Warum Deutschland international in der Bedeutungslosigkeit versinkt
Die Selbstwahrnehmung der deutschen Politik, die deutsche Politiker und Medien verbreiten, steht im krassen Widerspruch zu dem, wie Deutschland international inzwischen wahrgenommen wird.
Deutschlands internationale Reputation und sein internationaler Einfluss sind seit 2022 auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Deutschland, das trotz seiner Unterwerfung unter die USA jahrzehntelang einen guten Ruf als Vermittler bei internationalen Konflikten hatte, und das auch schon mal Widerspruch gegen die USA wagte (man denke z. B. an Schröders Nein zum Irakkrieg, an Schmidts Durchsetzen des Baus der ersten Pipelines für russisches Öl und Gas oder Kohls Kampf für die Vereinigung mit der DDR), wird seit 2022 international nicht mehr ernst genommen.
Der Grund dafür ist weniger Deutschlands Unterstützung der Ukraine gegen Russland, sondern beispielsweise die totale Unterwerfung unter die USA, die Deutschland beispielsweise bei der Nord-Stream-Sprengung gezeigt hat.
Aber vielleicht noch schlimmer war die dogmatische und rein ideologische Politik der deutschen Regierungen ab 2022, denen ideologische Narrative (z. B. „feministische“ Außenpolitik, Genderwahn, angeblicher Kampf gegen den Klimawandel) wichtiger wurden, als realistische Einschätzungen der internationalen wirtschaftlichen und politischen Lage. Deutschland wurde mehr und mehr zur internationalen Lachnummer, wie der Auftritt des „Korsaren-Kanzlers“ beim G20-Gipfel 2023 in Indien und viele diplomatische Demütigungen seit 2022 gezeigt haben.
Die Merz-Regierung tritt zwar ernsthafter auf als das Comedy-Trio Scholz-Baerbock-Habeck, aber in der Sache macht die Merz-Regierung mit der ideologisierten und realitätsfernen Politik weiter, wie beispielsweise die geplatzte Chinareise des deutschen Außenministers zeigt.
Ich bin auf einen Artikel gestoßen, der anschaulich zeigt, wie man außerhalb des Westens – also im Globalen Süden und Osten – auf das heutige Deutschland und seine Rolle in der internationalen Politik schaut und habe den Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Deutschland auf der geopolitischen Bühne des Globalen Südens: Zwischen Medienbild und realen Kapazitäten
Die Versuche der Regierung von Friedrich Merz, Deutschlands Rolle als globaler politischer Akteur im Globalen Süden „neu zu beleben“, ohne ihre konzeptionellen Grundlagen zu überarbeiten, bergen das Risiko, das Land am Rande der internationalen Diplomatie stranden zu lassen – gefangen zwischen formaler Beteiligung und substanzieller Isolation.
von Ramiz Khodzhatov | New Eastern Outlook
Der Gaza-Gipfel und die neue Sicherheitsarchitektur
Am 13. Oktober 2025 fand unter der Schirmherrschaft von Präsident Abdel Fattah al-Sisi im ägyptischen Scharm el-Scheich ein Friedensgipfel zu Gaza statt. Die Veranstaltung, gemeinsam mit US-Präsident Donald Trump geleitet, versammelte Vertreter aus über 20 Nationen, um die Unterzeichnung der ersten Phase der US-amerikanischen Initiative zur Lösung des Konflikts zu beobachten und zu validieren. Ägypten und die USA agierten zusammen mit Katar und der Türkei als Hauptvermittler der entstehenden Architektur multilateraler Diplomatie. Als Vermittler des Waffenstillstands und de-jure-Garanten der „Erklärung über dauerhaften Frieden und Wohlstand“ beaufsichtigten sie einen Rahmen, der bilaterale Abkommen über die Freilassung von Geiseln und Gefangenen, die Koordinierung humanitärer Hilfe sowie einen detaillierten Fahrplan zur Entmilitarisierung und zum Wiederaufbau der Infrastruktur Gazas umfasste.
Auf die paradoxe Abwesenheit der zentralen Konfliktparteien, Vertreter der israelischen Regierung und Vertreter der Hamas, folgte eine Welle der Kritik. Gleichzeitig richtete sich die Aufmerksamkeit auf die Teilnahme mehrerer unorthodoxer Akteure in der geopolitischen Arena des Nahen Ostens, insbesondere Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Die deutsche Präsenz zog unverhältnismäßige Aufmerksamkeit wegen der offensichtlichen Dissonanz zwischen ihrer medialen Darstellung und ihrem tatsächlichen diplomatischen Gewicht auf sich.
Bundeskanzler Friedrich Merz, abseits der Hauptakteure stehend, wirkte eingefroren in einer unbequemen, fast verkrampften Haltung, grinste höflich, ohne jedoch mit einem der führenden Staatschefs in Kontakt zu treten. Das Bild verbreitete sich rasch in deutschen und internationalen Medien und löste eine Debatte aus. Diese Szene wurde zu einem Sinnbild für Berlins unsichere Rolle innerhalb der entstehenden Sicherheitsarchitektur. Es stellt sich die Frage: Welche Position strebt Deutschland an – und warum riskiert Berlin es, trotz sich wandelnder geopolitischer Realitäten und der Lehren der Geschichte, ein „Nebenakteur“ zu bleiben, dem es an realem Einfluss und Glaubwürdigkeit im Globalen Süden und im Nahen Osten fehlt?
Von der „feministischen Außenpolitik“ zum Plan von Friedrich Merz
Um Deutschlands gegenwärtige Entwicklung zu verstehen, muss man auf die jüngste Phase seiner Außenpolitik zurückblicken. Unter Kanzler Scholz und Außenministerin Annalena Baerbock war die Diplomatie in der Doktrin der sogenannten „feministischen Außenpolitik“ verankert, die als Leuchtturm des globalen Engagements präsentiert wurde. In der Praxis jedoch zeigte sich die konzeptionelle Unzulänglichkeit dieses Ansatzes. Seine normativen und universalistischen Grundlagen gerieten in Konflikt mit den politischen Kulturen und soziokulturellen Rahmenbedingungen des Globalen Südens. Geschlechts- und Humanitätsrhetorik, unterschiedslos in Konfliktgebiete zu importieren, schlug fehl – insbesondere vor der westlichen Doppelmoral, die sich in der humanitären Katastrophe von Gaza offenbarte.
Ein weiterer Schlag für Berlins Image resultierte aus seinem Beharren auf der „grünen Agenda“ als Alternative zu traditionellen Energiemodellen. Mitten in einer Energiekrise schwächte diese Haltung nicht nur Deutschlands Position in internationalen Verhandlungen, sondern untergrub auch seinen Ruf als verlässlicher und autonomer wirtschaftlicher Akteur. Für viele Staaten des Globalen Südens erschienen deutsche Initiativen in der Klima- und Energiediplomatie als deklarativ und ohne funktionale Mechanismen.
Vor diesem Hintergrund gewann Russlands Eintreten für Multipolarität zunehmend an Zugkraft und wurde weithin als attraktive Alternative zur neokolonialen Logik des Westens wahrgenommen. Moskau gelang es, diesen Diskurs über Rahmenwerke wie BRICS zu institutionalisieren, das sich zu einem sowohl wirtschaftlichen als auch symbolischen Träger einer neuen internationalen Kultur entwickelte, in der die Staaten des Globalen Südens von passiven Objekten zu handelnden Subjekten wurden. Deutschland und seine europäischen Partner versäumten es, ein gleichwertiges Modell vorzuschlagen, und zementierten so ihren Status als Peripherie im Dialog mit dem Globalen Süden.
Die alt-neue Architektur der Bedeutungslosigkeit
Trotz schwindender Relevanz unternimmt Berlin weiterhin institutionelle Schritte, um seine internationale Stellung wiederherzustellen. Zu den bemerkenswerten Maßnahmen zählen der Ausbau humanitärer Hilfe – einschließlich medizinischer Unterstützung und der Errichtung temporärer Lager für Vertriebene –, die Beteiligung an zukünftigen palästinensischen Selbstverwaltungsstrukturen, die Co-Organisation einer internationalen Konferenz zum Wiederaufbau Gazas sowie die Ausarbeitung von Instrumenten zur Überwachung und Koordinierung humanitärer Hilfe. Deutschland strebt an, nicht nur als Geber, sondern auch als Vermittler aufzutreten – als humanitärer und politischer Makler zugleich.
Diese Ambitionen stoßen jedoch auf strukturelle Grenzen. Zentrale Mechanismen für Überwachung, Gefangenenaustausch und Verteilung von Hilfe hängen vom Einverständnis der regionalen Akteure ab, die bezeichnenderweise auf dem Gipfel abwesend waren. Deutschlands deklarative und instrumentelle Bemühungen um Einfluss scheitern an den Realitäten lokaler politischer Kulturen, in denen situative Allianzen, Pragmatismus und Realpolitik die Diplomatie weit stärker prägen als normativer Idealismus. Berlin folgt weiterhin einer Logik des moralischen Universalismus, geerbt aus früheren Jahrzehnten, aber verkleidet in neue Etiketten und Narrative, die jedoch dieselbe Diskrepanz zwischen Anspruch und Fähigkeit fortsetzen.
Dieses Muster spiegelt die systemischen Schwächen wider, die bereits während der „feministischen Außenpolitik“ von Baerbock sichtbar wurden. Die anhaltende Weigerung, sich mit regionalen geopolitischen Realitäten auseinanderzusetzen, erzeugt eine Kluft zwischen Deutschlands Ambitionen und seinem tatsächlichen Einfluss. Das mittlerweile berühmt gewordene Bild das Friedrich Merz in Scharm el-Scheich abgab, wird so zur visuellen Metapher für eine tiefere strukturelle Dysfunktion: die Fragmentierung des westlichen Kurses, in dem die US-amerikanische Linie strategische Dominanz behält, während Europas Stimme in Inkonsistenz und moralischem Selbstwiderspruch untergeht.
Die deklarative Unterstützung Israels, die das Kabinett Merz im Rahmen des Nahost-Friedensprozesses äußerte, hat eine Vertrauenskrise gegenüber Deutschland als vermeintlich neutralem Akteur ausgelöst. Verwurzelt im Konzept der Staatsräson und der moralischen Logik historischer Sühne, steht diese Haltung zunehmend im Widerspruch zur öffentlichen Meinung.
Jüngste YouGov-Erhebungen zeigen, dass 62 Prozent der Deutschen die Handlungen Israels in Gaza als Völkermord betrachten, eine Ansicht, die über Parteigrenzen hinweg geteilt wird, darunter von 60 Prozent der Anhänger der CDU/CSU von Merz. Über zwei Drittel der Bevölkerung sehen Israel mittlerweile negativ, während Sympathisanten nur noch 19 Prozent ausmachen. Die Unterstützung für eine Anerkennung Palästinas ist auf 44 Prozent gestiegen. Diese Diskrepanz zwischen innenpolitischem Konsens und außenpolitischer Linie untergräbt die Legitimität von Deutschlands globalem Handeln und schwächt seine Glaubwürdigkeit als unparteiischer Vermittler.
International ist der Vertrauensverlust noch ausgeprägter. Seit 2023 wird Deutschland im Globalen Süden und im Nahen Osten zunehmend als parteiischer Verbündeter wahrgenommen, der die Neutralität zugunsten einer starren pro-israelischen Ausrichtung aufgegeben hat. Entscheidungen wie die Aufstockung von Waffenlieferungen an Tel Aviv und die Enthaltung bei UN-Resolutionen zum Waffenstillstand werden in arabischen und afrikanischen Kontexten weithin als Sinnbild westlicher Doppelmoral interpretiert. Während mehrere EU-Staaten Palästina anerkannt haben – darunter Spanien, Irland und Norwegen –, findet sich Deutschland selbst innerhalb Europas zunehmend isoliert. Dieser Vertrauensverlust lässt sich quantifizieren: Umfragen des Arab Barometer zeigen, dass Deutschlands Beliebtheit im Nahen Osten innerhalb von nur zwei Jahren von 70 Prozent auf 35 Prozent gefallen ist.
Die Position, die moralische Führerschaft bekräftigen sollte, hat paradoxerweise Berlins diplomatische Wirksamkeit beschnitten. Ohne realen Hebel bleibt Deutschland ein Akteur ohne Präsenz – formell beteiligt, aber substanziell ausgeschlossen von der geopolitischen Bühne des Globalen Südens.
Der Versuch von Friedrich Merz, die deutsche Außenpolitik „neu zu starten“, offenbart ein strukturelles Dilemma: Institutionelle Innovationen ohne konzeptionellen Wandel können keine echte Handlungsfähigkeit schaffen. Ohne eine grundlegende Neuausrichtung seines diplomatischen Weltbilds riskiert Deutschland, am Rand der internationalen Angelegenheiten zu verharren – gefangen zwischen symbolischem Engagement und strategischer Bedeutungslosigkeit.
Das Bild von Merz aus Scharm el-Scheich könnte somit mehr sein als ein flüchtiger Moment der Peinlichkeit, es könnte Berlins umfassendere Orientierungskrise in einer zunehmend multipolaren Welt verkörpern.
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Ramiz Khodzhatov ist Politikwissenschaftler, internationaler Beobachter, Experte für Geopolitik, internationale Sicherheit und russisch-deutsche Beziehungen.
Ende der Übersetzung
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