Leserfragen: Deutsche Medien melden den „Corona-Horror“ in Russland, was ist da dran?
Ich werde gerade mit Emails bombardiert, in denen es um Artikel deutscher Medien geht, die über eine Überlastung des russischen Gesundheitssystems durch Corona berichten. Daher werde ich dazu schreiben, was mir darüber bekannt ist. Es begann vor einigen Tagen damit, dass mir Leser den Link zu einem Artikel aus der FAZ geschickt haben, der unter […]
Ich werde gerade mit Emails bombardiert, in denen es um Artikel deutscher Medien geht, die über eine Überlastung des russischen Gesundheitssystems durch Corona berichten. Daher werde ich dazu schreiben, was mir darüber bekannt ist.
Es begann vor einigen Tagen damit, dass mir Leser den Link zu einem Artikel aus der FAZ geschickt haben, der unter der Überschrift „CORONA IN RUSSLAND: – „Schickt Ärzte, bevor das Volk auf den Straßen stirbt““ über unglaubliche Zustände in den Krankenhäusern einiger russischer Regionen in Sibirien berichtet:
„Besonders dramatische Meldungen und Bilder kommen derzeit aus Sibirien. Auf Videoaufnahmen aus einem Krankenhaus in Tomsk sieht man, wie sich ältere Patienten auf Krankenliegen im Flur strecken oder auf Stühlen sitzen. Betten seien nicht frei, Kranke würden auf Stühle gesetzt und davon seien noch zwei frei, sagt die Filmerin dazu. Tomsker Ärzte sprachen mit Blick auf den Bettenmangel von einer „sitzenden Hospitalisierung“. Die Behörden teilten mit, die „Ansammlung von Menschen im Flur“ habe es nur am vergangenen Wochenende gegeben; alle seien versorgt worden und jetzt gebe es mehr Betten. Doch aus Tomsk wird auch von langen Wartezeiten auf Krankenwagen berichtet, von einem „Kollaps des Apothekensystems“ und fehlenden Medikamenten.“
Dazu kann ich wenig aus erster Hand sagen, denn ich lebe weit entfernt von den genannten Regionen. Da die deutschen Medien aber die Lage in Russland sehr gerne dramatisieren, gehe ich davon aus, dass das auch hier eine Rolle spielt. Ein paar Hinweise darauf finden sich in dem Artikel:
„Aus mindestens fünf Städten wurde von überfüllten Leichenhallen berichtet. Aus Barnaul in der Altaj-Region an der Grenze zu Kasachstan und aus Nowokusnezk im benachbarten Gebiet Kemerowo kamen Videos von Leichnamen in dunklen Plastiksäcken, die notdürftig in Kellern gelagert wurden, auf Liegen, in Regalen, auf dem Boden.“
Davon habe ich auch gehört und das Video aus Kemerowo habe ich auch gesehen. Allerdings verschweigt die FAZ zwei Dinge, nämlich erstens den Grund für die Überlastung der Leichenhallen und zweitens, dass das ein kurzzeitiges Problem war. Der Grund ist, dass in Russland jeder Tote, bei dem Corona-Verdacht besteht, obduziert wird. Das nimmt Zeit in Anspruch und da die Zahl der Infizierten in Russland immer neue Rekorde bricht, kommen natürlich auch Corona-positiv getestete Tote in die Leichenhallen. Und das hat in Kemerowo zu einem Rückstau bei den Obduktionen geführt.
Die Folge dieser obligatorischen Obduktionen ist, dass Russland sehr genaue Zahlen zu den Corona-Toten hat und – im Gegensatz zur deutschen Statistik – streng zwischen „an Corona gestorben“ und „mit Corona gestorben“ trennt. Daher hat Russland im Vergleich auch sehr viel weniger Corona-Tote, denn wer mit Corona zum Beispiel an Krebs gestorben ist, kommt nicht in die Corona-Statistik. Das ist in Deutschland und den westlichen Ländern anders, wie ich hier mit allen Quellen zu Gesundheitsämtern etc. aufgezeigt habe.
Die FAZ verschweigt das aber und schreibt zu den russischen Zahlen stattdessen:
„Insgesamt verzeichnet Russland mittlerweile mehr als 1,6 Millionen Fälle, davon sind mehr als 393.000 „aktiv“, die Patienten also noch nicht genesen. Diese Zahlen werden von vielen als zu niedrig angesehen, so wie auch die offiziellen Totenzahlen. Offiziell sind bisher in Russland 28.828 Menschen in Russland „an Covid-19“ gestorben. Das ergibt die im internationalen Vergleich extrem niedrige Sterblichkeit von 1,7 Prozent für Russlands Corona-Fälle.“
Ohne es explizit zu behaupten, wird – so wie ich diesen Absatz lese – der Eindruck erweckt, Russland würde die Zahlen manipulieren. Allerdings gibt es darauf in meinen Augen keinen Hinweis, denn zum Beispiel auch das amerikanische Gesundheitsamt CDC hat gemeldet, dass nur ca. fünf Prozent der offiziellen Corona-Toten in den USA tatsächlich an Corona gestorben sind. Der Rest ist mit Corona gestorben.
Besonders offensichtlich wird mein Verdacht der Übertreibung bestätigt, wenn man das liest:
„In Tomsks Nachbarregion Krasnojarsk gibt die regionale Regierung an, jeder fünfte Mediziner sei derzeit an Covid-19 erkrankt, das Gesundheitssystem „an der Grenze seiner Möglichkeiten“. Schon in der vergangenen Woche berichteten Ärzte aus den westsibirischen Gebieten Omsk und Kurgan von Schwierigkeiten.“
Das klingt im Gesamtzusammenhang des Artikels sehr dramatisch, dabei ist das etwas, das in allen Ländern – inklusive Deutschland – ein Problem ist: Natürlich sind besonders viele Mediziner mit Corona infiziert, weil sie ständig mit Corona-Patienten zu tun haben. Auch in Deutschland wird immer wieder berichtet, dass viele Ärzte und Pflegekräfte infiziert sind, deshalb nicht arbeiten können und dass daher die Kapizitäten der Krankenhäuser sinken. Allerdings klingen die Beschreibungen aus Deutschland in den Medien nicht so apokalyptisch, wie die Medienberichte über Russland.
Und wenn man sich die Lage in Belgien anschaut, wo inzwischen auch infiziertes medizinisches Personal weiterarbeiten muss, um einen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern, wie die Ärztezeitung gemeldet hat, dann scheint die Lage in Russland im Vergleich nicht dramatischer zu sein, als anderswo.
Was ich selbst in Russland erlebe
Ich lebe in Petersburg und natürlich ist die medizinische Versorgung hier in der Sechs-Millionenstadt ungleich besser, als in den entlegenen Provinzen Russlands. Aber aus dem Bekanntenkreis höre ich nichts von überfüllten Krankenhäusern oder ähnlichem.
Allerdings gibt es in Russland viele Infizierte und in meinem engen Bekanntenkreis sind derzeit fünf Menschen nicht nur infiziert, sondern an Corona erkrankt. Sie alle sind zu Hause, niemand ist im Krankenhaus und die Symptome reichen vom Verlust des Geruchssinns bis hin zu Lungenentzündungen, die aber nicht so dramatisch sind, dass sie einen Krankenhausaufenthalt nötig machen.
In Russland kann man bei Corona-Verdacht eine Hotline anrufen und es wird einem ein Test nach Hause gebracht, man muss also selbst nicht ins Krankenhaus fahren. Die Ärzte – das habe ich von Freunden gehört – sind aber offensichtlich gestresst und ziemlich ungehalten, wenn sie zu jemandem nach Hause gerufen werden, der „nur“ hohes Fieber hat. Die Notarztwagen sind offensichtlich im Dauereinsatz, auch weil viele bei Fieber einen Notarzt rufen, den sie ohne Corona nicht gerufen hätten. In normalen Zeiten hätten sie ihr Fieber einfach selbst zu Hause auskuriert, aber auch in Russland geht die Corona-Angst um, vor allem, wenn man plötzlich Fieber bekommt.
Fazit
Ich kann also zum Wahrheitsgehalt des FAZ-Artikels wenig sagen, weil ich nicht in Sibirien bin. Auch der Stern ist neun Tage später auf den Zug aufgesprungen und hat am 12. November einen ganz ähnlichen Artikel veröffentlicht, der aber letztlich das gleiche berichtet, wie die FAZ.
Ich will nicht ausschließen, dass die Lage in einigen fernen Regionen Russlands, wo das Gesundheitssystem noch sehr zu wünschen übrig lässt, schwierig ist. Aber unabhängige Bestätigungen dafür habe ich nicht. Die Videos, auf die sich die Medien berufen, sind aus sozialen Netzwerken und wir wissen alle, dass nicht alles, was da veröffentlicht wird, auch der Wahrheit entsprechen muss.
Auf jeden Fall hat Putin angekündigt, dass es keinen landesweiten Lockdwon geben werde, dass aber regional begrenzte Maßnahmen und Einschränkungen möglich sind, wenn das Gesundheitssystem in bestimmten Regionen an seine Grenzen stoßen sollte. Russland orientiert sich – anders als westliche Staaten – bei den Corona-Maßnahmen nicht an der Zahl der Infizierten, sondern an der Belegung der Krankenhäuser.
Hier in Petersburg gelten derzeit keine sehr strengen Einschränkungen. Es gilt in Ämtern, Supermärkten und im ÖPNV eine Maskenpflicht, die auch weitgehend befolgt wird. Bars und Restaurants müssen zwischen 23.00 und 6.00 Uhr schießen und natürlich gibt es keine Großveranstaltungen, das waren aber auch schon alle Einschränkungen, die hier bisher verhängt wurden. Ansonsten sind alle Geschäfte und Restaurants geöffnet und es gibt auch keine Maskenpflicht auf der Straße und keine Beschränkungen, mit wie vielen Menschen aus wie vielen Haushalten man sich treffen darf.
Russland ist groß und es ist nicht ausgeschlossen, dass es in der einen oder anderen Region Schwierigkeiten gibt und es ist bekannt, dass die westlichen Medien gerne Horrorgeschichten aus einer russischen Region so erzählen, dass es klingt, als ginge in ganz Russland die Welt unter. Letztlich muss man auch diese Artikel in dem Licht sehen, denn sie berichten nur über wenige Gebiete, in denen es angeblich ganz schlimm sein soll.
Aber die Überschriften erwecken den Eindruck, in Russland gehe die Welt unter, wenn der Stern zum Beispiel titelt „KATASTROPHALE ZUSTÄNDE – Keller voller Leichen, Kliniken kurz vorm Kollaps, verzweifelte Ärzte – der Corona-Horror in Russland“
Dass es in ganz Russland so schlimm ist, kann ich nicht bestätigen und auch FAZ und Stern behaupten das nicht, denn sie berichten über ausgewählte Regionen, aber es klingt für den deutschen Leser, der sich in Russland nicht auskennt, so, als gehe die Welt in ganz Russland unter.
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