozent des BIP und muss sich nicht stark verschulden, um seine Kriegsanstrengungen aufrechtzuerhalten. Übrigens sind 15 Prozent des BIP deutlich weniger als in den USA oder in irgendeinem europäischen Land, von denen viele – wie die Ukraine – Schuldenstände von über 100 Prozent des BIP haben.
Die Ukraine verteidigt sich mit Geld, das Europa nicht hat, während Russland trotz des Schocks der Sanktionen weder seine Kassen plündern noch seine Kreditaufnahme erheblich steigern muss.
Das bedeutet auch, dass Russland, wenn der Krieg irgendwann endet, den wirtschaftlichen Übergang zurück zum Frieden weniger schmerzhaft gestalten kann. Russland wird nicht unter Druck stehen, massive Kürzungen der Verteidigungsausgaben vorzunehmen, um innerhalb seiner Möglichkeiten zu leben, sondern kann dies stattdessen schrittweise tun.
Die Ukraine hingegen wird, sobald der Krieg endet, am Rand einer massiven finanziellen Klippe stehen. Nach Angaben der OECD soll das ukrainische Wirtschaftswachstum bis 2027 weiter auf 1,7 Prozent fallen, falls der Krieg andauert. Und das setzt weiterhin große Kapitalzuflüsse aus dem Ausland voraus.
Im Jahr 2025 machten die ukrainischen Verteidigungsausgaben 31,1 Prozent des ukrainischen BIP und zwei Drittel der Ausgaben des Staatshaushaltes aus. Keine dieser Ausgaben fließt in die Verbesserung der schwachen ukrainischen Wirtschaft.
Trotz aller Unterstützung belief sich das ukrainische BIP 2025 laut IWF auf knapp 210 Milliarden US-Dollar. Man bedenke, dass die Ukraine 2025 Auslandsfinanzierungen in Höhe von 52,4 Milliarden US-Dollar erhielt, also etwa ein Viertel ihres BIP. Nimmt man die Finanzierung aus dem Ausland weg, schrumpft die ukrainische Wirtschaft plötzlich um über 20 Prozent. Oder anders ausgedrückt: Nimmt man den Krieg weg, schrumpft die ukrainische Wirtschaft um über 20 Prozent.
Russland steht schlichtweg nicht vor demselben Problem. Vielmehr könnte ein Ende des Krieges Russland helfen, die Inflation – vielleicht seine größte wirtschaftliche Herausforderung – unter Kontrolle zu bringen, da die wirtschaftliche Aktivität zu ihrem normalen Rhythmus zurückkehrt. Doch stellt sich die Frage, wie es kommt, dass die Ukraine so wenig gewachsen ist, obwohl sie so viel ausländische Finanzierung erhalten hat?
Ein wesentlicher Grund ist, dass die Ukraine im selben Zeitraum ein Handelsdefizit von 30 Milliarden US-Dollar verzeichnete,laut der Zentralbank der Ukraine ein Rekord. Also flossen 52 Milliarden US-Dollar ausländisches Geld in die Ukraine, und 30 Milliarden gingen direkt wieder hinaus, denn das massive Handelsdefizit der Ukraine wird durch zwei Dinge verursacht: Erstens durch einen enormen Anstieg der Waffenimporte von westlichen Lieferanten, die sich seit 2022 verdoppelt haben, nicht zuletzt, weil sie nicht mehr kostenlos bereitgestellt werden.
Zweitens hat die Ukraine ihre Importe von Rohstoffen erhöht, insbesondere einen massiven Anstieg der Gasimporte, da die inländische Produktion durch den Krieg stark beeinträchtigt wurde. Kohle ist ein weiterer Bereich, da Russland wichtige Kohleminen im Donbass übernommen hat.
Das gesamte Handelsdefizit wird auch nach Kriegsende nicht wieder ausgeglichen werden können, selbst wenn die Ukraine die Größe ihres Handelsdefizits reduzieren könnte. Im Vergleich dazu lag der russische Handelsüberschuss bei Waren bis Oktober 2025 bereits bei über 100 Milliarden US-Dollar, wenngleich das Gesamtbild mit rund 36 Milliarden US-Dollar aufgrund eines erheblichen Defizits im Handel mit Dienstleistungen geringer ist, unter anderem durch die große Zahl von Russen, die seit Kriegsbeginn ins Ausland gezogen sind.
Ein Ende des Krieges könnte es Russland im Gegenteil ermöglichen, seine Handelsüberschüsse weiter auszubauen. Eine künftige Lockerung bei der Einfuhr von Rohstoffen nach Europa könnte bedeuten, dass Russland sowohl vom bereits gestiegenen Handel mit Asien als auch vom erneuerten Handel mit Europa profitiert.
In jedem Fall tragen die konstanten Überschüsse, die Russland erzielt, sowohl zur Stützung des Wirtschaftswachstums als auch der Devisenreserven bei, die 2025 um über 135 Milliarden US-Dollar auf gewaltige 734 Milliarden US-Dollar angestiegen sind. Und um es klar zu sagen: Russland hält seine Reservefonds nahezu vollständig in Gold, was nun bei über 310 Milliarden US-Dollar liegt.
Ein wesentlicher Grund dafür, dass Russland seine Reserven in Gold lagert, besteht darin, sie vor den zugreifenden Händen westlicher Bürokraten zu schützen, die zu Beginn des Krieges rund 300 Milliarden US-Dollar an Reserven eingefroren haben. Das bedeutet, dass Russland über einen Überschuss von 434 Milliarden US-Dollar an Devisenreserven verfügt, der nahezu vollständig gegen westliche Enteignung abgesichert ist. Der Anstieg der Fremdwährungsreserven um 10 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 wurde zweifellos durch eine Anhäufung von Reserven in anderen Währungen als US-Dollar, Euro und Pfund verursacht, was auf eine stärkere Verlagerung des Handels in chinesische Yuan und indische Rupien hindeutet. Ein Ende des Krieges könnte irgendwann zur Freigabe der eingefrorenen russischen Vermögenswerte in den USA, Europa und Japan führen.
Die Reserven der Ukraine sind ebenfalls vergleichsweise stark und lagen zu Beginn des Jahres 2026 bei 57,3 Milliarden US-Dollar, ein Rekordwert. Dieser Anstieg ist jedoch vollständig auf Zuflüsse ausländischen Kapitals zur Finanzierung der Kriegsanstrengungen zurückzuführen. Ein Ende des Krieges würde wahrscheinlich zu einem Rückgang der ukrainischen Reserven führen, da ihr hartnäckiges Handelsdefizit nicht mehr durch ausländische Kapitalzuflüsse ausgeglichen werden würde, wie es jetzt während des Krieges der Fall ist. Es wird der plötzliche und schockierende Verlust ausländischer Finanzierung sein, der mit einem Kriegsende einhergeht, der dazu führen wird, dass die ukrainische Wirtschaft dramatisch schrumpft.
Aber keine Angst, Europa ist entschlossen, dass die Ukraine nach Kriegsende eine Armee von 800.000 Soldaten aufrechterhält. Allerdings scheint es dabei mehr um wirtschaftliches Überleben als um Sicherheit zu gehen.
Die Ukraine wäre nicht in der Lage, eine so große Armee aus eigenen Mitteln zu bezahlen, da sie dafür kein Geld hat. Also wird Europa erneut gezwungen sein, einzuspringen, um den Finanzierungsbedarf der Ukraine zu decken und die Gehälter von Soldaten zu zahlen, die sich nicht mehr im aktiven Kriegseinsatz befinden.
Dies wird laut einer aktuellen Studie des Kieler Instituts zu steigenden Schulden und Steuern in Europa führen. Es wird jedoch auch zu Einbußen für europäische Rüstungsunternehmen führen, denn Friedenszeiten werden unweigerlich einen starken Rückgang der Munition und des militärischen Materials bedeuten, das täglich auf den Schlachtfeldern dieses Krieges verbrannt wird.
Zwei Drittel des jüngsten 90-Milliarden-Euro-Kredits der EU an die Ukraine werden für militärische Unterstützung ausgegeben, einschließlich für Waffen. Das hat einen Streit zwischen Deutschland und Frankreich über eine vorgeschlagene „Kauf Europäisch“-Klausel ausgelöst, wobei Frankreich verhindern will, dass die Ukraine Waffen und Ausrüstung aus den USA kauft. Vielleicht mit einem Auge auf die Zukunft versuchen die Franzosen in typischer Manier sicherzustellen, dass ihre Unternehmen einen angemessenen Anteil an möglicherweise schrumpfenden Bestellungen für ukrainische Waffen erhalten.
Ein wenig wie die französische Armee manövriert sich Europa zwangsläufig rückwärts in eine wirtschaftliche Niederlage, wenn der Krieg endet und es verpflichtet ist, eine wirtschaftlich gescheiterte Ukraine am Leben zu erhalten, und gezwungen ist, Schulden und Steuern zu erhöhen, um die schlechten außenpolitischen Entscheidungen zu finanzieren, die es seit 2014 getroffen hat, und versucht, die eigene Rüstungsindustrie zu stärken, die mit dem Ende des Krieges jedoch Geschäft verlieren wird.
Für die etablierten politischen Parteien in Europa verstärkt dies den Trend, dass sie sich auf einen Wahl-Armageddon zubewegen, wenn sie sich ab 2027 wieder Wahlen stellen.
Bis dahin stecken sie fest, wissend, dass die Fortsetzung des Krieges sie bei Wahlen vernichten wird – und wissend, dass dessen Beendigung das ebenfalls tun wird. Um meinen alten britischen Vater und Soldaten zu zitieren: Sie sind wie der mythische Oozlum-Vogel, der ständig im Kreis fliegt, bis er in seinem eigenen Hinterteil verschwindet.
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Ian Proud war von 1999 bis 2023 Mitglied des Diplomatischen Dienstes Ihrer Majestät. Von Juli 2014 bis Februar 2019 diente er an der britischen Botschaft in Moskau. Er war außerdem Direktor der Diplomatischen Akademie für Osteuropa und Zentralasien und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Anglo-Amerikanischen Schule in Moskau.
Ende der Übersetzung
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