Was der Angriff der USA auf Venezuela für den Nahen Osten bedeuten könnte
Der US-Angriff auf Venezuela hat der ganzen Welt gezeigt, dass die USA sich nicht einmal mehr zum Schein um irgendein Völkerrecht scheren, was auch für den Rest der Welt, und insbesondere für den Nahen Osten, Folgen haben wird.
Der US-Angriff auf Venezuela hat Schockwellen um die ganze Welt geschickt, aber in Europa ist man, vor allem wegen Trumps Ambitionen auf Grönland, mit den Folgen für sich selbst beschäftigt, und denkt nicht darüber nach, was das für andere Regionen der Welt, vor allem für den Nahen Osten, haben könnte.
Über diese Frage habe ich auf der amerikanischen, Israel-kritischen Seite Mondoweiss eine sehr interessante Analyse gefunden, die ich übersetzt habe. Für Mondoweiss schreiben renommierte Autoren, auch wenn die Seite wegen ihrer kritischen Positionen zu Israel in Deutschland nicht vielen bekannt ist und von deutschen Medien sicher nicht als Quelle für fundierte Analysen angesehen wird. Ich teile zwar nicht alle Schlussfolgerungen, zu denen der Autor in diesem Artikel kommt, finde den Artikel aber dennoch interessant.
Beginn der Übersetzung:
Was der Angriff der USA auf Venezuela für den Nahen Osten bedeutet
Nach der Invasion Venezuelas durch die USA fragen sich Länder auf der ganzen Welt, was das für sie bedeutet. Für Israel könnte es eine Gelegenheit für einen weiteren Konflikt mit dem Libanon oder Iran bedeuten, auf den Netanjahu hingearbeitet hat.
von Mitchell Plitnick | Modoweiss
Nach der Invasion Venezuelas durch die USA fragen sich Länder auf der ganzen Welt, was das für sie bedeutet.
Sicherlich beziehen sich die unmittelbarsten Fragen auf Venezuela selbst und andere lateinamerikanische Länder, insbesondere Kolumbien, Mexiko und Kuba. Aber die US-amerikanische Aggression wird Auswirkungen auf den Rest der Welt haben, und der Nahe Osten bildet hier keine Ausnahme.
Während Israel seine Freude über die US-Aktion kaum verbergen konnte und der Iran sie ziemlich nervös verurteilte, blieben die meisten Staatsführer der Region still. Aber dieses Schweigen sollte nicht als Gleichgültigkeit verstanden werden. Jedes Land in der Region weiß, dass diese Aktion und alles, was ihr folgen wird, tiefgreifende Auswirkungen auf die ganze Welt haben werden, eine Welt, die jetzt noch gesetzloser ist als zuvor.
Die US-Strategie
Um die Auswirkungen für Länder des Nahen Ostens zu verstehen, insbesondere für Israel, Palästina, Iran und Libanon, müssen wir zunächst die US-Strategie — oder deren Fehlen — in dieser Aktion verstehen.
Zum Zeitpunkt, als ich dies schreibe, hat sich in Venezuela tatsächlich wenig verändert. Während Maduro und seine Frau entführt und zu einem Scheinprozess in die USA gebracht wurden, führt die Regierung von Maduro weiterhin die Angelegenheiten Venezuelas. Trump kann zwar behaupten, die USA würden das Land führen, aber das ist nicht die Wahrheit.
Die USA haben die Oppositionsführerin und unverdiente Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado trotz ihres wiederholten Kniefalls vor Donald Trump fallen gelassen. Um Machado als Präsidentin einzusetzen, hätten die USA die ganze Regierung stürzen müssen, was eine längere Militäroperation und wahrscheinlich eine Besatzung des Landes bedeutet hätte, um Machado zu schützen. Doch dieses Fallenlassen sendet eine Botschaft an potenzielle Kollaborateure in anderen Ländern: Die USA sind kein verlässlicher Mitverschwörer.
Trump startete diesen Angriff im Einklang mit der Nationalen Sicherheitsstrategie, die seine Regierung im November vergangenen Jahres veröffentlicht hat. Die Nationale Sicherheitsstrategie verkündet kühn eine extreme Wiederbelebung der Monroe-Doktrin, deutet eine Rückkehr zur Idee von Einflusszonen mächtiger Staaten an und beansprucht US-amerikanische Dominanz über die gesamte westliche Hemisphäre. Die Invasion Venezuelas ist ein dramatischer Schritt in diese Richtung.
Die Implikation der Idee von „Einflusszonen“, wie sie in der Nationalen Sicherheitsstrategie ausgedrückt wird, wird durch den überwältigenden Fokus auf die westliche Hemisphäre im Dokument verstärkt. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass insbesondere China auf dieser Seite der Welt unerwünscht ist, dass aber die Einrichtung seiner eigenen Einflusszone respektiert wird. Dasselbe würde auch für Europa, Russland und andere Länder gelten, die genug Macht haben, um so einen Einfluss auszuüben. Das ist die Denkweise, die der Nationalen Sicherheitsstrategie zu Grunde liegt.
Natürlich ist das keine starre Doktrin. Sollte Trump oder sein Nachfolger US-Interessen auf der anderen Seite der Welt sehen, werden sie sicherlich entsprechend handeln. Es geht hier nicht um Prinzipienfragen oder darum, ob ihnen der Vorwurf der Heuchelei etwas ausmacht..
Offensichtlich ist das der Punkt, an dem der Nahe Osten ins Spiel kommt. Sowohl Trumps persönliche Interessen als auch die globalen wirtschaftlichen und strategischen Interessen der USA sind tief im Nahen Osten verankert. Die USA unter Trump werden die Region also nicht einfach ignorieren.
Zugleich ist es jedoch unwahrscheinlich, dass man das Risiko eingehen wird, in langwierige Engagements in der Region hineingezogen zu werden. Der kurze aber heftige Angriff auf den Iran, den Trump letzten Juni lancierte, entsprach eher dem, was wahrscheinlich die Grenzen militärischer Einsätze darstellen werden, die Trump so weit von den US-Küsten entfernt führen möchte — und selbst das wäre etwas, das er gerne vermeiden würde.
Und genau da kommt Israel ins Spiel.
Israel
Benjamin Netanjahu gratulierte Donald Trump umgehend zu dessen offenkundig illegaler Aktion in Venezuela, weil er darin einen Vorteil für die Ambitionen seines eigenen Landes erkannte.
„Ich muss sagen, dass wir derzeit in ganz Lateinamerika eine Transformation sehen, in der mehrere Länder zur US-amerikanischen Achse zurückkehren und, wenig überraschend, auch zu einer Verbindung mit dem Staat Israel“, sagte er bei einer Kabinettssitzung am Sonntag. „Wir begrüßen das.“
Netanjahu war etwas voreilig in seiner Freude. Die Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas (PSUV) bleibt an der Macht und ihre Entfremdung von Israel bleibt bestehen. Interimspräsidentin Delcy Rodriguez hat keine Neigung gezeigt, die Haltung des Landes gegenüber Israel zu ändern, und sogar angedeutet, wenn auch ohne Beweise, die US-Operation habe „zionistische Untertöne“. Das hatte sie nicht und Rodriguez hat die Anschuldigung auch nicht weiter verfolgt.
Während eines der traditionellen Merkmale lateinamerikanischer Länder, die politisch nach rechts rücken, die Übernahme radikal pro-israelischer Rhetorik gewesen ist — manchmal sogar provokativ durch die Verlegung von Botschaften nach Jerusalem —, haben solche demonstrativen Gesten wenig an greifbarem Nutzen für Israel gebracht.
Manche kommentierten, Venezuela sei ein Schlüsselverbündeter des Iran und die Hisbollah habe das venezolanische Finanzsystem genutzt, um Geld zu waschen. Aber das sind derzeit mindere Erwägungen. Die Hisbollah wird, wenn sie das will, andere Wege zur Geldwäsche finden, und die iranischen Verbindungen zu Venezuela, obwohl real, sind nur ein kleines taktisches Thema, insbesondere angesichts der geschwächten Lage beider Länder im Jahr 2026.
Aber da Trumps Amerika sein absteigendes Imperium auf seiner eigenen Seite des Planeten konsolidiert, wird es Israel mehr denn je brauchen, um der „Polizist auf Streife“ zu sein.
Trump hofft, dass der „Waffenstillstand“ in Gaza den Großteil des palästinensischen Widerstands beseitigen wird, sodass nur wenige kleine bewaffnete Gruppen übrig bleiben. Das ist eine vergebliche Hoffnung, aber sie entspricht dem, was wohl Washingtons Strategie in dem falschen Waffenstillstand und seiner Gleichgültigkeit gegenüber Israels Aktionen im Westjordanland ist.
Das Design des sogenannten „Friedensplans“ für Gaza zielt darauf ab, den palästinensischen Widerstand zu brechen und ein palästinensisches Rumpfgebilde zu schaffen, ob man es nun „Staat“ nennt oder nicht, und dann ein Bündnis zwischen Israel und Saudi-Arabien zu festigen, das zusammen mit der Unterstützung Ägyptens, der Vereinigten Arabischen Emirate und möglicherweise der Türkei die US-amerikanischen Interessen in der Region ohne direkte US-Militärpräsenz sichern kann.
Die Tatsache, dass dieser Plan unrealistisch ist, bedeutet für Trump oder Netanjahu wenig. Trump glaubt wahrscheinlich, dass er funktionieren kann, und Netanjahu sieht darin eine Gelegenheit, Israel in einem permanenten Kriegszustand zu halten, die Rechte der Palästinenser weitgehend zu unterdrücken und seine eigene politische Position zu halten.
Palästina
Für die Palästinenser bedeutet die US-amerikanische Aktion in Venezuela, dass sich für sie direkt wenig ändern wird, aber die ideologischen und langfristigen Implikationen könnten bedeutend sein. Palästinensische Fraktionen gehörten zu den wenigen Stimmen in der arabischen Welt, die die US-amerikanische Aktion sofort verurteilten und Venezuela ihre Unterstützung aussprachen. Sie hatten dafür gute Gründe jenseits der ethischen und rechtlichen Fragen.
Ein System von „Macht bedeutet Recht“ ist offensichtlich nicht förderlich für revolutionäre Bewegungen für Freiheit und Gerechtigkeit. Ein solches System stärkt nur unterdrückerische Strukturen, die Freiheit und Menschenrechte verweigern. Darüber hinaus beseitigt das Nachgeben Europas und der Demokraten — der angeblichen Hüter der „regelbasierten Ordnung“ — praktisch die letzten Hoffnungen, dass irgendeine Form der internationalen Ordnung Israels Verhalten stoppen oder zumindest abschrecken könnte.
Während die USA und Israel das internationale System immer dann angegriffen und untergraben haben, wenn das ihren Zwecken diente, begann die vollständige Zerstörung dieses Systems ernsthaft mit Israels Völkermord in Gaza und erreicht wahrscheinlich mit der US-Aggression in Lateinamerika ihren Höhepunkt.
Doch es gibt auch etwas Hoffnung in dem Versuch, Venezuela durch dreisteste Schikane zu unterwerfen. Die USA hatten keinen Appetit für eine große, langwierige Operation zur Ablösung der venezolanischen Regierung. Stattdessen haben sie sich darauf verlegt, Venezuelas Präsidenten zu entführen und von seiner Nachfolgerin durch Drohungen zu bekommen, was sie verlangen. Das ist kein effizienter oder wirksamer Weg ein Imperium auszubauen, und er wird nicht erfolgreich sein. So düster die derzeitige Lage aussieht, die Palästinenser können dennoch Hoffnung daraus schöpfen, dass die Schikanen sowohl der USA als auch Israels ein Zeichen von Schwäche und imperialem Niedergang sind, nicht von Stärke.
Es ist ein Zeichen düsterer Tage, aber auch von Hoffnung für die Zukunft.
Iran und Libanon
Vor der US-Invasion Venezuelas bat Netanjahu Trump um dessen Zustimmung für eine großangelegte Operation im Libanon. Trump wiederum drohte, den Iran anzugreifen, um „die Demonstranten zu verteidigen“, die in Protesten der Regierung forderten, mehr zu tun, um die wirtschaftliche Krise des Landes zu beenden.
Trump gab Israel öffentlich grünes Licht, den Libanon erneut zu überfallen, sagte aber Berichten zufolge auch zu Netanjahu, er solle noch etwas warten — angeblich, um der libanesischen Regierung ein wenig mehr Zeit zu geben und um sich selbst mehr Deckung zu verschaffen, um seinen falschen „Waffenstillstand“ in Gaza in die zweite Phase zu bringen.
Während Israel seit dem dort verhängten „Waffenstillstand“ weiterhin sporadisch Luftangriffe auf den Libanon durchführt, ist dieser Plan für eine Invasion gedacht und wird wahrscheinlich in den kommenden Wochen oder sogar Tagen Realität. Trump ist weniger geneigt, seine Drohung gegen Iran umzusetzen, aber wenn er ernsthaft daran interessiert ist, das US-Militär in der westlichen Hemisphäre zu verstärken, macht das einen israelischen Angriff nahezu sicher.
Wir können die Vorstellung mühelos zurückweisen, dass irgendein Wunsch besteht, den Demonstranten im Iran zu helfen. Diese Proteste waren spontan und es gibt keine organisierte Bewegung dahinter, die die Regierung stürzen will. Sie sind weit stärker in der Arbeiterklasse und unter Kleinunternehmern entsprungen als frühere, die von Eliten angeführt wurden.
Diese Proteste könnten zu einer realen Bedrohung werden, und die iranische Regierung scheint das zu erkennen, weshalb sie deutlich entgegenkommender reagiert hat als in der Vergangenheit. Dennoch ist die Reaktion der Regierung zunehmend gewaltsamer geworden, je länger die Proteste andauern, weshalb es sich lohnt zu beobachten, wohin das führt.
Das Problem für Netanjahu ist, dass selbst wenn diese Protestler die Islamische Republik stürzen würden, sich Irans Haltung gegenüber Israel nicht ändern würde. Zwar sind manche im Iran sicherlich nicht einverstanden damit, wie viele Ressourcen die iranische Regierung für regionale Angelegenheiten und die Konfrontation mit Israel aufgewendet hat, aber selbst in diesen Schichten der Bevölkerung gibt es wenig Sympathie für den israelischen Staat.
Das unterscheidet sich etwas von der Haltung gegenüber den USA, obwohl die US-Regierung, insbesondere die Trump-Administration, nicht beliebt ist. Dennoch wird ein Krieg mit einem Regimewechsel als Ziel, wie ihn sich viele in Israel und Washington wünschen, nicht das Ergebnis bringen, das die Falken sich ausmalen. Netanjahu selbst will regionale Bedrohungen nicht beseitigen. Sie halten ihn an der Macht. Daher ist er begierig darauf, den Iran erneut anzugreifen. Die Islamische Republik zwar an der Macht zu halten, aber sie zu einem zahnlosen Löwen zu reduzieren, ist für ihn der ideale Zustand.
Trump ist eher geneigt, einen Regimewechsel in Teheran zu sehen, und hat klar gemacht, dass der Iran im Fadenkreuz steht. Ironischerweise spiegelt das sowohl die Einflüsterungen von Netanjahu ins Ohr des US-Präsidenten von Ende 2025 als auch die verstärkte Präsenz von Falken wie Lindsey Graham in Trumps Umfeld wider. Ein US-Angriff auf den Iran passt nicht gut in das Schema, ganz Lateinamerika zu kontrollieren und China zu verdrängen. Aber ein israelischer Angriff passt hinein — und daher ist es wahrscheinlich das, was kommen wird.
Netanjahu hat gewarnt, dass Iran seine Verteidigungen wieder aufbaut. Die Frage von Irans nuklearen Fähigkeiten ist derzeit ein noch stärkeres Angstszenario als zuvor. Selbst wenn der Iran versucht, seine nuklearen Kapazitäten wieder aufzubauen, was derzeit unklar ist, würde das Jahre dauern.
Die eigene Luftverteidigung und Raketenfähigkeiten wieder aufzubauen ist hingegen ein einfacherer Prozess. In den fast sieben Monaten seit den US-amerikanischen und israelischen Angriffen auf den Iran hat die Islamische Republik wahrscheinlich damit begonnen, ihre Verteidigungsfähigkeit wieder aufzubauen. Aber sie ist sicher immer noch sehr verwundbar gegenüber einem erneuten Angriff, insbesondere wenn der israelische Geheimdienst sein umfangreiches Netzwerk innerhalb des Landes aufrecht erhalten hat.
Aggressionen, wie sie nun sowohl im Libanon als auch im Iran wahrscheinlich bevorstehen, waren für die USA und Israel bereits zuvor relativ einfache Angelegenheiten. Aber nache der Invasion Venezuelas hat sich die Straflosigkeit, mit der sie durchgeführt werden können, spürbar ausgeweitet — besonders angesichts der schwachen Reaktionen aus Europa und von den US-Demokraten.
In der Tat, angesichts der Sorgen Europas darüber, dass die USA möglicherweise Grönland für sich beanspruchen könnten, und der schwindenden Unterstützung aus Washington für Hilfe an die Ukraine, ist es unwahrscheinlich, dass Europa überhaupt politische Energie für Angriffe auf den Libanon oder Iran aufwendet — geschweige denn auf Palästina. Israel und die USA waren noch nie freier, Chaos anzurichten.
_____________
Mitchell Plitnick ist Präsident von ReThinking Foreign Policy. Er war zuvor unter anderem Vizepräsident der Stiftung für Frieden im Nahen Osten, Direktor des US-Büros von B’Tselem und Co-Direktor der Jüdische Stimme für den Frieden.
Ende der Übersetzung
Kommentare werden geladen...