Warum die russische Armee so langsam vorankommt
Viele fragen sich, warum die russische Armee in der Ukraine so langsam vorankommt, obwohl die ukrainische Armee personell so ausgedünnt ist, dass sie nicht einmal mehr eine zusammenhängende ukrainische Frontlinie hat.
Dass die Ukraine den Krieg verliert, ist offensichtlich. Sogar der Spiegel hat im August berichtet, dass der Personalmangel der ukrainischen Armee so akut ist, dass die ukrainischen Stellungen an der Front „mittlerweile eher Blasen als einer Linie gleichen“ und dass die russischen Soldaten die ukrainischen Linien daher nicht durchbrechen, sondern „durchwandern“.
Es stellt sich also die Frage, warum die russische Armee dann nicht schneller vorankommt. Und das will ich hier erklären, denn der Krieg hat sich sehr verändert, was schnelle Vorstöße oder Blitzkriege bis auf weiteres unmöglich macht.
Ein Blick in die Geschichte
Zum Verständnis hilft ein Blick in die Geschichte, denn dass neue Technologien die Art der Kriegsführung komplett verändern, gab es schon öfter.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden Militäroperationen noch geplant, wie im 19. Jahrhundert. Man plante mit Kavallerie-Angriffen und ähnlichem. Aber die Erfindung des Maschinengewehrs machte den Kriegsplanern dann schnell klar, dass diese Zeiten vorbei waren, weil ein oder zwei Maschinengewehrstellungen jeden Angriff im offenen Feld niedermähen konnten.
Das Ergebnis war der Grabenkrieg, in dem sich beide Seiten eingruben und mit Anti-Personenminen, Stacheldraht und Maschinengewehrstellungen gegen Angriffe des Feindes schützten. Frontdurchbrüche waren unmöglich geworden und es begannen der Stellungskrieg und die Materialschlachten, die sich über drei Jahre hinzogen und der erst mit der Entwicklung neuer Technologien endeten.
Panzer, die gut genug gepanzert waren, um unbeschadet durch die Minenfelder zu kommen und die den Stacheldraht einfach durchbrechen und dabei selbst mit Maschinengewehren die nun recht ungeschützten Gegner niedermähen konnten, veränderten die Kriegsführung. Dass die Luftfahrt nun weit genug entwickelt war, um auch Bomber bauen zu können, die die Artillerie im Hinterland des Feindes recht effektiv angreifen konnten, kam hinzu.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs sah die Welt den deutschen Blitzkriegen mit ungläubigem Staunen zu. Die deutschen Panzer waren den Gegnern überlegen und konnten Frontlinien durchbrechen und viele Kilometer ins Hinterland des Gegners vorstoßen und dort die Logistik zerstören, sodass die Front zusammenbrechen musste.
Die Reaktion darauf waren bessere Panzer der Gegner und die Entwicklung von Panzerfäusten, mit denen auch die Infanterie wieder eine Gefahr für die Panzer darstellte. Die Blitzkriege waren damit vorbei und es folgte eine Zeit, in der beide Seiten die Kriegsführung immer wieder anpassen mussten. Brachen zuerst die Panzer alleine durch die feindlichen Linien, musste man danach lernen, Panzer und Infanterie in Kombination einzusetzen, und so weiter. Die Art der Kriegsführung änderte sich im Verlauf des Krieges mehrmals, weil neue Technologien auftauchten.
Der Krieg in der Ukraine
Heute sind Drohnen die neue Technologie, die die Kriegsführung komplett verändert hat. 2022 kamen Drohnen vor allem zur Aufklärung zum Einsatz. Das waren normale Drohnen, die man überall kaufen kann und ich erinnere mich noch an meine ersten Fahrten nach Donezk, wo im Sommer 2022 jeder Müllcontainer voll war mit den Verpackungen handelsüblicher FPV-Drohnen. Soldaten setzten sie im Häuserkampf ein, um herauszufinden, wo sich gegnerische Soldaten verstecken. Zu viel mehr waren sie damals noch nicht zu gebrauchen.
Noch im Sommer 2023 konnte ich als Kriegsreporter bei Avdejewka die erste Frontlinie besuchen, die nur 80 Meter von den ukrainischen Linien entfernt war. Ja, das war nicht ungefährlich, aber man musste schon eine Portion Pech haben, um genau in dem Moment unter Artilleriefeuer zu geraten und „zufällig“ getroffen zu werden.
Das war 2024, nur ein Jahr später, plötzlich ganz anders. Nun waren die Drohnen so weit entwickelt, dass sie schon 20 bis 30 Kilometer vor der Front gezielt Autos und Ansammlungen von Soldaten angegriffen haben. Das musste ich im Sommer 2024 bei meiner Reise nach Kursk miterleben und das war auch der Grund, warum ich bei meinem Besuch des Gebietes Saporoschje im Sommer 2024 plötzlich nicht einmal mehr in die Nähe der Front durfte, wo ich noch ein Jahr zuvor ebenfalls die russischen Verteidigungslinien besucht hatte.
Die Drohnen haben alles verändert
Heute ist es noch extremer. Über der Front fliegen fast ununterbrochen zehn Mal so viele Drohnen, wie Soldaten in den Stellungen sind. Und sie greifen nicht nur Ansammlungen von Soldaten an, sondern machen sogar Jagd auf einzelne Soldaten. Nun gibt es keine Frontgräben mehr, sondern die Soldaten graben sich in unterirdischen Stellungen ein, um sich nicht an der Oberfläche zu zeigen. Die Frontstellungen der Russen und der Ukrainer sind nun nicht mehr einige Dutzend Meter voneinander entfernt, sondern oft mehrere Kilometer.
Soldaten kämpfen heute nicht mehr in größeren Einheiten, sondern meist in Gruppen aus zwei oder drei Mann, die ausgesprochen vorsichtig vorgehen müssen, weil über der Front für jeden von ihnen zehn gegnerische Drohnen kreisen.
Am gefährlichsten ist heute jedoch oft gar nicht der Aufenthalt in Frontstellungen, sondern der Weg dorthin. Soldaten an der Front werden regelmäßig ausgetauscht, um sich zu erholen, das nennt man Rotation. Aber für die frischen Soldaten ist der Weg zu den Stellungen gefährlicher als der Aufenthalt in den Stellungen, und das gleiche gilt auch für den Rückweg von den Stellungen ins Hinterland. Ich habe immer noch Kontakt zu Soldaten an der Front und wenn die nun von Verlusten erzählen, sind die meist bei der Rotation entstanden, weil die Drohnen auch nachts alles sehen und jeden einzelnen Soldaten angreifen, den sie entdecken.
Unter diesen Umständen, in denen Soldaten und Panzer kaum vorrücken können, ohne von Drohnen ständig wie auf dem Präsentierteller angegriffen zu werden, ist ein schneller Vormarsch unmöglich geworden. Daher sind die als gering bezeichneten Gebietsgewinne, die die Russen in diesem Jahr gemacht haben, tatsächlich alles andere als gering, wenn man weiß, wie der Krieg heute geführt wird.
Totes Land
Um vorzurücken wird die Front buchstäblich umgegraben. Regelrecht jeder Meter wird mit Artillerie beschossen, und zwar so sehr, dass der Boden auf bis zu sechs Meter Tiefe „umgegraben“ wird, weil die unterirdischen Stellungen sich in etwa in dieser Tiefe befinden. Wenn die Front bei dieser Kriegsführung über ein Gebiet hinwegwalzt, steht dort hinterher nicht nur kein einziges Haus mehr, dort gibt es gar nichts mehr, nicht einmal mehr Bunker, habe ich von meinen Bekannten im Kriegsgebiet gehört.
Die Zerstörungen an der Frontlinie übertreffen alles, was wir von Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg kennen.
Die weitere Entwicklung
Die Drohnen werden immer weiter entwickelt, wobei es oft monatlich neue technische Durchbrüche gibt. Gegen elektronische Störmittel gibt es nun Drohnen, die Kilometer lange Glasfaserkabel hinter sich herziehen, um nicht per Funk sondern per Draht gelenkt zu werden. Es gibt „Trägerdrohnen“, die kleine FPV-Drohnen weit ins Hinterland des Gegners tragen, dort freisetzen und auf die „Jagd“ nach Soldaten und Fahrzeugen schicken. Die Trägerdrohnen fungieren dabei auch als Signalverstärker, damit die kleinen Drohnen auch in Entfernungen gesteuert werden können, die über die Reichweite ihres eigenen Funksignals herausgehen.
Es werden inzwischen Abfangdrohnen eingesetzt, deren Aufgabe die Bekämpfung gegnerischer Drohnen ist. Nur so kann man Drohnen bekämpfen, die aufgrund des Glasfaserkabels nicht mit elektronischer Kriegsführung zu bekämpfen sind.
Wie die Flugzeuge, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs klapprige Holzkisten waren und sich innerhalb weniger Jahre zu echten Jagdfliegern und Bombern entwickelten, werden heute die Drohnen in einem unvorstellbaren Tempo weiterentwickelt. Mal hat die eine Seite einen technologischen Vorteil, dann wieder die andere Seite. Das wechselt oft innerhalb von Wochen, so rasant sind die technischen Entwicklungen.
Und auch die KI kommt zum Einsatz. Drohnen haben gelernt, eigene Soldaten von gegnerischen Soldaten zu unterscheiden und sie selbständig anzugreifen. Das steckt noch in den Kinderschuhen, aber es entwickelt sich ebenfalls rasend schnell.
Ein technischer Durchbruch, wie ihn im Ersten Weltkrieg die Panzer gebracht haben, ist derzeit nicht absehbar. Daher dürften im modernen Krieg der nahen Zukunft keine schnellen Gebietsgewinne mehr möglich sein.
Deshalb ähnelt der Krieg in der Ukraine nun wieder dem Ersten Weltkrieg, in dem sich beide Seiten so gut wie möglich eingegraben haben, weil es zu gefährlich war, sich auf offenem Feld zu zeigen.
Absehbar ist, dass sich die Todesstreifen hinter den Frontlinien, der derzeit 20 bis 30 Kilometer breit ist und in denen jedes Auto und jeder Soldat jederzeit zum Ziel von Drohnen werden kann, noch verbreitern. Beide Seiten versuchen, den Einsatzradius der Drohnen zu erhöhen und den Todesstreifen auszudehnen, um den Gegner zu zwingen, seine Versorgungsstellungen und Ruhezonen für rotierte Soldaten immer weiter weg von der Front zu platzieren und so die Versorgung der Front mit Nachschub zu erschweren.
Bei den Drohnen hat die Ukraine zumindest quantitativ die Nase vorn, denn sie hat die Unterstützung der Länder des Westens auf ihrer Seite. Sie verfügt über mehr Drohnen als die russische Armee. Das ist zwar nicht kriegsentscheidend, aber das ist auch ein Grund, warum der russische Vormarsch so langsam vorankommt, obwohl die Ukraine Russland bei Artillerie und Personalstärke unterlegen ist.
Da die Ukraine ihre Drohnen fast alle selbst produziert, aber vom Westen dafür die Bauteile geliefert bekommt, sind die ukrainischen Drohnenwerkstätten für die russische Armee eines der wichtigsten Ziele. Sobald die russische Aufklärung den Standort so einer Werkstatt herausbekommt, wird sie bombardiert, was aber keine sofortige Wirkung hat, weil die Lager der Ukraine voll mit Drohnen sind und Produktionsausfälle bislang kompensieren können.
Materialschlacht
Wie im Ersten Weltkrieg tobt daher im Grunde eine Materialschlacht, bei der Russland bisher allerdings insgesamt die Nase vorne hat, denn obwohl der Westen als wirtschaftlich stärker als Russland gilt, leidet er mehr unter der Materialschlacht als Russland. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten nehmen derzeit fast eine Billion Euro Kredite pro Jahr auf, um den Krieg zu finanzieren. Alleine Frankreich und Deutschland zusammen planen derzeit eine jährliche Neuverschuldung von etwa 300 Milliarden Euro.
Russland hingegen kommt bisher ohne neue Schulden aus, denn es hat noch seine staatlichen Fonds, die Haushaltsdefizite kompensieren können.
Während die EU-Staaten Schulden machen und Sozialsysteme beschneiden, laufen die Sozialprogramme in Russland ohne Kürzungen. Die einzige Maßnahme, die Russland nun einführen muss, um die Kosten des Krieges weiterhin zu decken, ist eine Erhöhung der Mehrwertsteuer.
Russland hat den Vorteil, dass es reich an Rohstoffen ist, während die EU noch keine Antwort auf die Frage gefunden hat, woher sie all die Rohstoffe nehmen will, die sie für ihre geplante Aufrüstung braucht. Und wie lange die EU die Rohstoffe noch auf den Weltmärkten kaufen kann, wenn der Euro wegen der Schuldenkrise in Frankreich und bald auch anderen EU-Staaten an Vertrauen (und damit an Wert) verliert, weiß niemand wirklich zu sagen. Der von der EU fokussierte Raub der in Europa blockierten russischen Vermögenswerte könnte diesen Prozess noch beschleunigen.
Welche Rolle spielt China?
Dass China nun den Export seltener Erden praktisch gestoppt hat, ist für den Westen auch ein schwerer Schlag, denn ohne diese Rohstoffen ist die Produktion moderner Waffen unmöglich, was übrigens auch für Drohnen und ihre Elektromotoren gilt. Ob Chinas Entscheidung wirklich nur eine Reaktion auf Trumps Handelskrieg gegen China ist, oder ob dahinter mehr steckt, ist Spekulation.
Aber angesichts der Kriegsgefahr in Asien wegen des Streits um Taiwan könnte der chinesische Schritt auch der Versuch sein, den US-geführten Westen militärisch zu schwächen, indem die Rüstungsindustrie wegen dem Mangel an seltenen Erden ins Stocken gerät. Auch für Computerchips und vor allem für die Entwicklung der KI, die militärisch immer wichtiger wird, stellt Chinas faktischer Exportstopp seltener Erden ein echtes Problem dar.
Und wer weiß? Vielleicht ist der chinesische Schritt ja auch ein Versuch, Russland durch eine Schwächung der westlichen Waffenproduktion zu unterstützen?
Es gibt viele Fragen und auf viele davon werden wir die Antworten vielleicht erst in einigen Jahren erfahren.
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