ATACMS-Raketen werden als ballistische Kurzstreckenraketen bezeichnet, weil ihre Reichweite unter 500 Kilometer liegt, wo nach allgemeiner Definition die Reichweite von Mittelstreckenraketen beginnt. Allerdings werden Raketen mit einer solchen Reichweite auf dem ukrainischen Kriegsschauplatz bereits als Langstreckenraketen bezeichnet, weil der Westen bisher fast nur Raketen mit einer Reichweite von ungefähr bis zu 150 Kilometern geliefert hat, die die Ukraine in erster Linie gegen die russische Front einsetzen kann.

Eine Ausnahme waren die bauglichen von Großbritannien (Storm Shadow) und Frankreich (SCALP) gelieferten Marschflugkörper, die eine Reichweite von 300 Kilometern haben, die allerdings von Flugzeugen abgefeuert werden, von denen die Ukraine nicht mehr viele hat.

Die ATACMS hingegen sind bodengestützt und werden von US-amerikanischen HIMARS-Mehrfachraketenwerfern abgefeuert, von denen die Ukraine schon viele geliefert bekommen hat.

Da Kiew immer wieder auch russisches Gebiet angreift, besteht die realistische Gefahr, dass Moskau den Westen offiziell und mit allen Folgen als Kriegspartei ansieht, aus dem Westen gelieferte Raketen auch auf unbestritten russisches Gebiet abgefeuert werden. Aus diesem Grund haben die USA so lange gezögert, der Ukraine ATACMS zu liefern und aus diesem Grund weigert sich der deutsche Bundeskanzler Scholz (bisher), die deutschen Taurus-Raketen zu liefern, die sogar eine Reichweite von 500 Kilometern haben.

Aber da die Lage auf dem Schlachtfeld für die Ukraine bekanntlich nicht nur schlecht, sondern regelrecht verzweifelt ist, geht der Westen immer größere Risiken ein. Experten beider Seiten sind sich einig, dass die neuen Waffenlieferungen, die die USA gerade erst beschlossen haben, am Kriegsverlauf nichts Wesentliches ändern, sondern den Krieg nur weiter verlängern und die Verluste auf beiden Seiten erhöhen werden. Aber in Washington wird immer wieder offen gesagt, dass die Ukraine nicht verlieren dürfe, weil das dem Image der USA als Schutzmacht schaden würde.

Also erhöht man in Washington den Einsatz, anstatt nach einer Friedenslösung zu suchen.

ATACMS schon im März heimlich geliefert

Nun wurde bekannt, dass die US-Regierung schon im März, als sie ein letztes kleines Hilfspaket aus den Resten der früher genehmigten Hilfen nach Kiew geschickt hat, auch ATACMS nach Kiew geschickt hat. Das US-Außenministerium erklärte nach entsprechenden Berichten von US-Nachrichtenagenturen, dass die Raketen am 12. März in der Ukraine angekommen seien.

Das bestätigte kurz darauf auch Jake Sullivan, der Nationale Sicherheitsberater des Weißen Hauses, am 24 April. Auf einer Pressekonferenz sagte er:

„Wie ich schon gesagt habe, haben wir bereits einige (Raketen) geschickt, und jetzt, da wir über zusätzliche Befugnisse und Fähigkeiten verfügen, werden wir noch mehr schicken.“

Er sagte nicht, wie viele Raketen Washington liefern will, meinte aber, dass die Lieferung der ATACMS „die Situation“ auf dem Schlachtfeld für Kiew „verbessern“ würde. US-Medien meldeten etwas später, dass die USA im März über 100 ATACMS in die Ukraine geliefert hätten.

Sullivan betonte auf der Pressekonferenz, dass die Lieferung eines Waffentyps kein „Allheilmittel“ sei, sondern dass „eine Reihe von Fähigkeiten“ zusammenkämen. Weiter sagte er, dass US-Präsident Biden schon im Februar 2024 die Lieferung einer beträchtlichen Anzahl taktischer ballistischer Raketen vom Typ ATACMS in die Ukraine angeordnet habe:

„Wir stellen der Ukraine auch neue (militärische) Mittel zur Verfügung. Ich kann bestätigen, was Sie schon von anderen gehört haben, dass der Präsident sein Team im Februar angewiesen hat, der Ukraine eine beträchtliche Anzahl von ATACMS-Raketen für den Einsatz auf dem Hoheitsgebiet der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Die Lieferung begann im März. < …> Und diese Raketen sind in der Ukraine angekommen.“

Er sagte weiter, dass die USA bis vor kurzem aus Gründen der eigene Kampfbereitschaft keine ATACMS liefern konnten, und fügte hinzu:

„Aber hinter den Kulissen hat die Regierung unermüdlich daran gearbeitet, diese Probleme anzugehen. Da jetzt eine beträchtliche Anzahl von ATACMS vom Band läuft und in die US-Arsenale gelangt, können wir im Ergebnis voran gehen und (der Ukraine) ATACMS zur Verfügung stellen und gleichzeitig die Kampfbereitschaft der USA aufrechterhalten. Der vor uns liegende Weg wird nicht leicht.“

Im Februar hatte NBC unter Berufung auf Quellen berichtet, dass die USA planen, taktische Raketen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometer für Angriffe auf die Krim an die Ukraine zu liefern. Schon Ende letzten Jahres hatte Washington begonnen, Kiew mit ballistischen Raketen zu beliefern, doch das waren ältere Systeme mit geringerer Reichweite. Jetzt haben die USA moderne Versionen der Raketen mit größerer Reichweite geliefert, mit denen die Ukraine auch abgelegene Gebiete der Krim angreifen kann.

„Bemühungen der USA, den Konflikt zu eskalieren“

Die US-Regierung hält die Lieferung der ATACMS an die Ukraine für sinnvoll, obwohl Russland gewarnt hat, dass ihre Lieferung zu einer Eskalation des Konflikts führen würde, sagte Sullivan außerdem, als er gebeten wurde, sich zu den Erklärungen aus Moskau zu äußern, dass die Lieferung dieser Raketen an Kiew zu einer Verschärfung der Lage führen würde:

„Was wir von Russland gesehen haben, war seine Bereitschaft, Langstreckenraketen aus anderen Ländern, insbesondere aus Nordkorea, anzunehmen. Sie haben sie auf dem Schlachtfeld eingesetzt und sie auch genutzt, um ukrainische Zivilisten anzugreifen. Deshalb können wir aus unserer Sicht, nachdem wir die Probleme mit der Kampfbereitschaft gelöst haben, einen Schritt nach vorne machen und der Ukraine unsere eigenen Mittel liefern, wie es unsere Partner Großbritannien, Frankreich und andere Länder getan haben. Wir meinen, dass das zu diesem Zeitpunkt sinnvoll ist. Wir meinen, dass das in dieser Phase des Konflikts eine gute Möglichkeit ist.“

Russland hat wiederholt erklärt, dass die Lieferung von ATACMS an die Ukraine die Bemühungen der USA zeige, den Konflikt zu eskalieren. Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, hat wiederholt betont, dass die Anschuldigungen der westlichen Staaten über eine illegale militär-technische Zusammenarbeit zwischen Russland und Nordkorea leere Worte und unbelegt seien. Zuvor hatte der russische Außenminister Sergej Lawrow die Vorwürfe Washingtons, Pjöngjang leiste militärische Hilfe für Moskau, als Gerüchte bezeichnet.

Geheimhaltung auf Wunsch Kiews

Die amerikanische Regierung hat über die Lieferung der ATACMS-Raketen in die Ukraine auf Bitten Kiews nicht berichtet, antwortete das Pentagon als Reaktion auf eine Bitte der TASS um Stellungnahme zu Informationen die Lieferung der Raketen:

„Dass wir der Ukraine diesen neuen Waffentyp geliefert haben, haben wir damals auf Wunsch der Ukraine nicht mitgeteilt, um die operative Sicherheit der Ukraine zu gewährleisten.“

Alle Fragen über den möglichen Einsatz der ATACMS verwies das Pentagon an die Ukrainer, weil sie – nach dessen Worten – „selbst für ihre Militäreinsätze verantwortlich sein müssen“.

ATACMS wurden schon gegen die Krim eingesetzt

Die ukrainischen Streitkräfte haben die von den USA gelieferten ATCMS in letzter Zeit bereits zweimal eingesetzt, berichtet Politico unter Berufung auf einen hochrangigen US-Regierungsbeamten. Einmal seien sie für einen Angriff auf ein militärisches Objekt auf der Krim und das zweite Mal zum Angriff auf russische Streitkräfte in der Nähe von Berdjansk eingesetzt worden.

Die Quelle teilte Politico außerdem mit, dass die Boden-Regierung zusätzliche ATACMS in das neue Hilfspaket in Höhe von einer Milliarde US-Dollar für Kiew aufnehmen werde, das am Mittwoch genehmigt wurde.

Damit stehen die Zeichen nun wieder deutlich auf Eskalation.