Vor zwei Tagen habe ich den Artikel des Wall Street Journal übersetzt, in dem berichtet wurde, die US-Regierung wolle darauf hinwirken, dass die EU wieder russisches Gas über die ukrainische Pipeline importiert. Das russische Gas könne die Energiekrise mildern, die der EU diesen Winter droht, die Gaslieferungen könnten Teil des „Energiewaffenstillstandes“ sein, den die USA zwischen Russland und der Ukraine vermitteln wollen, und die Ukraine könne an den Transitgebühren für die Durchleitung des Gases Milliarden verdienen, die das bankrotte Land dringend braucht.

Das klingt alles ganz toll, aber natürlich schlagen die USA das nicht aus Selbstlosigkeit oder Menschenliebe vor, sondern mit einem klaren Kalkül. Da die EU den Import von russischem Gas verbieten will, soll ein amerikanisches Unternehmen zwischengeschaltet werden, damit die EU nicht gegen ihre eigenen Sanktionen verstößt, denn durch einen zwischengeschalteten amerikanischen Verkäufer wäre das Gas auf dem Papier nicht mehr russisches Gas, sondern würde zu amerikanischem Gas. Dieser amerikanische Verkäufer würde dazu quasi nebenbei die ukrainische Pipeline übernehmen.

Damit wird klar, was die eigentliche Motivation der USA ist: Mit diesem Trick würden die USA, die bereits der größte Energielieferant der EU sind, ihre Kontrolle über den europäischen Energiemarkt weiter ausbauen, weil dann de facto die USA entscheiden würden, ob und wie viel russisches Gas künftig durch die ukrainische Pipeline gepumpt wird, und zu welchem Preis. Einen ähnlichen Vorschlag gab es, wir erinnern uns, vor einigen Jahren auch schon für die verbliebene Röhre von Nord Stream 2.

Die USA könnten die Preise für das billigere russische Gas durch überhöhte Durchleitungsgebühren, die ebenfalls die USA kassieren würden, künstlich so weit erhöhen, dass es seinen großen Preisvorteil gegenüber dem amerikanischen Frackinggas verliert. Damit würden die USA sich dauerhaft die Kontrolle über den europäischen Energiemarkt sichern.

Aber solche Dinge erklärt Spiegel nicht, es wird dort nur nebenbei erwähnt, sodass kaum ein Leser es verstehen dürfte. Es geht um den Artikel, den der Spiegel unter der Überschrift „Pipelinedeal – Die USA drängen Europa, wieder russisches Gas zu beziehen. Aber würde sich das überhaupt lohnen?“ darüber veröffentlich hat. Schon die Einleitung lässt staunen:

„Es klingt nach einem Trump-Deal: Wenn wieder Pipelinegas aus Russland durch die Ukraine strömt, soll Energie endlich günstiger werden. Doch Experten warnen: Der Plan sei nicht nur politisch »verheerend«, sondern auch ökonomisch fragwürdig.“

Schauen wir uns also einmal an, was für „Experten“ der Spiegel gefunden hat, die uns erklären, warum es in Zeiten der akuten Gaskrise, die die EU im Winter erwartet, „ökonomisch fragwürdig“ sein soll, mehr Gas zu importieren. Und das wird wirklich lustig!

Die drei Fragen

Zunächst berichtet der Spiegel über die Idee der US-Regierung, wieder russisches Gas über die Ukraine in die EU zu importieren, dann schreibt der Spiegel:

„Doch der Vorschlag der US-Gesandten Jared Kushner und Steve Witkoff wirft viele Fragen auf: Wären neue Lieferverträge für russisches Gas überhaupt legal? Wären sie politisch klug? Und würde Energie hierzulande wirklich billiger, wenn Europa wieder mehr Pipelinegas aus Russland importieren würde? Fachleute sehen all diese Aspekte kritisch.“

Schauen wir uns also an, was für „Fachleute“ der Spiegel gefragt hat, und was sie zu sagen haben.

Die Rechtslage

Über die Rechtslage berichtet der Spiegel sehr ausführlich und vollkommen korrekt. Man könnte das auch viel kürzer machen, denn die Rechtslage ist denkbar einfach: Gaseinfuhren aus Russland in die EU wurden von der EU verboten, was für russisches LNG bereits ab Januar 2027 und ab November 2027 für jede Art von russischem Gas gilt. Neue Gaslieferverträge mit Russland abzuschließen, ist bereits verboten.

Der Spiegel berichtet auch vollkommen korrekt, das die USA „das beschlossene Verbot“ umgehen wollen, „indem Russland das zusätzliche Pipelinegas über einen US-Zwischenhändler nach Europa verkaufen soll“. Hier lässt der Spiegel seinen ersten Experten zu Wort kommen, der sogar sehr kurz andeutet, worum es den USA tatsächlich geht:

„Der Energieexperte Georg Zachmann von der Denkfabrik Bruegel bezeichnet eine solche US-russische Pipeline als »das denkbar ungünstigste Szenario, da sie den USA eine noch höhere Dominanz über die europäische Gasversorgung verschaffen würde«. Europas Energiesicherheit wäre dann »dem volatilen bilateralen Verhältnis zwischen Washington und Moskau ausgeliefert«, warnt Zachmann.“

Das stimmt alles, wie ich eingangs ausführlich erklärt habe. Der Spiegel – und natürlich auch sein Experte – vergessen bei all dem jedoch eine entscheidende Kleinigkeit: Genauso, wie die EU den Import von russischem Gas verboten hat, könnte sie ihn morgen wieder erlauben, und das würde zweierlei bedeuten: Erstens eine Senkung der Abhängigkeit von den USA im Bereich Energie, also die viel beschworene „Diversifizierung“, und zweitens billige Gaspreise, weil das russische Gas kaum ein Viertel von dem kostet, was man in der EU derzeit für Gas bezahlen muss.

Aber das müssen Spiegel-Leser ja nicht wissen, schließlich will der Spiegel ihnen ja erklären, warum russisches Gas nicht nur böse, sondern angeblich auch nicht billiger ist als das überteuerte US-Gas.

Die politische Dimension

Um russisches Gas als böse hinzustellen, darf im Spiegel-Artikel nicht der Hinweis darauf fehlen, dass auch die AfD, das erklärte Feindbild eines jeden Spiegel-Lesers, für die Wiederaufnahme der russischen Gasimporte ist. Schließlich weiß jeder Spiegel-Leser eines ganz genau: Wenn die AfD etwas befürwortet, dann ist das schlecht und muss schon aus Prinzip abgelehnt werden.

Außerdem schreibt der Spiegel:

„Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hält bisher an der Linie fest. »Russland ist kein zuverlässiger Energielieferant«, sagte von der Leyen kürzlich im Europaparlament in Straßburg. Immer wieder habe Moskau Abhängigkeiten als Waffe eingesetzt, um andere zu erpressen. »Das ist eine Lektion, die Europa sicher nicht vergessen wird.« Man werde den Anteil russischen Gases »bis Ende nächsten Jahres auf null reduzieren«, so die Kommissionspräsidentin.“

Die vielleicht oberste Regel der Propaganda lautet laut Goebbels angeblich, dass man eine Lüge nur oft genug wiederholen muss, dann glaubt jeder irgendwann, sie sei die Wahrheit. Die Legende, Russland sei ein unzuverlässiger Energielieferant, der Abhängigkeiten als Waffe eingesetzt habe, um andere zu erpressen, ist so eine Lüge, schließlich gibt es dafür nicht ein einziges Beispiel. Russland war fast 50 Jahre lang ein zuverlässiger Lieferant für alle in Europa, die ihre Rechnungen bezahlt haben. Diese Einschränkung ist wichtig, denn es gab vor 15 Jahren einige Probleme, als die Ukraine ihre Gasrechnung über ein halbes Jahr nicht bezahlt hat und Russland daraufhin den Gashahn abgedreht hat. Die Details dazu finden Sie hier.

Die „Experten“ des Spiegel

Außerdem zitiert der Spiegel dann noch den Ökonom André Wolf und den Umweltrechtler Götz Reichert vom Centrum für Europäische Politik (CEP), die warnen, Gespräche mit Russland über Energielieferungen seien „komplexe und hochriskante politische Verhandlungen“ und das politische Signal wäre „verheerend“.

Außerdem hat der Spiegel noch den schon genannten Experten Georg Zachmann zitiert, der ebenfalls aus politischen Gründen gegen russische Energieimporte ist.

Das ist kein Wunder, schließlich ist er regierungsnah, denn er hat früher im Bundesfinanzministerium gearbeitet und ist derzeit neben seinem Hauptberuf in einigen NGOs tätig, die fast alle engste Verbindungen zur Ukraine haben: Er ist wissenschaftlicher Leite des GreenDealUkraina Projekts beim Helmholtz Zentrum, wofür er nach eigenen Angaben “beträchtlich bezahlt” („significantly paid“) wird, und er ist Aufsichtsrat bei der DiXi Group, einem ukrainischen Thinktank mit Sitz in Kiew, der sich seit seiner Gründung unter anderem mit dem Thema Sicherheit beschäftigt.

Und auch das Centrum für Europäische Politik, von dem die anderen beiden Experten kommen, die der Spiegel in diesem Artikel zitiert, ist keine neutrale Organisation. Auch das CEP ist regierungsnah, denn es ist eine Tochter-Stiftung der Stiftung Ordnungspolitik, die Vorträge und Diskussionsrunden mit Leuten wie Angela Merkel, Axel A. Weber, Jens Weidmann, Sabine Lautenschläger, Wolfgang Schäuble, Günther Oettinger und Cem Özdemir organisiert.

Damit zitiert der Spiegel drei Experten, die alle von explizit anti-russischen und pro-ukrainischen Organisationen bezahlt werden. Das kann man machen, nur sollte man seine Leser darüber zumindest informieren, dass alle zitierten Experten ausgewiesene Ukraine-Unterstützer sind.

Nun zum Thema Wirtschaft

Und diese Experten erklären dem Spiegel-Leser nun, warum die Rückkehr zu russischem Gas angeblich nicht zu niedrigeren Gas- und Energiepreisen führt:

„Reichert und Wolf glauben nicht, dass Europa mit einem Comeback russischer Pipelinelieferungen in eine ähnliche, vermeintlich komfortable Versorgungslage wie vor Beginn des Ukrainekriegs zurückkehren würde. Da die Förderkapazitäten zunehmend erschöpft seien, müsste Russland massiv in die Erschließung neuer Gasfelder in der Arktis investieren, was hohe Förder- und Transportkosten mit sich brächte. »Russisches Erdgas, das zu Marktpreisen verkauft wird, wird daher in Zukunft nicht unbedingt billiger sein als über den Ozean transportiertes LNG«, erwarten die Experten.“

Das dürfen diese Experten gerne erwarten, nur bleibt es trotzdem Unsinn. Selbst in der Arktis ist die klassische Gasförderung immer noch billiger als das amerikanische Fracking. Und der Gastransport über Pipelines ist immer billiger als der Transport von Flüssiggas über die Weltmeere. Es gibt kein Szenario, in dem russisches Gas auch nur annähernd so teuer wäre, wie amerikanisches Gas – es sei denn, man erhöht den Transitpreis künstlich (beispielsweise über Zwischenhändler, wie es die USA vorschlagen). Dazu schreibt der Spiegel:

„Auch Bruegel-Experte Zachmann prognostiziert, dass »keine Preisvorteile zu erwarten« wären, gerade wenn die USA der Zwischenhändler für Pipelinegas aus Russland würden. Die USA würden das Preisniveau hoch halten, »um ihr profitables Geschäft mit LNG nicht zu kannibalisieren«, unkt Zachmann.“

Hier sei daran erinnert, dass die EU das Importverbot von russischem Gas ja aufheben könnte, dann bräuchte es keine Zwischenhändler aus den USA. Aber auf die Idee kommt keiner der Spiegel-„Experten“.

Als Fazit kann man festhalten, dass dieser Artikel in meiner persönlichen Hitparade der dümmsten Machwerke des Spiegel auf einem der oberen Plätze landet.