Was hatte Skripal mit dem Steele-Dossier zu tun?
Das Steele-Dossier, in dem Donald Trump vorgeworfen wurde, russische Geheimdienste hätten ihn in der Hand, war bekanntlich eine Fälschung. Interessant ist, dass der angeblich mit Nowitschok vergiftete Skripal mit der Firma zusammengearbeitet hat, die das Steele-Dossier erstellt hat.
Auf diese Tatsache bin ich nur durch Zufall gestoßen, als ich vor einigen Tagen die Kommentare unter der letzten Tacheles-Sendung überflogen habe. Ein Kommentator hatte darauf hingewiesen, dass Sergej Skripal mit der privaten britischen Geheimdienstfirma Fusion GPS Orbis Business Intelligence zusammengearbeitet habe, die das Steele-Dossier erstellt hat. Es ist mir fast schon peinlich, aber das war mir bisher entgangen.
Ich werde hier die Chronologie der Ereignisse aufführen, damit verständlich wird, worum es dabei geht.
Im Juni 2016 beauftragte der Wahlkampfstab von Hillary Clinton Fusion GPS Orbis Business Intelligence, ein privates britisches Nachrichtendienstunternehmen, mit der Untersuchung von Verbindungen zwischen Trump und Russland. Der Mitbegründer von Orbis, Christopher Steele, ein pensionierter britischer MI6-Offizier mit Kenntnissen in russischen Angelegenheiten, wurde Unterauftragnehmer für diesen Auftrag. Vor seiner Arbeit an dem Dossier über angebliche Verbindungen zwischen Trump und Russland war Steele übrigens ein bezahlter Informant für das FBI.
Das Wahlkampfteam von Clinton hat sich alle Mühe gegeben, Spuren zu vermeiden, indem es keine direkten Kontakte zu Steele hatte, sondern den Auftrag über zwischengeschaltete Firmen laufen ließ. Das Wahlkampfteam von Clinton ließ sich die „Nachforschungen“ einiges kosten, denn insgesamt bezahlte das Clinton-Team dafür 1,02 Millionen Dollar an eine US-Firma. Das Ergebnis war das später sogenannte „Steele-Dossier“.
Das „Steele-Dossier“ enthielt Geschichten, die Trump als von Moskau kontrolliert darstellten. Nachdem in den USA kurz nach Trumps Wahlsieg 2016 hinter den Kulissen Gerüchte über das Dossier auftauchten, wurde es am 10. Januar 2017 öffentlich. Die „Zeit“ berichtete später darüber:
„Steele hat in Russland ein Netz an Kontakten, die sich für ihn umhören. (…) Den ersten Bericht schickte er im Juni 2016 nicht digital, sondern per FedEx. Darüber stand: „Company Intelligence Report 2016/080“. Der erste Satz: „Das russische Regime hat Trump in den vergangenen 5 Jahren gepflegt, unterstützt und ihm assistiert.“ Ziel von Putin sei es, die westliche Allianz zu schwächen – und Putin könnte Trump in der Hand haben.
Es folgte die etwas sperrig formulierte Stelle mit dem Video: „Laut Quelle D (…) beinhaltete Trumps (pervertiertes) Verhalten in Moskau das Mieten der Präsidenten-Suite im Ritz Carlton Hotel, wo Präsident und Mrs. OBAMA (die er hasst) (…) übernachtet haben, um das Bett, in dem diese geschlafen haben, zu entweihen, indem mehrere Prostituierte vor ihm eine ›Golden Shower‹ aufführten (Urinieren). Es ist bekannt, dass das Hotel vom Geheimdienst FSB kontrolliert wird und es in allen Zimmern Mikrofone und Kameras gibt und man alles filmen kann.“
Steele schickte mehr als ein Dutzend weitere Berichte, in denen er aufschrieb, was ihm die Quellen mitgeteilt hatten: Einige russische Unternehmer würden Putin in US-Angelegenheiten beraten. Die Trump-Mitarbeiter Michael Cohen, Paul Manafort und Carter Page pflegten enge Kontakte zu russischen Regierungsmitarbeitern. Hacker hätten im Auftrag des Kreml die E-Mails der Demokraten und der Rivalin Hillary Clinton gehackt.“
Steele lieferte – bestellt von Clintons Team – genau das, was Clintons Team haben wollte: Trump stehe unter Kontrolle des Kremls, der russische Geheimdienst habe Trump in der Hand, weil er kompromittierendes Material über Trump habe, die Russen hätten sowohl den Server der Demokraten als auch Clintons Mails gehackt, die Russen seien also Schuld an allen Email-Skandalen der Demokraten und von Clinton selbst. Und so weiter und so fort. Vor allem die schlüpfrigen Details über Trump und russische Prostituierte, die angeblich auf Video festgehalten seien, haben den Medien eine Menge Freude bereitet und wurden breit diskutiert.
Dass das Dossier der Fantasie von Christopher Steele entsprungen war, wurde recht schnell offensichtlich. Allerdings haben die Medien darüber kaum berichtet. Dass die US-Demokraten das Dossier bestellt hatten, wurde Anfang November 2017 bekannt. Die Demokraten zahlten der US-Anwaltskanzlei Perkins Coie 1,02 Millionen Dollar und von dem Geld flossen 168.000 Dollar an Steele.
All das war spätestens Anfang November 2017 bekannt.
Am 21. November 2017 berichtete der britische Telegraph, dass der MI6 hinter den Kulissen versuchte, Trump von weiteren Veröffentlichungen über die Geschichte abzubringen. Der MI6 fürchtete angeblich um die Sicherheit seiner Quellen, was angesichts der Tatsache, dass es zu der Geschichte keine Quellen gab, sondern nur die von dem ehemaligen MI6-Agenten Christopher Steele erfundene Geschichte, keine sehr glaubwürdige Begründung war.
Der Telegraph behauptete in seinem Artikel, mit „über einem Dutzend Offizieller der USA und Großbritanniens“ gesprochen zu haben, die ihre Besorgnis ausgedrückt hätten, politisch sei das Ganze so heikel, dass die Mitarbeiter der britischen Botschaft in Washington einen Maulkorb bekommen haben und über dieses Thema nicht mit der Presse sprechen dürfen. Für Großbritannien wäre die Sache zur Unzeit bekannt geworden, denn London wollte damals vor dem Hintergrund des Brexit die Bande zu den USA enger knüpfen, was aber unter Präsident Trump hätte schwer werden können, wenn die Geschichte allzu viele Schlagzeilen gemacht hätte. Also verschwand sie schnell wieder aus den Medien.
Am 4. März 2018, fast auf den Tag vier Monate, nachdem die Zahlungen der US-Demokraten an die Firma von Steele bekannt wurden, wurde der ehemalige russische Agent Sergej Skripal, der für Großbritannien spioniert hat und dafür in Russland zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und dann 2010 ausgetauscht wurde, zusammen mit seiner Tochter bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury gefunden.
London verbreitete daraufhin die Geschichte, die Skripals seien von russischen Agenten mit dem chemischen Kampfstoff Nowitschok vergiftet worden, das angeblich auf der Türklinke der Skripals gefunden wurde. Die Skripals seien beim Verlassen des Hauses mit dem Kampfstoff in Berührung gekommen, dann Essen gegangen und nach dem Restaurantbesuch ohnmächtig geworden.
Dass die Geschichte Unsinn war, war Experten sofort klar, denn Nowitschok wirkt sofort, und nicht mit minuten- oder gar stundenlanger Verzögerung. Solche Details stören aber die westlichen Medien nicht, die die Geschichte bis heute so erzählen.
Drei Tage nach der angeblichen Vergiftung der Skripals berichtete der britische Telegraph, dass Skripal seit 2010 enge Kontakte zu einem Mitarbeiter von Fusion GPS Orbis Business Intelligence hatte. Skripal hatte in England als Berater für die Firma gearbeitet.
Seit der angeblichen Vergiftung sind die Skripals verschwunden und London lässt keinen Kontakt zu ihnen zu.
Soweit die Fakten.
Nun wird es spekulativ. Es liegt nahe, anzunehmen, dass Skripal Steele bei der Ausarbeitung des Steele-Dossiers geholfen hat, denn um die Erzählungen über Russland überzeugender zu machen, dürfte Steele sich mit Skripal beraten haben. In meinen Augen ist es kaum vorstellbar, dass Steele für 168.000 Dollar ein Papier über Ereignisse in Russland zusammenschreibt, ohne den Russen Skripal, der als Berater für seine Firma arbeitet, um Rat zu fragen.
Die Frage ist, warum die Briten Skripal verschwinden ließen. Es gab unbestätigte Gerüchte, dass Skripal mit Moskau Kontakt aufgenommen hatte, weil er zurück nach Russland wollte. Das sind Gerüchte, aber wenn da etwas dran sein sollte, wäre das ein Motiv für den britischen Geheimdienst gewesen, Skripal aus dem Verkehr zu ziehen, denn hätte der 2017 oder 2018 in Russland öffentlich von dem erzählt, was er darüber wusste, wie „Russiagate“ erfunden wurde, wäre das für den britischen Geheimdienst und auch andere mächtige Akteure in den USA wahrscheinlich sehr peinlich geworden. In den USA hielten die Medien und die US-Demokraten Präsident Trump schließlich mit “Russiagate” beschäftigt, da wäre ein Zeuge, der – vielleicht noch mit Originaldokumenten – Details dazu erzählt, wirklich sehr störend gewesen.
Das ist wie gesagt Spekulation, aber man sollte sich die Skripal-Geschichte unter diesem Aspekt noch einmal anschauen und sie auch genauer mit den Ereignissen der Aufdeckung von „Russiagate“ abgleichen.
Für die US-Demokraten ist die Geschichte übrigens glimpflich ausgegangen. Ihnen wurden die genannten Zahlungen als Verschleierung der Verwendung von Wahlkampfgeldern ausgelegt und im März 2020 wurden die Demokratische Partei und das Clinton-Team deshalb zu Geldstrafen verurteilt: Der DNC musste 105.000 Dollar Strafe zahlen, der Wahlkampfstab von Clinton immerhin 8.000 Dollar.
Auch Steele musste später für seine Lügen zahlen, denn zwei russische Geschäftsleute, die er in seinem Fantasie-Dossier erwähnt hatte, verklagten ihn in London wegen Rufschädigung und bekamen Recht. Im Juli 2020 hat ein britisches Gericht Steeles Firma Orbis zu Schmerzensgeldzahlungen in Höhe von 18.000 Pfund an jeden der beiden russischen Geschäftsleute verurteilt.
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