Bekanntlich hat die Heizsaison in Deutschland und der EU mit einem rekordverdächtig niedrigen Füllstand der Gasspeicher begonnen. Aber das ist nicht das einzige Problem, denn auch bei Öl und Treibstoffen wie Benzin und vor allem Diesel hat die EU das Problem sinkender Speicherstände.

Wer meint, die aktuellen Benzin- und Dieselpreise in der EU seien schon hoch, der hat nicht verstanden, was demnächst noch passieren kann. Bekanntlich haben der Krieg gegen den Iran, die Sperrung der Straße von Hormus und der ukrainische Beschuss russischer Raffinerien dafür gesorgt, dass Öl und Erdölprodukte wie Benzin oder Diesel weltweit knapp und daher teurer geworden sind.

Allerdings wären die Preise noch weitaus höher, wenn die Staaten der Welt nicht dazu übergegangen wären, gigantische Reserven freizugeben, um die Versorgung zu sichern und noch höhere Preise, die der Wirtschaft sehr schaden würden, zu verhindern. Das Problem ist, dass die Reserven nicht unendlich sind. Sollte der Irankrieg weitergehen und sollte die Ukraine weiterhin russische Raffinerien angreifen, könnten die Reserven irgendwann an ihre Grenzen kommen.

In der TASS ist dazu ein Artikel erschienen, den ich übersetzt habe, weil gerade für Menschen in Deutschland und Europa interessant ist.

Beginn der Übersetzung:

Illusionen um das Kapitol und leere Tanks in der EU: Wer diktiert die Preise für Öl und Diesel?

Igor Juschkow, Experte an der Finanzuniversität und der Stiftung für nationale Energiesicherheit, darüber, wie angesichts der Panik der Märkte wegen der US-Kongresswahlen und des seit 35 Jahren kritischsten Kraftstoffmangels der Pragmatismus arbeitet.

Die Öl- und Kraftstoffmärkte sind erneut in Bewegung geraten. Hauptauslöser waren diesmal die Ergebnisse der Zwischenwahlen zum US-Kongress. Dass das Kapitol faktisch unter die Kontrolle der Demokratischen Partei gerät, führte beispielsweise zu einem starken Rückgang der Ölpreise. Doch während die amerikanischen Eliten mit der Verteilung der Sitze im Repräsentantenhaus und im Senat beschäftigt sind und die Börsen auf aktuelle Nachrichten reagieren, bleibt ein bemerkenswertes Paradoxon der gegenwärtigen Situation im Hintergrund. Die EU verhängt weiterhin hartnäckig Sanktionen gegen russische Erdölprodukte – und das zu einer Zeit, in der die weltweiten Dieselvorräte auf einen kritischen Tiefstand gefallen sind, wie man ihn seit 35 Jahren nicht mehr gesehen hat, und das Energiesystem ausschließlich durch den Rückgriff auf Reserven funktioniert.

Börsenillusionen

Die Reaktion der Börsen auf die US-Wahlen fiel wie folgt aus: Von einem Niveau von über 110 US-Dollar pro Barrel Öl fielen die Notierungen in den Bereich von 95 US-Dollar, erholten sich jedoch bis zum Ende des 5. November wieder auf 98 US-Dollar. Dass sich am physischen Markt faktisch nichts geändert hat, die Preise sich aber dennoch deutlich bewegten, erklärt sich durch die Psychologie der Händler, die versuchen, künftige Entwicklungen vorwegzunehmen.

Zuvor hatte die Erwartung eines erneuten militärischen Konflikts im Nahen Osten die Ölpreise in die Höhe getrieben. Es wurde angenommen, dass US-Präsident Donald Trump Angriffe auf den Iran nur deshalb zurückhielt, weil er einen noch stärkeren Anstieg der Ölpreise – und damit auch der Kraftstoffpreise auf dem Binnenmarkt – befürchtete, eine Entwicklung, die der Republikanischen Partei zweifellos geschadet hätte. Marktteilnehmer gingen davon aus, dass das Weiße Haus unmittelbar nach dem 3. November keine Rücksicht mehr darauf nehmen und der Konflikt wieder in eine heiße Phase eintreten würde. Gestützt wurde diese Einschätzung durch das Ergebnis der Wahlen in Israel vom 27. Oktober, wo die regierende Likud-Partei von Benjamin Netanjahu keine Mehrheit bilden konnte und ein erneuter Krieg mit Teheran einen willkommenen Vorwand geliefert hätte, um den Posten des Premierministers zu behalten.

Angesichts der Ergebnisse in den USA begann der Markt unmittelbar nach den Kongresswahlen, das gegenteilige Szenario einzupreisen, eine Deeskalation. Trump räumte ein, dass die Republikaner wegen der Blockade der Straße von Hormus, die „kurzfristig zu einem leichten Anstieg der Benzinpreise“ geführt habe, einen Teil ihrer Sitze verloren hätten. Spekulanten meinten, dass das Weiße Haus nun Zugeständnisse an den Iran machen würde, um den Konflikt zu beenden und die Straße von Hormus schnellstmöglich wieder zu öffnen, damit Öl und Erdölprodukte aus dem Nahen Osten den Persischen Golf verlassen und den Weltmarkt versorgen könnten. Eine weitere Variante dieses Deeskalationsszenarios basierte auf der Annahme, dass ein nun demokratisch dominierter Kongress Trump schlicht die Finanzierung für einen militärischen Feldzug verweigern und ihn so zwingen würde, den Konflikt zu beenden. In der Erwartung, dass die Straße von Hormus in Kürze wieder geöffnet werden würde, begannen die Händler jedenfalls, ihre Futures zu verkaufen, was den Preis vorübergehend sinken ließ.

Die Realität von Hormus

Aber die Illusionen haben sich schnell verflüchtigt. Es folgte die Erkenntnis, dass die Straße von Hormus noch sehr lange geschlossen bleiben könnte. Die US-Flotte verharrt weiterhin im Golf von Oman und blockiert den Export iranischen Öls, während Teheran Tanker anderer Länder an der Durchfahrt hindert. Dieser Status quo ist unabhängig davon, welche Partei den US-Kongress kontrolliert.

Vor diesem Hintergrund erscheint das europäische Embargo gegen Russland als der Gipfel wirtschaftlicher Absurdität. Während Brüssel versucht, die eigene Wirtschaft durch anti-russische Sanktionen abzuwürgen, bleibt der weltweite Mangel an Erdöl und fertigen Erdölprodukten bestehen. Seit Ende Februar 2026 lebt die Welt „auf Pump“. Auf der internationalen Konferenz ADIPEC 2026 erklärte Sultan bin Ahmed Al Jaber, Chef der Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC), am 2. November unmissverständlich, dass die Weltmärkte infolge der Nahostkrise mit einem drastischen Rückgang der Dieselvorräte konfrontiert seien, die auf den niedrigsten Stand der letzten 35 Jahre gefallen seien. Zudem wies er darauf hin, dass bereits rund eine Milliarde Barrel Öl aus den Reserven entnommen wurden, eine gewaltige Menge.

Die im März von den Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA) beschlossene Freigabe von 411,9 Millionen Barrel aus strategischen Reserven hat nur einen Teil dieses Volumens abgedeckt, der Rest wurde aus kommerziellen Speichern sowie aus den Beständen von Ländern entnommen, die der IEA nicht angehören. Die stetige Erschöpfung der Reserven wird die Preise auch dann auf einem hohen Niveau halten, wenn die Straße von Hormus hypothetisch wieder geöffnet würde, und sei es schon morgen. Denn künftig muss Öl nicht nur für den laufenden Verbrauch beschafft werden, sondern auch, um die strategischen Reserven wieder aufzufüllen, zu erweitern oder überhaupt erst neu aufzubauen. Das gilt insbesondere für Europa.

Pragmatisches Kalkül

Während Europa bewusst Schritte unternimmt, die einem Selbstmord gleichkommen, verdient Russland weiterhin Geld. Nach Angaben des russischen Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung lag der Durchschnittspreis für die Sorte „Urals“ im September 2026 bei 92,08 US-Dollar und im Oktober bei 101,46 US-Dollar pro Barrel. Das Fehlen der Konkurrenz aus dem Nahen Osten sichert eine beständige Nachfrage nach Öl und Gas aus anderen Ländern, darunter auch aus Russland.

Insbesondere unser Diesel, dessen Export Mitte Oktober wieder aufgenommen wurde, findet problemlos Käufer, ungeachtet der politischen Turbulenzen in Washington oder der EU. Die Versuche westlicher Medien, darunter die „Financial Times“, von einem „Scheitern des Deals“ zu sprechen, weil Tanker mit russischem Kraftstoff, die zuvor im Rahmen der Vereinbarung zwischen den Präsidenten Wladimir Putin und Donald Trump losgeschickt worden waren, angeblich den Kurs geändert haben, wurden widerlegt.

Manöver von Schiffen auf See sind kein politischer Affront, sondern ein alltäglicher Vorgang. Während ein Schiff unterwegs ist, können Ladung und Bestimmungsort je nach Marktlage mehrfach den Eigentümer beziehungsweise das Ziel wechseln. Die Lieferungen von russischem Diesel waren als Beleg für Trumps Bestreben, die Kraftstoffpreise für amerikanische Verbraucher zu senken, für den US-Markt bestimmt. Da die Kongresswahlen nun vorüber sind, könnten die Kraftstoffmengen tatsächlich auf Märkte umgeleitet werden, die bereit sind, einen höheren Preis zu zahlen. Für Russland käme ein solcher Schritt lediglich einer Rückkehr zu den traditionellen Absatzmärkten gleich: Zu den wichtigsten Abnehmern zählten die Türkei, Brasilien sowie Länder in Nordafrika und Asien.

Auch für Washington ist das vorteilhaft: Für den amerikanischen Markt ist es lebenswichtig, dass Russland als größter Lieferant das globale System versorgt, da sich die Binnenpreise in den USA auf der Grundlage globaler Notierungen bilden.

Sollte es also erneut zu einer politischen Kehrtwende kommen, würde die russische Seite nichts verlieren, denn die Märkte des globalen Südens bieten durchaus wettbewerbsfähige Preise. Übrigens räumte NATO-Generalsekretär Mark Rutte erst heute im niederländischen Fernsehsender NPO 1 ein: „Wegen dieses Diesel-Deals ist in Europa echte Panik ausgebrochen. Ich verstehe das. Ich war selbst ein wenig überrascht.“

Während Rutte versucht, die Wogen zu glätten, hat der Diesel-Deal seine politische Aufgabe bereits erfüllt: Er ermöglichte nicht nur einen direkten Dialog zwischen Moskau und Washington, sondern legte auch die Differenzen zwischen der US-Regierung einerseits und Brüssel sowie Kiew andererseits offen – und ließ die störrische EU mit ihren leeren Speichern allein zurück.

Ende der Übersetzung