Warum berichtet der Anti-Spiegel nicht über die Angriffe auf russische Militärflughäfen?
Am Sonntag gab es massive ukrainische Angriffe auf russische Militärflughäfen und auch zivile Ziele wie Brücken und Personenzüge. Leser fragen, warum der Anti-Spiegel nicht berichtet, daher werde ich das hier beantworten.
Ich muss immer wieder daran erinnern, dass der Anti-Spiegel kein Nachrichtenportal ist, sondern dass die Kernthemen hier andere sind. Das sind erstens geopolitischen Analysen, zweitens Kritik an westlichen Medien, wenn die wichtige Informationen verschweigen oder unwahr berichten, drittens Übersetzungen aus russischen Medien, um zu zeigen, wie in Russland berichtet wird, und viertens Berichte und Eindrücke vom Leben in Russland.
Für eine tiefgreifende Analyse der ukrainischen Angriffe und ihrer Folgen ist es jetzt, nur einen Tag danach, noch zu früh. Und Berichte aus russischen Medien darüber zu übersetzen, bringt nicht viel, weil die Angriffe in russischen Medien nicht sehr ausführlich behandelt werden. Daher habe ich es nicht eilig, über die Angriffe zu schreiben.
Aber das eben Gesagte, lässt Rückschlüsse zu, die durchaus interessant sind, und weil es dazu so viele Fragen gab, versuche ich eine erste Analyse.
Was bekannt ist
Die ukrainischen Angriffe vom Sonntag waren zweifellos sehr massiv. In der Nacht zum Sonntag wurde im Gebiet Gebiet Brjansk (das liegt nördlich von Kursk nahe der ukrainischen Grenze) eine Autobahnbrücke gesprengt und stürzte auf einen Passagierzug, die gerade dort fuhr. Der Zug entgleiste, es gab sieben tote und über 70 verletzte Zivilisten. Den zweiten derartigen Angriff gab es im Gebiet Kursk, wo eine Brücke gesprengt wurde und ein durchfahrender Zug auf eine Autobahn stürzte, wobei die beiden Lokführer verletzt wurden.
Es ist reine Spekulation, aber die Tatsache, dass die Sprengungen in beiden Fällen erfolgten, als gerade Züge auf oder unmittelbar vor den Brücken waren, deutet darauf hin, dass die Sprengungen den Zügen galten, dass es also geplant war, bewusst Zivilisten zu töten. Da derartige Terroranschläge der Ukraine in Russland, bei denen gezielt Zivilisten angegriffen werden, fast schon Normalität sind, waren diese Vorfälle zwar schlimm und wegen der schweren Schäden durchaus bemerkenswert, aber im Prinzip nicht wirklich ungewöhnlich.
Schlimmer waren die ukrainischen Angriffe mit vergleichsweise einfachen Drohnen auf gleich vier strategisch wichtige Luftwaffenstützpunkte in verschiedenen Teilen Russlands am Sonntag, über die allerdings wenig bekannt ist. Laut ukrainischen Quellen wurden dabei 40 Flugzeuge zerstört oder beschädigt. Dabei soll es sich, dem ukrainischen Geheimdienst SBU zufolge, vor allem um strategische Bomber wie Tu-95, Tu-160 oder Tu-22 und Frühwarnflugzeuge vom Typ A-50 handeln. Laut den ukrainischen Angaben, die von westlichen Medien quasi als Wahrheit zitiert werden, gehe der Schaden in die Milliarden und habe einen beträchtlichen Teil der strategischen russischen Luftwaffe ausgeschaltet.
Unstrittig ist, dass es diese Angriffe gegeben hat und dass es Schäden gab. Offizielle russische Meldungen über den Umfang der Schäden gibt es nicht, aber russische Militärblogger sprechen von zumindest zehn betroffenen Flugzeugen und der Begriff eines „russischen Pearl Harbour“ wurde genannt.
Der ukrainische SBU ist dafür bekannt, oft reine Fantasie-Meldungen zu veröffentlichen, weshalb die ukrainischen Angaben sowohl stimmen als auch übertrieben sein können. Andererseits ist das russische Verteidigungsministerium dafür bekannt, über wichtige Erfolge des Gegners lieber zu schweigen, weshalb es nicht verwundert, dass es keine offiziellen Angaben zum Umfang der Schäden gibt. Warum das so ist, und welche Rolle die russischen Medien dabei spielen, dazu komme ich gleich noch.
Es gibt also reichlich Raum für Spekulationen.
Grund für einen Atomschlag
Man muss sich vor Augen führen, dass der Angriff der russischen strategischen Bomberflotte galt, die Teil der russischen Atomstreitmacht ist. Laut der russischen Atomdoktrin ist ein Angriff auf den atomaren Schild Russlands ein Grund für eine nukleare Antwort, denn sollten solche Angriffe die nuklearen Fähigkeiten Russlands einschränken, könnte Russland einem atomaren Angriff schutzlos gegenüberstehen, was ein Grund für einen Präventivschlag wäre.
Man kann die Bedeutung des ukrainischen Angriffs also gar nicht hoch genug einschätzen.
Da bei dem Angriff relativ einfache Drohnen eingesetzt wurden, die von LKW in der Nähe der Flughäfen gestartet und wohl von dort aus auch ferngesteuert wurden, waren für die Angriffe nicht zwangsläufig westliche Aufklärungsdaten notwendig. Die Drohnenpiloten konnten die Ziele, also die Flugzeuge, in Echtzeit sehen und aussuchen, weil die Drohnen die Bilder selbst geliefert haben. Bilder davon wurden in sozialen Medien ja auch veröffentlicht.
Daraus resultiert natürlich die Frage, warum die Angriffe erfolgreich waren, denn eigentlich sind solche Drohnen relativ leicht durch elektronische Kampfführung zu stören. Sie würden dabei den Kontakt zu Drohnenpiloten verlieren und könnten nicht in die Ziele gelenkt werden.
Ob das ein Versäumnis des russischen Militärs war, oder ob Russland seine (natürlich auch nicht unendlichen) Luftabwehrsysteme woanders eingesetzt hat, weil es davon ausging, dass solche Angriffe wegen der möglichen russischen Reaktion – siehe russische Atomdoktrin – undenkbar sei, ist Spekulation.
(Mediale) Störkampagne?
Axios schrieb zunächst, dass die Ukraine die Trump-Administration im Vorwege über die Angriffe informiert habe, änderte die Angaben später jedoch. NBC berichtete unter Berufung auf Quellen im Weißen Haus ebenfalls, dass der SBU Washington nicht informiert habe.
Man kann wohl sicher davon ausgehen, dass das Weiße Haus nichts von den geplanten Angriffen gewusst hat, denn Trump will den Krieg in der Ukraine beenden und natürlich würde ein solcher Angriff, wenn er mit Wissen des US-Präsidenten stattgefunden hätte, dem wohl einen Strich durch die Rechnung machen.
Andererseits gibt es in Washington nun einmal den sogenannten Tiefen Staat, der Trumps Arbeit immer wieder sabotiert, indem Teile des bürokratischen Apparates gegen die Politik des Präsidenten arbeiten. Man kann also nicht ausschließen, dass US-Beamte auf „unteren“ Ebenen von der Ukraine informiert wurden, aber „vergessen“ haben, das „nach oben“ zu melden. Das kam in Trumps erster Amtszeit immer wieder vor, um seine Politik zu behindern.
Und auch viele US-Medien stehen dem Tiefen Staat, der von den anti-russischen und pro-ukrainischen Transatlantikern dominiert wird, nahe. Daher ist es auch nicht ausgeschlossen, dass diese Meldungen (ob sie einen wahren Kern haben oder nicht) bewusst in die US-Presse durchgestochen wurden, um die Gespräche zwischen der Trump-Regierung und Russland zu stören.
Sabotage der Ukraine-Verhandlungen
Die Angriffe ereigneten sich einen Tag vor den heute stattfindenden russisch-ukrainischen Verhandlungen und natürlich ist das kein Zufall. Die Ukraine will, unterstützt von der „Koalition der Willigen“ bestehend aus europäischen Staaten, keinen Frieden. Deren Ziel ist die Fortsetzung des Krieges, um Russland zumindest stark zu schwächen. Die Rede ist von einer „strategischen Niederlage“, die man Russland zufügen will.
Außerdem träumt die ukrainische Führung um Selensky immer noch von der vollkommen unrealistischen Rückkehr zu den Grenzen der Ukraine von 1991.
Die Versuche der Europäer, Trump gegen Putin aufzubringen, um die von Trump gewollten direkten Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine zu stören oder zu beenden, waren in den letzten Wochen offensichtlich. Und auch Selensky schickt seine Leute nur sehr widerwillig zu den Verhandlungen, solange ihn die Europäer unterstützen und er weiterhin versucht, bei Trump zu punkten.
Daher waren diese ukrainischen Angriffe unmittelbar vor den Verhandlungen in Istanbul natürlich der Versuch, Russland zu einer Reaktion zu provozieren, die die Verhandlungen platzen lässt.
Frühere Fälle
Russland lässt sich jedoch nicht provozieren. Das haben schon frühere Fälle wie beispielsweise die Versenkung der „Moskwa“, des Flaggschiffes der russischen Schwarzmeerflotte, gezeigt. Es gab schnell Gerüchte, dass das nicht ohne massive Unterstützung aus dem Westen möglich gewesen sei. Inzwischen hat auch die New York Times, wenn auch quasi nebenbei“, berichtet, dass zumindest die Radardaten zur Versenkung der „Moskwa“ von den Amerikanern gekommen sind. Ob die Ukraine dazu auch aus dem Westen gelieferte Anti-Schiffsraketen eingesetzt hat, wie vermutet wird, ist nicht bestätigt.
Das russische Verteidigungsministerium hat den Angriff nie bestätigt, sondern den Vorfall quasi als Unfall durch eine Explosion an Bord des Schiffes dargestellt. Und auch russische Medien sind dem gefolgt und haben das Thema nicht hochgespielt.
Was auf den ersten Blick nach „kontrollierter“ Presse aussieht, ist in Wirklichkeit verantwortungsvolle Presse. Denn wenn russische Medien den Vorfall gehypt hätten, dann wäre die Folge der Dritte Weltkrieg gewesen, weil Russland dann auf den Angriff hätte reagieren und den Angreifer hätte angreifen müssen. Und der Angreifer war offensichtlich nicht die Ukraine allein.
Ähnlich zurückhaltend haben die russische Regierung und die russischen Medien reagiert, als die Ukraine später eine Radarstation der russischen atomaren Frühwarnung angegriffen und dort massive Schäden angerichtet hat.
Daher fügt sich die Zurückhaltung der Berichterstattung in Russland über die aktuellen Angriffe in ein bekanntes Bild. Die russische Regierung will keine Eskalation, weshalb sie und die russischen Medien den Ball bewusst flach halten. Zumindest bisher.
Putins Geduld
Ich sehe das sowohl in den westlichen Medien, bei Erklärungen der westlichen Politiker und sogar bei den Kommentatoren hier unter meinen Artikeln: Putins Geduld wird ihm als Schwäche ausgelegt. Im Westen meinen Politik und Medien, sie könnten sich alles erlauben und die russischen roten Linien überschreiten, weil Putin ja nicht darauf reagiert.
Das ist ein gefährlicher Fehler. Ich erinnere daran, dass Russland acht Jahre lang über den Donbass-Krieg und das Minsker Abkommen verhandelt hat, obwohl Kiew mit Rückendeckung des Westens keinen einzigen Punkt des Abkommens umgesetzt hat. In Russland gab es all die Jahre lang Stimmen, die gefordert haben, Putin müsse endlich militärisch reagieren. Aber Putin hat acht Jahre lang verhandelt.
Das haben der Westen (und auch Putins Kritiker in Russland) Putin als Schwäche ausgelegt. Aber sie hatten Unrecht, denn als der Westen Ende 2021 offen einen NATO-Beitritt der Ukraine ins Spiel brachte, hat Russland im Dezember 2021 noch einmal auf Putins ausdrückliche Anweisung hin noch einen letzten Verhandlungsversuch gemacht, der zum Monatswechsel Januar/Februar 2022 vom Westen zurückgewiesen wurde. Erst da – und nachdem Selensky auch noch mit der atomaren Bewaffnung der Ukraine gedroht hatte – hat Russland militärisch interveniert.
Putin wird sich solche Angriffe sicher nicht ewig gefallen lassen. Die Frage ist nur, was dieses Mal die rote Linie ist, bei der Putins Geduldsfaden reißt. Putin ist sehr pragmatisch und nicht emotional, er wird also erst reagieren (und gegen die Ukraine-Unterstützer im Westen zuschlagen), wenn er wirklich gar keine andere Möglichkeit mehr sieht. Durch was für ein Ereignis er an diesen Punkt kommt, weiß vielleicht nur Putin selbst.
Die Rolle der Medien
Noch ein paar Worte zur Rolle der Medien. Wer glaubt, große Medien seien irgendwo auf der Welt wirklich frei und unabhängig von der Regierung, der ist naiv.
In Deutschland gibt es immer wieder Meldungen darüber, dass die Chefredakteure der großen deutschen Medien ins Kanzleramt geladen werden. Dabei werden die mit dem Kanzler sicher nicht Fußball schauen, sondern dabei gibt der Kanzler ihnen zu bestimmten Themen die gewollte Richtung der Berichterstattung vor. Und das setzen sie auch um, wie wir täglich in den deutschen Medien sehen, die bei gewissen Themen alle die exakt gleiche Meinung verbreiten.
Aus den USA sind Fälle bekannt, in denen angeblich unabhängige Medien sich ganze Artikel von US-Ministerien haben diktieren lassen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Ein hervorragend belegtes und überprüfbares Beispiel dafür finden Sie hier.
Und natürlich gibt es sicher auch in Russland gewisse Mitteilungen des Kreml an die großen Medien, bei welchen Themen sie beispielsweise bitte „die Füße stillhalten“ sollten. Davon kann man ausgehen, alles andere wäre naiv.
Ob Russland vor einer möglichen Reaktion eine letzte Warnung an den Westen ausspricht, dürfte man daran bemerken, dass die russischen Medien solche kritischen ukrainischen Angriffe plötzlich auf breiter Front thematisieren.
Im Falle der Lieferung der deutschen Taurus-Raketen tun sie das übrigens schon prophylaktisch, was man als deutliche Warnung werten sollte.
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