Warum ein NATO-Beitritt Österreichs ein Rechtsbruch wäre
In Österreich fordern einige Politiker den NATO-Beitritt des Landes, was in Russland kritisiert wird, weil das ein weiteres Mal zeigen würde, dass der Westen sich nicht an internationale Verträge hält. Neben anderen Folgen könnte der Schritt daher auch künftige Verhandlungen zwischen dem Westen und Russland erschweren.
In Russland sind die Diskussionen in Österreich über einen NATO-Beitritt des Landes ein großes Thema. RT-DE hat die Übersetzung eines langen Artikels veröffentlicht, den der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates Dmitri Medwedew dazu geschrieben hat. Ich werde den Artikel am Ende meines Artikels zur Kenntnis komplett veröffentlichen.
Vorher will ich aber kurz erklären, warum die Idee eines NATO-Beitritts von Österreich in Russland so viel Aufsehen erregt, denn de facto würde ein NATO-Beitritt des kleinen Landes Österreich, das recht weit von den russischen Grenzen entfernt ist, am militärischen Potenzial der NATO kaum etwas ändern.
„Immerwährende Neutralität“
Nach dem Krieg war Österreich, wie auch Deutschland, in Besatzungszonen aufgeteilt. Die Sowjetunion machte Deutschland und Österreich nach dem Krieg das Angebot, als neutrale Staaten souverän zu werden, was auch den Abzug der Besatzungsmächte einbezog. Deutschland hätte also schon kurz nach dem Krieg als souveräner und neutraler Staat wiedervereinigt werden können. Aber Bundeskanzler Adenauer war dagegen.
In Österreich nahm man dieses Angebot hingegen 1955 an und Österreich verpflichtete sich völkerrechtlich zu „immerwährender Neutralität“, wie es genannt wurde. Österreich verpflichtete sich, „immerwährend eine Neutralität der Art zu üben, wie sie von der Schweiz gehandhabt wird“. Das war die Bedingung der Sowjetunion für die Entlassung Österreichs in die Souveränität und wurde im sogenannten Moskauer Memorandum festgeschrieben. Österreich setzte das um und schrieb nach dem Abzug der Besatzungstruppen Ende 1955 die Verpflichtung zu „immerwährenden Neutralität“ in seine Verfassung.
Wenn Österreich nun der NATO beitreten würde, wäre das die Verletzung einer völkerrechtlich gegebenen Zusage, was de jure sogar Österreichs Staatlichkeit in Frage stellen könnte.
Beispiele für Vertragsbrüche des Westens
Dass der Westen internationale Verträge oft nicht einhält, ist nicht neu, wie ich an einigen Beispielen aufzeigen will.
In den Artikeln 1 und 2 des Atomwaffensperrvertrages heißt es unmissverständlich, dass ein „Kernwaffenstaat“ sich verpflichtet, Atomwaffen nicht „unmittelbar oder mittelbar“ an Nicht-Kernwaffenstaaten weiterzugeben. Und Nicht-Kernwaffenstaaten verpflichten sich darin, Atomwaffen „von niemandem unmittelbar oder mittelbar anzunehmen“. Dagegen verstößt der Westen mit der sogenannten „atomaren Teilhabe“, die vorsieht, dass die USA ihre Atomwaffen beispielsweise an die Bundeswehr weitergeben, damit deutsche Bomber sie im Krieg einsetzen. Das wird auch jährlich bei NATO-Manövern geübt – und ist ein klarer Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag.
In der NATO-Russland-Grundakte von 1997 verpflichtet sich NATO die unter anderem dazu, keine Soldaten dauerhaft in den osteuropäischen NATO-Ländern zu stationieren. Das war eine der Bedingungen, unter denen Russland sich mit der NATO-Osterweiterung abzufinden bereit war. Dagegen verstößt die NATO seit über zehn Jahren vollkommen offen, indem sie immer mehr neue Soldaten in Osteuropa stationiert, die US-Raketenabwehr in Polen und Rumänien aufgebaut hat und indem in Rumänien gerade die größte Truppenbasis der NATO gebaut wird. Aber die NATO-Russland-Grundakte ist immer noch in Kraft – auch hier verstößt der Westen gegen offen einen internationalen Vertrag.
Das Abkommen von Minsk wurde durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrates in den Rang einer völkerrechtlichen Bestimmung gehoben. Dass der Westen das Minsker Abkommen nie umsetzen wollte, haben die westlichen Unterzeichner Merkel und Hollande inzwischen in Interview ganz offen gesagt. Das war ein von Beginn an geplanter Völkerrechtsbruch durch den Westen.
Der 2+4-Vertrag über die deutsche Wiedervereinigung enthält in Artikel 5 die eindeutige Verpflichtung Deutschlands, in der ehemaligen DDR keine ausländischen Soldaten zu stationieren oder dorthin zu verlegen. Letztes Jahr wurde in Rostock jedoch eine NATO-Basis zur Überwachung der Ostsee eröffnet, in der ausländische Soldaten stationiert sind. Auch dies war ein offener Bruch eines internationalen Vertrages.
Die Liste der Vertragsbrüche des Westens ließe sich weiter fortsetzen, das waren nur einige willkürliche Beispiele.
Dem Westen ist nicht zu trauen
Das Problem ist, dass Russland und der Westen die aktuellen Probleme irgendwann am Verhandlungstisch lösen müssen. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass es zwischen den Parteien ein zumindest minimales Grundvertrauen gibt. Die ungezählten Vertragsbrüche des Westens machen es jedoch nicht eben leicht, dem Westen auch nur minimales Vertrauen entgegenzubringen.
Wenn nun auch Österreich sich dieser Tradition der westlichen Vertragsbrüche anschließt, wird das die Sache nur weiter erschweren. Dabei hätten weder Österreich noch die NATO einen Vorteil durch eine österreichische NATO-Mitgliedschaft, denn Österreich kann der NATO militärisch nichts Entscheidendes bieten und Österreich muss auch nicht befürchten, dass irgendein Land es angreift, denn es ist ja von Freunden und EU-Mitgliedern umgeben.
Daher erregt die Diskussion über den NATO-Beitritt Österreichs die Gemüter in Russland: Es wäre erstens ein weiterer eklatanter Bruch internationalen Rechts und zweitens würde es den Beteiligten nicht einmal einen effektiven Nutzen bringen. Es wäre reine Machtpolitik und ein Signal an die Welt, dass der Westen sogar dann Verträge bricht, wenn er nicht einmal nennenswerte Vorteile daraus ziehen würde.
Was das für mögliche Verhandlungen mit Russland (oder auch China, das all das ja genau beobachtet) bedeuten würde, kann man sich leicht ausmalen.
Nun folgt zur Information der Artikel von Dmitri Medwedew, wobei ich die Übersetzung von RT-DE übernommen habe.
Beginn der Übersetzung:
Der NATO-Anschluss
Von Dmitri Medwedew
Die Länder der Alten Welt sind vom militaristischen Wahnsinn benebelt. Wie gebannte Motten schwirren sie auf die verhängnisvolle Flamme des Nordatlantischen Bündnisses zu. Noch vor wenigen Jahren gab es in Europa genug Staaten, die wussten, dass man seine Sicherheit auch ohne einen Beitritt zu Militärbündnissen gewährleisten kann. Doch inzwischen ist die Vernunft dem Herdentrieb gewichen. Nach Finnland und Schweden entfacht nun auch das österreichische Establishment – angestachelt vom blutrünstigen Brüssel – eine öffentliche Debatte über die Notwendigkeit, den verfassungsmäßig verankerten neutralen Status zugunsten eines NATO-Beitritts aufzugeben. Die österreichische Bevölkerung ist von dieser Idee nicht begeistert. Die liberale Partei NEOS von Außenministerin Beate Meinl-Reisinger, die Wien in die Arme des Militärbündnisses drängt, kam bei den letzten Wahlen nicht einmal auf zehn Prozent der Stimmen. Die oppositionelle Freiheitliche Partei Österreichs, die sich entschieden dagegen stellt, die militaristische Agenda Brüssels blind zu übernehmen, wird hingegen von 37 Prozent der Bürger unterstützt. Doch wann hat in Europa der Wille des Volkes jemals jemanden aufgehalten?
Die dortigen Revisionisten bemühen sich seit geraumer Zeit, Österreichs Neutralität Schritt für Schritt auszuhöhlen. Bereits in den 1990er Jahren begannen sie, unter dem Deckmantel der „Teilnahme an der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU“ militärische Verflechtungen zu knüpfen. Bis zum Jahr 2009, als der Vertrag von Lissabon in Kraft trat, beschränkten sich diese Bestrebungen weitgehend auf allgemeine Formulierungen – etwa auf die Koordination des militärischen Aufbaus durch die EU, – jedoch blieben konkrete Verpflichtungen aus. Auch nach dem Inkrafttreten des Vertrags wurde argumentiert, die Bestimmungen legten weder den Umfang noch die Fristen einer Beistandsleistung fest, zu der sich die Staaten des „vereinten Europas“ im Falle eines Angriffs verpflichteten. Außerdem galt die EU zu jener Zeit überwiegend noch als wirtschaftlicher Integrationsraum. Dass die meisten ihrer Mitgliedstaaten längst NATO-Mitglieder sind, schwieg man geflissentlich tot. Gleichzeitig weitete Österreich auch selbst seine militärische Präsenz außerhalb Europas aus, indem sich das Land an militärischen EU-Ausbildungsmissionen beteiligte und damit ihr Ansehen in Brüssel erheblich steigerte. Die Belohnung folgte prompt: Von 2022 bis 2025 stellte Österreich mit General Robert Brieger den Vorsitzenden des EU-Militärausschusses.
Seit dem Zweiten Weltkrieg, in dem sich Wehrmacht-Generaloberste wie Lothar Rendulic und Erhard Raus oder Alexander Löhr von der Luftwaffe „ausgezeichnet“ haben, hat kein Österreicher den europäischen Militärhimmel so „hell“ erleuchtet.
Während die EU ihre Verteidigungskomponente ausbaute, kam es zu einer schleichenden Natofizierung und Militarisierung der Alpenrepublik. Wien beteiligte sich aktiv an der NATO-Initiative „Partnerschaft für den Frieden“ und war im Wesentlichen bereits in die Denkweise des Bündnisses eingebunden. Österreich erhielt den Status eines „bedeutenden NATO-Transitlandes“. Allein im Jahr 2024 rollten über 3.000 Militärfahrzeuge durch Österreich, zudem wurden mehr als 5.000 militärische Überflüge registriert.
Nun spricht man in Wien davon, der „brüchige pazifistische Konsens“ lasse sich gemeinsam mit der „russischen Bedrohung“ als historische Chance nutzen, um sich von den „Fesseln der Vergangenheit“ – der Neutralität – zu befreien. Das Prinzip der Neutralität ist jedoch das Fundament der österreichischen Staatlichkeit, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf Willen der Alliierten wiederhergestellt wurde. Dieses Prinzip ist in den grundlegenden, 1955 abgeschlossenen Dokumenten verankert: dem Moskauer Memorandum, dem Staatsvertrag über die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich sowie in ihrem Bundesverfassungsgesetz über die Neutralität. Diese Dokumente bilden das rechtliche Fundament des Landes. Würden sie wegfallen, geriete das gesamte Staatsgefüge Österreichs ins Wanken.
In dieser Situation stellt sich die Frage, wie Moskau reagieren sollte – jenes Moskau, das zu den Mitbegründern der modernen Republik Österreich zählt. Zunächst einmal gilt es, allen Verfechtern militärischer Hysterie im Bereich des Völkerrechts kräftig auf die Finger zu klopfen. Die beiden Kernfragen – ob Österreich das Recht hat, die gesetzlich verankerte immerwährende Neutralität einseitig aufzugeben, und ob Wien beschließen kann, der NATO beizutreten –, sind eindeutig mit „Nein“ zu beantworten.
Gemäß Artikel 27 des Wiener Übereinkommens über das Recht der Verträge darf sich ein Staat nicht auf Bestimmungen seines innerstaatlichen Rechts berufen, um die Nichterfüllung eines Vertrags zu rechtfertigen. Die NATO kann nicht als regionale kollektive Verteidigungsorganisation betrachtet werden. Daher kann die NATO-Mitgliedschaft einem dauerhaft neutralen Staat nicht die gleichen Vorteile verschaffen wie die Garantie der dauerhaften Neutralität.
Diese Auslegung teilen auch namhafte Fachleute, die sich intensiv mit dem Thema befassen. So betont Karin Kneissl, ehemalige österreichische Außenministerin und Leiterin des G.O.R.K.I.-Zentrums der Universität Sankt Petersburg, dass eine Änderung des Neutralitätsstatus nur durch einen gemeinsamen Beschluss jener vier alliierten Mächte möglich wäre, die 1955 den Staatsvertrag unterzeichneten – einschließlich Russlands als Rechtsnachfolger der Sowjetunion. Moskau könnte durchaus das Recht beanspruchen, ein Veto gegen einen österreichischen Schritt in Richtung NATO einzulegen.
Zudem muss sich der militante Teil der österreichischen Elite der vollen außenpolitischen Konsequenzen bewusst werden, die das Ende der Neutralität und ein NATO-Beitritt mit sich bringen würden. Heute ist Wien eines der bedeutendsten Zentren multilateraler Diplomatie und Sitz von rund 20 zwischenstaatlichen internationalen Organisationen. Dadurch hat Wien die Möglichkeit, aktiv an globalen Prozessen mitzuwirken und rechtliche Rahmenbedingungen zur Bewältigung neuer Herausforderungen und Bedrohungen mitzugestalten. Die Ansiedlung von Institutionen wie der UNO, der IAEO, der OSZE und der OPEC in Wien erfolgte maßgeblich aufgrund des blockfreien Status des Landes, der den Dialog ermöglicht und regionale Zusammenarbeit fördert. Würde Österreich seine Neutralität im Zuge eines Bündnisdenkens aufgeben, würde damit auch der „Geist von Wien“ erlöschen. Das Land wäre nicht mehr in der Lage, ausgewogene Beziehungen zu verschiedenen internationalen Partnern zu unterhalten. Es würde seine einzigartige Rolle als Vermittler sowie als Standort für wichtige internationale Strukturen verlieren. Deswegen ist es naheliegend, dass es an der Zeit ist, die Verlegung des Hauptsitzes internationaler zwischenstaatlicher Organisationen in Länder des Globalen Südens und Ostens zu diskutieren, wo günstige Bedingungen für ihre Tätigkeit entstehen könnten.
Zudem untergräbt Österreich mit seinem militaristischen Kurs auch seinen Ruf als friedenssichernder Staat, was die Möglichkeiten Wiens zu souveränem politischem Handeln erheblich einschränkt. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass Einheiten des österreichischen Bundesheeres Ziel von Angriffen der russischen Streitkräfte werden, erheblich. Nach dem NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands haben wir bereits angemessene Maßnahmen ergriffen, um auf die dadurch gewachsenen Bedrohungen für unsere Sicherheit zu reagieren. Für Österreich wird es da ebenfalls keine Ausnahme geben.
Ende der Übersetzung
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