In westlichen Medien finden sich immer wieder Behauptungen, Russland, oder sogar Putin höchstpersönlich, würden mit dem Einsatz von Atomwaffen – auch in der Ukraine – drohen. So konnte man in einem Spiegel-Artikel mit der Überschrift „Die USA und Russlands Atomdrohungen – »Unsere Reaktion wird verheerend sein«“ lesen:

„Putin spricht immer offener über den Einsatz von Atomwaffen. Hier sagt der frühere Nato-Befehlshaber Ben Hodges, wie die USA auf eine solche Eskalation antworten könnten.“

Und ganz aktuell konnte man in einem Spiegel-Artikel mit der Überschrift „Anhörung vor Parlamentarischem Kontrollgremium – Deutsche Geheimdienstchefs sprechen von »Kriegserklärung« Putins an den Westen“ über Aussagen von BND-Chef Kahl erfahren:

„Kahl warnte im aktuellen Konflikt explizit vor der Nutzung von Atomwaffen durch Russland. Der russische Präsident behalte sich diesen Schritt vor, sagte der BND-Präsident. Es könne zum Einsatz »substrategischer Kernwaffen« in der Ukraine kommen.“

Das waren nur zwei Beispiele für die Unzahl an Artikeln westlicher Medien, die Russland unterstellen, mit dem Einsatz von Atomwaffen zu drohen. Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Behauptungen über angebliche russische „Atomdrohungen“ frei erfunden sind. In Russland gibt es keine Aussagen von führenden Politikern oder Militärs, die mit dem Einsatz Atomwaffen drohen. Leser des Anti-Spiegel können das auch selbst überprüfen, weil ich sehr viele Reden von Putin und Lawrow oder Berichte des russischen Fernsehens zu dem Thema übersetzt habe.

Aber man könnte mir ja unterstellen, ich würde die russischen „Atomdrohungen“ einfach verschweigen. Da war es hilfreich, dass der Spiegel unter der Überschrift „Experte für die russischen Nuklearstreitkräfte ordnet Atomdrohungen ein – »Dann gibt es keine guten Optionen mehr«“ ein Interview mit einem russischen Experten für die russischen Atomwaffen geführt hat. Und eines kann ich vorweg nehmen: Die Überschrift des Spiegel-Artikels war bewusst irreführend, denn in dem Interview stellte sich heraus, dass es gar keine russischen „Atomdrohungen“ gibt.

Das Interview war regelrecht amüsant, denn der Spiegel-Redakteur hat verzweifelt versucht, dem russischen, aber in der Schweiz arbeitenden und klar pro-westlichen, Experten eine Aussage über „Putins Atomdrohungen“ aus der Nase zu ziehen. Aber das war erfolglos, denn es gibt diese Drohungen nicht und der Experte war offensichtlich nicht gewillt, sie sich selbst auszudenken.

Schon die erste Frage des Interviews ging in diese Richtung, denn der Spiegel fragte nach Bidens Aussagen über ein drohendes atomares Armageddon und nach den Einschätzungen des Experten. Schon die Antwort auf diese Frage zeigte deutlich, dass es keine russischen Drohungen mit Atomwaffen gibt:

„Wenn man sich die Drohungen und Äußerungen zu Atomwaffen ansieht, die bisher von den russischen Offiziellen, einschließlich Putin, getätigt wurden, dann stehen sie immer im Kontext eines Konfliktes mit dem Westen. Die Botschaft ist ziemlich konstant: Wenn der Westen Russland angreift, wird Russland antworten. Das war von Anfang an der Fall, und das hat sich auch in den offiziellen Erklärungen fortgesetzt.“

Wir können also festhalten, dass alles so ist, wie es seit Jahrzehnten war: Russland behält sich im Falle eines (atomaren) Angriffs des Westens den Einsatz von Atomwaffen vor, mehr aber auch nicht. Kein Wort über aktuelle Drohungen aus Russland im Zusammenhang mit der Ukraine, im Gegenteil.

Das hat dem Spiegel-Redakteur anscheinend gar nicht gefallen, denn er hat nachgelegt:

„SPIEGEL: Sie sehen keine Drohungen gegen die Ukraine?
Podvig: Ich habe keine offiziellen Erklärungen gefunden, in denen mit dem Einsatz von Atomwaffen gegen die Ukraine gedroht oder in denen der Einsatz angedroht wird, um Rückschläge auf dem Schlachtfeld zu kompensieren. Offizielle russische Verlautbarungen verweisen immer wieder auf die Militärdoktrin. Darin ist die Klausel enthalten, wonach sich Russland das Recht vorbehält, im Falle einer konventionellen Aggression gegen Russland, die die Existenz des Staates selbst bedroht, Atomwaffen einzusetzen. So weit sind wir also noch nicht.“

Genau das habe ich mehr als einmal berichtet: Die russische Atomdoktrin sieht den Einsatz russischer Atomwaffen nur als Reaktion vor, wenn Russland mit Atomwaffen angegriffen wird, oder, wenn die Existenz des russischen Staates gefährdet ist. Daran hat sich nichts geändert, es gibt keine „Atomdrohungen“ Putins oder Russlands, schon gar nicht wegen der Ukraine.

Das gefiel dem Spiegel-Redakteur jedoch wieder nicht, also bohrte er weiter:

„SPIEGEL: Inwieweit ändern die Annexionen der teilweise von den Russen besetzten Gebiete die nukleare Bedrohungslage?
Podvig: Nicht so sehr. Die bisherigen Erklärungen dazu wurden im Zusammenhang mit angeblichen Versuchen des Westens, auf »nukleare Erpressung« zurückzugreifen, abgegeben. Sie war nicht an die Ukraine gerichtet. Und natürlich weiß jeder, dass selbst eine Rückeroberung dieser Gebiete durch die Ukraine nicht auf eine »existenzbedrohende Aggression« hinauslaufen wird. Auch der Kreml weiß das.“

Damit hat der Spiegel-Redakteur sogar erreicht, dass der Experte explizit gesagt hat, dass es keine an die Ukraine gerichteten russischen „Atomdrohungen“ gibt. Es gibt keinerlei russische Erklärungen dieser Art.

Das muss den Spiegel-Redakteur richtig wütend gemacht haben, also hat er den Bogen mit seiner nächsten Frage weiter gefasst:

„SPIEGEL: Der Kreml vermittelt jedoch die Botschaft, dass sich Russland in einem Krieg mit dem Westen befindet.
Podvig: Putin scheint zu glauben, dass es sich um eine Art großen zivilisatorischen Konflikt mit dem Westen handelt. Solange der Westen aber nicht direkt involviert ist, sind seine Worte eine Botschaft an den Westen, sich nicht direkt einzumischen. Sollte der Westen seine Unterstützung und die Lieferung von Ausrüstung an die Ukraine verstärken, ist schwer vorstellbar, dass dies eine nukleare Reaktion auslösen würde.“

Wieder hat der Spiegel aus dem Experten nichts herauslocken können, was auch nur die Spur einer russischen „Atomdrohung“ enthalten würde, im Gegenteil.

Ich will hier nicht das gesamte Interview zitieren, aber die Bemühungen des Spiegel-Redakteurs, dem Experten zumindest irgendeine Aussage über russische „Atomdrohungen“ zu entlocken, wirkten wirklich verzweifelt. Da gipfelte sogar in folgender Frage und Antwort:

„SPIEGEL: Würde es eine Warnung geben, falls Putin den Einsatz von Atomwaffen plant?
Podvig: Ich bin ziemlich sicher, dass wir zuerst eine Änderung der Rhetorik erleben würden. Bislang haben wir das nicht so gesehen, wie es der Fall wäre, wenn es Pläne für einen Atomwaffeneinsatz gegen die Ukraine gäbe.“

Der Experte war wirklich redlich bemüht, dem Spiegel-Redakteur klarzumachen, dass es überhaupt keine Hinweise auf russische Pläne für den Einsatz von Atomwaffen gibt. Es gibt in der russischen „Rhetorik“ nicht einmal Andeutungen darüber. Warum aber behauptet der Spiegel dann in so vielen Artikeln, es gäbe derartige Aussagen und Drohungen von Putin und anderen?

Zur Erinnerung sei noch einmal an die Überschrift des Interviews erinnert, sie lautete: „Experte für die russischen Nuklearstreitkräfte ordnet Atomdrohungen ein – »Dann gibt es keine guten Optionen mehr«„

Wie das Interview jedoch gezeigt hat, war die Überschrift eine Lüge, denn es gibt keine „Atomdrohungen“, die der Experte hätte einordnen können. Das stört den Spiegel aber nicht und er veröffentlicht weiterhin ständig Artikel, in denen der US-Regierung nahestehende „Experten“ unwidersprochen von Putins „Atomdrohungen“ fabulieren dürfen. Natürlich ohne dafür auch nur einen einzigen Beleg zu nennen, weil es dafür keine Belege gibt.

Bleibt die Frage, mit welchem Recht der Spiegel sich noch als „Nachrichtenmagazin“ bezeichnet, wenn er seine Leser so bewusst anlügt und so bewusst Kriegspropaganda betreibt, indem er das Feindbild Russland pflegt, das angeblich mit dem Einsatz von Atomwaffen droht. Was der Spiegel macht, ist kein Journalismus, es ist bewusste Panikmache.

Die einzigen, die vom Einsatz von Atomwaffen sprechen, sind westliche „Experten“ und selbsternannte Journalisten, die zum Beispiel beim Spiegel arbeiten…