Ein russischer Nahost-Experte hat für die russische Nachrichtenagentur TASS einen lesenswerten Artikel geschrieben, den ich übersetzt habe. Da er für sich selbst spricht, kommen wir ohne weitere Vorrede zur Übersetzung.

Beginn der Übersetzung:

Auf dem Weg zu „Großisrael“: Welche Falle Netanjahus neue Operation geöffnet hat

Murad Sadygsade über die Deklamationen und wahren Ziele von „Gideons Streitwagen 2“

Der August hat lange offene Fragen und implizite Formulierungen geklärt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ließ in einem Interview mit Fox News alle diplomatischen Höflichkeiten beiseite und sprach direkt aus, was zuvor nur angedeutet worden war: Israel verfolgt den Kurs in Richtung einer vollständigen militärischen Herrschaft über den Gazastreifen, gefolgt von der Zerschlagung der Hamas.

Bereits am nächsten Tag genehmigte das Sicherheitskabinett die Operation zur Eroberung von Gaza-Stadt, der letzten großen Hamas-Enklave.

Humanitäre Phase

Die Reaktion der Welt ließ nicht lange auf sich warten. UN-Generalsekretär Antonio Guterres bezeichnete den Schritt als „gefährliche Eskalation“ und warnte vor dem Beginn einer humanitären Phase des Krieges, in der die Katastrophe keine Bedrohung mehr sei, sondern zur Routine würde.

Während die Bezirke Zaytun, Shejaiya, Sabra und Jabalia weiterhin unter Beschuss stehen, schließen israelische Panzerkolonnen den Ring um Gaza-Stadt und Armeegeneräle kündigen den Beginn einer neuen Phase des Angriffs an. Hunger, zerstörte Infrastruktur und zivile Opfer bei der Suche nach humanitärer Hilfe machen den Begriff „Stabilisierung der Lage“ zu einer leeren und bitteren Allegorie. Der Krieg verliert zunehmend den Charakter eines klassischen Konflikts und entwickelt sich zu einer Kunst der strategischen Zersetzung des zivilen Raums, wobei nicht nur die Stützpunkte der Militanten, sondern auch das Lebensgefüge der Stadt selbst niedergebrannt werden.

Palästina ausradieren

Der Feldzug im Gazastreifen ist jedoch nur eine Szene des Stücks. Parallel zur Offensive ist der Prozess der Institutionalisierung der Politik im Westjordanland im Gange. Am 23. Juli stimmte die Knesset für eine Erklärung, die die israelische Souveränität auf Judäa, Samaria und das Jordantal ausdehnt. Formal ist das Dokument lediglich eine „Empfehlung“, doch im Kern wandelt es die temporäre militärische Logik in eine langfristige Rechtsgrundlage um und verschiebt die roten Linien bis ans Limit.

Der eigentliche Meilenstein wurde am 20. August erreicht, als das Oberste Planungskomitee grünes Licht für den Bau in der Zone E1 mit mehr als 3.400 Häusern zwischen Ostjerusalem und Maale Adumim gegeben hat. Urbanisten nennen es „die Lücke füllen“, Politiker „die Karte des zukünftigen Palästina in zwei Hälften teilen“. Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich brachte es unverblümt auf den Punkt: E1 wird die Idee eines palästinensischen Staates begraben.

Netanjahu selbst gab unterdessen auf i24News zu, dass er eine tiefe Verbundenheit mit dem Konzept eines „Großisraels“ empfinde. Diese Erklärung klang (vor allem in den arabischen Hauptstädten) wie die endgültige Bestätigung: Der Gaza-Krieg und die Neuaufteilung des Westjordanlands sind keine parallelen Geschichten, sondern zwei Kapitel einer einzigen Strategie zur Transformation der gesamten Palästinafrage. Die Reaktion darauf waren diplomatische Demarchen, internationale Resolutionen und das wachsende Gefühl, dass die Region in eine Ära unumkehrbaren Wandels eintritt.

Verbindet man alle Linien, ist das Bild nicht mehr so fragmentiert. Die erschreckende Einheit liegt gerade darin, dass es sich um eine koordinierte Strategie handelt, die die militärische Unterwerfung des Gazastreifens mit der räumlichen und rechtlichen Transformation des Westjordanlands verbindet.

Es ist bemerkenswert, dass Netanjahu in dem Interview mit Fox News sagte, die Kontrolle werde an eine „Nicht-Hamas-Struktur“ – vorzugsweise eine arabische – übertragen. „Wir werden Gaza nicht regieren“, fügte er hinzu. Doch die Rhetorik über „Vorläufigkeit“ und „Unwillen zur Herrschaft“ klingt zunehmend wie ein politischer Deckmantel, der die Umwandlung vorübergehender Kontrolle in eine dauerhafte Norm verdecken soll. Und je näher diese Vektoren zusammenlaufen – die zerstörten Straßen Gazas, die genehmigten Baupläne, die Aussagen von Netanjahu –, desto deutlicher wird: Der Spielraum für Kompromisse schrumpft rapide.

Der Krieg, der als Kampagne zur „Zerschlagung der Hamas“ begann, wird heute zunehmend als Instrument gesehen, um das Wort „Palästina“ auf der politischen und geografischen Landkarte der Zukunft auszuradieren.

Diplomatie der Form halber?

Die Operation „Gideons Streitwagen 2“ wird offiziell noch nicht als Besatzung bezeichnet, doch die Rhetorik hinkt der Realität hinterher. Israelische Panzerkolonnen sind tief in den Gazastreifen vorgedrungen und haben die Frontlinien in Sabra und Zaytun miteinander verbunden. Das zeigt, dass die These von „Kämpfen in den Außenbezirken“ offensichtlich eine Fiktion ist. Es geht nicht mehr um eine lokale Säuberung, sondern um die systematische Vorbereitung eines Angriffs auf den urbanen Kern des Sektors. Die östlichen und nördlichen Viertel Shejaiya, Jabalia und Sabra verwandeln sich in einen Streifen verbrannter Erde, wo Panzer fahren.

Parallel dazu entfaltet Israels Mobilisierungsmaschinerie ihre Mechanismen. Zehntausende Reservisten wurden für September einberufen, was ebenfalls nicht auf eine „Vergeltungsoperation“ hindeutet, sondern auf einen langwierigen Feldzug in den Städten, der voraussichtlich Hunderte von Menschenleben kosten und monatelange Straßenkämpfe nach sich ziehen wird.

Unterdessen läuft das diplomatische Theater nach seinen eigenen Gesetzen ab. Die Hamas erklärte sich über ägyptische und katarische Vermittler zu einem 60-tägigen Waffenstillstand bereit, der die Freilassung einiger Geiseln und die Übergabe der sterblichen Überreste der Toten vorsah. Israel hat den Vorschlag abgelehnt und sich auf die Forderung nach der vollständigen Freilassung aller Gefangenen konzentriert.

Dabei ist die Struktur dieser Verhandlungen in eine umfassendere Strategie eingebettet: Diplomatische Initiativen werden entweder zum Druckmittel oder zum Hintergrund, der durch den Angriffsbefehl zunichte gemacht wird. Netanjahus Befehl, die Vorbereitungen für den Angriff auf Gaza-Stadt zu beschleunigen, ist nicht nur eine militärische Direktive, sondern auch ein politischer Impuls, der sich sowohl an die israelische Wählerschaft als auch an die internationalen Vermittler richtet.

Hier prallen zwei Ansätze aufeinander: die politische Wette auf eine forcierte Lösung und der militärische Pragmatismus, der den Feind schrittweise schwächt. Durchgesickerte Informationen deuten darauf hin, dass der Generalstab in der Erwartung, die Opferzahlen zu minimieren und die Chancen auf die Befreiung der Geiseln zu wahren, eine Strategie der „Einkreisung und Strangulierung“ befürwortet. Doch die politische Führung hat sich für eine direkte Invasion entschieden, trotz der Risiken und Warnungen, dass jede Straße in Gaza zu einer Festung werden könnte. Schon heute liegt die Zahl der Todesopfer auf israelischer Seite bei Hunderten, und das, bevor die eigentliche Phase beginnt.

Am beunruhigendsten ist jedoch, dass es kein klares Szenario für den „Tag danach“ gibt: Die Kontrolle über das Gebiet ist zwar erreichbar, aber ein nachhaltiger Frieden ist unwahrscheinlich.

Keine langfristige Lösung?

Hinzu kommt der ideologische Hintergrund. Netanjahus öffentliches Bekenntnis zur Sympathie für das Konzept eines „Großisraels“ zerstört die letzten Reste des Vertrauens in die Formel „Wir wollen Gaza nicht regieren“. Zwei Jahre Militäreinsatz, hohe Staatsausgaben und sinkende wirtschaftliche Attraktivität, mangelnder Konsens im Militärkorps, scharfe Warnungen der Opposition – all das deutet darauf hin, dass sich die Strategie zwar von der Logik der Gewalt erschöpft, aber keine langfristige Lösung bietet. Oppositionsführer Yair Lapid bezeichnet die mögliche Besetzung Gazas unverblümt als „fatale Entscheidung“ für Israel. Der innenpolitische Druck wächst: Wöchentlich finden landesweit Demonstrationen statt, bei denen ein Abkommen über die Geiseln gefordert wird.

Gleichzeitig wächst auch der Druck von außen: Eine Reihe von Ländern, von Frankreich und Großbritannien bis Australien und Kanada, bereiten sich darauf vor, auf der UN-Generalversammlung den palästinensischen Staat anzuerkennen. Dabei sieht Israel die Unterstützung der USA als Schutzschild vor dem Druck der UN und der europäischen Hauptstädte. Selbst der jüngste Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (Food and Agriculture Organization, FAO) und der UNO, der die fünfte Stufe (eine katastrophale) Hungersnot in Gaza verzeichnete (mehr als 640.000 Menschen bis September), wird eher als Lärm denn als Alarmsignal wahrgenommen.

Es wird darauf gesetzt, den globalen Kontext zu verändern.

Israel sieht sich heute also mit zwei Vektoren konfrontiert. Der erste ist diplomatisch, wenn auch unvollkommen, eröffnet aber einen Korridor für eine vorübergehende Deeskalation und die Freilassung der Geiseln. Der zweite Weg führt tief in den Gazastreifen hinein, in einen Häuserkampf mit schwer vorhersehbaren Folgen. Der erste Weg erfordert den politischen Willen, zu erkennen, dass Sicherheit nicht nur auf Panzern, sondern auch auf Institutionen, Verhandlungen und gegenseitigen Zugeständnissen beruht. Der zweite Weg ist der der endlosen Mobilmachung, der zunehmenden internationalen Isolation und der Aussicht, für immer in eben diesem „Streitwagen“ gefangen zu bleiben, der nicht mehr aufzuhalten ist.

Ende der Übersetzung