Was Cancel Culture und Faschismus gemeinsam haben
Die Cancel Culture und ihre Auswüchse werden in Russland schon lange kritisiert. Nun hat das russische Außenministerium das in einer ausführlichen Erklärung präzisiert.
Die „Cancel Culture“, also die Unart im Westen, die eigene Geschichte „canceln“ zu wollen, greift um sich. Das betrifft Denkmäler, es betrifft das Umschreiben der Geschichte, die Umbenennung von Kunstwerken, das Verbot von Kulturveranstaltungen und noch vieles mehr. In Russland hatte man dafür zu keinem Zeitpunkt Verständnis, wie ich oft berichtet habe Beispiele finden Sie hier, hier und hier.
Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, hat sich dazu in einer offiziellen Erklärung geäußert, die ich übersetzt habe. Beim Lesen der Übersetzung bitte ich zu beachten, dass ich aufgrund der vielen Wortspiele in der Erklärung den Begriff „Cancel Culture“ als „Abschaffungskultur“ übersetzt habe. Ich empfehle, die lange Erklärung bis zum Ende zu lesen, denn erst dadurch wird sie – auch wenn sie in der deutschen Übersetzung einige „Längen“ haben mag – erst rund.
Beginn der Übersetzung:
Der Westen ist entsetzt über sich selbst und startet eine weitere Kampagne zur „Abschaffung der russischen Kultur.“ Was wir dabei nicht schon alles gesehen haben. Das ist kein gerechter Zorn, der in den Menschen entfacht wird. Das wird von „Profis“ gemacht. So erklärte beispielsweise der stellvertretende polnische Ministerpräsident und Minister für Kultur und Nationales Erbe Pawel Gliński, dass „die russische Kultur aus dem öffentlichen Raum verschwinden muss.“ Wer bist Du, polnischer Kulturminister, dass Du so etwas sagst? Wer hat Dir dieses Recht gegeben? Er reicht keine Milliarde Jahre, um das Thema zu erlernen, das er abschaffen will. Wenn er über die russische Kultur spricht, kann er nicht einmal ihre Grenzen erkennen. Wie kann man überhaupt Menschen, die die Kultur von Nationen und Völkern abschaffen wollen, mit Kultur betrauen? Ja, das gab es in der Geschichte – in den 1930er und 1940er Jahren. Genau dagegen kämpfen wir.
Noch etwas aus der Reihe „das kann man gar nicht absichtlich erfinden“, aber es geschieht im 21. Die National Gallery in London hat das Gemälde „Russische Tänzerinnen“ des französischen impressionistischen Malers Edouard Degas umbenannt. Jetzt sind sie nicht mehr russisch. Das kommt vor. Für den Westen ist das normal. Die können morgens ein Mann sein, abends eine Frau, und am nächsten Tag ein „Es“. Dann kann man auch die Ethnie auswechseln. Zumal Degas schon vor langer Zeit gestorben ist. Also haben sie es umbenannt. Es ist nur ein Name, man muss die Staatsangehörigkeit nicht ändern, keine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen. Sie haben es einfach durchgestrichen. Die Geschichte haben die schon lange abgeschafft. Deshalb haben sie in ganz Europa Denkmäler abgerissen, damit sie nicht mehr an die Geschichte erinnern und die Kinder Mama und Papa, oder besser gesagt „Elternteil A“ und „Elternteil B“, nicht danach fragen, was das Denkmal mit dem Mann mit dem Stern auf der Kappe bedeutet. Damit nichts mehr an die abgeschaffte Geschichte erinnert, muss man auch die Kultur abschaffen.
Tschaikowsky, Schostakowitsch und Rachmaninow werden nun in einer Reihe von Ländern von den Konzertplakaten entfernt. Das staatliche akademische Gesangs- und Tanzensemble der Donkosaken wurde in den Niederlanden abgesagt. Jetzt wird das Leben in den Niederlanden sicherlich besser werden.
Russische Schriftsteller und ihre Bücher werden verboten. Die Staatliche Universität Bicocca in Mailand hat eine Reihe aus vier Vorlesungen des Schriftstellers Nori über Dostojewski abgesagt, „um keine Kontroverse zu entfachen.“ Wieder, damit es keine Fragen gibt. In dem Staat, den George Orwell beschrieben hat, darf es keine Kontroverse geben. Dort gibt es nur eine Wahrheit. Die Entscheidung wurde am nächsten Morgen widerrufen. Aber es wurde ein Präzedenzfall geschaffen. Das Govi-Theater in Genua hat das jährliche Dostojewski-Festival wirklich abgesagt. Es hat seine Meinung nicht geändert. Lesen Sie Dostojewskis „Die Besessenen“ nochmal. Es ist der heutigen Zeit sehr ähnlich. Ein einzigartiges, unsterbliches Werk. Schafft es ab oder nicht – es war, es ist und es wird sein.
Wir stellen mit Bedauern fest, dass die Russophobie im Westen rasant zunimmt und die wilden Maßnahmen, die ergriffen werden, gegen alle Grundsätze zivilisierten Verhaltens verstoßen. Die aggressive Durchsetzung der „Abschaffungskultur“ verkommt zu einer „Kultur der Abschaffung“ und bedroht die an dem „Prozess“ Beteiligten mit dem totalen Verlust der Koordination in der modernen Welt. Jetzt ist es schwierig zu wissen, wer vor einem steht – er, sie, es. Welches Geschlecht „es“ zu welcher Tageszeit bevorzugt. Es ist schwierig zu verstehen, wer welches Werk geschrieben hat. Schließlich kann der Titel innerhalb von ein paar Stunden geändert werden. Es ist schwer zu sagen, was wahr war und was nicht. Was war überhaupt in der Geschichte? Denkmäler werden zertrümmert, Museen werden geschlossen, die Geschichte wird in den Schulbüchern umgeschrieben. Es ist nicht klar, wer wen angegriffen hat. Nicht, weil es keine Fakten gäbe, sondern weil Daten, Richtungen, Zahlen und die Geografie verändert wurden. Alles wurde geändert. Was wollen die von dem Menschen? Dass er völlig den Sinn für die Realität verliert? Die öffentliche Ächtung, das Verschweigen und Vergessen von offensichtlichen Fakten und Namen ist selbstzerstörerisch.
Wir wissen um die Versuche des Westens, den Beitrag der Roten Armee zum Sieg über den Nationalsozialismus während des Zweiten Weltkriegs zu „abzuschaffen“. Darüber sprechen wir seit Jahrzehnten jede Woche. Es geschieht bereits. Die russische Flagge wurde von der Fahne des Museums in Karlshorst, wo 1945 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterzeichnet wurde, entfernt, und die Erwähnung Russlands wurde auf dem Schild des Museums übermalt. Wer war dort? Erzählen Sie. Wer hat wen befreit? Die Westdeutschen die Ostdeutschen? Was ist die neue Version?
Der ganze „kulturelle“ oder, besser gesagt, „unkulturelle Hexensabbat“ erinnert immer mehr die dunklen Zeiten des Mittelalters. Damals wurden in den Feuern der Inquisition unter dem Deckmantel des Christentums – nicht der Barbarei, nicht der Bekehrung zu kultischen Ritualen -, des Neuen Testaments, der Liebe und des Mitgefühls für den Nächsten Bücher verbrannt. Menschen kamen da auch hin, um die Feuer nicht zweimal anzünden zu müssen. Erinnert Sie das an irgendetwas? Sie wollten das Gute. Sie wussten, wie man es erklärt. Auch der Zweite Weltkrieg begann mit hochfliegenden Idealen. Unseren Vorfahren wurde gesagt, wie sie leben sollten. Wer „rein“, wer „unrein“ ist. Welche Rasse das Recht hat, zu existieren und welche nicht. Noch erschreckender ist die Analogie zu der Kampagne zur Vernichtung unerwünschter Literatur, die die Nazis in Deutschland durchgeführt haben. Die gleiche Kampagne wurde Jahr für Jahr in der Ukraine durchgeführt. Alle Arten von Büchern wurden „auf dem Scheiterhaufen“ verbrannt – historische, ethnisch-kulturelle, religiöse Literatur und Kinderbücher. Sogar Kochbücher wurden verboten. Warum? Weil man den Borschtsch nicht teilen kann. Er durfte nur einem Volk und einer Nation gehören. Damit er etwas Gemeinsames hat, konnte die Hausfrau in jeder Stadt und Region ihn auf ihre eigene Weise zubereiten, aber nein. Kompromisse wollten sie nicht. Das ist es, worüber wir sprechen: Fremdenfeindlichkeit, Nazismus, Extremismus in all seinen Formen. (Anm. d. Übers.: In der Ukraine gibt es eine starke Bewegung, die die klassische Suppe Borschtsch, die in Russland, der Ukraine und Weißrussland ein Nationalgericht ist, nur Ukrainisch machen wollte. Das meinten die ernst, das ist kein Scherz, und es war ein wichtiges Thema)
Bei dieser „Abschaffungskultur“ handelt es sich um das in der europäischen und amerikanischen Geschichte nicht unübliche Phänomen, dass eine Kultur zugunsten einer anderen aus dem öffentlichen Raum „getilgt“ wird. Oder einfach nur für den Ruhm der einen oder anderen Sache. Das gilt nicht nur für unser Land. Bei denen gilt das generell. Vor ein paar Jahren war China noch „unter dem Radar.“ Sie versuchten, China zu beschuldigen, das Coronavirus erschaffen zu haben, und behaupteten, seine Fledermaus habe angeblich alle infiziert. Das hat nicht geklappt. Aber die Chinesen haben viel abbekommen. In erster Linie in den USA war von Sinophobie die Rede. Davor haben sie versucht, andere Länder „abzuschaffen“. Anfang der 2000er Jahre versuchten sie, die französische Kultur vorübergehend „abzuschaffen“, als Paris Washington bei der Anti-Irak-Kampagne nicht unterstützt hat. Sie versuchten sogar, Pommes aus dem Verkehr zu ziehen, die im Englischen „French fries“ heißen – das Wort „französisch“ steckt im Namen. Von Filmen und so weiter gar nicht zu reden. So ungefähr war es. Es gab keine einzige Talkshow, in der die Franzosen nicht für ihre prinzipientreue Haltung, die sich als richtig herausgestellt hat, beschimpft worden wären. Die damalige französische Führung war selbständig genug, um die Fakten anzuschauen und zu verstehen, was Wahrheit und was Lüge war.
Diese „Abschaffungskultur“ ist nicht Jahrzehnte alt, nicht einmal Jahrhunderte. Es ist zwar keine direkte Analogie, aber auf die eine oder andere Art und Weise führten die alten Römer den Begriff Damnatio memoriae – „Fluch/Vergessenheit des Todes“ – in ihr Recht ein. Wenn ein Mensch starb, musste die Erinnerung an ihn aus dem öffentlichen Bewusstsein und dem gesellschaftlichen Leben getilgt werden. Er sollte vergessen werden. Das war nicht der natürliche Weg, aber es wurde alles getan, damit man sich nicht an ihn erinnerte, denn in dem Moment war er verurteilt. Man kann darüber unterschiedlicher Meinung sein, aber die Tatsache bleibt.
Die europäischen und amerikanischen Kolonialmächte löschten in ihren Protektoraten jede Erwähnung des Nationalen aus und zerstörten Dutzende von unschätzbaren Werken des kulturellen Erbes. Foucault hat diesen unangenehmen Prozess später als „Kulturimperialismus“ bezeichnet. Ganze Gesellschaften erhielten den Status von „Subalternen“. Nach der Philosophie der Kolonialforscher Gramsci und Spivak blieb deren kultureller Fußabdruck für die Mainstream-Kultur „unsichtbar“, und dieser Zustand wurde vom Westen absichtlich unterstützt.
Die Ideologen des Dritten Reiches erreichten in den 1930er Jahren unerreichte Höhen – bis vor kurzem unerreicht, jetzt werden neue Höhen erobert, oder genauer gesagt „ein neuer Boden durchbrochen“ -, indem sie den Beitrag jüdischer Wissenschaftler und Künstler zur Gestaltung des deutschen Geisteslebens auslöschten. Als ob es diese Menschen nie gegeben hätte. Alles beginnt wieder von vorne. Die Leistungen nur einer Nationalität oder einiger ausgewählter Rassen. Es gab auch andere Rassen, aber die sind unwichtig.
Das Phänomen wurde ästhetisiert und „ans Tor“ gebracht. Sie nannten es „kulturelle Arisierung.“ Es gab ein Programm, Haltungen, Ideologen und es gab diejenigen, die das Konzept umsetzten und dafür sorgten, dass es umgesetzt wurde.
In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gab es in den USA eine „Hexenjagd“ – den berüchtigten „McCarthyismus“ -, um die Ausgrenzung von allem „Kommunistischen“ mit der Bekämpfung des Kommunismus zu rechtfertigen. Die Ideologie ist dieselbe. Jetzt gibt es die „Abschaffungskultur“ und einen neuen kulturellen Genozid. Diesmal gegen das große russische Erbe. Das betrifft alles. Daran ist nichts Neues. Es ist die alte Krankheit des Westens.
In unserem Land ist so etwas unvorstellbar. Über Jahrhunderte hinweg haben russische Meister der Literatur, der Musik und der bildenden Kunst der Menschheit Meisterwerke geschenkt, die zu moralischen und geistigen Bezugspunkten für ganze Generationen wurden und in die Schatzkammer der Weltkultur eingegangen sind. Dabei wurden die Werke ausländischer Künstler in Russland schon immer sehr geschätzt und waren beliebt, unabhängig vom Stand der Beziehungen zu ihren Herkunftsländern. Ist das Jahr 1812 in diesem Sinne nicht ein Zeichen? Lesen Sie „Krieg und Frieden“ nochmal. Das ist ebenfalls sehr beeindruckend. Wir gehen davon aus, dass der humanitäre Bereich ein „Leuchtturm“ der Orientierung sein sollte. Er ist eine Errungenschaft, eine Quelle reinen Trinkwassers, die es der Menschheit ermöglicht, sich selbst zu erhalten. Dieser Kanal der Verbindung zwischen den Menschen hat es zu allen Zeiten ermöglicht, einen Dialog zu entwickeln, Gemeinsamkeiten und gegenseitiges Verständnis zu finden und einfach zu überleben.
Ende der Übersetzung
Und ich möchte hinzufügen: Welche Verbindung zwischen den Menschen soll den aktuelle Konflikt beenden, wenn der Westen derzeit nur Hass sät, wenn es keine Kritik hervorruft, dass Facebook Gewaltaufrufe gegen Russen ausdrücklich erlaubt, dass Restaurants keine Russen mehr bedienen wollen, dass russische Geschäfte in Deutschland angegriffen werden und so weiter? Ich verstehe nicht, wie die Menschen in Deutschland nicht merken, dass wieder 1933 ist. Damals waren des die Juden und ihre Geschäfte, die 1933 angegriffen wurden, heute sind es die Russen.
Von 1933 war es ein langer Weg bis zur „Reichskristallnacht“ von 1938 und ein noch längerer bis zur Wannseekonferenz von 1943. Ich sage nicht, dass sich all das wiederholen muss, aber wer kann ernsthaft bestreiten, in welche Richtung sich die von Politik und Medien eingepeitschte Stimmung in Deutschland bewegt, wenn es wieder schulterzuckend hingenommen wird, dass eine Bevölkerungsgruppe in Deutschland mehr und mehr ausgeschlossen wird und ihre Geschäfte angegriffen werden?
Es gibt eine alte Weisheit aus der Nachkriegszeit, an die ich bis vor kurzem nicht glauben wollte. Sie lautet:
„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘.“
Leider sehen wir heute, dass es genau so ist. Und zwar genau jetzt!