Der vollkommen andere Krieg
Ich bin in Kursk und will hier von meinen ersten Eindrücken berichten, denn der Krieg in Kursk unterscheidet sich sehr von dem, was ich aus dem Donbass kenne.
Ich bin derzeit in Kursk, um mir ein Bild von der Lage vor Ort zu machen und will hier meine ersten Eindrücke mitteilen. Das erste, was mir in Kursk aufgefallen ist, sind die Luftalarmsirenen. In Kursk gibt es gefühlt stündlich Luftalarm und manchmal hört man auch Luftabwehr schießen. Das ist ein großer Unterschied zu beispielsweise Donezk, wo ich nie Luftalarm, dafür aber immer wieder Explosionen gehört habe.
Die Stadt Kursk selbst wirkt friedlich und das Leben geht seinen normalen Gang. Als Fremder würde man, wenn die ständigen Sirenen nicht wären, gar nicht merken, dass in unmittelbarer Nähe Krieg ist. Allerdings machen Restaurants nun früher zu, weil weniger Kunden da sind, viele bleiben derzeit lieber zu Hause.
Der vollkommen andere Krieg
Anders ist es, wenn man aus der Stadt rausfährt. Ich war mit einer Gruppe Freiwilliger unterwegs, die humanitäre Hilfe zu den Menschen auf dem Land und zu Soldaten bringen. In Russland wird viel für die Soldaten gespendet und Freiwillige bringen ihnen das praktisch direkt an die Front. Wir hatten vor allem Trinkwasser und Drohnen dabei.
Wie sehr sich der Krieg verändert hat, habe ich schon früher gehört. Vor einem Jahr war ich im Donbass noch in der ersten Frontlinie, was natürlich unheimlich war, weil man ständig Explosionen und das Pfeifen der Artilleriegeschosse über dem Kopf hört. Aber grundsätzlich hatte man in den Schützengräben ein gewisses Gefühl der Sicherheit, weil es recht unwahrscheinlich ist, dass einem eine Granate direkt „auf den Kopf fällt“, wie man hier sagt.
Das hat sich durch die Drohnen geändert. Kamikaze-Drohnen kann man kaum sehen, und wenn man sie sieht, ist es in der Regel schon zu spät. Und die werden gezielt auf Soldaten in Schützengräben oder auch fahrende Autos gelenkt. Das ist das erste, was anders war, als im Donbass: Wir haben schon in Kursk die Schutzwesten angezogen und Helme aufgesetzt, weil die Gefahr besteht, dass man auf der Landstraße unvermittelt und gezielt von einer Drohne angegriffen werden kann.
In unserem Wagen hatten wir einen Störsender und ein Gerät zur Drohnenortung. Das Gerät hat mehrmals Alarm geschlagen und wir mussten den Störsender einschalten, damit der Drohnenpilot den Kontakt zur Drohne verliert und uns nicht angreifen kann. Das gibt ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, denn die Ortungsgeräte sind alles andere als hundertprozentig zuverlässig. Übrigens war eine der Drohnen, die wir geortet haben, aus amerikanischer Produktion. Auf der Fahrt haben wir auch immer wieder abgehende Luftabwehrgeschosse gesehen.
Was die Sache in Kursk noch unheimlicher macht, ist die Tatsache, dass es in Kursk – im Gegensatz zum Donbass – keine klare Frontlinie gibt. Die Ukrainer sind nach dem Eindringen in das Kursker Gebiet quasi ausgeschwärmt und man weiß nie wirklich, ob im nächsten Gebüsch ein vielleicht ukrainischer Stoßtrupp sitzt. Das macht die Kriegsführung in Kursk auch sehr schwierig, denn de facto ist die Lage vollkommen unübersichtlich.
Im Gegensatz zum Donbass hat man daher immer ein flaues Gefühl im Magen, wenn man aus Kursk in Richtung Westen losfährt. Hinzu kommt, dass die Drohnen eine immer größere Reichweite haben und daher die Gefahr von gezieltem Beschuss schon 30 Kilometer vor der „grauen Zone“, wo die Kampfhandlungen stattfinden, beginnt.
Direkt an der Front (oder was man hier eben Front nennt) war ich nicht. Aber als wir am Abend die humanitäre Hilfe abgeliefert haben, war es schon dunkel und wir haben am Horizont gigantische Lichtblitze gesehen, die den halben Horizont erhellt haben. Vermutlich wurden dort „Fabs“ eingesetzt, das sind bis zu drei Tonnen schwere russische Fliegerbomben. Ein anderer Journalist, der aus Donezk kommt, sagte, dass er diese Lichteffekte am Ende der Schlacht um Awdejewka oft gesehen hat, als die russische Armee die ukrainischen Befestigungen mit „Fabs“ bekämpft hat.
Die Vertriebenen
Mich interessiert bei dieser Reise vor allem, wie die Menschen hier mit der Situation umgehen. Ich war in einem Flüchtlingsheim und habe mit vielen Menschen gesprochen. Die Flüchtlinge werden übrigens gut versorgt, sie waren mit Unterbringung und Verpflegung sehr zufrieden, allerdings haben viele über die Behörden geschimpft, weil es keine geordnete Evakuierung gegeben hat. Offensichtlich waren die Behörden bei dem ukrainischen Überraschungsangriff am 6. August vollkommen überfordert, jedenfalls haben die Menschen erzählt, wie sie auf eigene Faust mit ein paar Habseligkeiten fliehen mussten, weil von behördlicher Seite nichts organisiert war. Ob das überall so war, weiß ich nicht, mir wurde das von einigen konkreten Ortschaften berichtet.
Viele wurden von dem Angriff so überrascht, dass es für sie bereits zu spät war, zu fliehen. Das russische Katastrophenschutzministerium hat eine Hotline, bei der Menschen anrufen und zurückgelassene Freunde und Angehörige melden können. Das Ministerium versucht dann gemeinsam mit der Armee, diese Menschen in regelrechten Spezialoperationen zu evakuieren, wenn sie in umkämpften Gebiet leben. Für Menschen, die in von der Ukraine kontrollierten Gebieten leben, kann in der Regel aber nichts getan werden.
Dabei hat sich hier eine Stiftung einen Namen gemacht, die 2022 von Jana Tschaikina, einer jungen Frau, gegründet wurde und ursprünglich nur humanitäre Hilfe geleistet hat. Nach dem Angriff auf Kursk hat sie aber auch Evakuierungstrupps aus Freiwilligen zusammengestellt, die unter Einsatz ihres Lebens durch verminte Wälder und Felder schleichen, um Menschen aus umkämpftem oder sogar ukrainisch besetztem Gebiet zu evakuieren. Ich habe mit Jana und ihren Freiwilligen gesprochen, bei deren Erlebnisberichten es einem wirklich eiskalt den Rücken herunterläuft. Die Interviews werde ich übersetzen und veröffentlichen.
Die Evakuierten haben erzählt, dass die ersten Soldaten, die kamen, Polen waren. Die hätten sich „bestialisch“ benommen, erst als ukrainische Soldaten kamen, wurde es einigermaßen erträglich, erzählen die Flüchtlinge. Die Ukrainer, sofern sie reguläre Soldaten und keine Einheiten von den nationalistischen Verbänden waren, haben sich nach den Aussagen, die ich gehört habe, den Zivilisten gegenüber ordentlich verhalten. Die Polen allerdings haben den Erzählungen zufolge wahllos auf Zivilisten geschossen, wobei sie gezielt auf die Beine geschossen haben, und die Leute dann zum Sterben auf den Straßen liegen ließen. Auch von israelischen Söldnern habe ich zu meiner Überraschung gehört.
Das AKW
Einer der Helfer, mit denen ich unterwegs war, arbeitet im Hauptberuf beim AKW Kursk. Übrigens konnte ich das AKW aus der Ferne sehen, als wir Richtung Westen gefahren sind.
Der Mann erzählte, dass die Lage beim AKW ernster ist, als selbst die russischen Medien berichten. Seiner Aussage zufolge wird das AKW täglich mehrmals von Drohnen angegriffen, was beim AKW Kursk weitaus gefährlicher ist als beim AKW Saporoschje. Der Grund ist, dass das AKW Kursk ein AKW vom Typ Tschernobyl ist, was bedeutet, dass es keinen schützenden Betonmantel um den Reaktor gibt. Das AKW Kursk ist daher durch Angriffe wesentlich gefährdeter als das AKW Saporoschje.
Mit beißender Ironie erzählte der Mann vom kürzlichen Besuch von Rafael Grossi, dem Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, bei dem AKW. Das war seiner Aussage nach der einzige Tag, an dem es beim AKW keinen Luftalarm gegeben hat. Die Ukrainer haben sich an dem Tag „von ihrer besten Seite“ gezeigt, den Beschuss am nächsten Tag aber wieder aufgenommen.
So weit zu meinen ersten Eindrücken meines Besuchs in Kursk, ich werde später mehr berichten und auch Fotos und Videos veröffentlichen.
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