Es ist inzwischen eine alte Tradition, dass der russische Präsident Putin an der Podiumsdiskussion des Petersburger Wirtschaftsforums teilnimmt. Dabei geht es in erster Linie um wirtschaftliche Themen, aber natürlich stellen die Moderatoren immer auch Fragen zur Geopolitik. So auch dieses Mal.

Der Moderator, ein Journalist von Sky News Arabia, hat Putin nach seiner Position zum israelisch-iranischen Krieg und dabei auch über die Gefahr eines dritten Weltkriegs befragt. Ich habe die Fragen und Putins Antworten dazu übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Kotejsch: Die westlichen Medien schreiben oft Folgendes, und ich möchte Ihnen die Gelegenheit geben, dazu Stellung zu nehmen: Sie schreiben, der gegen den Iran entfesselte Krieg sei gut für Russland. Das sei gut, weil das die Aufmerksamkeit auf einen anderen Konflikt lenkt und die westlichen Länder haben ein weiteres Problem, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Und drittens gerät die Ukraine an den Rand des Geschehens: Jetzt richtet sich die ganze Aufmerksamkeit auf den Iran und Israel, nicht auf die Ukraine.

Was sagen Sie dazu? Und was sagen Sie denen, die sagen oder schreiben, Russland sei ein unzuverlässiger Verbündeter, weil es sich nicht für den Iran eingesetzt hat?

Putin: Wer solche Narrative über Russlands Unzuverlässigkeit als Verbündeter verbreitet, ist ein Provokateur. Aber das wird ihnen nicht helfen, sie werden ihre Ziele nicht erreichen.

Denn erstens ähnelt jeder Konflikt nur oberflächlich anderen Konflikten. Aber wie der geschätzte Verteidigungsminister und Theoretiker bewaffneter Konflikte und bewaffneter Konfrontationen, mein geschätzter Kollege aus Indonesien, heute Präsident des Landes, in jüngster Vergangenheit – übrigens haben wir sein Buch über die Kunst des Krieges auf Russisch veröffentlicht – treffend sagte: „Jedes Land trägt seine eigene Verantwortung für das, was in seinem Land geschieht.“

Nun zur Verlässlichkeit und Unzuverlässigkeit Russlands als Verbündeter. Es wurde hier bereits gesagt, dass wir eine gewisse Solidarität zeigen müssen, und das stimmt. Aber jeder Konflikt ist einzigartig.

Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass in Israel fast zwei Millionen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion und der Russischen Föderation leben. Das ist heute fast ein russischsprachiges Land. Wir berücksichtigen diesen Faktor natürlich stets in der jüngeren russischen Geschichte. Das ist das Erste.

Zweitens: Wir pflegen traditionell sehr gute, vertrauensvolle, freundschaftliche und verbündete Beziehungen zur arabischen und islamischen Welt. Da bei uns etwa 15 Prozent der Bevölkerung islamisch ist, sind wir Beobachter in der Organisation für Islamische Zusammenarbeit. Das ist ein weiterer Faktor. Wir müssen diesen und einen weiteren Umstand im Auge behalten.

Wir haben gewisse freundschaftliche Beziehungen zum Iran aufgebaut. Erstens erfüllen wir stets alle unsere Verpflichtungen, dasselbe gilt auch für die russisch-iranischen Beziehungen. Wir unterstützen den Iran im Kampf für seine legitimen Interessen, einschließlich seiner Interessen an friedlicher Kernenergie. Und wir haben diese Position stets vertreten; unsere grundsätzliche Haltung in diesem Fall und in diesem Konflikt hat sich nicht geändert.

Wer sagt, wir hätten mehr tun sollen? Was mehr? Irgendwelche Kampfhandlungen beginnen, das etwa? Wir führen bereits Kampfhandlungen mit jenen, die wir als Gegner unserer Ideen betrachten und die eine Bedrohung für die Russische Föderation darstellen. Und das sind im Grunde dieselben Kräfte – sowohl im Iran als auch im russischen Fall – irgendwo dort, weiter weg, im Hinterland. Aber die sind nicht einmal an der Frontlinie.

Aber wir haben gewisse Verpflichtungen und schützen Irans Recht auf friedliche Kernenergie – nicht in Worten, sondern in Taten. Was bedeutet das? Trotz der Komplexität der Lage um den Iran haben wir im iranischen Buschehr einen Atomreaktor gebaut. Wir haben einen Vertrag zum Bau zweier weiterer Atomreaktoren unterzeichnet. Und trotz der Komplexität der Lage, trotz der bestehenden Gefahr, setzen wir diese Arbeit fort. Wir ziehen unser Personal nicht von dort ab.

Mehr noch, dank unserer bekannten Beziehungen zu Israel und der Wiederherstellung der Beziehungen zu den USA haben wir in diesem Fall Folgendes gegenüber Israel und Präsident Trump angesprochen: Wir erfüllen unsere Aufgaben im Iran auf der Grundlage unseres Verständnisses des iranischen Rechts auf friedliche Kernenergie und der Tatsache, dass wir absolut im Rahmen internationaler Normen handeln, und wir fordern die Sicherheit unseres Personals.

Ich möchte betonen, dass Premierminister Netanjahu dem zugestimmt hat und Präsident Trump versprochen hat, unsere legitime Forderung zu unterstützen. Ist das nicht Unterstützung für den Iran? Meiner Meinung nach direkte Unterstützung. Wir haben in den Vereinten Nationen eine bestimmte Position eingenommen.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass unsere Position, auch innerhalb der UN, sowohl den Interessen des Iran als auch denen des Staates Israel entspricht.

Kotejsch: Wahrscheinlich haben wir genug über Geopolitik gesprochen. Nur noch eine letzte Frage, und wir werden uns der Wirtschaft und anderen Fragen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz zuwenden.

In diesem Jahr fällt das Forum mit den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Großen Sieges im Zweiten Weltkrieg zusammen. Befürchten Sie, dass wir nun auf einen Dritten Weltkrieg zusteuern?

Putin: Ja. Ich sage das ohne Ironie, ohne Witz.

Natürlich gibt es ein großes Konfliktpotenzial, es wächst. Und direkt vor unserer Nase, es betrifft uns direkt: der Konflikt, den wir in der Ukraine erleben, was im Nahen Osten geschieht. Und natürlich sind wir sehr besorgt über die Entwicklungen rund um die iranischen Atomanlagen, wir sind besorgt darüber, wohin das führen könnte.

Das erfordert natürlich nicht nur unsere aufmerksame Haltung gegenüber den Ereignissen, sondern auch die Suche nach Lösungen, vorzugsweise mit friedlichen Mitteln in alle Richtungen.

Ich sage das in aller Aufrichtigkeit. Das ist einer der Gründe, warum wir hier zusammengekommen sind.

Ende der Übersetzung