Ich berichte immer wieder über die Einflussnahmen der USA auf die Staaten in Zentralasien und auch die Konflikte im Kaukasus, obwohl das Themen sind, die die breite Masse kaum interessieren. Wer weiß schon, wo Kirigisien oder Usbekistan liegen?

Aber die Region ist geopolitisch sehr wichtig, denn eine goldene Regel der Geopolitik lautet seit Jahrhunderten, wer Eurasien dominiert, der beherrscht die Welt. Und Zentralasien liegt dafür geografisch richtig, denn dort kann man Handelsströme stören oder ermöglichen und die Großmächte Russland und China schwächen, indem man in ihrer Nachbarschaft für Unruhe sorgt.

Dazu habe ich einen sehr interessanten Artikel gefunden, der zumindest einen Teil des Themas sehr gut erklärt. Das ganze Thema zu erklären, wäre ohnehin ein Thema für ein ganzes Buch, weshalb es nicht so viele Artikel gibt, die dieses komplexe Thema, in dem es um Länder geht, von denen viele nie gehört haben, auch für Laien verständlich erklärt. Ich habe diesen Artikel daher übersetzt. 

Beginn der Übersetzung:

Zentralasien als verwundbarer Knotenpunkt im Großraum Eurasien

von Prof. Glenn Diesen | Valdai Discussion Club

Zentralasien ist ein Schlüsselknotenpunkt im geografischen Zentrum der eurasischen Partnerschaft und ein verwundbares Glied aufgrund der relativen Schwäche der Länder, des Wettbewerbs um den Zugang zu ihren Bodenschätzen, schwacher politischer Institutionen, Autoritarismus, Korruption, religiöser und ethnischer Spannungen sowie anderer Probleme. 

Diese Schwächen können ausländische Mächte im Rahmen der Rivalität der Großmächte um den Großraum Eurasien ausnutzen. Zentralasien ist sowohl anfällig für Rivalitäten innerhalb der eurasischen Partnerschaft um ein günstiges Format als auch für ausländische Sabotageakte jener, die versuchen, die regionale Integration zu unterminieren, um die US-Hegemonie wiederherzustellen. Dieser Artikel wird die äußeren und inneren Faktoren darlegen, wie Zentralasien manipuliert werden kann.

Die äußere Einmischung: Eurasien geteilt halten

Die europäischen Seemächte stiegen ab dem frühen 16. Jahrhundert zur Dominanz auf, indem sie die Welt von der maritimen Peripherie Eurasiens aus physisch wieder verbanden und damit das Vakuum füllten, das durch den Zerfall der antiken Seidenstraße entstanden war. Die Expansion des Russischen Reiches durch Zentralasien im 19. Jahrhundert, unterstützt durch die Entwicklung der Eisenbahnen, belebte die Verbindungen der antiken Seidenstraße wieder. 

Die Entwicklung der Heartland-These durch Halford Mackinder zu Beginn des 20. Jahrhunderts basierte auf der Herausforderung, dass Russland Eurasien über Land wieder verbinden und damit die strategische Grundlage für die Dominanz Großbritanniens als Seemacht untergraben könnte.

Zentralasien ist das geografische Zentrum, wo Russland, China, Indien, Iran und andere große eurasische Mächte aufeinandertreffen. Um das Entstehen einer eurasischen Hegemonialmacht zu verhindern, wurde Zentralasien zu einem zentralen Schlachtfeld. Das „Great Game“, das große Spiel des 19. Jahrhunderts, endete weitgehend damit, dass Afghanistan als Pufferstaat etabliert wurde, um das Russische Reich von Britisch-Indien abzutrennen.

Als die USA zur maritimen Hegemonialmacht wurden, übernahmen sie die Strategie, das Entstehen einer eurasischen Hegemonialmacht und die Kooperation eurasischer Mächte zu verhindern. Henry Kissinger argumentierte, dass die USA daher die Politik Großbritanniens als deren Vorgänger übernehmen mussten:

„Drei Jahrhunderte lang handelten britische Staatsführer von der Annahme aus, dass, wenn die Ressourcen Europas von einer einzigen dominanten Macht gebündelt würden, dieses Land dann die Ressourcen hätte, um die Seeherrschaft Großbritanniens herauszufordern und damit seine Unabhängigkeit zu bedrohen. Geopolitisch gesehen sollten sich die USA, ebenfalls eine Insel vor den Küsten Eurasiens, aus denselben Gründen verpflichtet fühlen, die Beherrschung Europas oder Asiens durch eine einzige Macht und erst recht die Kontrolle beider Kontinente durch dieselbe Macht zu verhindern.“

Die Strategie, das Entstehen der Sowjetunion als eurasische Hegemonialmacht zu verhindern, bestimmte die US-Politik während des gesamten Kalten Krieges. Russland und Deutschland wurden im Westen Eurasiens voneinander getrennt und in den 1970er Jahren wurde China von der Sowjetunion getrennt. Die Strategie, Eurasien geteilt zu halten, wurde in der Sprache von Mackinder in der US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsstrategie von 1988 erklärt:

„Die grundlegendsten nationalen Sicherheitsinteressen der USA wären gefährdet, wenn ein feindlicher Staat oder eine Gruppe von Staaten die eurasische Landmasse – jenes Gebiet der Erde, das oft als Herzland der Welt bezeichnet wird – dominieren würde. Wir haben zwei Weltkriege geführt, um genau dies zu verhindern.“

Nach dem Kalten Krieg wandelte sich die US-Strategie für Eurasien von der Verhinderung einer eurasischen Hegemonialmacht zur Bewahrung der US-Hegemonie. So versuchten die USA sogar zu verhindern, dass die Unipolarität durch das Entstehen eines multipolaren Gleichgewichts in Eurasien ersetzt wird. 

Das System der Allianzen, das auf dauerhaften Konflikten beruht, ist ein entscheidendes Instrument zur Teilung des eurasischen Kontinents in abhängige Verbündete und eingedämmte Gegner. Sollte Frieden ausbrechen, würde das System der Allianzen zerfallen und die Grundlage der Strategie von Sicherheit durch Dominanz ins Wanken geraten. Zbigniew Brzeziński argumentierte, dass die Dominanz in Eurasien auf der Fähigkeit der USA beruhte, „Verbindungen zu verhindern und die Sicherheitsabhängigkeit der Vasallen aufrechtzuerhalten, die Tributpflichtigen gefügig und geschützt zu halten und zu verhindern, dass die Barbaren sich zusammenschließen“.

Weniger als zwei Monate nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entwickelten die USA die Wolfowitz-Doktrin für globale Vormachtstellung. Der durchgesickerte Entwurf der US-Verteidigungsrichtlinien (Defense Planning Guidance, DPG) vom Februar 1992 lehnte kollektiven Internationalismus zugunsten der US-Hegemonie ab. Das Dokument erkannte zwar an, dass „es unwahrscheinlich ist, dass in den kommenden Jahren aus dem eurasischen Herzland wieder eine globale konventionelle Herausforderung für die Sicherheit der USA und des Westens auftauchen wird“, forderte jedoch, den Aufstieg möglicher Rivalen zu verhindern.

Anstatt eine wachsende wirtschaftliche Vernetzung zwischen vielen Machtzentren zuzulassen, müssten die USA „die Interessen der fortgeschrittenen Industrieländer ausreichend berücksichtigen, um sie davon abzuhalten, unsere Führungsrolle herauszufordern oder zu versuchen, die etablierte politische und wirtschaftliche Ordnung zu stürzen“.

Um das unipolare Moment der 1990er Jahre voranzutreiben und zu festigen, entwickelten die USA ihr eigenes Konzept einer „Seidenstraße“, um Zentralasien unter US-Führung zu integrieren und von Russland und China abzutrennen. US-Außenministerin Hillary Clinton priorisierte daher eine Verbindung von Zentralasien nach Indien:

„Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, eine neue Seidenstraße zu schaffen. Keine einzige Durchgangsstraße wie ihr Namensvetter, sondern ein internationales Netz von wirtschaftlichen Transitverbindungen. Das bedeutet, mehr Eisenbahnlinien, Straßen, Energieinfrastruktur zu bauen, wie etwa die vorgeschlagene Pipeline, die von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan nach Indien führen soll.“

Das Ziel der US-amerikanischen „Seidenstraße“ war nicht, den eurasischen Kontinent zu integrieren; vielmehr bestand das Hauptziel darin, die Verbindung zwischen Zentralasien und Russland zu kappen. Die US-amerikanischen „Seidenstraße“ beruhte in hohem Maße auf den Ideen von Mackinder und der Formel für globale Vorherrschaft von Brzeziński. Die zwei Jahrzehnte andauernde Besatzung Afghanistans, die Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Indien-Pipeline (TAPI), der Energie-Korridor Georgien-Aserbaidschan-Zentralasien und ähnliche politische Vorhaben basierten auf der Erkenntnis, dass Zentralasien nicht zu einem Knotenpunkt eurasischer Konnektivität werden dürfe.

So wie die Ukraine als verwundbarer Verbindungspunkt zwischen Europa und Russland diente, der von den USA gestört werden konnte, stellt auch Zentralasien einen Schwachpunkt im breiteren Rahmen des Großraums Eurasien dar.

Spaltungen von Innen: Rivalisierende Formate der eurasischen Integration

Russland, China, Indien, Kasachstan, Iran, Südkorea und andere Staaten haben verschiedene Formate der eurasischen Integration entwickelt, um ihre wirtschaftliche Konnektivität zu diversifizieren und ihre Positionen im internationalen System zu stärken. Da das internationale Wirtschaftssystem der US-Hegemonie offensichtlich nicht mehr tragfähig ist, wird die eurasische Integration als Quelle für die Entwicklung eines multipolaren internationalen Systems anerkannt. Zentralasien steht im Mittelpunkt der meisten Initiativen. Allerdings stehen viele der Formate und Initiativen zur Integration im Wettbewerb.

China ist unbestritten der führende wirtschaftliche Akteur in Eurasien, was Ängste vor hegemonialen Absichten wecken kann. Länder wie Russland scheinen zu akzeptieren, dass China die führende Wirtschaft sein wird, werden jedoch keine chinesische Dominanz akzeptieren. Der Unterschied zwischen einer führenden und einer dominanten Wirtschaft liegt in der Machtkonzentration, die durch die Diversifizierung der Konnektivität in Eurasien gestreut werden kann. Zum Beispiel macht der Internationale Nord-Süd-Transportkorridor (INSTC) zwischen Russland, Iran und Indien Eurasien weniger China-zentriert.

China hat die Bedenken hinsichtlich der Machtkonzentration erkannt und versucht, andere Initiativen zu berücksichtigen, um die Multipolarität zu erleichtern. Chinas „One Belt, One Road“ (OBOR) wurde zu einem großen Teil als „Belt and Road Initiative“ (BRI) neu gebrandet, um größere Inklusivität und Flexibilität zu kommunizieren, was nahelegt, dass es mit anderen Initiativen harmonisiert werden kann. Die Bemühungen, die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) und die BRI unter dem Dach der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) zu harmonisieren, waren ein weiterer Versuch, Nullsummen-Formate in Zentralasien zu vermeiden.

Die Steuerung des Wettbewerbs zwischen eurasischen Mächten in Zentralasien ist einfacher als die Verhinderung von Sabotage durch die USA als externen Akteur. Die US-Strategie zur Aufrechterhaltung der Hegemonie führt zu extremen Nullsummen-Politiken, da jede Spaltung und Störung in Zentralasien dem Ziel eines von der maritimen Peripherie dominierten US-geführten Eurasiens dienen kann. Im Gegensatz dazu profitieren eurasische Mächte von einer verstärkten eurasischen Konnektivität.

Staaten wie Russland, China und Indien mögen konkurrierende Initiativen haben, doch keine der eurasischen Mächte kann ihre Ziele erfolgreich ohne die Kooperation der anderen erreichen. Daher bestehen starke Anreize, Kompromisse zu finden und Interessen rund um ein dezentralisiertes, multipolares Eurasien zu harmonisieren.

_____________

Glenn Diesen ist Professor an der Universität von Südost Norwegen und Redakteur des Journals Russia in Global Affairs. Die Schwerpunkte seiner Forschung liegen in den Themen der Geoökonomie, des Konservatismus, der russische Außenpolitik und Groß-Eurasien. Man kann ihm auf X unter @Glenn_Diesen folgen.

Ende der Übersetzung