In der EU und in Kiew scheint man sich in der Hoffnung, Trump könnte die Ukraine doch wieder unterstützen, buchstäblich an jeden Strohhalm zu klammern. Das zeigt die Reaktion auf Trumps Post, den er vor einigen Tagen in seinem Netzwerk Truth Social veröffentlicht hat. Darin hat er Russland als „Papiertiger“ bezeichnet und behauptet, die Ukraine könne den Krieg gewinnen und sogar noch mehr als nur ihre Grenzen von 2022 zurückerobern. Der Spiegel titelte beispielsweise „Putins Angriffskrieg – Trump sagt, die Ukraine könnte ihr gesamtes Staatsgebiet von Russland zurückerobern“ und schrieb in der Einleitung seines Artikels:

„US-Präsident Donald Trump vollzieht offenbar eine Kehrtwende. Vor Monaten forderte er die Ukraine auf, bei Verhandlungen mit Russland Zugeständnisse zu machen. Nun spricht er Kyjiw Mut zu.“

Aber ist das wirklich so, oder was könnte Trumps Post tatsächlich bedeuten? Um das zu verstehen, werde ich den Post hier komplett zitieren und kommentieren.

Zum Verständnis muss ich vorher aber ein wenig ausholen.

Trumps geschickte Tricks

Ich habe bereits vor zwei Wochen in einem Artikel erklärt, was meiner Meinung nach hinter Trumps Aussagen steckt, er sei bereit, die von der EU geforderten harten Sanktionen gegen Russland zu verhängen, wenn die EU zuvor vollständig auf russisches Öl und Gas verzichtet und auch selbst das tut, was sie von den USA fordert, nämlich Sanktionen und hohe Strafzölle gegen alle Länder einzuführen, die russisches Öl und Gas kaufen. Ich kann das hier nicht alles wiederholen, bei Interesse können Sie es hier in meinem Artikel von vor zwei Wochen nachlesen.

Kurz gesagt, war das ein sehr schlaues Manöver von Trump, weil er damit den innenpolitischen Druck, harte Russland-Sanktionen zu verhängen, abgewendet hat. Er hat erklärt, er würde diese Sanktionen, die auch den USA sehr schaden würden, nur einführen, wenn die Europäer, die das fordern, es zunächst selbst tun.

Das wird jedoch nicht so bald passieren, denn selbst Ursula von der Leyen, die in ihrem anti-russischen Wahn mit den Sanktionen die Wirtschaft der EU zerstört, hat erklärt, dass die EU nicht vor 2027 auf russisches Öl und Gas verzichten kann. Das dürfte, wie so vieles, was von der Leyen sagt und verspricht, reichlich unrealistisch sein, aber darum geht es jetzt gar nicht, sondern es geht darum, dass Trump sich damit auf mindestens anderthalb Jahre vor den innenpolitischen Forderungen geschützt hat, harte Sanktionen gegen Russland zu verhängen, weil er immer argumentieren kann, er tue das erst, wenn auch die EU das tut.

Trump hat sich damit in eine Win-Win-Siuation gebracht, denn wenn die EU hohe Zölle gegen China einführt, die der EU sehr schaden werden, macht sie sich zu Trumps nützlichem Idioten in seinem Kampf gegen China. Und indem die EU auf die viel teureren US-Gaslieferungen umsteigt, nimmt die EU sich als wirtschaftlicher Konkurrent der USA selbst aus dem Spiel. Trump würde damit also sowohl den Rivalen China als auch den Konkurrenten Europa schwächen, ohne dass die USA selbst mit hohen Einsätzen ins Spiel einsteigen müssten.

Und Trump hat der US-Rüstungsindustrie Aufträge im Wert von hunderten Milliarden Dollar gesichert, indem er den Europäern im Rahmen der NATO die 5 Prozent des BIP für Rüstung abgepresst und die gesamten Kosten des Ukraine-Krieges auf Europa abgewälzt hat.

Will Trump den Krieg wirklich beenden?

Trump hat in letzter Zeit immer wieder stolz betont, dass die USA für den Ukraine-Krieg nichts mehr bezahlen, sondern nur noch daran verdienen, indem sie den NATO-Staaten die dafür nötigen Waffen verkaufen. Das war immer Trumps wichtigstes Ziel: Der Krieg sollte die USA kein Geld mehr kosten, aber Trump will, dass die US-Rüstungskonzerne daran verdienen. Und bezahlen sollten die Rechnung die Europäer, so Trumps Plan, der inzwischen ja bekanntlich umgesetzt ist.

Ich bezweifle sogar, dass Trump den Krieg in der Ukraine wirklich ernsthaft beenden will.

Wenn er das wirklich wollte, dann hätte er nach dem Treffen mit Putin in Alaska, wo man sich ja anscheinend weitgehend geeinigt hat, der EU und Kiew mitteilen können, dass die USA der Ukraine keine Waffen mehr liefern – auch nicht, wenn die Europäer sie bezahlen – und dass die USA aufhören, der Ukraine Aufklärungsdaten zur Verfügung zu stellen. Dann wäre der Druck auf Kiew und die EU, der von Putin und Trump gefundenen Lösung zuzustimmen, so groß gewesen, dass Brüssel und Kiew keine andere Wahl mehr gehabt hätten, als dem zuzustimmen.

Aber das hat Trump nicht getan. Stattdessen hat er immer wieder betont, dass der Ukraine-Krieg für die USA nun zu einem sehr guten Geschäft geworden ist, weil sie sich an den Waffenlieferungen eine goldene Nase verdienen. Und warum sollte Trump ein Interesse daran haben, der US-Rüstungsindustrie ein gutes Geschäft zu nehmen, also den Ukraine-Krieg zu beenden?

Trump ist offenbar nicht der Friedensstifter, als den ihn viele sehen, denn in der Ukraine hat er sich bei der Wahl zwischen einem Frieden (auch, wenn die EU vor Wut zetern würde) und den Profiten der US-Rüstungskonzerne für Letzteres entschieden. Und mit seiner Unterstützung für Netanjahus Vernichtungskrieg in Gaza hat Trump sich auch nicht gerade als Friedensbringer präsentiert.

Kommen wir nun zu Trumps Post von vor einigen Tagen und wie man ihn wohl verstehen muss, wenn man das eben Gesagte berücksichtigt.

Europäisches Geld

Trumps Post begann wie folgt:

„Nachdem ich die militärische und wirtschaftliche Situation zwischen der Ukraine und Russland vollständig verstanden und die wirtschaftlichen Probleme gesehen habe, die sie Russland bereitet, denke ich, dass die Ukraine mit Unterstützung der Europäischen Union in der Lage ist, die gesamte Ukraine in ihrer ursprünglichen Form zurückzugewinnen. Mit Zeit, Geduld und der finanziellen Unterstützung Europas und insbesondere der NATO ist die Wiederherstellung der ursprünglichen Grenzen, von denen dieser Krieg ausging, durchaus möglich. Warum nicht?“

Man beachte die Feinheiten. Trump schreibt ausdrücklich davon, dass die Ukraine das nur mit Unterstützung der EU erreichen könne. Und er spricht auch aus, was er meint: „Finanzielle Unterstützung Europas“ – es geht ihm also um Geld.

Und noch etwas ist wichtig: Er betont zwei Mal, dass alles von Europa abhängt. Warum ist das wichtig?

Das Ukraine-Abenteuer wird für die Europäer entweder militärisch scheitern, oder sich zu einem großen europäischen Krieg auswachsen. In beiden Fällen wären die USA außen vor und würden sich auf Waffenverkäufe und Geldverdienen beschränken – oder glaubt irgendjemand ernsthaft, Trump würde in einen Krieg mit Russland einsteigen und Washington für Warschau opfern? Zumal der berühmte Artikel 5 des NATO-Vertrages keine Pflicht zur Unterstützung angegriffener NATO-Partner beinhaltet, auch wenn Politik und Medien etwas anderes erzählen. Wenn das für Sie neu sein sollte, lesen Sie es hier nach.

Trump will kein Loser sein und in den USA ist die Schmach der Flucht aus Afghanistan noch frisch. Indem Trump die USA aus der Ukraine-Unterstützung herausgeholt hat, hat er die Verantwortung für die unvermeidlich kommende Niederlage in der Ukraine voll auf die Europäer abgeladen.

Er wird stattdessen gebetsmühlenartig das wiederholen, was er ja bereits seit Monaten sagt: Das ist kein Krieg der USA – und damit wird das auch keine Niederlage der USA, sondern eine Niederlage der Europäer. Das ist für Trump innenpolitisch ausgesprochen wichtig.

Der „Papiertiger“

Weiter schrieb Trump:

„Russland kämpft seit dreieinhalb Jahren ziellos einen Krieg, den eine echte Militärmacht in weniger als einer Woche hätte gewinnen können. Das zeichnet Russland nicht aus. Im Gegenteil, es lässt es wie einen „Papiertiger“ erscheinen.“

Das klingt gut, vor allem in den Ohren der Europäer, aber es ist Unsinn. Es sei daran erinnert, dass die ukrainische Regierung im März/April 2022 bereit war, mit Russland ein Friedensabkommen zu schließen, weil Russland militärisch gesiegt hatte. Russland hat die Ukraine tatsächlich „in weniger als einer Woche“ besiegt.

Dann aber hat Russland seine Truppen Ende März, im Zuge der Verhandlungen in Istanbul und als Zeichen des guten Willens, aus weiten Teilen der Ukraine zurückgezogen. Zwar behaupten westliche Medien und Politiker heute beharrlich, Kiew habe die Russen zurückgeschlagen, aber auch das ist Unsinn, wie jeder leicht in den Archiven der Medien überprüfen kann: Suchen Sie dort mal nach Artikeln aus dem März 2022 über heftige Kämpfe beispielsweise bei Kiew, in denen die Ukraine die Russen zurückgeschlagen hätte. Sie werden nichts finden, weil es diese heftigen Kämpfe nicht gab, sondern weil die Russen sich in der Hoffnung auf die Einigung in Istanbul freiwillig wieder zurückgezogen haben.

Anschließend begann der Westen, die Ukraine massiv aufzurüsten und Russland hat ab April 2022 de facto keinen Krieg mehr gegen die Ukraine geführt, sondern gegen den gesamten Westen. Und den kann Russland natürlich nicht innerhalb von einer Woche besiegen.

Übrigens hat Trump seine Worte über den „Papiertiger“ Russland schon am nächsten Tag wieder zurückgenommen, aber das nur nebenbei.

Ist Russlands Wirtschaft am Ende?

Danach schrieb Trump:

„Wenn die Menschen in Moskau und allen anderen Großstädten und Bezirken Russlands erst einmal herausfinden, was in diesem Krieg wirklich vor sich geht, dass es für sie fast unmöglich ist, Benzin durch die langen Schlangen zu bekommen, die sich bilden, und was sonst noch in ihrer Kriegswirtschaft vor sich geht, wo das meiste Geld für den Kampf gegen die Ukraine ausgegeben wird, die großen Kampfgeist hat und immer besser wird, dann könnte die Ukraine ihr Land in seiner ursprünglichen Form zurückerobern und, wer weiß, vielleicht sogar noch weiter gehen! Putin und Russland stecken in GROSSEN wirtschaftlichen Schwierigkeiten, und es ist Zeit für die Ukraine zu handeln.“

Die Meldungen über einen Mangel an Benzin in Russland, höre ich vor allem aus westlichen Medien. In Russland ist das (fast) kein Thema, obwohl die Ukraine in den letzten Wochen diverse russische Raffinerien angegriffen und beschädigt hat. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen, wie beispielsweise das von der russischen Regierung verhängte Exportverbot für Benzin und Diesel zeigt.

Ich habe geschrieben, es sei in Russland (fast) kein Thema, weil bisher nur von der Krim, die besonders von den vom ukrainischen Beschuss am schwersten betroffenen Raffinerien im Süden Russlands abhängig ist, einige Engpässe gemeldet wurden, die allerdings auch mit der dort derzeit erhöhten Nachfrage zu tun haben, weil die Urlaubssaison zu Ende geht und die meisten Urlauber mit dem Auto auf die Krim kommen. Die tanken ihre Autos für die hunderte oder über tausend Kilometer weite Rückreise voll.

Hinzu kommt, dass die auch in russischen sozialen Medien herumgeisternden Meldungen über Benzinmangel in anderen russischen Regionen meistens von nicht-russischen IP-Adressen gepostet werden. Es scheint sich hierbei also eher um eine Propaganda-Kampagne der Gegner Russlands zu handeln, als um ein echtes Problem.

Ich lebe bekanntlich in Russland und ich habe hier bisher nichts von Problemen mit der Benzinversorgung gehört oder gesehen.

So viel wie möglich an Waffen verdienen

Dass Trump, der bisher immer offen gesagt hat, dass die Ukraine am Verlieren ist, nun plötzlich deren „großen Kampfgeist“ lobt und behauptet, sie werde „immer besser“, passt zu dem, was ich eingangs geschrieben habe: Er will die Schmach (und die politischen und wirtschaftlichen Kosten) der Niederlage auf die Europäer abwälzen, indem er nun plötzlich behauptet, alles sei möglich, wenn die Europäer nur genug Geld geben – also genug Waffen für hunderte Milliarden in den USA kaufen.

Trump beendete seinen Post wie folgt:

„Auf jeden Fall wünsche ich beiden Ländern alles Gute. Wir werden die NATO weiterhin mit Waffen beliefern, damit die NATO damit machen kann, was sie will. Viel Glück allen!“

Damit bestätigt Trump, was ich geschrieben habe: Er will die Rolle der USA auf den Verkauf von Waffen beschränken, bezahlen sollen die Europäer – und wenn das Abenteuer militärisch scheitert (oder wenn es zu einem großen Krieg in Europa eskaliert), kann Trump immer sagen, er habe damit nichts zu tun.

Oder, wie Trump es unermüdlich formuliert: „Das ist kein Krieg der USA“.