Droht eine Eskalation zwischen den USA und Russland in Syrien?
Im Juli haben die westlichen Medien gemeldet, dass russische Kampfflugzeuge sich im syrischen Luftraum US-Drohnen gefährlich genähert hätten. Danach kehrte in westlichen Medien wieder Ruhe ein, während Russland weiterhin fast täglich Vorfälle aus dem syrischen Luftraum meldet.
Westliche Medien haben im Juli berichtet, russische Kampfflugzeuge hätten sich im syrischen Luftraum US-Drohnen gefährlich genähert und von russischen „Provokationen“ gesprochen. Danach verschwanden die Meldungen im Westen wieder, in Russland jedoch nicht. Bevor ich auf die Entwicklungen seit Ende Juli eingehe, als ich darüber berichtet habe, will ich eines zum Verständnis vorausschicken.
Wer provoziert wen?
Syrien ist ein souveräner Staat, das bedeutet, wer mit seinen Militärflugzeugen (egal, ob bemannt oder unbemannt) ohne Erlaubnis der syrischen Regierung in den syrischen Luftraum eindringt, verstößt nicht nur gegen das Völkerrecht, sondern begeht de facto eine Kriegshandlung gegen Syrien. Das ist vollkommen unbestritten, denn wie würden NATO-Staaten wohl reagieren, wenn syrische Drohnen und Kampfflugzeuge zum Beispiel ohne Erlaubnis über Italien oder Griechenland operieren würden?
Das bedeutet, dass alleine die Anwesenheit von US-amerikanischen Drohnen und Kampfflugzeugen im syrischen Luftraum eine Provokation darstellt. Syrien (und Russland, das auf Einladung der syrischen Regierung in Syrien operiert) hätte jedes Recht der Welt, bemannte und unbemannte US-Flugzeuge über Syrien nach einer entsprechenden Warnung und Aufforderung, den syrischen Luftraum sofort zu verlassen, abzuschießen.
Dass Russland und Syrien das nicht tun, liegt nur daran, dass diese US-Provokationen für Russland kein Grund sind, einen Weltkrieg zu riskieren. Aber die russische Reaktion, seine Flugzeuge im Juli so nah an US-Drohnen heranzufliegen und dort Störkörper abzuwerfen, die die Drohne hätten beschädigen oder sogar zerstören können, war eine deutliche Warnung an die USA.
Die Entwicklungen seit Ende Juli
Ich habe wie gesagt zuletzt am 26. Juli darüber berichtet und danach Meldungen über Zwischenfälle im syrischen Luftraum gesammelt, weil es aus Russland fast täglich neue Meldungen gab, während die westlichen Medien das nicht mehr thematisiert haben. Meine Aufstellung der Meldungen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie zeigt aber, dass es im syrischen Luftraum ständig weitere Vorfälle gibt.
Am 28. Juli meldete das russische Verteidigungsministerium eine gefährliche Annäherung zwischen einer amerikanischen MQ-9 Reaper-Drohne und einer russischen Su-34 in Syrien. Außerdem wurde eine russische Orlan-10-Drohne über Syrien mit radio-elektronischen Störmitteln angegriffen, konnte aber sicher landen. An dem Tag wurden insgesamt acht Verletzungen des syrischen Luftraums durch zwei Paar F-16-Kampfjets, ein Paar Typhoon-Kampfjets und ein Paar MC-12W-Aufklärungsflugzeugen registriert.
Am 29. Juli meldete Russland, dass Flugzeuge und Drohnen der westlichen Koalition den syrischen Luftraum im Jahr 2023 1.761 verletzt hätten. Für den Monat Juli 2023 wurden 213 Fälle registriert, davon 68 zwischen dem 22. und 28. Juli.
Am 1. August wurden 14 Verletzungen des syrischen Luftraums durch Flugzeuge und Drohnen der westlichen Koalition gemeldet. Daran beteiligt waren zwei Paare F-16-Kampfflugzeuge, zwei Paare Rafale-Kampfflugzeuge, ein Paar F-35-Kampfflugzeuge, ein Paar Typhoon-Kampfflugzeuge, ein unbemanntes Mehrzweckflugzeug MQ-1C und ein Aufklärungsflugzeug MC-12W. Kritisch daran ist, dass diese Luftraumverletzungen in einer Region stattfanden, durch die auch Flugrouten ziviler Flugzeuge führen.
Und so ging es weiter: Die Russen meldeten am 3. August wieder 14 Verletzungen des syrischen Luftraums durch Flugzeuge und Drohnen der westlichen Koalition, am 4. August wurden 28 Luftraumverletzungen gemeldet, am 6. August waren es 16 Luftraumverletzungen, am 9. August waren es 12 Luftraumverletzungen und am 10. August waren es 18 Verletzungen.
Am 11. August meldete die russische Luftwaffe sogar:
„Am 11. August zwischen 02:13 und 02:20 Uhr haben zwei russische Su-34 und zwei Su-35 Flugzeuge während eines Routinefluges in der Gegend von El-Tanf registriert, dass sie vom Zielleitradar ins Visier genommen wurden, was zur automatischen Aktivierung der bordeigenen Abwehrsysteme führte. Die Flugzeuge wurden von zwei F-35-Kampfjets ins Visier genommen.“
Das ist eine besonders schwere Provokation, weil die russischen Piloten in dem Fall nicht wussten, ob die F-35 auf sie schießen würden, oder wozu sie ihre Zielradare auf die russischen Kampfflugzeuge ausgerichtet haben.
Die steigende Zahl der gemeldeten Zwischenfälle im syrischen Luftraum wird in westlichen Medien nicht gemeldet. Sollte es dort zu einer Konfrontation kommen, werden die Konsumenten westlicher Medien ganz überrascht sein, weil natürlich den „bösen Russen“ die Schuld gegeben würde. Von der Vorgeschichte wissen westliche Medienkonsumenten ja nichts…
Was machen die USA in Syrien?
Offiziell sollen die US-Drohnen und Kampfflugzeuge in Syrien den IS bekämpfen. Das Problem ist, dass der IS dort schon seit Jahren militärisch besiegt ist. Zellen des IS sind zwar noch in Syrien aktiv und verüben manchmal auch Anschläge, aber seit wann bekämpft man verdeckte Terrorzellen mit Militärdrohnen und Kampfflugzeugen? Und wie würden die USA reagieren, wenn zum Beispiel China Drohnen über Kalifornien einsetzen würde, um Terrorzellen zu bekämpfen, die in den USA angeblich oder tatsächlich aktiv sind?
In Wahrheit haben die US-Drohnen über Syrien eine ganz andere Aufgabe: Sie sollen das russische, syrische und iranische Militär in Syrien ausspionieren.
Die USA plündern Syrien aus
Hinzu kommt, dass die USA bereits Ende 2019, als Russland und Syrien den IS besiegt haben, die syrischen Ölfelder im Nordosten des Landes besetzt, offiziell, damit sie nicht in die Hände des IS fallen. Da der IS aber schon besiegt war, war das (und ist bis heute) ein verlogener Vorwand. Den USA ging es einzig und allein darum, das syrische Öl unter ihre Kontrolle zu bekommen und es der syrischen Regierung zu entziehen.
Seitdem wird das syrische Öl unter Aufsicht der extra dafür dorthin entsandten US-Militärstreitmacht mit LKWs in den Irak gefahren und dort verkauft. Wer von den Erlösen profitiert, ob sich US-Geheimdienste damit womöglich schwarze Kassen anlegen, die keiner – nicht einmal einer pseudodemokratischen – Kontrolle unterliegen, weiß kein Mensch. Und die westlichen „Qualitätsmedien“ kommen auch nicht auf die Idee, diese Frage mal bei einer Pressekonferenz des Pentagon zu stellen.
Diese Praxis, dass die USA vollkommen völkerrechtswidrig ein Land, in diesem Falle Syrien, ausrauben, läuft inzwischen seit über drei Jahren. Internationale Nachrichtenagenturen berichten auch regelmäßig darüber, wenn mal wieder ein Konvoi mit LKWs, die voll mit Raubgütern sind, unter Aufsicht der US-Armee in den Irak fährt. Die deutschen „Qualitätsmedien“ können sich also nicht darauf berufen, sie wüssten davon nichts. Mehr Details finden Sie hier.
Anfang Juni hat das Weiße Haus mitgeteilt, die völkerrechtliche Besetzung von Teilen Syriens fortsetzen zu wollen, auch wenn erwartet wird, dass die US-Truppen angegriffen und gewaltsam aus Syrien vertrieben werden sollen. Dass die USA derartige Angriffe fürchten, zeigt sich daran, dass sie ihre Besatzungstruppen im Juli von 500 auf 1.500 Mann verstärkt haben.
Auch das deutet daraufhin, dass es in Syrien zu einer Eskalation kommen könnte.
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