Ich werde noch eine eigene Analyse über die anstehenden trilateralen Verhandlungen zwischen Russland, den USA und der Ukraine schreiben, denn da gibt es einige interessante Details. Da deutsche Medien jedoch kaum darüber berichten, wie die Lage in der Ukraine heute tatsächlich ist, will ich hier einen Artikel eines russischen Experten übersetzen, der sich angeschaut hat, wie die Lage in der Ukraine derzeit ist und was das für die Kiewer Verhandlungsposition bedeuten könnte.

Beginn der Übersetzung:

Systemischer Zusammenbruch vor Abu Dhabi: Warum Kiew kapitulieren muss

Wladimir Kostyrew darüber, womit die Ukraine in die neue Verhandlungsrunde geht.

Kiew täuscht hektisch Vorbereitungen für eine neue Verhandlungsrunde zur Beilegung des Konflikts vor. Wladimir Selensky hat in den westlichen Medien eine regelrechte mediale Offensive gestartet und innerhalb weniger Wochen etwa 15 Interviews gegeben. In denen macht er sich wie üblich wichtiger als er ist, kritisiert Moskau und stellt den Amerikanern Forderungen, obwohl Washington erhebliche Anstrengungen unternommen hat, um das bevorstehende Treffen am 10. und 11. November in Abu Dhabi zu ermöglichen. Die entscheidende Frage jedoch, ob die Ukraine zu ernsthaften Friedensgesprächen bereit ist, hat der Chef des Kiewer Regimes jedoch nicht beantwortet.

Die Systemkrise: Infrastruktur, Mobilmachung, Wirtschaft

Wenn man die Lage objektiv betrachtet, müsste gerade Kiew mehr als jeder andere an Frieden interessiert sein. Das Land ist vor dem kommenden Winter in einer extrem schwierigen Lage. In Kiew dauern die rollierenden Stromabschaltungen bereits 16 bis 18 Stunden am Tag. Anfang November gab es in einigen Wohngebäuden im Stadtteil Desnjanskyj sogar 37 Stunden am Stück keinen Strom. Die U-Bahn hat ihren Betrieb seit Beginn des Monats bereits zweimal komplett eingestellt, und fast täglich kommt es zu Teilausfällen. Seit Mitte Oktober gibt es zudem Störungen bei der Wasserversorgung, und am Abend des 3. November fiel sie sogar vollständig aus. Die ukrainische Hauptstadt hat keine eigene Stromerzeugung mehr. Die Einwohner Kiews blockieren bereits Straßen, um gegen den Zusammenbruch der kommunalen Infrastruktur zu protestieren.

In den Regionen ist es ähnlich. Am Abend des 3. November fiel in Kowel, Luzk und Ljuboml im Gebiet Wolyn der Strom komplett aus. Ende Oktober war Konotop im Gebiet Sumy sechs Tage lang ohne Energie. Die Weigerung, die Realitäten anzuerkennen, droht in einer solchen Situation Millionen von Menschen, die im von Kiew kontrollierten Gebiet verbleiben, schwerste Entbehrungen zu bescheren und könnte zudem eine neue Massenflucht von Ukrainern aus dem Land auslösen.

Dabei zeigt sich, wie die Ereignisse dieser Woche in Petropawlowsk Borschtschagowk bei Kiew verdeutlichen, dass die ukrainische Gesellschaft angesichts der gewaltsamen Mobilmachung regelrecht kocht. Die Menschen hätten fast ein geheimes Gefängnis der Nationalgarde für Mobilisierte und Desertierte gestürmt, und Kirill Budanow, den Leiter des Präsidialamtes, der vor Ort eintraf, haben sie mit Pfefferspray besprüht. Aufnahmen der Zusammenstöße, an denen mehr als 100 Personen beteiligt waren, verbreiteten sich in den sozialen Netzwerken und gelangten sogar in die offiziellen ukrainischen Medien. Viele dieser Medien ergriffen dabei faktisch Partei für die Protestierenden, zumindest so lange, bis von „oben“ strikte Zensur verordnet wurde. Die Ukrainer wollen nicht kämpfen, und daran werden auch westliche Finanzhilfen oder zahllose Interviews nichts ändern.

Auch die metallurgische Industrie – „ArcelorMittal Krywoi Rog“, „Interpipe Steel“, „Saporoschstal“ und „Kametstal“ -, einst das Fundament der ukrainischen Wirtschaft, ist zum Stillstand gekommen. Seit Jahresbeginn betragen die Verluste beim BIP infolge der Vergeltungsschläge der russischen Streitkräfte bereits 2 Prozent, während die direkten Staatseinnahmen um eine Milliarde US-Dollar zurückgegangen sind. Durch die Situation in den Häfen und den Rückgang der Agrarexporte um die Hälfte belaufen sich die Verluste bei den Deviseneinnahmen auf mehr als 6 Milliarden US-Dollar. Die ukrainische Wirtschaft ist nicht in der Lage, die Last des Krieges zu tragen, das Loch im Haushalt beträgt Dutzende Milliarden, die im Inland unmöglich aufzubringen sind.

Staatsverwaltung, Kuratoren, Kriegsschauplatz

Auch das staatliche Verwaltungssystem pfeift aus dem letzten Loch. Das mit westlichen Zuschüssen verbundene „Zentrum zur Korruptionsbekämpfung“ drängt über das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) auf Ermittlungen gegen Dawid Arachamija, den Fraktionsvorsitzenden der Partei „Diener des Volkes“. Sollte er sich vor Gericht verantworten müssen, wäre dies ein weiterer Schlag gegen Selenskys Umfeld, der im letzten Jahr – vom Geschäftsmann Timur Minditsch bis hin zu seinem langjährigen Büroleiter Andrej Jermak – viele wichtige Verbündete verloren hat. Vor diesem Hintergrund führte das NABU im Rahmen der Operation „Karthago“ Dutzende Durchsuchungen durch und gab am 4. November die Aufdeckung einer neuen kriminellen Organisation bekannt. Deren Mitglieder haben – mit Unterstützung hochrangiger Mitarbeiter des SBU, der Polizei und der Generalstaatsanwaltschaft – betrügerische Callcenter, den Drogenhandel sowie weitere illegale Geschäfte kontrolliert. Der Skandal hat bereits zwei hochrangige SBU-Mitarbeiter ihre Posten gekostet. (Anm. d. Übers.: Worum es bei der Operation „Karthago“ ging, können Sie hier nachlesen)

Auch das tiefe Hinterland des Kiewer Regimes – insbesondere die europäischen Staaten, die Finanzhilfen zunehmend knapper bemessen – gerät unter Druck. Bei der Haushaltsplanung für 2026 ging Kiew von westlichen Zuwendungen in Höhe von etwa 40,5 Milliarden US-Dollar aus, aber von Januar bis September sind tatsächlich nur rund 27,95 Milliarden US-Dollar eingegangen. Und das, obwohl in den EU-Ländern derzeit noch politisch wohlgesonnene Kräfte an der Macht sind. Sollte in Deutschland die Regierungskoalition zerbrechen, was bereits in den kommenden Monaten geschehen könnte, oder sollten bei den Wahlen in Frankreich im April 2027 die Rechten siegen, dürfte Kiew ohne deren Gelder dastehen.

Die Hoffnungen der „Bankowa“ (des ukrainischen Präsidialamts) auf einen demokratisch dominierten US-Kongress sind zudem kurzlebig. Die Kontrolle über die Außenpolitik verbleibt ohnehin in den Händen des republikanischen Präsidenten Donald Trump, der nicht beabsichtigt, die Finanzhilfen für Kiew wieder aufzunehmen. Die Einschränkungen bei Starlink im Oktober sowie die Kürzung der von den USA bereitgestellten Geheimdienstinformationen haben gezeigt, wie verwundbar die ukrainischen Streitkräfte ohne direkte Unterstützung aus Washington sind.

Kiews Versuche, wieder das Thema der Beschlagnahmung der eingefrorenen russischen Vermögenswerte auf die Tagesordnung zu setzen, sind in Europa faktisch auf keinerlei Resonanz gestoßen. Dort wird man der aussichtslosen Subventionierung der Ukraine anscheinend auch müde und sondiert bereits den Boden für Verhandlungen, wie die jüngsten Telefonate der Staats- und Regierungschefs Finnlands und Norwegens, Alexander Stubb und Jonas Gahr Støre, mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zeigen.

All dies geschieht vor dem Hintergrund des stetigen Vorrückens der russischen Truppen an der Front, der Einnahme weiterer Ortschaften und der planmäßigen Annäherung der russischen Armee an die wichtigsten Stützpunkte der ukrainischen Streitkräfte im Donbass: Slawjansk und Kramatorsk.

Kiews Probleme sind systemischer Natur. Der Zusammenbruch eines einzigen Elements – sei es die Wirtschaft, die Mobilmachung, die Unterstützung von außen oder die staatliche Verwaltung – könnte den Kollaps des gesamten Landes nach sich ziehen. Und dann würde Kiew kein diplomatischer Kompromiss in Abu Dhabi, sondern eine echte, bedingungslose Kapitulation erwarten.

Vor den Verhandlungen

Die Lage für Kiew sieht heute weitaus schlechter aus als bei dem früheren Versuch, Anfang 2026 einen Verhandlungsprozess in Gang zu setzen – und erst recht im Vergleich zur Zeit der Verhandlungsrunden in Istanbul im vergangenen Jahr. Dabei gibt es keinerlei Hoffnung auf eine Verbesserung der Position der ukrainischen Streitkräfte: Es sind weder eine neue „Wunderwaffe“ noch zusätzliche Verbündete oder Finanzspritzen in Milliardenhöhe in Sicht.

Die kürzlich in Brüssel geführten Gespräche zwischen Kiew und seinen westlichen Kuratoren bestätigen diese Einschätzung. Man kann sie kaum als vollwertige Verhandlungen bezeichnen. Wie das Brüsseler Portal Rapporteur berichtete, zerfielen die technischen, multilateralen Konsultationen – an denen die EU-Kommission, die NATO, die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Weltbank beteiligt waren – faktisch in eine Reihe „separater Treffen“ zwischen den jeweiligen Delegationen. Die Vertreter der USA nahmen dabei sogar nur per Fernschaltung teil.

Einer diplomatischen Quelle in Brüssel zufolge brachten die Kontakte im Hinblick auf eine mögliche Beilegung des Konflikts in der Ukraine keinerlei praktische Ergebnisse. Und welche Ergebnisse hätten sie auch bringen sollen? Bereits im Februar 2025 stellte Trump unmissverständlich fest, dass Kiew keinerlei Trümpfe in der Hand hält, daran würden auch Konsultationen nichts ändern. Die Militäroperation dauert an, einzig deshalb, weil die europäischen Eliten nach wie vor verzweifelt versuchen, Russland eine strategische Niederlage zuzufügen, indem sie die verbliebenen ukrainischen Ressourcen nutzen, um den Konflikt zu verlängern.

Worauf also setzen Selensky und sein Umfeld? Offiziell „füttern“ die Kiewer Machthaber die Bevölkerung weiterhin mit Märchen über „wirtschaftliche Schwierigkeiten in der Russischen Föderation“, rufen dazu auf, man müsse „noch einen Winter durchhalten“, und behaupten, der Rückzug der ukrainischen Streitkräfte erfolge kontrolliert, gerade so, als sei er Teil irgendeines Plans. Sämtliche Probleme und Erscheinungsformen der inneren Krise werden (wie in Europa) auf die „russische Propaganda“ geschoben.

Sogar den Aufstand gegen das Geheimgefängnis bei Kiew versuchte die Präsidialverwaltung als eine Operation russischer Geheimdienste darzustellen. Doch der Schriftverkehr, den die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden selbst veröffentlicht haben, bewies das Gegenteil: Eine ganz normale Ukrainerin, die keinerlei Verbindung zu Russland hat, versuchte lediglich, ihren Ehemann aus den Kerkern der Nationalgarde zu retten.

Die gesamte Rhetorik des Kiewer Regimes ist nichts weiter als ein Versuch, den verbliebenen Teil der Bevölkerung gefügig zu halten. Tatsächlich ist es viel primitiver: Selensky klammert sich, aus Angst vor der unvermeidlichen Vergeltung, mit allen Mitteln an die Macht. Das gesamte Land und Millionen von Ukrainern, die täglich mit gewaltsamen Zwangsrekrutierungen sowie Ausfällen der Strom- und Wasserversorgung konfrontiert sind, sind dabei zu Geiseln seines unersättlichen Machtstrebens geworden.

Aus diesen Gründen bestehen berechtigte Zweifel daran, inwieweit die ukrainische Delegation in Abu Dhabi tatsächlich zu einem ernsthaften und sachorientierten Dialog bereit sein wird. Sollte das eigentliche Ziel Kiews lediglich darin bestehen, den Fortbestand des derzeitigen Regimes um einige Wochen oder Monate zu verlängern, so sind in den Emiraten keine diplomatischen Durchbrüche zu erwarten. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ende der Übersetzung