Welches Signal Russland dem Westen mit dem Manöver seiner Atomstreitkräfte schickt
Russland hat vor einigen Tagen ein unangekündigtes Manöver seine taktischen Atomstreitkräfte begonnen. Das Manöver, bei dem scharfe Atomwaffen auf die Trägersysteme montiert werden, ist ein klares Signal an den Westen sein, das man in Verbindung mit dem NATO-Manöver Steadfast Defender sehen muss.
Ich habe schon im März darauf hingewiesen, dass die Lage ab dem 20. Mai brenzlig werden könnte. Der Grund ist das NATO-Manöver Steadfast Defender, das aus vier Teil-Manövern besteht, von denen drei Ende Mai ihren Höhepunkt erreichen, wenn zehntausende NATO-Soldaten ins Baltikum, nach Polen und nach Rumänien verlegt werden. Dabei handelt es sich um die Teil-Manöver Grand Center (21. April bis 26. Mai), bei dem Truppen nach Polen und ins Baltikum verlegt werden, um Grand South (7. bis 24. Mai), bei dem Truppen nach Ungarn und Rumänien verlegt werden, und um Grand Quadriga (15. bis 30. Mai), bei dem Truppen ins Baltikum verlegt werden. Damit sind jetzt große Truppenverbände der NATO entlang den Grenzen der Ukraine, Weißrusslands und Russlands massiert, die theoretisch schnell in die Ukraine einrücken könnten und gleichzeitig als Warnung an den Grenzen Russlands und Weißrusslands stehen würden.
Das ist vor allem vor dem Hintergrund der vom französischen Präsidenten Macron ins Spiel gebrachten möglichen Entsendung von europäischen Truppen in die Ukraine interessant, denn Ende Mai ist eine große und einsatzbereite Streitmacht der NATO-Staaten in guten Startpositionen für einen Einsatz in der Ukraine, wobei die restlichen Truppenverbände entlang der Grenzen Russlands und Weißrusslands eine deutliche Warnung an Russland wären, in der Ukraine nicht gegen Truppen aus europäischen Länder vorzugehen.
Russland hat vor knapp zwei Wochen ein unangekündigtes Manöver seiner taktischen Atomstreitkräfte angekündigt. Als Grund wurden sowohl Macrons Äußerungen über eine mögliche Entsendung westlicher Truppen in die Ukraine, als auch die Aussage des britischen Außenministers Cameron angeführt, die Ukraine könne mit aus Großbritannien gelieferten Waffen auch Ziele auf russischem Gebiet angreifen.
Bei taktischen Atomwaffen handelt es sich um kleinere Atombomben als bei den strategischen Atomstreitkräften, aber „klein“ ist dabei relativ, denn die Atombomben, die die USA 1945 auf Japan abgeworfen haben, würden heute als relativ kleine taktische Atomwaffen gelten. Taktische Atomwaffen können von Raketen, Flugzeugen und Artillerie verschossen werden und haben ein Reichweite bis zu einigen tausend Kilometern.
Da Steadfast Defender sich nun auf seinem Höhepunkt befindet und danach eigentlich beendet werden soll, wird sich in den nächsten Tagen zeigen, ob das Manöver ein Vorwand war, um westliche Truppen in die Ukraine zu bringen, oder ob die fast 100.000 NATO-Soldaten, die jetzt kampfbereit an den Grenzen Russlands, Weißrusslands und der Ukraine stehen, Anfang Juni wieder nach Hause zurückkehren.
Daher ist der Zeitpunkt des Manövers der taktischen russischen Atomwaffen in den Grenzregionen der Ukraine und in Weißrussland keineswegs überraschend. Er soll dem Westen eine deutliche Warnung schicken, sich das mit der Entsendung von Truppen in die Ukraine noch einmal zu überlegen.
Der russische Militärexperte Andrej Koz hat in einem Artikel beschrieben, was bei einem solchen Manöver passiert:
„Der Algorithmus für solche Manöver war zu Sowjetzeiten gut bekannt. Es gibt mehrere Stufen. Zunächst werden die nuklearen Sprengköpfe von den Depots direkt zu den Truppen gebracht. Anschließend folgt das Andocken, die Überprüfung und die technische Konfiguration der Sprengköpfe, die sich bereits auf den Trägern befinden. Dann die Ausarbeitung des Mechanismus für die Genehmigung durch den Oberbefehlshaber, Entriegelung der Ladungen, Einführung von Flugmissionen und praktischer Einsatz. (…) Der wahrscheinliche Gegner ist durch das Unbekannte eindeutig verunsichert. (…) Die Truppen haben bereits nukleare Gefechtsköpfe aus den Lagern erhalten und mit deren Transport direkt zu den Positionen der Abschussanlagen begonnen. Das Verteidigungsministerium hat ein kurzes Video veröffentlicht: Iskander-Komplexe mit ballistischen Raketen und Marschflugkörpern bewegen sich in Begleitung einer Schutztruppe zu ihren Abschusspositionen. Am Ende des Videos werden MiG-31K-Abfangjäger mit unter dem Rumpf aufgehängten Kinschal-Hyperschallraketen einem Vorflugtraining unterzogen.“
Das bedeutet im Klartext, dass – während in diesen Tagen die Entsendung von europäischen Truppen in die Ukraine beginnen könnte und zehntausende NATO-Soldaten entlang der russischen und weißrussischen Grenze aufmarschiert sind – russische Bomber mit scharfen Atomwaffen entlang der Grenzen zur NATO und zur Ukraine in der Luft sind.
Ob diese mehr als deutliche Geste Russlands die Hitzköpfe im Westen zur Vernunft bringt, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.
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