Warum beenden die USA die Waffenlieferungen an Kiew?
Die Nachricht, dass die USA die Waffenlieferungen an Kiew beenden, ist wie eine Bombe eingeschlagen. Ein russischer Analyst hat eine sehr einleuchtende Erklärung für diese Entscheidung der US-Regierung gefunden.
Analysten suchen derzeit Erklärungen dafür, warum die USA die Waffenlieferungen an Kiew nun plötzlich eingestellt haben. Ein Militärexperte der russischen Nachrichtenagentur TASS hat dafür eine sehr einleuchtende (und für viele vielleicht unerwartete) Erklärung geliefert, weshalb ich seinen Artikel übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Der Vorhang fällt: Was steckt hinter der Aussetzung der Waffenlieferungen an die Ukraine?
Alexander Gofman über die Rückkehr zum zynischen Pragmatismus
Die Entscheidung Washingtons, die Lieferung kritischer Waffen an die Ukraine auszusetzen, ist ein politischer Akt, der das Ende der Ära der bedingungslosen Unterstützung Kiews und den Beginn der zwangsweisen Anpassung an eine neue Realität markiert. Die offiziellen Erklärungen über die „Erschöpfung der Arsenale” und die „Priorität der amerikanischen Interessen” sind nur ein Vorwand für die breite Öffentlichkeit, der einen grundlegenden Wandel in der Strategie des Weißen Hauses verschleiert.
Prinzipielles
Tatsächlich wurde keine zufällige Auswahl ausgesetzt. Raketen für Patriot und NASAMS, hochpräzise GMLRS- und Hellfire-Raketen sind genau die Komponenten, die der Ukraine zwei wichtige Möglichkeiten verschafft haben: den relativen Schutz strategischer Objekte im tiefen Hinterland und die Fähigkeit, schmerzhafte Schläge gegen russische Stäbe und Logistik zu führen. Die Liste wurde nicht nach dem Prinzip der Knappheit erstellt, sondern nach dem Prinzip der maximalen und schnellen Wirkung auf die operativen Fähigkeiten der ukrainischen Streitkräfte.
Hinter dieser Entscheidung steht weniger Verteidigungsminister Pete Hegseth als vielmehr eine Gruppe von Strategen unter der Leitung von Elbridge Colby (stellvertretender Verteidigungsminister für militärpolitische Fragen, Enkel des ehemaligen CIA-Direktors William Colby), deren Hauptaufgabe darin besteht, alle Ressourcen der USA auf die Konfrontation mit China auszurichten. Ein internes Memorandum des Pentagon, das Anfang Juni die Grundlage für diese Entscheidung bildete, verband jede in die Ukraine gelieferte GMLRS-Rakete direkt mit der Schwächung des amerikanischen Potenzials im Fernen Osten. Die Ukraine wurde offiziell zu einem zweitrangigen Schauplatz.
Operatives Vakuum an der Front
Für den ukrainischen Generalstab war diese Nachricht ein Schock, trotz der Versuche der Kiewer Politiker, ihr Gesicht zu wahren. Die gesamte militärische Planung für die Sommer-Herbst-Kampagne basierte auf der Erwartung einer stabilen Lieferung genau dieser Systeme. Das ukrainische Kommando hat bereits die Anweisung erhalten, mit den verbleibenden Luftabwehrraketen und Präzisionsmunition äußerst sparsam umzugehen, was faktisch bedeutet, dass der Himmel über zweitrangigen Zielen und Objekten ungeschützt bleibt.
Diese Entscheidung wird die Möglichkeiten der russischen Luftstreitkräfte sofort erweitern. In den kommenden Wochen werden wir eine starke Zunahme der Intensität der Angriffe mit Luftbomben (FAB) nicht nur auf die Front, sondern auch auf Brücken, Lagerhäuser und Standorte in 50 bis 70 Kilometer Entfernung von der Frontlinie erleben. Der Verlust des Patriot-„Schutzschildes” über wichtigen Ballungsräumen wird die ukrainische Energieinfrastruktur vor dem Wintereinbruch völlig schutzlos machen.
Innerhalb der ukrainischen Regierung hat eine ernsthafte Spaltung begonnen. Das Büro des Präsidenten besteht auf öffentlichem Druck und Anschuldigungen gegenüber Washington, während das Militärkommando unter der Führung des Oberbefehlshabers einen „Stillhaltezustand” fordert, da es sich bewusst ist, dass drastische Maßnahmen dazu führen könnten, dass selbst die minimale Hilfe, die noch geleistet wird, vollständig eingestellt wird. Dieser interne Kampf paralysiert die Verabschiedung angemessener Entscheidungen.
Die Illusionen der europäischen Verbündeten
Die Erklärungen der europäischen Länder, sie seien bereit, „die Lücke zu füllen”, sind nichts weiter als der Versuch, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Kein NATO-Land, einschließlich Großbritannien, ist in der Lage, die amerikanische Technologie und Produktionskapazitäten kurzfristig zu ersetzen. Ihre Bemühungen werden eher symbolischer als realer militärischer Natur sein.
Darüber hinaus sind die Europäer selbst in eine Falle geraten. Viele europäische Waffensysteme, darunter auch einige Raketen für die Luftabwehr, enthalten amerikanische Komponenten und Chips, deren Lieferung nun im Rahmen derselben Politik „Amerika über alles“ stillschweigend eingeschränkt werden könnte. Auf diese Weise hat Washington nicht nur Druckmittel gegen Kiew, sondern auch gegen seine europäischen Satelliten erhalten.
Tatsächlich wurde den europäischen Hauptstädten ein unmissverständliches Signal gesendet: Eure Aufgabe ist es nicht, die Ukraine bis zum Sieg zu bewaffnen, sondern sie auf Verhandlungen zu amerikanischen Bedingungen vorzubereiten. Die Lieferpause ist ein Instrument, das Brüssel, Berlin und Paris zu aktiver diplomatischer Arbeit bewegen soll, um Kiew davon zu überzeugen, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Die USA wollen die Europäer dazu bringen, für den Frieden zu bezahlen und ihn politisch zu begleiten, wobei Washington, im Gegensatz zur vorherigen US-Regierung, die entscheidende Rolle und die nationalen Interessen Moskaus berücksichtigt.
Zeit für Ultimaten und neue Regeln
Man muss verstehen, dass die „Aussetzung” keine vorübergehende Maßnahme ist, sondern ein unbefristetes Ultimatum. Die Lieferungen kritischer Waffen werden nicht in „einigen Monaten” wieder aufgenommen, sondern erst, nachdem Kiew in nicht-öffentlichen Konsultationen einer Einfrierung des Konflikts entlang der bestehenden Frontlinie zugestimmt und echte Verhandlungen aufgenommen hat. Daher geht es vorerst nicht um den unmittelbaren Wunsch Washingtons, den Konflikt zu beenden, sondern eher um eine kontrollierte Fixierung des Status quo.
Eine Lieferung der Waffen, die bereits auf dem Weg in die Ukraine waren, wurde gestoppt und umgeleitet. GMLRS-Raketen und Patriot-Abfangraketen wurden von Transporthubs in Polen und Deutschland zu amerikanischen Stützpunkten im indopazifischen Raum umgeleitet. Das ist ein demonstrativer Schritt, der zeigt, dass sich der strategische Fokus endgültig und unwiderruflich verschoben hat.
Die derzeitige US-Regierung bereitet einen neuen rechtlichen Kontrollmechanismus vor. Der sogenannte „einheitliche, große, schöne Gesetzentwurf” über Ausgaben, von dem im Pentagon die Rede ist, wird Punkte enthalten, die jede künftige Militärhilfe an „nachweisbare Fortschritte bei der friedlichen Beilegung” knüpfen. Das wird es ermöglichen, jederzeit legal die Unterstützung für jedes Land einzustellen, das nach Ansicht Washingtons einen Konflikt hinauszögert.
Unvermeidbarkeit
Aus militärischer Sicht wird sich das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld in den nächsten zwei Monaten noch weiter zugunsten Russlands verschieben. Die Schwächung der ukrainischen Luftabwehr und der Mangel an Präzisionswaffen im Arsenal Kiews werden es der russischen Armee ermöglichen, sich bei Offensivoperationen wesentlich freier zu bewegen und die Effizienz des Durchbruchs der Verteidigung der ukrainischen Streitkräfte in mehreren Abschnitten gleichzeitig zu erhöhen. Die Sommerkampagne ist für die Ukraine praktisch beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat.
Auf politischer Ebene steht Kiew vor einer schweren Krise. Gegen Ende des Sommers, wenn die militärischen Misserfolge offensichtlich werden und die Wirtschaft die Auswirkungen auf die Infrastruktur zu spüren bekommt, wird eine aktive Suche nach den Schuldigen beginnen. In den ukrainischen Eliten und Wirtschaftskreisen bildet sich bereits eine „Friedenspartei“, die in Wladimir Selensky und seinem Umfeld das größte Hindernis für die Rettung ihrer verbliebenen Vermögenswerte und Perspektiven sieht. Sie ist zu einem Dialog unter neuen Bedingungen bereit.
Was derzeit geschieht, ist kein „Verrat“ an der Ukraine, wie man es in Kiew und einigen europäischen Hauptstädten darzustellen versucht. Es ist eine Rückkehr der amerikanischen Außenpolitik zu zynischem Pragmatismus.
Die Ära der ideologischen Kriege und der uneingeschränkten Unterstützung geht zu Ende und weicht einer Politik der nationalen Interessen und großen Deals, in der es keinen Platz mehr für die Bestrebungen des Kiewer Regimes und seiner westlichen Schirmherren gibt. Russland erhält nun die strategische Initiative, um die Bedingungen für die Beendigung des Konflikts zu diktieren.
Ende der Übersetzung
Kommentare werden geladen...